Rassismus: Das neue Deutschland

Die Nazi-Keule scheint etwas verbraucht. Ein neuer Begriff macht bei der Gegner-Bekämpfung Karriere: Rassismus. Angeblich eine bei Deutschen besonders verbreitete Eigenart. Hier einmal über den R. der Gutmenschen, den R. der Muslime und die Sicht der wahren Opfer.

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Fällt Ihnen etwas auf? Dass etwas anders ist? Nicht nur scheint die Stimmung gegen den Islam sich gedreht zu haben, nein, auch gegen Sie. Wenn Sie Kritik an der Art und Weise der Einwanderung haben, wenn Sie Kritik am politisch motivierten Islam haben – gehören auch Sie nun zum weniger erlauchten Kreis der Rassisten in diesem Land.

Vorbei 2015, vorbei, vorbei, wo Deutschland sich als das mit weitem Abstand willkommensfreudigste, hilfsbereiteste, freundliche Gesichtland der Welt präsentieren durfte. Vorbei die überwältigende, an den Kräften zehrende, oftmals bis zur Selbstaufgabe geführte Hilfsbereitschaft vieler Deutscher, die sich dort hinstellten, wo Politik und Medien nur auszugsweise Stipvisiten zur medialen Inszenierung absolvierten. Nicht wenige von diesen freiwilligen Helfern, ohne die all die überwältigende Unterstützung niemals möglich gewesen wäre, die jeden Tag mit den neuen Mitbürgern zu tun haben, stellen nach einiger Zeit ernüchternd fest: Das ist nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Mancherorts einige, andernorts viele neue Mitmenschen sind gar nicht so dankbar, nicht so freundlich, nicht so bescheiden, kurzum: entsprechen in ihrem Sozialverhalten nicht dem, was und wie man sich das ausgemalt hat. Nach wochen-, mitunter monatelanger Unterstützung finden sich diese ehemaligen Helfer nun auf der Seite Rassismus wieder.

Was wurde aus „Fremdenfeindlichkeit“?

Ist Ihnen weiter etwas aufgefallen? Das Wort „Fremdenfeindlichkeit“ wurde still mit „Rassismus“ gleichgesetzt und ersetzt.

Definition Fremdenfeindlichkeit„Fremdenfeindlichkeit (ursprünglich Xenophobie (griechisch ξενοφοβία „Fremdenangst“, von ξένος xénos „Fremder“ und φοβία phobía „Angst“, „Furcht“)), bezeichnet eine ablehnende, ausgrenzende oder feindliche Haltung gegenüber Personen oder Gruppen (siehe auch Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit), die als andersartig gesehen werden. Dabei kann die Ablehnung mit echten, vermeintlichen oder angeblichen sozialen, religiösen, ökonomischen, kulturellen oder ethnischen Unterschieden begründet werden. Weil Fremdenfeindlichkeit damit auch auf Gruppen abzielt, die nicht klassisch mit dem Begriff „Ausländer“ bezeichnet werden, hat das Wort den Begriff Ausländerfeindlichkeit zunehmend abgelöst.“ (Quelle: hier)

Definition Rassismus„Rassismus ist eine Ideologie, die „Rasse“ in der biologistischen Bedeutung als grundsätzlichen bestimmenden Faktor menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften deutet und Rassen nach Wertigkeit einteilt. Der Begriff Rassismus entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der kritischen Auseinandersetzung mit auf Rassentheorien basierenden politischen Konzepten. In anthropologischen Theorien über den Zusammenhang von Kultur und rassischer Beschaffenheit wurde der Begriff der Rasse mit dem ethnologisch-soziologischen Begriff „Volk“ vermengt, z. B. von der „völkischen Bewegung“ in Deutschland und Österreich. Eine für das 19. Jahrhundert typische systematische Einteilung der Menschen in Rassen (nach Karl Ernst von Baer, 1862)

Rassismus zielt dabei nicht auf subjektiv wahrgenommene Eigenschaften einer Gruppe, sondern stellt deren Gleichrangigkeit und im Extremfall deren Existenzberechtigung in Frage. Rassische Diskriminierung versucht typischerweise, auf (projizierte) phänotypische und davon abgeleitete persönliche Unterschiede zu verweisen.“ (Quelle: hier)

Cj7caXNWsAAi_Jb.jpg-largeIch weiß nicht, wie es Ihnen da geht. Ich kenne jede Menge fremdenskeptischer Menschen, die – gleich welcher Herkunft – nach der letzten politmedialen Eskalationswelle bereits auf der stetig anwachsenden Insel der begriffsverschobenen Fremden-Feindlichen gestrandet wurden.

