Depression in lausigen Zeiten

Corona-Quarantäne, kommende Krise und Frühling: leider passt das gut zusammen, und zwar als Konjunkturprogramm für psychische Krankheiten. Sprechen wir über ein paar Gegenmittel.

Bild: Alexander Wendt

Immerhin blüht es. Die Temperaturen steigen. Denjenigen, die in der Quarantäne auch noch mit einem gestörten Serotoninhaushalt zurechtkommen müssen, hilft jedenfalls das Ende der Kälte draußen. Oder nicht?

Manchen Depressiven geht es dann besser, aber nicht allen. Das Winterende ist tückisch, das wissen Depressive und Ärzte schon länger. In diesem Jahr kommt Corona dazu. „April is the cruelest month“, damit beginnt T. S. Eliots „The Waste Land“. Er nannte den Monat nicht zufällig. Seit Jahrzehnten kennen Fachleute das Phänomen des Suicide Spring Peak.

Kommen Wärme und Farbe zurück, nimmt die Zahl der Suizide zu. Der Anstieg zwischen März und Mai lässt sich global belegen; in der südlichen Hemisphäre registrieren Psychiater den plötzlichen Sprung in der Statistik zwischen September und November. Im späten Winter, also der Zeit, in der die meisten das Problem Lebensmüdigkeit instinktiv vermuten, liegen die Suizidzahlen am tiefsten. Einig sind sich die Forscher, dass bei manchen Depressiven das längere Tageslicht eine schädliche Reaktion in Gang setzt. Welche genau, dazu kursieren unterschiedliche Theorien.

Den meisten Selbsttötungen wiederum geht eine psychische Krankheit voraus. Etwa fünf Millionen in Deutschland leiden unter Depressionen. „Fünf Millionen Depressive“, meint Harald Schmidt: „das kann nicht nur am Fernsehprogramm liegen.“ Das stimmt; für eine psychische Krankheit ist nicht das Fernsehen verantwortlich oder die Gesellschaft, sondern der Hirnstoffwechsel. Es spricht nichts dafür, dass die tatsächliche Zahl der Kranken in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen wäre. Eher suchen mittlerweile mehr Kranke professionelle Hilfe, und bekommen sie auch. Die Suizidrate sinkt mit leichten Schwankungen, seit 1980 halbierte sich die Zahl.

Wer als Depressiver merkt, dass sich seine Symptome im Frühjahr verschlechtern (und meist muss jemand nicht lange in sich hineinhören, die Zeichen lassen sich so wenig ignorieren wie ein kranker Zahnnerv), der sollte nicht warten, sondern sich Hilfe suchen. Die kann mit einem Anruf bei der Telefonseelsorge beginnen. Außerdem gilt in diesen Frühlingszeiten für schwer Depressive erst recht die möglicherweise lebensrettende Regel: Du sollst keine Angst vor der Psychiatrie haben. Die Notaufnahmen der Krankenhäuser mit psychiatrischen Abteilungen arbeiten auch in Zeiten der Quarantäne. Alles, vom Anruf bei einem Notfalltelefon bis zum Gang in die Psychiatrie ist besser als der Versuch, allein mit einer Lage fertig zu werden.

Das führt zu der Frage, wie Depressive in Quarantänezeiten zurechtkommen. Wahrscheinlich schlechter, vermutet der Depressionsforscher Ulrich Hegerl, einer der wichtigsten Forscher auf dem Gebiet seelischer Erkrankungen und Vorsitzender der Deutschen Depressionshilfe. Hegerl erwartet nicht, dass sehr viel mehr Menschen depressiv werden, weil sie ihre Arbeit verlieren, das Einkommen oder ihre Firma. Sondern umgekehrt, dass sich bei Depressiven, die sich in Corona-Zeiten naheliegende Sorgen machen oder tatsächlich in die wirtschaftliche Krise geraten, die Krankheit verschlechtert. Es kommen also zwei Momente zusammen, das tückische Frühjahr und die Corona-Quarantäne mit ihren unvermeidlichen Wirtschaftsfolgen.

