Das Wohnzimmer ist Privatsache

Friedrich Merz hat mal wieder das Richtige gedacht und das Falsche gesagt. Der CDU-Chef möchte den Kauf von Weihnachtsbäumen zur Leitkultur machen. Die hätten wir dringend nötig – aber nicht, wie von Merz gedacht.

IMAGO - Collage: TE

Friedrich Merz hat ein begnadetes Talent: Er kann das Richtige sagen, aber so tapsig formulieren, dass es saudumm klingt. So erklärte der CDU-Chef der Funke-Mediengruppe, was für ihn Leitkultur ist: „Wenn wir von Leitkultur sprechen, von unserer Art zu leben, dann gehört für mich dazu, vor Weihnachten einen Weihnachtsbaum zu kaufen.“ Die Aussage hat einen richtigen Kern, ist aber halt tatsächlich saudumm ausgeführt.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Einen grundsätzlichen: Seit Jahren vergiftet die Linke die politische Kultur mit identitätspolitischen Themen. Dazu gehört auch, alles und jeden unter Nazi-Verdacht zu stellen, wenn es Linken nicht gefällt. Regierungsnahe Medien gründeten sogar eigene Jugendformate wie Zett oder Bento, die in unermüdlicher Fleißarbeit den Nazi in allem und jedem entdeckten. Getroffen hat es eigentlich schon fast alle, vom Sänger Andreas Gabalier, über Kinderkarruselle bis zum Fußballer Kingsley Coman.

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Nun bringt Merz die konservative Variante der Identitätspolitik: Statt den Leuten zu sagen, was sie alles abzulehnen haben, will er ihnen sagen, was sie alles gut finden sollen. Das ist aber letztlich genau der gleiche Fehler – nur andersrum gedacht. Zumal, wenn es von einem Politiker kommt. Der hat sich darum zu kümmern, gescheite Rahmenbedingungen zu schaffen – und sich nicht in die Frage einzumischen, ob sich die Menschen zuhause einen Christbaum aufstellen oder ein Spaghetti-Monster aus Kernseife schnitzen.

Allzu mal es blöd ist, sich in Weihnachtsriten einzumischen. Die sind nämlich nicht von Gott in Stein gemeißelt und von einem Propheten ins Tal getragen worden. Sie unterliegen Moden: In früheren Tagen hängten sich die Bürger die Weihnachtsbäume an die Decke und lehnte die Kirche das Symbol des Baumes ab. Es entwerte die Krippe als für sie eigentliches weihnachtliches Symbol.

„Stille Nacht“ gilt heute als klassisches Weihnachtslied. Aber Franz Xaver Gruber und Joseph Mohr mussten es 1818 auch erstmal schreiben. Seitdem sind immer wieder Lieder in den Weihnachtskanon aufgenommen worden. Für Menschen unter 40 Jahren gehört „Last Christmas“ schon immer zum Fest – Ältere können sich an die Zeit erinnern, als der Hit von „Wham!“ eine Neuerscheinung war. Ist George Michael jetzt Leitkultur oder Mode? Feuätongs mögen diese Frage diskutieren. In der Politik hat sie nichts zu suchen.

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Dennoch hat Merz einen wahren Kern angesprochen. In seiner tapsigen Art. Ein Land braucht eine Leitkultur. Eine Gesellschaft auch. Aber das Wohnzimmer ist exakt der falsche Ort, um mit dieser Leitkultur anzufangen. Das Wohnzimmer ist Privatsache. Dort gilt: Jeder soll nach seiner Fasson selig werden. Da war Friedrich der Zweite schon weiter als Friedrich der Schwafelige.

Der öffentliche Raum ist etwas anderes. Ein Gericht hat jüngst geurteilt, dass in Bayern Kreuze in öffentlichen Einrichtungen hängen bleiben dürfen, obwohl sie ein christliches Symbol sind. Das sei noch keine unzumutbare Festlegung des Staates; das müssten nichtchristliche Menschen folglich ertragen. Das Gericht hat weise geurteilt. Kreuze wie Weihnachtsbäume im öffentlichen Raum sind ebenso etwas, was man nicht mögen muss – einen aber auch nicht unzumutbar quält. Frustrationstoleranz ist etwas, das alle schulen sollten. Und diese Weihnachtsbäume sind noch lange nicht so übergriffig wie die Merzsche Forderung, die ins Privatleben hineinregieren will.

