Polizei in der Pandemie: Wenn das Jagdfieber ausbricht

Wenn Polizisten mit Blaulicht hinter einem 17-Jährigen herjagen, der seine Freunde umarmt hat, läuft etwas schief. Womöglich liegt das auch an Führungsproblemen innerhalb der Polizei, wo übereifrig politische Vorgaben umgesetzt werden, um selbst in glanzvollem Licht dazustehen.

imago images / Sven Simon

Bei frühlingshaften Temperaturen treffen sich Jugendliche in einem Park, sie stehen zusammen, trinken Alkohol und hören laute Musik. Ein alterstypisches Verhalten. Als die Polizei eintrifft, zerstreuen sie sich in alle Richtungen, einige werden jedoch gestellt, ihnen droht jetzt ein Bußgeld. Einer der Anwesenden hatte zuvor seine Freunde umarmt und abgeklatscht und soll geflüchtet sein, um sich einer Kontrolle zu entziehen. Die Hamburger Pressestelle teilt später mit, aufgrund der Flucht habe die Polizei angenommen, dass der Jugendliche „etwas zu verbergen hat“. 

Bei dem bekannten Geschehen handelt es sich lediglich um Ordnungswidrigkeiten und keineswegs um Straftaten. Alles andere als ungewöhnlich ist, dass Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen vor der Polizei die Flucht ergreifen. Keineswegs muss sich dahinter ein zu vertuschendes Geheimnis oder eine Straftat verbergen; oftmals spielt dabei eine diffuse Angst oder Panik eine große Rolle, die rationales Handeln beeinträchtigt oder verhindert. 

Einmal flüchtete eine Person, die einer schweren Straftat verdächtigte wurde, durch das Toilettenfenster eines Polizeigebäudes. Diesen Umstand nahm man als „Beweis“, dass der Tatverdächtige das Verbrechen begangen habe. Alle Ermittlungen wurden seitdem einseitig in diese Richtung geführt. Später stellte sich heraus, der Mann war unschuldig.

Ähnliche Phänomene sind zu beobachten, wenn nach langen Polizeivernehmungen Personen Straftaten gestehen, die sie nie begangen haben.

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Sicherlich sind diese Fälle Ausnahmen, bemerkenswert ist jedoch, dass die Pressestelle der Hamburger Polizei berichtet, dass gegen den flüchtenden und gestellten Jugendlichen lediglich ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet wurde. Dadurch kommen einige Fragen auf. Auf einem Video ist zu sehen, wie ein Funkstreifenwagen der Polizei die Verfolgung aufnimmt und dabei zwei der eigenen Kollegen, die den jungen Mann zu Fuß verfolgen, beinahe schleudernd um Haaresbreite erfasst hätten. Schließlich wurde der Peterwagen (Mercedes E-Klasse) am Unterboden beschädigt, nachdem der Fahrer im Verfolgungseifer viel zu schnell durch eine Wiesensenke gefahren war. Glücklicherweise stürzte der Jugendliche nicht, dann das Polizeifahrzeug den Flüchtenden erheblich verletzt können. 

Angemahnt wird, der Jugendliche soll sich vor der Polizei besonders „hervorgetan“ haben. Nun gut, Machogehabe bei 17-jährigen Heranwachsenden kann man nicht als außergewöhnlich bezeichnen. Besonders wenn mehrere Altersgenossen vor Ort sind und die Polizei eingreift. Statt wie viele andere „junge Männer“ die Polizei anzugreifen, hat er sich für die Flucht entschieden. Sein Vergehen waren Umarmungen und Abklatschen im Beisein der Beamten. Hatte er auch keine Maske getragen? 

Tunnelblick und Spareifer ergeben die Mischung

Gruppendynamische Prozesse gibt es auch bei der Polizei. Wenn mehrere Beamte eine Person verfolgen, ist schnell die Jagd eröffnet und es werden schwere Fehler bei der Eigensicherung begangen. Jeder möchte derjenige sein, der die „Beute“ einfängt. Im Stress kann der Tunnelblick, der jegliche Verhältnismäßigkeit und unnötige Risiken ausblendet, die Oberhand gewinnen. Das Jagdfieber beherrscht das Handeln und schränkt die freien Ressourcen im Gehirn, die Merkfähigkeit und andere Wahrnehmungsprozesse stark ein. Bei anderen Einsätzen kam es schon zu schweren Verkehrsunfällen, bis hin zur unberechtigten Schussabgabe, wenn der freie Wille durch eine drastische Ressourcenverknappung im Gehirn abhandenkommt. Andere Beamte trennen sich bei der Verfolgung, dadurch haben besonders gefährliche Täter leichtes Spiel und verletzen oder töten einen Beamten.