Genau genommen könnte man auch zahlreiche Menschen in renovierten Altbauwohnungen an den Kreuzberger Spreeufern und den neuen Edelvierteln wie Prenzlauer Berg so bezeichnen, die es bevorzugen, ihre Kinder lieber in kiezferne homogenere Schulen zu schicken. Oder ist das einfach nur bigott? Wasser  predigen und Wein trinken – wie üblich? Dass etwas in Wahrheit nur für andere gelten soll, als das, was man für sich selbst in Anspruch nehmen möchte.

Anwälte ohne Mandatierung

Nach alledem, fällt Ihnen dann auch das hier auf? Wenn wie jüngst gestern wieder erlebt, Leute am vehementesten über deutschen Rassismus sprechen, es gerade die sind, die in ihrem Leben am wenigsten dem deutschen Rassismus ausgesetzt gewesen sind? Was weiß denn ein Heiko Maas, was weiß eine Angela Merkel, was weiß ein Joachim Gauck, was wissen Sigmar Gabriel oder Ralf Stegner etc. über den deutschen Rassismus? Ebenfalls wissen die allermeisten Journalistinnen und Journalisten in Deutschland nicht, wie es ist, sich von Kindesbeinen an mit einem anderen Namen als dem deutschen, den sie tragen, durchs Leben zu bewegen. Sie alle maßen sich aber an, für Sie, für mich, für uns alle zu sprechen und gerieren sich wie Anwälte, die niemand gerufen hat, außer die Bewohner der Altbauwohnungen am Berliner Spreeufer.

Ihnen zuhilfe springen dann gerne Vertreter von Minderheitenclubs, die zwar wiederum nur eine Minderheit an Menschen ihrer Nationalität oder Glaubensrichtung vertreten, aber mit Minderheit ansonsten nicht so viel zu tun haben. Beschweren tun sich dann im Chor alle gemeinsam.

Nun, wie ist das als Kind von Einwanderern. Mit so einem Namen. Mit auffallend arabischen Nachnamen meiner Geschwister. Mit einem abweichenden Aussehen als dem von Jens Müller. Klar, es war nicht immer leicht als Kind und Jugendlicher. Man wird ausgelacht, ausgegrenzt, verkloppt, falsch beschuldigt, ausgeladen. Aber das ist uns und mir gewiss nicht nur mit Kindern und Jugendlichen biodeutscher Herkunft so ergangen. Verkloppt und ausgrenzt wurden wir vornehmlich von Muslimen anderer Strömungen, Cliquen, muslimischen Jungs und anderen griechischen Mädchen, die Liste lässt sich fortsetzen. Na klar hat sich da auch mal ein übermütiges deutsches Blag darunter verirrt, aber denken Sie, das habe ich mir drei Jahre später nicht gekauft?

Es war nicht immer leicht. Aber war es das im Rückblick betrachtet eben denn für meine Mitschüler? Auch die, mit einem deutschen Namen? Die wurden, wenn in der Minderheit, was bei mir ab etwa der 8. Klasse der Fall war, eher von Kindern muslimischer Einwanderer gehänselt und malträtiert, beschimpft, gedemütigt, verfolgt, verprügelt. Sehen Sie. Wenn man über Fremdenfeindlichkeit und Rassismus hierzulande spricht, dann darf man einfach nicht unterschlagen, dass Fremdenfeindlichkeit und Rassismus kein einseitig auftretendes Phänomen ist (ebenso wenig wie eine zunehmende Frauenfeindlichkeit). Warum nicht? Derjenige, der das behauptet, macht sich im gleichen Moment schneller unglaubwürdig, als er „Hüh Hott“ sagen kann.

Und er potenziert seine mangelnde Seriosität, wenn er Fremdenfeindlichkeit durch Deutsche de facto dann eben niemals erfahren hat, weil nicht möglich, Name, Haar- und Gesichtsfarbe und so. Um ein Vielfaches steigern diese Dämlichkeit dann noch die Nasen, die dem- oder derjenigen für seine „Haltung“ und seinen „Einsatz für die gerechte Sache“ hinterher tanzend zujubeln. Haltung, Sie wissen schon.

