Mathias Döpfner: „George Orwell war harmlos dagegen“

Ein internationaler Verleger sei ebenfalls von Facebook nach „Fakten-Checkern“ befragt wurde, weiß Mathias Döpfner. Der Verleger habe geantwortet: "Ja, wir haben Fact-Checker – wir nennen sie Journalisten."

Sean Gallup/Getty Images

Kennen Sie noch Hansjörg Felmy, den Heinz Haferkamp aus den ganz frühen Tatort-Sendungen? An diesen in Braunschweig aufgewachsen Schauspieler war spontan zu denken, wer dieses jetzt schon zum Bestseller gewordene dpa-Interview mit Mathias Döpfner durchlas und dazu vielleicht eines seiner Portraits anschaute. Beide wohlbehütet aufgewachsen, beide vom Typus Hanseat.

Dr. Mathias Döpfner ist vor wenigen Tagen 54 Jahre alt geworden. Er ist also ein Kind der geburtenstarken Jahrgänge der Bundesrepublik. Döpfner ist heute Vorstandsvorsitzender von Axel Springer und Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger. Seine Stationen bis dahin waren FAZ, Wochenpost, Morgenpost, WELT. Friede Springer ist Patin seines zweiten Sohnes. Es heißt sogar, zu ihrem 70.Geburtstag hätte sie ihm ein opulentes Aktienpaket im zweistelligen Millionenwert geschenkt, um seine Kompetenz und seinen von ihr hochgeschätzten Kurs ganz enger mit dem Unternehmen zu verknüpfen. Wenn man so will, eine Art unternehmerischer Adoption.

Diese kurze Einführung in die Person Döpfners möchte sichtbar machen, was es bedeuten kann, wenn einer wie er sich zu bestimmten Themen richtungweisend äußert, wie gerade geschehen.

Antje Homburger (Stellvertretende Chefredakteurin dpa) und Esteban Engel interviewten Mathias Döpfner für dpa. Der nutzte das Zusammentreffen für eine erstaunliche Generalabrechnung mit dem Medienbetrieb und einem Aufruf zur Umkehr, hin zu mehr Glaubwürdigkeit. Hauptziel seines Angriffs wurde der Kampf gegen „Fake News“. Lagerübergreifend gab es dafür Beifall. Auf die Frage für wie groß er das Problem „Fake News“ halte, das beispielsweise einer wie der Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz, auf seiner Agenda ganz nach oben gestellt hatte, antwortete Döpfner:

„Das hat es schon immer gegeben. Es wurden seit Hunderten von Jahren auf dem Gemüsemarkt oder nach drei Bieren in der Kneipe Unwahrheiten gesagt und Gerüchte verbreitet. (…) Ich (…) finde es falsch, dass professionelle Medien jetzt sozialen Medien helfen sollen, „Fake News“ zu identifizieren und Fakten zu checken. Wenn Soziale Medien nicht mehr Technologieplattformen, sondern Medienunternehmen betreiben wollen, dann müssen sie Redakteure einstellen, die Kosten einrechnen und sich mit einer anderen Regulierung auseinandersetzen. Denn wenn ein Technologie-Monopol fast zwei Milliarden Leser erreicht und die Inhalte-Auswahl kontrolliert, ist das das genaue Gegenteil von Vielfalt.“

So ist Döpfner darüber „sprachlos“, dass ARD und ZDF von Facebook als Fakten-Checker angefragt wurden: „Ich verstehe nicht, wie man Gebührengelder missbrauchen könnte, um das Glaubwürdigkeitsproblem eines Weltmonopols zu lösen, das Milliardengewinne erwirtschaftet.“ Er hoffe, dass es sich dabei um ein Missverständnis handele. Ein internationaler Verleger sei ebenfalls von Facebook nach „Fakten-Checkern“ befragt wurde, weiß Döpfner. Der Verleger antwortete damals: „Ja, wir haben Fact-Checker – wir nennen sie Journalisten.“