Religionen zu dulden ist eine gesellschaftliche Stärke. Das Gegenteil wirft ein schlechtes Bild auf ein Land. So waren zu diesem jüdischen Fest Chanukka viele Leuchter öffentlich zu sehen gewesen. Doch besonders durch Berlin ging eine Welle, in der diese „Chanukkia“ zerstört wurden. Das ist der offene Ausdruck von einem Hass gegen Juden, der in Deutschland latent ist und gerne hinter Floskeln versteckt wird wie: „Man wird ja Israel noch kritisieren dürfen …“ oder „Ja, aber Israel …“.

An dieser Stelle zeigt sich, wie wichtig die Leitkultur ist, der Merz mit seiner tapsigen Formulierung so sensationell geschadet hat. Denn wir brauchen eine Leitkultur in Form eines Wertekanons. Der ist nicht an Weihnachtsbäumen in Wohnzimmern festzumachen oder an Last Christmas in der Playlist. Vielmehr geht es um etwas Grundsätzlicheres: Respekt, Wille zum Frieden und daher die Fähigkeit, etwas stehen zu lassen, das einem nicht gefällt. Das können ein Weihnachtsbaum auf einem Marktplatz sein oder ein Chanukkia im öffentlichen Raum.

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Diese Toleranz fehlt im muslimischen Kulturkreis oft. Zerstörung von Kulturdenkmälern waren zum Beispiel zuletzt eine Sache der Fanatiker dieses Kulturkreises. Und mutmaßlich sind eher seine Mitglieder für die Zerstörung der Chanukkia in Berlin verantwortlich als biodeutsche Nazis. Deutschland hat sich in den letzten Jahren nicht getraut, Leitkultur durchzusetzen. Das geht so weit, dass linke Politiker von Grünen bis zur CDU Kritik an Intoleranz im Islam nicht hinnehmen und als „Islamophobie“ ächten, wenn nicht sogar verbieten wollen.

Gerade Weihnachten ist eine Gelegenheit, einen positiven Sinn für Leitkultur zu finden. Nicht im Merzschen Sinne, der vorgeben will, was in Deutschland gekauft wird. Sondern in der Anpassungsfähigkeit des Festes. Das hat sich längst bis nach Japan und Südkorea verbreitet, auch weil es sich jedes Jahr aufs Neue wandelt und längst von seinen christlichen Wurzeln gelöst hat. Der Weihnachtsbaum zum Beispiel – Achtung, Herr Merz, Triggeralarm – ist eigentlich eine Werbefigur von Coca Cola. Wenn aber Kinder, auch deutsche, an ihn glauben wollen und (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) brav sind, um dem Weihnachtsmann zu gefallen … ja, warum denn nicht?

Der eigentliche Sinn von Weihnachten ist es, in Weihnachten einen Sinn zu suchen. Gerade dann ein Licht in den Hütten wie in den Herzen aufzustellen, wenn es draußen maximal dunkel ist. Und sich zu treffen, versöhnlich, tolerant, den anderen respektierend und hinnehmend, bestenfalls gewinnen wollend. Ob unter einem Weihnachtsbaum oder vor einem aus Seife geschnitzten Spaghetti-Monster ist dabei völlig egal. Dieser Respekt voreinander und die Toleranz gegeneinander sollten unsere Leitkultur sein. Die Politik hat dabei nicht über die Dekoration zu diskutieren, sondern die Rahmenbedingungen zu schaffen.

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Kommentare ( 66 )

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Siggi
2 Monate her

Merz taugt nichts. Ein Blender, der nur auf sein Ansehen bedacht ist. DAs deutsche Volk ist dem völlig egal, sonst würde er die potentiellen Täter nicht auch noch unterstützen.

RalledieQ
2 Monate her

Die CDUler kapieren es nicht, weil sie kulturlos und dem normalen Leben völlig entrückt sind. Sie arbeiten sich jeden Tag durch Umfragen und versuchen verzweifelt irgendetwas richtiges zu sagen. Schlechte Volksparteiendarsteller.

Guzzi_Cali_2
2 Monate her

Dieser Geltungsdrang von Politikern, sich in alles und jedes einzumischen, was sie NULL und NICHTS angeht, ist einfach nur widerwärtig. Mir wäre es am liebsten, Politiker würden HANDELN und nicht dumm rumschwätzen. Eine Politik, die unauffällig ihren Dienst tut, mir nicht auf den Sack geht und alles funktioniert – das wäre der Idealzustand.