Damit dieser dysfunktionale Stress bei den Polizisten im Einsatz vermindert wird, erfolgen Einsatztrainings, die jedoch in den letzten Jahren zeitlich immer mehr beschnitten wurden. Diese müssen aber ständig wiederholt und weiterentwickelt werden. Durch eine Vermehrung der Aufgaben und Probleme und den jahrelangen unverantwortlichen Personalabbau können Polizeibeamte immer weniger solcher Trainings besuchen. Dazu tragen zweifelsohne auch die zahlreichen und radikalen Corona-Kontrollen bei. Manche reiben sich darüber die Augen und fragen sich völlig zu Recht, warum man nicht mit einer ähnlichen Anzahl an Beamten konsequent diverse Kriminalitätsschwerpunkte in den Großstädten bekämpft hat, zum Beispiel im Görlitzer Park von Berlin. Dort hat man stattdessen lieber Fußballturniere mit den Drogendealern veranstaltet. Gleiches gilt auch für die Clankriminalität, die man jahrzehntelang mehr oder minder duldete, der bei den Abschiebungen nicht Asylberechtigter.  

Das Problem liegt tiefer

Musikbox "sichergestellt"
Überzogener Polizeieinsatz in Hamburg: Rechtfertigung statt Entschuldigung
Die oben geschilderte Verfolgung in Hamburg scheint mir ein klassisches Negativbeispiel zu sein, denn der Anlass muss als geringfügig eingeschätzt werden. Wie konnte es dazu kommen? Auf der einen Seite ist das Einschreiten mit den Beamten in einer Einsatznachbereitung zu besprechen. Die darf aber nicht bei einseitiger Kritik an der Besatzung des Peterwagens stehen bleiben. Interessanter wäre es zu klären, mit welcher nachdrücklichen Motivation die Polizisten durch ihre Vorgesetzten ins „Gefecht“ geschickt werden. Gab es Anweisungen, besonders hart und unerbittlich bei den Corona-Verstößen einzuschreiten? Gibt es eine Nulltoleranzstrategie, die Beamte verleitet und veranlasst, besonders hart durchzugreifen? Mich würde das nicht wundern, ich nehme bereits seit längerer Zeit zur Kenntnis, wie die Polizei unter die Räder von Politik und Medien geraten ist. Einst hieß es auf Anweisung der Polizei „Bleiben Sie stehen!“ jetzt heißt es „Stehen bleiben verboten“, will man nicht zur Kasse gebeten werden. Da gehen doch bei einigen die Gäule durch. Nach meiner Erfahrung sind die zu beobachtenden Vorfälle auf der Straße vor allem eins: Führungsprobleme innerhalb der Polizei durch Behördenleiter, die im vorauseilenden Gehorsam die politischen Vorgaben umsetzen, um selbst in einem glanzvollen Licht dazustehen. 

Das Ergebnis dieses Videos kann sein, dass empathielose Eltern zu ihren Kindern sagen: „Wenn du nicht folgst, rufe ich die Polizei, die sperrt dich ein“. Die Auswirkungen sind fatal und irreparabel. Ein Bärendienst für die ohnehin angeschlagene Psyche der Kinder und für die Nachwuchsgewinnung für die Polizei. 

Die Hamburger Polizei hat in ihrer Stadt einen guten Ruf, nicht nur auf der Davidwache wird eine hochprofessionelle Arbeit tagtäglich abgeliefert. Jedoch ist nichts für die Ewigkeit in Stein gemeißelt.

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Kommentare ( 34 )

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K.Behrens
5 Monate her

Stopp! Lediglich Dr.Tschentscher befiehlt Restriktionen, die zu befolgen sind. Die kleinen Ordnungshüter folgen nur seinem Befehl! Was sollen sie auch sonst tun?????? In privat geführten Unternehmen gibt es keinen Platz für Beamte und kein Hamburger interessiert sich für Dr.Tschentscher als Person oder Bürgermeister. Fehlt nur noch, der Junge bittet zum Empfang zu „Beethoven“ mit Hausfrau Merkel wie sein Vorgänger Scholz in die „Elphi“. Wo bliebt eigentlich Ronald Schill, der Mann ist noch nicht zu alt? Come back Barnabas, wir brauchen dich in Hamburg!!!

Wolfgang Richter
5 Monate her

Noch letztes Jahr, als trotz „Corona“ vor allem von den Politdarstellern noch munter Karneval gesoffen wurde, wäre der 17jährige Jugendliche wegen seiner besonderen sozialen Kompetenz hoch gelobt worden. Heute wird er fast von der Staatsmacht platt gefahren. Na gut, HH ist nicht gerade eine Hochburg des verordneten Frohsinns, aber der Grundsatz mit der „Kirche im Dorf“ sollte auch den Hanseaten bekannt sein. Das Land hat so was von fährtich. Dem ist nicht mehr zu helfen.

Wolfgang Richter
5 Monate her

Seit der Räumung von Rodelpisten und der Stürmung von Kindergeburtstagen, wie auch der diversen Übergriffe bei den verschiedenen Demonstrationen eines Querschnitts der Bevölkerung gegen die Corona-Zwangsmaßnahmen, verspielt „Die Polizei“ gerade ihren Ruf. Und wenn der erstmal vergeigt ist, wird das nur schwer, wenn überhaupt zu reparieren sein. Game over.