Wenn, was er umschreibt also wieder Aufgabe von Zeitungen sein soll, Zeitungen auch seines Hauses, dann muss man das auch als Versprechen nehmen, als Ergebnis einer Analyse, die beispielsweise im Nachhall der so genannten „Flüchtlingskrise“ aus dem Munde von Giovanni di Lorenzo schon viel früher so klang: Die Medien hätten dazu tendiert, Mitgestalter und nicht Beobachter sein zu wollen. „Das haben uns die Leute übel genommen. (…) Da fand das Vorurteil Bestätigung, dass wir mit der Macht, mit den Eliten unter einer Decke stecken und das, was uns verordnet wird, mit unterstützen.“ Letzteres sei zwar nicht der Fall gewesen, „aber den Eindruck konnte man durch die Berichterstattung durchaus gewinnen.“ Gegenüber kritischen Vorfällen wie in der Kölner Silvesternacht hätten, so di Lorenzo, die Medien die Haltung eingenommen: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“. Di Lorenzo wies damals im Interview zu recht darauf hin, dass es ausgerechnet die Wahrheits-BILD war, die in der „Flüchtlingskrise“ sogar eine „Refugees Welcome“-Kampagne gestartet hatte: „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass eine ganze große Zeitung in Deutschland die Refugees Welcome-Parole übernimmt.“ Wir haben in DIE ZEIT seither kaum gesehen, dass di Lorenzos Erkenntnisse Folgen gezeitigt hätten.

„Ja, wir haben Fact-Checker – wir nennen sie Journalisten.“

Nun also Mathias Döpfner. Er sattelt jetzt gegenüber dem Chefredakteur der ZEIT damals noch einen drauf, wenn er bei dpa feststellt: „George Orwell war harmlos dagegen. Ich habe den Eindruck, dass gerade ein paar Grundprinzipien freiheitlicher Gesellschaftsordnung mit Füßen getreten werden. Viele böse Dinge dieser Welt begannen im Namen der guten Absichten.“

Mehr Selbstkritik geht eigentlich kaum. Und hoffentlich bleibt es nicht dabei: Denn wer beispielsweise mitverfolgt hat, was für einen dünnflüssigen wie anhaltenden Shitstorm sich Journalistinnen wie Birgit Kelle monatelang gefallen lassen mussten, der darf nun befriedigt feststellen, das Kelle jetzt regelmäßig die Seite 2 der WELT mit ihren exzellenten und viel gelesenen Artikeln zu einem der Topseller des Blattes gemacht hat. Wo di Lorenzo als Erstbesteiger noch eiert, wird Döpfner offensiv: „Was Wahrheit ist, definiert keine Regierung, auch nicht Facebook.“

Eines dürfen wir nun also gemeinsam mit einem der aktuell prominentesten Medienvertretern feststellen: Die Luft wird dünner für Politiker und Pressevertreter neuer und zukünftiger „Zensurbehörden“, die immer noch glauben, sie waren dafür prädestiniert zu bestimmen, welche Wahrheit den Menschen zuzumuten ist. „Der beste Garant für den mündigen Bürger ist die Vielfalt der Information, der Meinungen und Wahrheiten unterschiedlicher Verleger, TV- und Radiosender oder Online-Anbieter.“

Diese und weitere Döpfner-Spitzen sind anwendbar auch gegen diese selbsternannten Fake-News-Investigativen von Correctiv – wenn er sagt: „Ein Zeitungsjournalismus, der nur von Stiftungen getragen wird und ein reiner Subventionsempfänger ist, kann seine Aufgabe nicht mehr erfüllen.“

Wir wollen Mathias Döpfner abnehmen, er weiß nicht nur ein stückweit in die Tat umzusetzen, was er eindrücklich formuliert hat. Sicher ist: Viele Leser werden sich dieses Interview an ihre geistige Pinnwand hängen, daran werden sich Mathias Döpfner und die deutschen Zeitungsverleger zukünftig messen lassen müssen. Und wir berichten weiter, was daraus wurde. Versprochen.

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