Bundestag: Abgeordnete und Berufe

709 Abgeordnete im Bundestag gelten derzeit nach Definition der Bundesagentur für Arbeit als unterbeschäftigt. Sie befinden sich in einer „Maßnahme“ namens Selbstfindung.

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709 Abgeordnete im Bundestag gelten derzeit nach Definition der Bundesagentur für Arbeit als unterbeschäftigt. Sie befinden sich in einer „Maßnahme“ namens Selbstfindung. Die einen beschäftigen sich mit der Regierungsbildung. Die anderen können sich über leicht verdientes Geld freuen und proben parlamentarisches Handwerk wie Argumentieren und Euphemisieren, Netzwerken und Intrigieren, Tricksen, Täuschen und Skandalisieren.

An langen Winterabenden klickt man sich öfter als sonst durch die Netzwelt und lässt sich Fragen beantworten, die man sich zu Zeiten schönen Wetters gar nicht erst gestellt hätte. Mehr als drei Monate nach der Bundestagswahl hockt eine historisch große Zahl Abgeordnete in den Bundestagsfraktionen, bildet wie in U-Booten selbstreflektive Echokammern der Beschäftigung mit sich selbst und ist nicht ausgelastet. Ob sie eine Elite sind, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen, auf jeden Fall gehören sie nicht zum intellektuellen und finanziellen Prekariat im Lande. Die kreative Pause, die sich für die Mehrheit von ihnen wohl noch einige Zeit hinziehen wird, ist jedenfalls nicht schlecht vergütet, 9.541,74 Euro monatlich plus 4.318,38 steuerfrei. Da muss Oma lange für stricken, allerdings haben die Schals dann auch einen Gebrauchswert.

Wer sind diese Leute? Besonders die, die in vergangenen Legislaturperioden Konfetti warfen, als ein Gesetz mehrheitlich beschlossen wurde? Die Opposition spielten und am Ende doch die Kanzlerinnenpolitik stützten? Die entgegen ihrem Gründungsmythos als Friedenspartei einem Krieg gegen Serbien zustimmten? Die nicht weniger als die Welt retten wollen, denen Schmetterlinge wichtiger sind als Menschen?

Ein Blick in die Biografien der jetzt 67 Abgeordneten von Bündnis 90 / Die Grünen zeigt eine Gruppe mit spezifischen Lebensläufen und Karrieren, eine Mischung verschiedener Qualifikationen, die sich am Ende doch ähneln und in der sich das Spektrum der Gesellschaft nicht wiederfindet.

Ein einziges Gewimmel bilden Politikwissenschaftler (27%), vor VWLern und BWLern (19%), Soziologen (16%), Pädagogen (13%) und Juristen (12%), weiterhin treffen wir auf Verwaltungswissenschaftler, Religionswissenschaftler, Landschaftsökologen, Biologen, Philologen, Philosophen, Psychologen, Germanisten, Umweltwissenschaftler, Religionswissenschaftler, Kunstwissenschaftler, Mediziner. Immerhin sieben von ihnen (10,5%) haben einen Beruf erlernt.

Oft haben Studienrichtung und –abschluss, so vorhanden, nicht viel mit der später ausgeübten Tätigkeit zu tun. Zumeist ausgeübte Tätigkeiten waren Politiker, Projektmitarbeiter, Kulturreferent, Büroleiter, wissenschaftlicher Angestellter, Lehrer/Referent/Dozent, Verwaltungsmitarbeiter, Anwalt, Manager, studentische Hilfskraft. Eine Polizistin mutet schon exotisch an.

Auffällig in ihren Viten ist die oftmalige Tätigkeit bei NGO`s oder als Referenten und Mitarbeiter von Landtags- und Bundestagsabgeordneten. Das schafft Kenntnisse der Abläufe und man kann gut netzwerken. Wer will schon das raue Leben in Wirtschaft und Praxis durchackern? Der gerade Weg in den Bundestag beginnt an der Parteibasis und führt über die Gremien. Einige der Abgeordneten waren bereits im Bundestag (39%) oder hatten Mandate in Landtagen (7,5%).

Auffällig ist das Fehlen von Vertretern aus Industrie und Ökonomie, Gewerbe und Bundeswehr, es gibt nur wenige Selbständige, keine Unternehmer oder Arbeitnehmer im traditionellen Sinn.

