Der Widerstand gegen die Cancel Culture wächst

Die britische Regierung setzt eine Sonderbeauftragten fürn Meinungsfreiheit ein, deutsche Wissenschaftler gründeten ein „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“. Staatsministerin Monika Grütters – und wann übernehmen Sie?

IMAGO / Political-Moments
Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien

„Alles, was der Durchsetzung sozialistischen Bewusstseins dient, ist moralisch.“ Wer also die höhere Moral bei sich verortet, muss sich bei seinen Handlungen nicht an den Maßstäben von richtig oder falsch orientieren – der Zweck heiligt eben die Mittel. Längst ist an den meisten deutschen Universitäten, aber auch in vielen Kultureinrichtungen und Redaktionsstuben, besonders der öffentlich-rechtlichen Medien, diese Richtschnur des Begründers der kommunistischen Diktatur in Russland, Wladimir Iljitsch Lenin, zur täglichen Anweisung geworden. Von diesem Idol der weltweit vereinigten Linken stammt auch der aufschlußreiche Satz aus seiner Schrift „Was tun?“ über Sinn und Zweck von Propaganda: „Wenn die Tatsachen nicht zur Ideologie passen, so ist das die Schuld der Tatsachen.“

Wer so denkt, kann auch mit der Meinung anderer oder gar mit Kritik an seinen eigenen Überzeugungen nichts anfangen. Am besten ist es, so etwas von vornherein erst gar nicht zu Wort kommen zu lassen. Längst ist unter dem Kampfbegriff „Cancel Culture“ eine besonders makabere Form der „political correctness“ vor allem im Westen Wirklichkeit geworden. Da werden Auftritte von Kritikern, beispielsweise der vielerorts vorherrschenden Klimahysterie, gut organisiert durch massives Stören unmöglich gemacht. Häufiger noch wird bereits im Vorfeld eine derartige Drohkulisse mit gleichzeitigem Shitstorm aufgebaut, dass die Veranstalter von vornherein von ihrem Vorhaben Abstand nehmen. Finden sie dann doch statt, werden Studenten, die auch mal etwas anderes hören wollen als die Worthülsen links-ideologischer Agitation, durch Spaliere aggressiver Jünger der Weltrevolution unter psychischen Druck gesetzt.

Besonderer revolutionärer Elan entwickelt sich aber auch bei Themen wie Gender-Lehre, Identität, toxische Männlichkeit und Sexismus und schließlich der „mangelnden Aufarbeitung des Kolonialismus“. Nicht zu vergessen ist die Problematik des Nahost-Konflikts, wobei Israel stets auf der Anklagebank zu sitzen hat und das Klagelied der Palästinenser angestimmt wird. Wer das nicht so sieht, darf einfach nicht zu Wort kommen. Kein Wunder, dass in einem solchen Klima die Hochschullehrer oder sonst Verantwortlichen mit Rücksicht auf die eigene Karriere erst gar nicht auf die Idee kommen, die zur wissenschaftlichen und kulturellen Freiheit gehörende Meinungsvielfalt durchzusetzen.

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Doch endlich regt sich Widerstand gegen diese spezielle Form von Intoleranz, die eine offene und freie wissenschaftliche Diskussion gar nicht mehr ermöglicht. 70 Wissenschaftler deutscher Universitäten haben jetzt ein „Netzwerk – Wissenschaftsfreiheit“ gegründet. Sie beklagen die „zunehmende Verengung von Fragestellungen, Themen und Argumenten in der akademischen Forschung“. Grund sei das Diktat der „political correctness“. Doch nicht nur in Deutschland geht der Geist der Intoleranz von Links umher. In Großbritannien waren es die Schriftsteller, die zuerst ihren Unmut über diese Tendenzen in die Öffentlichkeit trugen. Angeführt wurden sie von der Harry Potter-Autorin Joanne K. Rowling. Sie war unter Druck geraten, als sie das Verschwinden der einfachen Bezeichnung einer Frau als Frau und den in der Gendersprache dafür gefundenen Ersatz „Leute, die menstruieren“ durch die kritische Nachfrage, wie man denn dann diejenigen bezeichnet, die nicht mehr menstruieren, ad absurdum führte. Es folgte eine Reihe von Absagen bereits vereinbarter Lesungen, begleitet durch Aufrufe, ihre Werke zu boykottieren. Ganz ähnlich erging es Julie Burchill, der Verfasserin vielgelesener Polemiken. Unter dem Titel „Willkommen bei den Woken Prozessen“ („Woke“ sind die besonders Wachsamen) hatte sie die Wucht der persönlichen Anfeindung und Diffamierungen geschildert, nachdem sie sich in einer Zeitungskolumne mit dem Alter einer der Frauen des Propheten Mohameds beschäftigte. Es folgte postwendend der Vorwurf der Islamophobie. Der Verlag kündigte sofort alle Verträge mit ihr.

