Gendern statt Forschen: Jetzt wird auch die Wissenschaft bunt und divers statt klug

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft will die Gleichstellung der Geschlechter und Diversität in der Wissenschaft vorantreiben. Herkömmliche Wissenschaften sollen den Zusatz „Diversity“ und „Intersektionalität“ bekommen. Am Versuch, sich in „leichter Sprache“ zu erklären, scheitert der gute Wille.

IMAGO / Schöning

Es war einmal …! Ja, es gab einmal ein Land großer Dichter, Denker, Nobelpreisträger, Ingenieure, Mediziner, Chemiker, Physiker, Biologen, Pharmazeuten, Rechtswissenschaftler, Ökonomen, Pädagogen, Psychologen, Theologen … Es hieß Deutschland.

Heute gibt es eine Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die sich zuletzt am 5. Juli 2022 mit folgender Presseerklärung auszeichnete: „DFG startet neue Initiative für Gleichstellung und Diversität.“

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Was wurde angekündigt? Die DFG will die Gleichstellung der Geschlechter und die Diversität in der Wissenschaft vorantreiben. Künftig heißen die entsprechenden Standards „Forschungsorientierte Gleichstellungs- und Diversitätsstandards“. Beide Themen seien Voraussetzung für „exzellente Wissenschaft“. Neben Geschlecht und geschlechtlicher Identität umfassen die Standards nun unter anderem ethnische Herkunft, Religion und Weltanschauung, Behinderung oder chronische/langwierige Erkrankung sowie soziale Herkunft und sexuelle Orientierung. Dieses Mosaik firmiert mittlerweile unter dem Namen „Intersektionalität.“

Ein eigenartiger Begriff, der hier die Summe aller Unterdrücker- und Ungleichheitsmechanismen zusammenfassen soll. Also zum Beispiel die multiple, also intersektionelle Diskriminierung einer Person, die zugleich weiblich, schwarz, queer, muslimisch, körperbehindert, nicht-akademisch usw. ist. Weiße alte Männer sind damit nicht gemeint, obwohl es sie zuhauf gibt und sie ja eigentlich auch ein Intersektionalitäts-Cluster darstellen, denn kaum eine andere Spezies erfährt im Westen der Welt so heftige Anfeindungen wie diese Spezies.

Aber Spott beiseite und weiter mit der DFG! Künftig können die Hochschulen ihre Schwerpunkte zur Umsetzung von entsprechenden Maßnahmen unter anderem an der Zusammensetzung ihrer Studierenden und Forschenden orientieren. Zum Ende jedes Berichtszeitraums von nunmehr drei Jahren bietet die DFG den Hochschulen dann eine Plattform, sich in einer kollegialen Beratung auszutauschen. Das Ganze soll ja ein partizipativer Prozess werden. Als ersten konkreten Schritt beschloss der DFG-Hauptausschuss Maßnahmen zur Sensibilisierung gegen expliziten oder impliziten Bias gegenüber Personen mit Diversitätsmerkmalen.

Was heißt das? Das heißt, da kommt auf Deutschlands Hochschulen etwas zu. Wahrscheinlich ein Quantensprung. Wobei wir wissen, dass ein Quant etwa die Größe von einem Tausendstel Millimeter hat.

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Die Zahl von mehr als zweihundert Professuren für Gender-Forschung dürfte längst um ein Vielfaches übertroffen sein und weiter ins Exponentielle wachsen. Denn diese Professuren heißen – von der DFG mitgefördert – jetzt nicht mehr plump „Genderforschung“. Vielmehr bekommen so ziemlich alle herkömmlichen Wissenschaften jetzt eine Professur mit einem Appendix-Zusatz namens „Diversität“ oder „diversity“ oder „Intersektionalität“: Amerikanistik und Intersektionalität, Ingenieurswissenschaften und „diversity“, Sozialökonomie und …, Erziehungswissenschaften und … , Rechtswissenschaft und …, Sportwissenschaften und …, Kriminalistik und … , Migrationswissenschaften und … Da bieten sich unendlich viele Möglichkeiten, einen Master, eine Promotion, eine Habilitation zu bauen. Wie heißt es doch: Deutschland hat einen Fachkräftemangel!

Und damit auch wirklich jeder mitreden kann, gibt es die DFG auch in „leichter Sprache“. Zum Beispiel so: „Die Forscher zeigen auf Ausstellungen die Ergebnisse von ihren Forschungen. Oder die Forscher erzählen bei Treffen von ihrer Arbeit. Wenn ein Forscher sehr gut arbeitet, dann kann er einen Preis gewinnen. Der Gewinner von einem Preis bekommt viel Geld. Ein Preis von der DFG ist der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis …“

Ansonsten geht die DFG schon mal mit weniger leichtgewichtigen „Empfehlungen“ voran – etwa mit folgenden Projekten: Beobachtung und analytische Aufarbeitung des „gendered corona publication gap“, „Gender-Bias-Schulungen“ (in der Post-Doc-Phase), Bereitstellung einer Gendercontrolling-Stelle in der Verwaltung, Empfehlungen zur gendersensiblen Sprache, Gender-Monitorings, Erweiterung des Gender-Consultings, „All Gender“-Toiletten, Zusatzzertifikate „Gender Kompetenz“, Gender in den Ingenieurswissenschaften … Forschungsförderung in Deutschland eben!