Das versteht besser, wer weiß, was Depression bedeutet. Depressive sind nicht traurig. Sie erleben, falls das Wort erleben hier passt, einen Zustand der Gefühlslosigkeit. Die Welt verengt sich. Ein Kranker sitzt in einer Kapsel, die ihn von der Außenwelt trennt. Auch vom Frühling. Seine Gedanken laufen im Kreis. Er kann nicht mehr durchschlafen, oft wacht er morgens um drei auf. Farben verschwinden. Beziehungsweise, wie Winston Churchill, der lebenslang mit wiederkehrenden Depressionen kämpfte, in einem Brief schrieb:

„All die Farben kommen zurück in das Bild.” Für ihn war es das Zeichen, dass es aufwärts ging nach einer Phase, in der ihm wieder einmal der schwarze Hund nachgelaufen war, wie er seine Krankheit nannte.

Auf diejenigen, die in dieser Kapsel stecken, wirkt der Verlust der Arbeit, der Routine, die Sorge um das Einkommen ganz anders als auf Gesunde, ihm fehlt das seelische Immunsystem, das Nichtdepressive ganz selbstverständlich besitzen, ohne es zu merken. Bei vielen, die neben ihrer Krankheit noch in eine schlechte wirtschaftliche Lage rutschen, kommt auch irrationales Schuldgefühl dazu, selbst wenn es Tausenden ringsum nicht anders geht. Auch in Zeiten ohne Corona ziehen sich viele Kranke in eine Art Quarantäne zurück. Sie vermeiden selbst den Kontakt zu guten Freunden. Sie weichen Familienmitgliedern aus. Das verstärkt ihren Zustand. Bei demjenigen, der sich zurückzieht, fressen sich die Gedankenkreisläufe erst recht ins Gehirn.

Was hilft Depressiven in Corona- und Frühlingszeiten? Im Prinzip das gleiche, was ihnen sonst auch hilft, nur, dass sie jetzt die Schritte vielleicht etwas schneller unternehmen sollten.

Erstens: Du (apropos, Depressive dürfen einander wie Bauarbeiter ruhig duzen*), also: Du bist nicht schuld daran, dass sich deine wirtschaftliche Lage in der Wirtschaftskrise verschlechtert.
Halte den Kontakt mit Freunden, auch wenn dir eine Stimme einredet, dass du dich in deiner Kapsel noch am besten fühlst.
Zögere nicht, dir medizinische Hilfe zu holen, siehe Nummern und Adressen unten. Es ist eine normale Reaktion, Hilfe zu suchen, wenn du hilfsbedürftig bist.
Fürchte dich nicht vor Psychopharmaka. Sie ersetzen keine Therapie, aber sie können zumindest bei zwei Dritteln der psychisch Kranken den Zustand verbessern oder zumindest stabil halten.

Sage dir als Mantra, dass die Krankheit ein Zustand ist, dass du aber trotzdem immer noch du selbst bist, mit einem Leben vor der Einkapselung und einem Leben, das es danach geben wird.

Noch etwas, zugegebenermaßen geht es nicht ohne weiteres, aber es geht: Versuche, dich über die Depression lustig zu machen. Nicht über deinen Zustand (der ist ernst zu nehmen), sondern über dieses Etwas, das versucht, dein Leben zu okkupieren. Gib deiner Depression einen Namen. Das kann helfen, sie eine Armlänge auf Abstand zu halten.

Und geh nach draußen, auch wenn du es eigentlich nicht möchtest. Das hilft am ehesten gegen das Gedankenkreisen. Der Beginn von T. S. Eliots „Waste Land“ spielt übrigens in einer Stadt und ihrer Umgebung, die im Frühjahr zugegebenermaßen schöner leuchtet als andere:

„Summer surprised us, coming over the Starnbergersee
With a shower of rain; we stopped in the colonnade,
And went on in sunlight, into the Hofgarten.“

Nicht jeder kann nach München, erstens sowieso und zweitens grade jetzt. Aber fast jeder kennt seine Variante des Hofgartens. Hier gilt das gleiche wie in Kontaktanzeigen: Alter und Aussehen egal.