Rene Macon
2 Monate her

Unsere Leitkultur kann nur der Wertekanon des Grundgesetzes sein. Das sind vor allem die ersten 20 Artikel. Danach ist der Staat weltanschaulich neutral und die Individuen dürfen sich ihre eigene Weltanschauung, Ethik, Religion usw. aussuchen und leben.
Die Christen sind durch das Fegefeuer der Aufklärung gegangen und haben sich damit abgefunden, dass Religionsfreiheit herrscht. Die Moslems haben diesen Erkenntnisprozess zum allergrößten Teil noch vor sich. Für die meisten Moslems stehen die Gesetze ihrer Religion über den Gesetzen des Staates. Das ist das eigentliche Problem und nicht ein irgendwo fehlender Weihnachtsbaum.

Evero
2 Monate her

Ich freue mich schon tierisch, wenn das Pendel zurückschlägt. Ehrlich. Es ist doch kaum auszuhalten, was uns neuerdings von dem linken Ideologenpack an geisteskrankem Mist zugemutet wird. Das muss m.E. mit derselben Münze zurückgezahlt werden.

Karsten Maltinger
2 Monate her

Der einfältige deutsche Wähler wird den Plänen von Krall & Co. einen Strich durch die Rechnung machen!
Nicht das stagnierende oder sogar rückläufige Blau sondern das verkommene Schwarz eilt seit Wochen von einem Umfragehoch zum nächsten.
Die Weihnachtsbotschaft 2023 aus dem Hause Allensbach:
Die Merz-Truppe Schwarz 34%p/ plus 2, Blau 18%p/ minus 1, Rot 17%p/ plusminus Null und Grün 15%p/ plus 1,5!!
Evtl. noch irgendwelche Fragen?!

Last edited 2 Monate her by Karsten Maltinger
Reuber
2 Monate her

CDU mit Merz manövriert sich wieder weiter in die Bedeutungslosigkeit…seitdem Mutti sie entkernt hat…wo setzt die CDU eigentlich Prioritäten in ihrer angeblichen Oppositionsarbeit ?….Reduzierung und Rückabwicklung der Migration, Durchsetzung der notwendigen innenpolitischen Maßnahmen gegenüber der vielen Millionen NEUEN Facharbeiter, Energiepolitik (man scheint mit Habecks Murksgesetz durchaus konfrom zu sein), Steuerreduzierung und ENtlastung der NOCH arbeitenden Bevölkerung, Reduzierung der Abgabenlast, wofür Milliarden an Bürgergeld aber die arbeitende Bevölkerung soll dass dann gegenfinanzieren und so weiter und so fort. Die CDU will sowieso mit den Grünen koalieren (spätestens 2025). Insofern UNWÄHLBAR !!!!

P. Pauquet
2 Monate her

So ist es! Er hatte und hat es bis heute nicht so mit schlüssigen Statements. Da kommt eine gewisse wohl angeborene (oder auch „antrainierte“) Rückgratlosigkeit hinzu. Ein „Überflieger“ ist er auch nicht. Er hat zwar den Pilotenschein, aber … Was er eigentlich so bei Blackwater gemacht hat, konkret, habe ich bis heute nicht verstanden. Blackwater ist kein Kindergarten oder Endlagerstätte für zweitklassige abgehalfterte Politiker. Da sind ganz Andere am Werk. … Ich weiß auch nicht, wie er dort „ausgetreten“ ist. Ist er selbst gegangen mit „goldenem Handschlag“ oder wurde er höflich gegangen mit goldenem Handschlag? – Weiß ich nicht, war… Mehr

Reuber
2 Monate her
Antworten an  P. Pauquet

Blackstone waren seine Buddies….Blackwater ist eine andere Kategorie, die sind in einem leicht unterschiedlichen Business tätig…das ist zu hart für den Merz 😉

Guzzi_Cali_2
2 Monate her
Antworten an  P. Pauquet

Meiner Ansicht nach haben die bei BlackRock ihn elegant zur Tür begleitet, mit dem Satz „Geh am besten wieder zuück in Deinen Polit-Sandkasten – bei uns richtest Du mit Deiner Unfähigkeit nur Schaden an. Wenn uns nicht in die Parade fährst, machen wir es auch nicht publik, was für ein Ober-Verlierer Du in Wahrheit bist.“

Peisistratos
2 Monate her

Das eigentlich Schlimme ist doch, dass ständig über Weihnachten und Weihnachtsbäume diskutiert wird, ohne dass das Wort „Inkarnation“ fällt.

Sani58
2 Monate her

Ich hab’s ja schon geschrieben.
Ich kann,s nicht mehr hören und sehen…..
Das Interesse an CDU Protagonisten tendiert gegen 0…. bei mir
zumindest.
P.s. nun gemäßigte formuliert, itteschön.