Zur DFG konkret: Sie hat derzeit 97 Mitglieder. Diese setzen sich zusammen aus Hochschulen, anderen Forschungseinrichtungen, Akademien der Wissenschaften sowie wissenschaftlichen Verbänden. 2021 verfügte sie über 3,6 Milliarden Euro für 31.600 Projekte – pro Projekt also rund 120.000 Euro (Steuergelder, wer es nicht wissen sollte!). Von den 3,6 Milliarden werden rund zwei Drittel vom Bund und rund ein Drittel von den 16 deutschen Ländern getragen.

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Antragsberechtigt bei der DFG ist jeder Wissenschaftler in Deutschland oder an einer deutschen Forschungseinrichtung im Ausland, dessen wissenschaftliche Ausbildung – in der Regel mit der Promotion – abgeschlossen ist. Den Antrag stellt man wohlweislich in englischer Sprache.

Wörtlich heißt es bei der DFG: „Sie können Ihren Antrag in englischer oder deutscher Sprache stellen. Orientieren Sie sich an der üblichen Wissenschaftssprache Ihrer Fachdisziplin. Englischsprachige Anträge sind willkommen, weil sie den Kreis an gutachtenden Personen erweitern. Dadurch lassen sich mögliche Befangenheiten leichter ausschließen.“ Heißt das im Klartext: Wer seinen Antrag in deutscher Sprache stellt, könnte „Befangenheiten“ auslösen?

Wie „sensibel“/„woke“ die DFG ist, hat sie übrigens im Sommer 2020 bewiesen. Sie löschte einen Unterstützungsbeitrag des Kabarettisten Dieter Nuhr, mit dem er aussagte, dass es absolute Wahrheiten in der Wissenschaft nicht gebe. Aktivisten setzten die DFG daraufhin auf Twitter zunehmend unter Druck, bis die Löschung erfolgte. Die SZ wusste beizutragen, dass mit Dieter Nuhr ausgerechnet jemand, der Klima- und Corona-Verharmlosern Munition liefere, als Botschafter für die DFG den Wert von Spitzenforschung betonen solle. Am 6. August 2020 hat die DFG Nuhrs Statement wieder online gestellt und eine Erklärung dazu veröffentlicht.

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Kommentare ( 51 )

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Wilhelm Roepke
4 Tage her

Deutschland war nie ein Land der Dichter und Denker. Von den Feudalherren aus Adel und Kirche im Mittelalter über die Wirrungen des Konfessionsstreits, von der Unterdrückung 1848 bis zu Kaiser Wilhelms Flottenplänen, von der Geldpolitik 1922/ 1923 über die Nazis bis zur SED: mit Dichten und Denken war da nicht viel. Die Ausnahme waren einige wenige kluge Köpfe wie Goethe oder Mendel, die man aber wenigstens einfach meist in Ruhe gelassen hat, und die für andere gedichtet und gedacht haben. DAS ist der Unterschied zu heute. Egal, ob Kernenergie, CO2-Abscheidung, Gentechnik oder Fracking: überall schnabeln Laien mit und verbieten schon… Mehr

Judith Panther
4 Tage her

“ … ihrer Studierenden und Forschenden …“
Nicht nur „Wer schweigt stimmt zu“ auch, wer so schreibt.
Es heißt „Studenten“ und „Forscher“.

Deutscher
4 Tage her

„Ja, es gab einmal ein Land großer Dichter, Denker, Nobelpreisträger, Ingenieure, Mediziner, Chemiker, Physiker, Biologen, Pharmazeuten, Rechtswissenschaftler, Ökonomen, Pädagogen, Psychologen, Theologen … Es hieß Deutschland.“

Das ist eine Illusion. Es waren immer nur eine Handvoll Genies. Der Rest zum größten Teil Narren.

