„Kalter Krieg“ – vom historischen Terminus zum Kampfbegriff der Linken

Wer will warum an die gewaltsame Niederschlagung der Demokratieaufstände am 17. Juni 1953 in der DDR, in Ungarn 1956, später auch in Polen und 1968 in der Tschechoslowakei nicht erinnern?

Im dreißigsten Jahr der Wiedervereinigung Deutschlands wird in den nächsten Wochen bis zum 3. Oktober noch öfter als sonst vom „Ende des Kalten Krieges“ oder auch der „Blockkonfrontation“ zwischen Ost und West die Rede sein. In einem Beitrag zur Schließung des legendären alliierten Sektorenübergangs „Checkpoint Charlie“ in der Friedrichstraße, wo sich im Oktober 1961 amerikanische und russische Panzer mit scharfer Munition gegenüberstanden, hieß es in einem Bericht im Morgenmagazin des Deutschlandfunk, dass mit dem Schlusszeremoniell im Juni 1990 „ein Symbol des Gegensatzes der Systeme“ für immer Vergangenheit sei. Wie seltsam technisch und inhaltsleer diese Bezeichnung doch klingt – ohne jeden Bezug zur damaligen Realität, die die Menschen durch das Grenzregime der DDR erleiden mussten. Warum wählt man Begriffe, die jederzeit völlig neutral auf andere Situationen in der Welt übertragbar sind? Stecken schlichtes Unwissen oder bloß Bequemlichkeit dahinter?

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Es könnte aber auch sein, dass man sich gar nicht konkret mit den Schrecken der Grenze durch Berlin und Deutschland beschäftigen will. Dann müsste man nämlich den „Systemgegensatz“ als das beschreiben, was er war und sich damit auseinandersetzen, nämlich den Gegensatz zwischen einer totalitären Diktatur kommunistischer Prägung und freien Demokratien. Die, wie man schätzt, über 1.000 Toten am Todesstreifen durch Deutschland sprechen eine deutliche und so gar nicht technisch-blutleere Sprache. Zwangsläufig muss man dann auch an die gewaltsame Niederschlagung der Demokratieaufstände am 17. Juni 1953 in der DDR, in Ungarn 1956, später auch in Polen und 1968 in der Tschechoslowakei erinnern. Ebenso an die hunderttausende Männer und Frauen, die viele Jahre in den Zuchthäusern der SED-Diktatur verbringen mussten. Ihr „Verbrechen“ bestand mehrheitlich lediglich darin, dass sie ihr Leben selbst bestimmen wollten und die Flucht wagten. Dass am Ende die Freiheit obsiegte, war vor allem dem Zusammenbruch der Sowjetunion, der Standhaftigkeit der USA, dem Festhalten der regierenden Kohl-CDU am Recht auf Freiheit für alle Deutschen und nicht zuletzt mutigen Menschen der DDR zu danken.

Der Gegensatz zwischen den Ideen der Freiheit und ihren Gegnern ist damit aber nicht überwunden. Immer wieder aufs Neue wird der Traum vom „Paradies aller Werktätigen“ geträumt. Angetrieben von einer ideologisierten Elite und ihren Jüngern wird die Selbstverwirklichung des Menschen in Gleichheit propagiert, der freilich noch durch die selbsternannte Elite erzogen werden muss. Da macht es sich nicht gut, an die bereits in der Geschichte grausam gescheiterten Experimente dieser Art zu erinnern. Da darf die DDR eben nicht mehr Unrechtsstaat genannt werden, wird mit den Stimmen der CDU ein bis heute die Mauer bejahendes SED-Kader in Mecklenburg-Vorpommern zur Verfassungsrichterin gewählt. Andererseits wird der Leiter der Stasi-Gedenkstätte in Hohenschönhausen – einem besonders widerwärtigen Ort der Stasi-Herrschaft – Hubertus Knabe durch eine schamlose Intrige in Stasi-Tradition aus dem Amt gesäubert – abgenickt von ganz oben. Ein leidenschaftlicher Demokrat, der vor unzähligen Schulklassen gegen das Vergessen des DDR-Unrechts kämpfte – geholfen hat ihm niemand.