Irgendwann, wenn die Phase vorbei ist, kommen die Farben wirklich wieder ins Bild. Es fühlt sich an wie ein LSD-Ausflug ohne Chemie. Ich weiß das aus eigener Erfahrung.


Sollten Sie das Gefühl haben, dass Sie Hilfe benötigen, kontaktieren Sie unbedingt die Telefonseelsorge. Unter der kostenfreien Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 bekommen Sie Hilfe von Beratern, die Ihnen Hilfe bei den nächsten Schritten anbieten können. Hilfsangebote gibt es außerdem bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Im Netz gibt es – Beispielsweise bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe – auch ein Forum, in dem sich Betroffene austauschen können.


Lektüretipps

Andrew Salomon: Saturns Schatten
Tobi Katze: Morgen ist leider auch noch ein Tag
Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

* Von dem Autor: Du Miststück. Meine Depression und ich

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Kommentare ( 10 )

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K.Behrens
6 Monate her

stabile Persönlichkeiten mit Abstand zur „kränkelnden Bevölkerung“ sind der einzige Weg, Dafür muss man bereits in jungen Jahren vor Grundschule in der Lage sein, ein „kleines Schiff“ zu segeln. Wie sehr vermisse ich die Kinder, die derzeit auf der Alster in Hamburg nicht in ihren kleinen „Badewannen“ segeln lernen dürfen. Dank an meine Eltern, die mir nicht nur seglerisch stets abseits dem „politisch verordneten Gehorsam“ ein Rüstzeug gaben.

H. Reich
6 Monate her

Je nach Art und Schwere der depressiven Symptomatik, sollte neben medikamentösen, psychotherapeutischen und anderen Therapieformen unbedingt auch Tichy’s Einblick empfohlen werden. Übernimmt zwar nicht die Krankenkasse, aber ist den Beitrag auf alle Fälle wert. In diesem Sinne, passen Sie gut auf sich und Ihre Lieben auf!💏👍

schukow
6 Monate her

Kaum dreht das Wetter auf „schön“, geht bei mir die Stimmung (oft) in den Keller. Meine Erklärung dafür ist – also abgesehen vom klinischen Befund chronifizierter Depressivität – daß dann das Mißverhältnis zwischem visuellem Reiz, angenehmer Temperatur, allgemein heiterm Frühlingserwachen und der eigenen Befindlichkeit schmerzlich zutage tritt, was dann zum Bedürfnis nach Rückzug führt. Es dauert meist ein paar Tage, dann fange ich an mich daran zu gewöhnen. Bei unserem Achterbahnwetter ist es dann meist wieder kalt und naß. Habe es schon erlebt, daß mir dann das allgemeine Gejammer über das schlechte Wetter auf den Keks geht und gerade ich… Mehr

H. Priess
6 Monate her

Depressionen – ein sehr schwieriges Thema. Ich kann allerdings bestätigen, daß die ständigen Wiederholungen, die ständige neue Flut von negativen Informationen jemand in Depressionen sinken lassen oder anders gesagt sie fühlen sich down. Das betrifft viele die schon ein instabiles seelisches Gleichgewicht haben. Dagegen kann man selber was tun, raus gehen, sich Glücksmomente suchen, Sport treiben, sich an Freunde wenden, meinetwegen auch an ein Sorgentelefon. Hauptsache reden mit jemanden meinetwegen auch streiten. Eine dauerhafte Depression hat was mit der gestörten chemischen Verbindungen zu tun. In meinem Fall fehlte Bupropion und nach vielen Klinikaufenthalten, nach vielen Versuchen verschiedener Medikamente fand ich… Mehr