Autour
4 Tage her

Die gesamteuropäische Forschungslandschaft liegt im allgemeinen schon am Boden! Klasse gibt es nur noch vereinzelt! Was als Forscher zählt ist Haltung und political Korrektheit und dann natürlich das Gender. Was die Person so geleistet hat… Nebensache! Da werden Personen eingestellt die man nicht mal als Schullehrer einsetzen könnte, aber es ist mittlerweile alles egal! Die so genannte Forschung hat zu forschen was Politikclowns in ihren Gehirnwindungen während ihrer einschlafenden Debatten erbrüten und nicht was der Forscher für wichtig halten! Momentan wird jeder der was mit AKKU-Technik vorschlägt mit Geld zugeschüttet egal wie absurd der Vorschlag auch ist. In den 90er… Mehr

Markus Machnet
4 Tage her
Antworten an  Autour

Wie sagte vor kurzem ein Wissenschaftler in einer Talkshow unserer öffentlichen Anstalten: (sinngemäß) Wenn ich sage der Klimawandel ist nicht durch menschliches CO2 verursacht dann sagt man mir gut dann brauchen sie auch nicht mehr zu forschen.
Das und nur das ist der Grund warum man von der Masse der Wissenschaftler die noch auf dem Boden der Naturwissenschaften unterwegs sind nicht viel oder nichts hört. Wer will schon plötzlich ohne die reichlich fliesenden Forschungsgelder dastehen wenn er einen Pulk von teuren Wissenschaftlern zu bezahlen hat.

h.milde
4 Tage her

Die d€utsche universitäre Apoptose, in progession.
P.S. Wer wird diesen vielen, vielen Geistes- ,Genderwissenschaffenden -manch böse Zungen würden vllt. sagen Detritus?- einen wertschaffenden,und sinngebenden Job geben können, und wenn nicht was machen die dann? Die Straßen sind doch schon zugeklebt, auf den Bäumen sitzen mit Fäkalien schmeißende Aktivisten, und im Mare nostrum rammen sich die „Flüchtlingsrettungsshuttleschiffe“ fast schon gegenseitig um ihre Beute, fast so wie in „Ben Hur“?

Jan des Bisschop
4 Tage her

Wieviel nützliche Wissenschaft wird von der DFG noch gefördert. z.B. Wir haben ein Problem mit der Energiewende, die Regierung hält daran fest, obwohl sie nach derzeitigem Stand ein totgeborenes Kind ist. Retten könnte sie eine wirklich tragfähige Energiespeicher Lösung, gefördert wird in Zukunft der Diversity Forscher und nicht derjenige, der vielleicht unsere Energieprobleme löst. Scheiß auf die DfG

flo
4 Tage her

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft sollte sich in Deutsche Ideologiegemeinschaft umbenennen. Allerdings:  „Diversity“ und „Intersektionalität“ sind klar politische Begrifflichkeiten, keine wissenschaftlichen. Sie fördern, verlangen geradezu Voreinstellungen, mit denen dann geforscht wird. Dazu passt, dass ein Team der Uni Jena jetzt „Rassismus, Sexismus und Antisemitismus in Werken der Klassischen Deutschen Philosophie (erforscht)“. Das Forschungsvorhaben von Prof. Dr. Andrea Esser, Leiterin des Arbeitsbereichs für praktische Philosophie der Friedrich-Schiller-Universität Jena, startet in diesem Monat, die Fördersumme beträgt eine Million Euro (!). Zitat: „Die antirassistischen Proteste der Black Lives Matter-Bewegung sowie die Reaktionen auf die rassistischen und antisemitischen Anschläge von Halle und Hanau, haben auch in… Mehr

Manfred_Hbg
4 Tage her

Zitat: “ 2021 verfügte sie(> DFG) über 3,6 Milliarden Euro für 31.600 Projekte“ > Ähm, und da stellt sich unter anderem der grüne R.Habeck hin und erzählt uns Spar-Tips gebend das der Staat doch kein Geld für seine Bürger hätte und das „wir“ doch bitte für den Weltfrieden und der Weltwetterrettung auf einen büttel von unseren erbuckelten Wohlstand verzichten möchten. Wobei ich hier nicht auch noch all die anderen Mrd Steuergelder aufzählen will die zum Beispiel an EU-Brüssel oder wie zuletzt mit 10 Mrd Euro an die Atom-Macht Indien großzügig und mit vollen Händen gebend verpraßt wurden. Nun ja, doch… Mehr

Westried
4 Tage her

Ich vermisse die Einordnung als Glosse. Das kann doch gar nicht wahr sein, oder?
Aber noch zum „Quantensprung“, dessen Einführung in den Sprachgebrauch meiner Erinnerung auch von Ferdinand Piech forciert wurde. Der Quant ist eigentlich das Elektron und der Sprung dazu die Entfernung zwischen 2 Umlaufbahnen im Atom und damit liegt man bei Bruchteilen eines Nanometers. Nebenbei: Herrn Piech konnte unglaublich gut mit der Sprache umgehen: Nur wenige Worte, aber die saßen. Sowas vermisse ich heute.

Proffi
4 Tage her

Die Befangenheiten werden in in Deutscher Spache nicht ausgelöst, sondern residieren bei den deutschsprachigen Kollegen und Konkurrenten. Deswegen hilft es, wenn der Kreis der Gutachter sich nicht auf Deutschland beschränkt.