Deutschland als Migrant „beanspruchen“

Hasnain Kazim, Korrespondent des Spiegels, twitterte gestern viel besprochene, viel beschwerte Zeilen, darüber, dass wir „Migrantenkinder“ hier sind, mehr werden und nicht mehr weggehen. Und dass wir „Deutschland für uns beanspruchen“.

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Hm. Ich dachte eigentlich, dass wir hier zusammen leben, was nehmen, was zurückgeben und das ganze noch mal von vorn. „Beanspruchen“ kam mir da bisher irgendwie noch nie in den Sinn.

Es ist eine bemerkenswerte Sichtweise: Nichts wird gegeben; Deutschland und die Deutschen werden „beansprucht“. Und wenn es alle ist, dieses Versorger-Deutschland? Weil die nicht mehr wollen oder durch lauter Kazims ersetzt sind, die rausnehmen, aber nichts reinlegen? Oder weil zu viele neue Anspruch-Nehmer erscheinen und sich nehmen, was der bis in die Redaktion des SPIEGELs hinein rassistisch verfolgte Kazim für sich beansprucht hat? Eine infantile Sparschwein-Mentalität – oder ist es schon Rassismus gegen die Deppen, die etwas für den Fortgang dieser Gesellschaft leisten?

Dann wurden Tweets gelöscht, nachgelegt mit „stehe zu jedem Wort“. Was wiederum gelöscht wurde. So ging es dann noch den ganzen Tag. Tweet. Lösch. Tweet. Lösch. Das eine um das andere Mal, kopflos und trotzig, sich zu keinem Moment seiner Verantwortung bewusst, die einem Menschen in seiner Position obliegt. Warum Verantwortung zur Vermittlung immer wieder mit Haltung zur Abgrenzung will sich mir nicht erschließen. Haltung! Ja. Wie ausgehöhlt der Begriff durch seine Inflationierung mittlerweile ist, verstehen die eifrigen Verwender nicht.

In einem hat Kazim recht. Wir sind hier. Wir sind hier geboren. Wir gehen nicht mehr weg. Wir werden mehr. Aber ein nicht unbeträchtlicher Teil war, ist und wird auch nicht so doof (sein), für wen wir gerne gehalten werden. Weder lassen wir uns von der einen Seite für vermeintlich Gutes als Mandanten von Anwälten des „Gutmenschentums“ vereinnahmen, noch von einer anderen Seite stillschweigend für ihre Zwecke instrumentalisieren. Es ist nicht mehr nur eine Sache von „uns“ und „denen“. Wir sind auch noch da. Persönlich möchte ich nicht, dass auch nur einer von diesen „uns“ und „denen“ für mich und meine Belange spricht.

Wir sind uns sehr wohl im Klaren darüber, dass jede Seite ihre eigenen Ziele verfolgt. Sie in moralische Kleider zu wanden, hilft nicht, sie zu überdecken oder zu kaschieren. Unser Wohlergehen liegt keiner dieser Seiten am Herzen, ihnen geht es um die schiere Aufrechterhaltung der Macht, der Deutungshoheit: diesen Status wollen sie so lange wie möglich aufrecht erhalten.

Auch auf dem Gruppenbild fescher Jungs: Mein Neffe. Weder der hellste, noch der dunkelste - Cheers!

Auch auf dem Gruppenbild fescher Jungs: Mein Neffe. Weder der hellste, noch der dunkelste – Cheers!

Wir gehen mit wachen Augen durch das Leben. Wir entdecken die Diskrepanzen zwischen Gesagtem und Getanem schneller, als Politikern und Journalisten lieb ist. Wir sind Teil dieser Gesellschaft geworden. Und uns ist diese Verantwortung sehr wohl bewusst.

Wir haben im Übrigen nichts gegen Afrikaner und Araber, nichts gegen Deutsche, nichts gegen Muslime (der Großteil der Familie der Autorin besteht aus Muslimen), nichts gegen Hellenen, nichts gegen Juden, nichts gegen Italiener, nichts gegen Türken, nichts gegen Kurden oder gegen jedweden Asiaten. Aber wir haben etwas gegen Menschen, die ein friedliches Zusammenleben, ein gutes Miteinander und unsere Meinungsfreiheit beschneiden und uns für ihre Angelegenheiten vereinnahmen möchten. Und gegen die Herausnehmer. So läuft das nämlich nicht.

Wir haben schlicht und ergreifend etwas gegen Arschlöcher – ganz losgelöst von Nationalitäten.

Yiassou, Güle-Güle und Pfüati!

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Kommentare ( 47 )

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