Es macht Sinn, immer wieder an die Mahnung des Alt-Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zu erinnern: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht begreifen und die Zukunft nicht gestalten“. Gemessen daran ist es ernüchternd, wie wenig die heranwachsende Generation über den Charakter beider deutscher Diktaturen des 20. Jahrhunderts weiß. Doch solange selbst der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, wie in seiner Erklärung zum 30. Jahrestag des Mauerfalls geschehen, den Einheitsprozess als die Vereinigung zweier Systeme beschreibt, dürfte sich daran wenig ändern. Es bleibt zu hoffen, dass die weitere Geschichte für die Verirrungen unserer Zeit nicht eines Tages die Quittung präsentiert.

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Kommentare ( 20 )

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20 Kommentare auf "„Kalter Krieg“ – vom historischen Terminus zum Kampfbegriff der Linken"

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Weitere Vorschläge zur Verharmlosung:
Stasi = „ Alltagsbegleiter“
Blockwarte = „Nachbarschaftsbetreuer“
Usw.

Welcher Jahrgang sind Sie denn, dass Sie noch Blockwarte kennen.

Eine, die immer auf der „richtigen“ Seite steht ist die Lebensabschnitts-Marxistin Angela Merkel:

1. Vor 1989 war sie FDJ-Sekrätärin für Propaganda und Agitation

2. An der Uni Harvard verbreitete sie folgende dreiste Lüge:
„Auf dem Heimweg von meinem Institut ging ich täglich auf sie (die Mauer) zu. Dahinter lag West-Berlin, die Freiheit. Und jeden Tag, wenn ich der Mauer schon sehr nahegekommen war, musste ich im letzten Moment abbiegen – zu meiner Wohnung. Jeden Tag musste ich kurz vor der Freiheit abbiegen. Wie oft habe ich gedacht, das halte ich nicht aus. Es war wirklich frustrierend.

Ich würde dieser Frau nicht die Hand geben….

Deutschland wurde und wird in den letzten Jahren ganz maßgeblich von weiblichen links-marxistischen Politikerinnen wie Merkel, Göring-Eckardt, Wagenknecht, Roth, Kipping verändert. Die Talkshows wurden von ihnen dominiert. Immerhin habe ich Respekt vor PolitikerInnen wie Wagenknecht, die ihr Fähnlein nicht im Wind drehen. Ganz anders die FDJ-Sekretärin für Propaganda und Agitation, Angela Merkel, die an der Uni Harvard folgendes äusserte: „Auf dem Heimweg von meinem Institut ging ich täglich auf sie zu. Dahinter lag West-Berlin, die Freiheit. Und jeden Tag, wenn ich der Mauer schon sehr nahegekommen war, musste ich im letzten Moment abbiegen – zu meiner Wohnung. Jeden Tag musste… Mehr

Sollte der seelige Helmut mit „Seinem Mädchen“ so falsch gelegen haben?

Es ist leider nicht nur die heranwachsende Generation, welche von deutscher Geschichte absolut keine Ahnung hat. Auch gar keine Ahnung haben will. Ich selbst bin 1955 im Osten geboren und 1985 in den Westen ausgereist. Die übliche Prozedur, Ausreisereiseantrag, jahrelange Schikanen und dann endlich der große Tag. Seit 35 Jahren lebe ich NRW. Kürzlich habe ich eine Bekannte, die hier geboren und aufgewachsen ist, mitgenommen in meine Ferienwohnung auf dem Darß. Die Frau ist 62 Jahre alt. Daß sie unpolitisch ist, wußte ich ja vorher. Aber daß ein Mensch dermaßen uninteressiert daran sein kann, was in Deutschland vor sich ging… Mehr