Die britische Regierung hat jetzt genug von diesen selbsternannten Zensoren. Gavin Williamson, Erziehungsminister im Kabinett von Boris Johnson, legte Ende vergangener Woche einen Gesetzentwurf vor, mit dem die Meinungsfreiheit geschützt und wiederhergestellt werden solle. Dazu soll die Stelle eines Sonderbeauftragten bei der Regierung geschaffen werden, an den sich Betroffene wenden können. Er habe dann die Möglichkeit, von den Universitäten und anderen Trägern zu verlangen, das Grundrecht der freien Rede herzustellen und im Zweifel einzuklagen und bei Nichtbefolgung der gerichtlichen Anordnungen selbst Strafen zu verhängen. Schon melden sich erste Kritiker zu Wort, die die Autonomie der Universitäten beeinträchtigt sehen. Eine Kritik, die ein Regierungssprecher umgehend zurückwies.

Sicher hat eine der glühendsten Verfechterinnen der Meinungsfreiheit, Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) diese britische Initiative längst aufgegriffen. Mal sehen, wann sie sich einen solch mutigen Schritt für die Freiheit der Debatte von ihrer Chefin absegnen lässt und ins Parlament einbringt. Allerdings habe ich die Befürchtung, dass man darauf vergeblich hoffen wird. Denn, so hörte man unlängst aus ihrem Hause, so etwas wie „Cancel Culture“ gäbe es in Deutschland gar nicht. Vielleicht sollte sie mal die Wissenschaftler vom „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ auf einen Kaffee einladen. Aber im Zeitalter der Corona-Katastrophe fehlt ihr dafür sicherlich die Zeit.

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Kommentare ( 31 )

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EinBuerger
1 Monat her

Ich habe es schon geschrieben, schreibe es aber nochmal: Ich finde die Cancel Culture gut. Derzeit trifft es die Linken, den die Rechten sind sowieso schon draußen. Aktuell den Moderator Matthias Matuschik bei Bayern3 Radio und aufrechten Kämpfer gegen Rechts. Dann die Klagen des Wolfgang Thierse, der zum Rechtspopulisten erklärt wurde. Oder Gesine Schwan, der ebenfalls Nähe zur AfD vorgeworfen wird. Di Lorenzo schrieb, dass fast die Hälfte der Journalisten der New York Times sich nicht trauen zu schreiben, was sie wollen, weil sie Angst haben. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Wenn ja, wäre es super. Die Linken beginnen… Mehr

UrsBerger
1 Monat her

Durch die multi-ethnische Reproletarisierung in den Städten (auch Kleinstädten) gibt es und wird es keine Zukunft der Bürgergesellschaft im Sinne der Bürgerlichkeit nach dem Ende des Feudalismus. Im Gegenteil: Der Neo-Feudalismus wird uns ins Vasallentum zurückführen!!!

lube
1 Monat her

Leninismus als Leitkultur im Westen
30Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus
Schafft die Typen zum Psychator