andreashofer
6 Monate her

Hallo Herr Wendt, vielen Dank für diesen mal ganz anderen Beitrag. Ich nenne sie: “Mandränke”. Es ist für Nichtdepressive übrigens sehr schwer nachzuvollziehen, was “da” passiert. Da wird nämlich mal eben der komplette Boden unter den Füßen weggezogen, Entscheidungen können nicht gefällt werden und ja: Man fühlt sich schuldig. Für was auch immer. Mittlerweile alt und erfahren genug weiß ich: Auf Regen folgt Sonnenschein. Völlig banal, aber das bringt mich durch die Mandränke.

Yuminae
6 Monate her

Depressionen sind absolut nicht einfach zu verstehen. Depressionen sind bei jedem anders und wirken auch anders. Es gibt introvertierte Depressive und extrovertierte Depressive. Sie haben auch nicht immer was mit dem „Wetter“ zu tun. Ein naher Verwandter hat momentan enorme Depressionen und wird trotz Medikamente momentan wieder relativ aggressiv gegenüber anderen. Die Beschränkungen und Verbote, die Einschnitte in die Freiheit und in seine Routinen sind momentan das Problem. Diese Einschnitte in unser Leben und in die Routine jedes Einzelnen werden vermutlich mehr Tote bringen als der Virus selbst. Mittlerweile – auch nach einigen Berichten von Altenpflegern, sowie Probleme, die Bekannte… Mehr

Unterfranken-Pommer aus Bayern
6 Monate her

„(…) ist besser als der Versuch, allein mit einer Lage fertig zu werden.“ Sie wären überrascht, Herr Tichy, wie sehr auch heutzutage noch, zumal im ländlichen Raum, „unsichtbare“, d. h. psychologische, Erkrankungen weiter heruntergespielt werden. Da soll es immer noch mit einem „Jetzt reiß‘ Dich mal zusammen!“ getan sein. Da wird man nicht als krank angesehen, sondern mal als wehleidig, mal als eingeschnappt, mal als Simulant. Wo auch eine Erkältung nicht den Bazillus als Ursache hat, sondern weil man sich nicht richtig angezogen hat oder man „besser hätte aufpassen sollen“, wenn einen eine Wespe gestochen hat. Zumal die Altvorderen oft… Mehr

Unterfranken-Pommer aus Bayern
6 Monate her

Da habe ich aus dem Herrn Wendt den Herrn Tichy gemacht. Ich bitte um Entschuldigung, da hat’s die letzte Gehirnwindung nicht mehr genommen.

schukow
6 Monate her

Man benötigt schon einen gewissen geistigen Horizont, um sich in Dinge hineinversetzen bzw. -denken zu können, die einen persönlich nicht betreffen. Dazu gehört dann ggf. auch ein wenig Literatur zu studieren und sich damit auseinanderzusetzen. Beides ist bei den meisten Zeitgenossen kaum vorhanden. Auch wenn solche Nadelstiche stets weh tun, ich habe mir angewöhnt sie mir mit Dummheit zu erklären. Das ist nicht unbedingt gerecht, aber mir tut es gut, und der andere bekommt es ja nicht mit. 🙂

jansobieski
6 Monate her

Ich habe das beste Gegenmittel: Beendigung der Medien-Panikmache und Rückkehr zu (echtem) wissenschaftlich basierten Handeln. Wenn die Menschen sehen, dass mit Hirn, Verstand und Augenmaß entschieden wird, dann wird auch manche Verzweiflung nicht so stark sein. Die Klima-Panik mutiert zur Corona-Panik. Scheinbar haben sie die gleichen Wurzeln. Für beides besteht keine Berechtigung. Machen Sie doch mal eine repräsentative Umfrage unter allen Ärzten oder nur unter Hausärzten oder nur unter Pulmologen/ Kardiologen, ob sie die derzeitigen Maßnahmen für berechtigt halten. Ich bin gespannt auf das Ergebnis.