Sie hätten besser mich mitgenommen. 😊

Ich stimme dem Beitrag weitegehend zu. Aber es ist kontraproduktiv, wenn Zahlen, die , hier ist der Begriff durchaus angebracht, im kalten Krieg entstanden sind, weiter benutzt werden, obwohl sie sich als falsch erwiesen haben. Die Zahl der Toten an der innerdeutschen Grenze ist inzwischen (bis auf Ostsee) weitgehend erforscht, eine nenenswerte Dunkelziffer ist nicht mehr anzunehmen. Danach gab es zwischen 1961 und 1989 etwa 140 Todesopfer an der Berliner Mauer und noch einmal soviele an der innerdeutschen Landgrenze. Selbst wenn man jene aus der Zeit vor 1961 hinzuzählt, unter denen aber kaum Flüchtlinge waren, liegt die Gesamtzahl deutlich unter… Mehr
Um so erschreckender – 30% aller thüringer Wählenden bei der einstigen und offensichtlich unbelehrbaren unveränderten SED zu erkennen. Was genau haben die nicht mitbekommen in der DDR? Oder waren es all die, die damals schon mit ihren Pfründen und Brocken, die ihnen die Mächtigen für Gesinnung und Haltung und dafür, wie man diktiert wie eine Gesellschaft auszusehen habe, zuwarfen, „zufrieden“ waren? Waren es die, die auch in den Insassen von Gefängnissen wie Hohenschönhausen nicht freiheitsliebende unschuldige Entrechtete sondern sozialismusfeindliche reaktionäre arbeitsscheue Elemente und Gesindel, das von imperialistischen Kapitalisten aufhetzt wurde, sahen? Waren es die, die problemlos als Nichtrentner in den… Mehr

Dazu muss man deren Lebenslauf (auch nach der Wende) kennen um zu verstehen warum die so ticken. Zu meinen es seien alles alte unbelehrbare Bonzen ist ungefähr so als wäre jeder Kahlkopf ein Nazi.

„Erschreckend, wie wenig die junge Generation weiss“: Ja, das Grundproblem ist die Bildung. Unser Staat müsste aufgrund unserer Geschichte mit zwei Diktaturen ein sehr grosses Interesse daran haben, das Erkennen von Propaganda und Beeinflussung auf den Lehrplan zu nehmen. Unabhängig von rechts oder links. Denn die Mittel sind die gleichen. Die Menschen mit einer Ideologie haben erkannt, dass sie bei den Kindern ansetzen müssen. Unser Staat lässt seit Jahren zu, dass sein Fundament untergraben wird. Die Arbeit an einem Gegenmittel ist nicht in Sicht. Gibt es gegen diese „Modeerscheinungen“, die sich entwickeln wie manche zerstörerischen Wellen im Wasser überhaupt ein… Mehr

Als ich 1992 nach NRW kam, war es erschreckend, dass weder Jugendliche noch Erwachsene wußten, wer der örtliche Bürgermeister war, noch der MP von NRW, geschweige denn, wer Bundeskanzler war. Die kannten ja kaum die Nachbarstädte in ihrer Umgebung.

Ein Bild aus besseren Tagen, zumindest aus westdeutscher Sicht. Schmidt als Kanzler, Weizsäcker als Bundespräsident -krasser kann der Gegensatz zu den aktuellen Amtsinhabern kaum ausfallen. Wer hätte gedacht, daß dank späterer Grenzöffnung nicht nur die westliche Freiheit nach Osten gelangen würde, sondern daß sich später nach und nach das überwunden geglaubte System von kommunistischer Ideologie und Illiberalität erneut einschleichen und festsetzen würde.

@“Dass am Ende die Freiheit obsiegte, war vor allem dem Zusammenbruch der Sowjetunion, der Standhaftigkeit der USA, dem Festhalten der regierenden Kohl-CDU am Recht auf Freiheit für alle Deutschen und nicht zuletzt mutigen Menschen der DDR zu danken“

Die neue Sowjetunion ist jetzt die EU und zum Teil die USA, wo an den linken Unis allerlei Unfug ersonnen wird. Ohne Trump wäre es stärker in die Welt transportiert.

Die regierende Merkel-CDU ist kaum standhaft und linker geworden.

Mut ist in der erweiterten DDR mit neuen Westbezirken seltener geworden – vor bisserl Internet-Gepöble der Linken haben die Leute mehr Angst als einst vor DDR-Knast.

Selbst die dubiose CDU- Monika Grütters ist Hubertus Knabe in den Rücken gefallen.
Das Ganze ist aber nicht so sehr ein personelles Problem, sondern eher ein strukturelles.
Denn an den Schaltstellen der Macht in Politik, Medien, Universitäten etc. sitzen inzwischen mehrheitlich verkappte Kommunisten und links-feministische „Frusthennen“, die unermüdlich Konflikte auf allen Ebenen in ihrem Sinne vorantreiben. Eine Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Kommunisten würde ihre „Agenda“ nur stören.
Und wenn es für sie mal nicht so gut läuft wie in Stuttgart, dann beschwören sie chamäleonartig eine Liberalität, für die sie ansonsten nur Verachtung übrig haben.