Plötzlich wundert man sich nicht mehr über grüne Politik, die nicht den selbstbewussten eckigen und kantigen Bürger akzeptiert, sondern den zukunftsverängstigten Staatsgläubigen zum Ziel hat, der von einer Regierung erzogen, besser noch, therapiert werden muss. Die die Marktwirtschaft nicht schätzt, weil in ihr Bürger selbstverantwortlich handeln und grüner Einflussnahme nicht bedürfen. Die Leute nach ihrem Bild des höheren Ökologismus erziehen will, nicht mit kuscheliger Waldorfpädagogik, sondern mit grünem Frontalunterricht, der mit Schuld und Sühne arbeitet. Für die Technikphobie, Naturesoterik, Atomangst und Klimareligion die Grundlagen sind, die in ihre einzigen politischen Instrumente münden: Umverteilung, Verbote und Subventionen.

Ihre fehlende Lebensnähe ist ein Grund für die Maßlosigkeit in ihren ökologistischen Zielen. Da Unternehmer und Arbeitnehmer, die die Grundlagen für unsere Industriegesellschaft bilden, in der Fraktion praktisch nicht zu finden sind, wird das Grüne Wolkenkuckucksheim üppig ausgebaut.

Abseits der Realitäten

Ausgerechnet der grünen Fraktionsführung kann man ein gerütteltes Maß an realer Lebenserfahrung wirklich nicht vorwerfen. Respekt vor der Ausbildung und Promotion von Dr. Hofreiter. Allerdings arbeitete auch er nur wenig im Fachgebiet Biologie und wechselte 2005 als Politprofi in den Bundestag.

Über Referenzen von Frau Göring-Eckhardt zu sprechen, erübrigt sich. Es gibt sie nicht, sie ist Funktionärin in Partei und Kirche. Sie denkt an Karl den Käfer, aber nicht an Robert, den Rotmilan. Sie beklagt schwindende Artenvielfalt, tut aber nichts gegen Monokulturen von Energiemais. Sie geißelt Rodungen des Regenwaldes, tut aber nichts gegen die Rodung von Bäumen bei uns für Windkraftwälder. Selten hatten Politiker weniger Charakter.

Während es in der FDP über Jahrzehnte zum guten Ton gehörte, die Bundestagsdiät nur als Zubrot zum „richtigen“ Job zu kassieren, würde der größte Teil der Grünen-Abgeordneten im Leben außerhalb der Politik nicht annähernd das Einkommen erzielen können, das ihnen der Abgeordnetensitz einbringt. Das erklärt die sehr hohe Flexibilität in den Schwampel-Sondierungen. Bei positivem Ausgang wäre ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für die eigene Klientel die Folge gewesen.

Nun leiden sie unter akutem „Jamaika-Entzugsfieber“ (Wolfram Weimer), nachdem sie doch schon die Disziplin „huldvolles Winken vom Balkon“ so gekonnt zelebrierten.

Parteienlackierte Entpolitisierung
Berufspolitik ist Laienverwaltung
Keine Abgeordneten ohne Wähler. Es gilt als sicher, dass Grünen-Wähler eher jung, gut verdienend, verbeamtet oder im Öffentlichen Dienst tätig sind. Auffällig die große Spreizung zwischen den Großstädten und dem Rest des Landes. Liegen in den Zentren wie Berlin, Hamburg und München die Grünen-Ergebnisse zwischen 11 und 18 Prozent (stadtteilbezogen bis 25 Prozent), ist die Partei in der Fläche im Osten oft unter der 5-Prozent-Hürde, auch im Westen vielmals nur knapp drüber. Die von Windkraftanlagen umstellte Landbevölkerung hat die Grünen inzwischen als existenzielles Problem erkannt.

Auch Innerhalb der großen Städte kann es große Unterschiede geben: Stimmten in Berlin-Kreuzberg/Friedrichshain die Hipster mit 26/20 Prozent (Erst-/Zweitstimme) für Grün, waren in Marzahn/Hellersdorf die dort mehrheitlich wohnenden Proleten und Dienstleister nur zu 3,2/4,1 Prozent für diese. Wo der Mindestlohn eine große Rolle spielt, wird wenig gegendert.

Selbst in mittleren Städten wie in Aachen II konnte die 5-Prozent-Hürde nicht genommen werden. In Cottbus/Spree-Neiße landen die Grünen ein stattliches halbes Prozent vor Sonneborns „Die Partei“.

So bleiben die Großstädter der Grünen verlässlichste Anhänger. Für sie kommt der Strom kommt aus der Steckdose, das Fleisch vom Biomarkt. Die Ursprungstiere wurden Zeit ihres Lebens gestreichelt und an dessen Ende nicht gewaltsam gemeuchelt sondern vom tierflüsternden Biobauern totgequatscht.