Ralf Poehling
5 Monate her

Es ist eigentlich ganz einfach:
Wenn man die Polizei von den eigentlichen Problemen dieses Landes abzieht und auf Probleme ansetzt, die eigentlich gar keine sind, wird die Polizei eben nach üblichem Muster dort tätig, wo eben keine Probleme sind und es entstehen solche Bilder, wie im obigen Artikel beschrieben.
Muss alles nicht sein. Wenn man die Polizei wieder auf Kriminelle ansetzt und nicht auf harmlose Bürger. Also so, wie es eigentlich auch sein sollte.

Olaf W1
5 Monate her

Dieses Verhalten zeigt mir ganz deutlich, dass wir in keinem Rechtsstaat mehr leben. Hier regiert politischer Schwach- & Irrsinn, abgesichert von den selbstgemachten Gesetzen und schließlich etabliert und ausgelebt von deren Schergen in grün. Und während drakonisch gegen Ordnungswidrigkeiten vorgegangen wird, toben sich die Clans und „Facharbeiter“ sowie die linken Terroristen von der Antifa unbehelligt aus. Würde die Polizei mal so gegen die richtigen, echten Verbrecher agieren, wie gegen jugendliche Umarm-Abklatscher ohne Maske, dann wäre auch Duisburg Marxloh oder Berlin sicher. Aber die ganze Härte des Gesetzes trifft nur Schwache – die harten Nüsse läßt man in Ruhe, denn die… Mehr

Endstadium0815
5 Monate her

Früher in den 80zigern haben wir in Düsseldorf auf der Ratinger Strasse gesungen:“Ich bin nichts, ich kann nichts, gebt mir eine Uniform“ Heute ist es mehr wahr als damals.

humerd
5 Monate her

Während Polizisten mit Blaulicht hinter einem 17-Jährigen herjagen, der seine Freunde umarmt hat,…brauchen sie sich schon mal nicht

  • sich in Leipzig von linken Gewalttätern angreifen, bespucken lassen
  • ihr Leben bei einer Razzia gegen Clans riksikieren
  • sich von Waldrettern, Klimaschützern, Umweltrettern mit Kotbeuteln bewerfen lassen
  • sich sicher nicht dafür rechtfertigen müssen, dass sie ihr eigenes Leben verteidigten

Wäre ich heute Polizist …

Silverager
5 Monate her

In meiner Kindheit waren Polizisten Freunde und Helfer, die in adretten grünen Uniformen zu zweit Streife durch unser Viertel gingen. Und als sie mich mal beim Apfelklauen in einem fremden Garten erwischt hatten, wurde ich streng ermahnt, wobei beide ein leichtes Schmunzeln nur sehr schwer unterdrücken konnten. Heute laufen junge Kerle in Pulks mit schwarzen Kampfmonturen herum, als ginge es in den Krieg. Sie verbreiten -besonders bei Kindern- Angst und Schrecken. Und wenn ich sehe, wie sie sich zu siebt sich eine alte Frau ohne Maske greifen und brutal abschleppen, dann sehe ich keine „Freunde und Helfer“ mehr, sondern Gegner… Mehr

Sachse fern der Heimat
5 Monate her

Auch wenn diese irre Verfolgungsjagd an Hirnlosigkeit kaum noch zu toppen ist, hat sie mich nicht eine Sekunde in Verwunderung versetzt, ist sie doch nur ein weiteres Mosaiksteinchen, der absurden, um nicht zu sagen, vorsätzlich zerstörerischen, Entwicklungen in diesem Land. Wollte man, auch nur annähernd, all die Widersinnigkeiten, Desinformationen, Framingkampagnen, politische Ränkespielchen und Fehlentscheidungen aufzählen, müßte wohl ein ganzes Heer von Statistikern, Rechtswissenschaftlern, Politologen, freien Journalisten etc.pp. aufgeboten werden, um all die großen und kleinen Mosaiksteinchen politischer Fehlentwicklungen zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Man mag von Ralf Moeller, seines Zeichens „Actiondarsteller“ halten was man will, aber er traf heute im ZDF… Mehr

Manfred_Hbg
5 Monate her

Aber, aber, auch für solch Polizeiverhalten muß man doch Verständnis haben. Denn die Polizisten gerade in Hamburg-St. Georg gehören zu jener Wache die ihrer speziellen Lage wegen(Drogenhandel, extrem viele bunte „Fachkräfte“, direkt am Hbf liegend uäm) auch alle paar Monate für Trainungszwecke neue Beamte und unerfahrene Auszubildende bekommt und diese sich dann natürlich auch besonders „einsatzfreudig“ hervortun wollen.(Zynismus/Iro off) Anstatt diese sich umarmenden Jugendlichen zu verfolgen und kriminalisieren, sollten sich die dortigen Polizisten vielleicht weiterhin mit ihren Ferngläsern in die warmen Autos oder Bürogebäude gegenüber des Drogentreffs setzen um die dortige Szene zu beobachten oder aber einfach nur den verdächtig… Mehr