Dirk Bender
1 Monat her

Die Anhänger von Cancel Culture verfolgen einen Kult um Ethnizität, der die Einheit der Gesellschaft gefährdet. Es geht ihnen darum, der Gesellschaft ein identitäres Weltbild aufzuzwingen. Ein Weltbild, in dem es keine Individuen, sondern nur noch Träger von Opfer- und Schuldidentitäten gibt. Einzelpersonen werden gemäß ihrem Opferstatus Gruppen zugeteilt. Unabhängig von individuellem Verhalten und Talent beurteilt man ausschließlich die Gruppenzugehörigkeit des Einzelnen, was zur sogenannten „Identitätspolitik“ führt.  Die Anhänger von Cancel Culture glauben eher an Hierarchien auf Basis kollektiver sozialer und politischer Identitäten als an die inhärente und gleiche Würde jeder Person als Individuum. Diese Ideologie wurzelt in der gefährlichen und falschen Vorstellung,… Mehr

Last edited 1 Monat her by Dirk Bender
Physis
1 Monat her

Mein Vater hat in den 60′-70’ern die Bibliothekaraufsicht im sogennanten Philosophenturm inne gehabt. Heute weiss ich, warum er von langhaarigen Spinnern (Studenten) sprach, die dort regelmässig Kupferstiche aus wertvollen Büchern schnitten, Schillinge vom letzten Auffenthalt in England in den Kopierautomaten schmissen und warum ihm all die Professoren Magengeschwüre verursachten. Nun, er würde heute wohl kaum noch einen Tag dort verbringen können und das nicht nur weil das Gebäude gerade saniert wird 😉 Gott hab ihn daher seelig, diesen braven Arbeiter! Und ja, er war kein ANGESTELLTER, denn dazu hat man ihn niemals „befördert“! Angestellte und Arbeiter hatten damals nämlich noch… Mehr

christin
1 Monat her

„Staatsministerin Monika Grütters – und wann übernehmen Sie?“

Na wann wohl, diese Frage können einige Deutsche beantworten, also nie. Ist halt so in Deutschland.

Hieronymus Bosch
1 Monat her

Besonders die Geisteswissenschaften haben den Geist schon längst aus ihren Hörsälen vertrieben. Was übrig bleibt, ist ängstliches Duckmäusertum und gegängeltes Denken, das den Widerspruch schon längst verbannt hat. Mitmacher und Mitläufer sitzen hier in der ersten Reihe und brüllen: Be conform of be cast out!

Juergen F. Matthes
1 Monat her

Wie bitte, Grütters sollte mal die Wissenschaftler vom „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ auf einen Kaffee einladen? Was außer kalten Kaffee könnte die ungebildete Grütters dazu beibringen?

Peter Pascht
1 Monat her

Wir haben jetzt Ende Februar, Anfang März, die Bunstagswahlen finden Ende September statt, also in 7 Monaten. Aber schon jetzt hat Bundeswahlleiter Georg Thiel nach eigenem Bekunden Kopfschmerzen wegen der Corona Pandemie. (VTX 3SAT) Deswegen fordert er zur Bundestagswahl in 7 !!! Monaten eine einheitliche Regelung dass man das Wahllpkal nur mit Maske betreten darf. So meint er: „Ich bin der Ansicht, dass die Maskenpflicht im Wahllokal strikt befolgt werden muss, denn die Bundestagswahl darf nicht zu einem Superspread-Event (wie spricht man das auf englisch?) werden.“ Offenbar darf jeder Hypohonder in diesem lande seinen Unsinn fordern. Das geht jedoch weder… Mehr

Last edited 1 Monat her by Peter Pascht
Peter Pascht
1 Monat her

„lles, was der Durchsetzung sozialistischen Bewusstseins dient, ist moralisch.“ Wer also die höhere Moral bei sich verortet, muss sich bei seinen Handlungen nicht an den Maßstäben von richtig oder falsch orientieren – der Zweck heiligt eben die Mittel.“ Sprechen sie da von den Jakobinern der französischen Revolution, das Vorbild Lenins, die in ihrem Absolutiismus, denn so nennt man das, mit der Guillotine durchs Land liefen und jeden einen Kopf kürzer machten der anders dachte als sie. Gott sei Dank hatte das nach zwei Jahren ein Ende und die Jakobiner landeten selber unter dem Fallbeil. Geschichte lesen kann weise machen. Übrigens… Mehr