Parlament und Gesellschaft

Sind denn die Qualitätsabgeordneten der anderen Fraktionen so viel besser? Die Blauen sind natürlich fast alle neu in der Politik, sieht man von ehemaligen CDU-Mitgliedern ab. Die Lebensläufe sind sehr verschieden, die Qualifikationen breiter gestreut. Hier gibt es den Landwirt wie den Malermeister. Unter den 92 Abgeordneten sind auch hier Juristen reichlich vertreten (fast 22%), vor Wirtschaftsleuten (17%), Lehrern/Pädagogen (12%) und – größtenteils ehemaligen – Bundeswehrangehörigen (9%). Ingenieure (12%) sind auch vorhanden wie einige Naturwissenschaftler, IT-Spezialisten (5%), Mediziner, Piloten und Polizisten. 31 Prozent haben einen Berufsabschluss, knapp 22 Prozent sind Promovierte (bei den Grünen knapp 20 Prozent). Die Tätigkeiten reichen vom höheren Staatsbediensteten über Berater, Unternehmer und Handwerksmeister bis zum Angestellten. Die Breite der Gesellschaft zeigt sich deutlicher.

Es ist der bleibende Verdienst der Grünen, Umweltbewusstsein in der Gesellschaft verankert zu haben. Allerdings ist dies heute kein Alleinstellungsmerkmal mehr, denn alle anderen Parteien denken in ihren Entscheidungen inzwischen Umweltschutz mit. Im Gegensatz zu den Grünen, die auf Grund ihres ökoesoterisch praktizierten Klimaschutzes den Umweltschutz aus dem Auge verloren haben und andere Aspekte wie Wirtschaft und Soziales ohnehin nur am Rande betrachten.

Neben dem grünen gibt es noch ein schwarzes, zwei rote, ein blaues und ein yellow submarine im Bundestag. Wie tief sie in der verbleibenden Legislaturperiode vor der Wirklichkeit abtauchen, werden die Wähler 2021 zu honorieren wissen. Vielleicht auch eher. Das grüne U-Boot wird wieder besonders tief tauchen.

Daten aus:  http://www.bundestag.de/abgeordnete/

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Kommentare ( 50 )

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Wie sieht es denn in den anderen Parteien aus? Das in Gruppen wie der AfD oder Pegida der Querschnitt der informierten Bevölkerung zu finden ist, mit einem großen Anteil an integrierten Migranten dürfte eine Binsenweisheit sein. Das bei den Grünen und Linken ein großer Anteil von Lebensversagern zu finden sind, die kaum eine Chance auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz haben, wenn es um wertschöpfende Arbeit geht, auch. Was das Lob für Herrn Hofreiter angeht, so wie ich den immer erlebe ist der genau so ein -Überflieger- wie Frau Dr. Merkel . Man sollte sich die Dr. Arbeiten vielleicht mal genauer… Mehr
Prima die gesamte“ ELITE“ auf einer Seite. Habe mich bei diesen Karrierechanchen in meinem Alter entschlossen eine ganz wichtige Studienrichtung als Zweitstudium zu belegen. Die Auswahl ist groß Islamwissenschaften, Theologie, Turkologie, Ägyptologie usw. Es fällt mir nur schwer etwas angefanges unvollendet abzubrechen. Wenn ich das nicht schaffe, schreibe ich eine Doktorarbeit die niemand braucht oder noch besser ein Plagiat. Schon bin ich „ELITE“. In der DDR gab es auch mindestens eine solche karriereförderde Studienrichtung “ Politische Ökonomie des Sozialismus. Oder etwas besser Petra Pau. Petra Pau wurde 1963 als Tochter eines Maurers in Ost-Berlin geboren.[2] Nach dem Besuch einer allgemeinbildenden… Mehr

Wer Demokratie will, der muss eben akzeptieren, dass solche Gruppierungen wie die Grünen Macht erringen. Wenn sie nicht „Grün“ heißen, heißen sie eben anders, und es gibt sie in den meisten Demokratien. Wenn es ein Wahlrecht für jedermann gibt, ohne jegliche Bedingung an Kompetenz, ist das das Einfallstor für ideologische Phantasten, Täuscher, Abzocker und Intriganten. Das Hauptproblem auf Wählerseite sind übrigens nicht so sehr die ganz Desinteressierten, sondern die angemaßt Kompetenten. Diese „Gutbürger“ bilden quasi eine Symbiose mit den Grünen. Sie lassen sich ihre „intellektuelle Meinung“ bestätigen, dafür schenken sie ihre Wahlstimme.

Bei der 1985er Landtagswahl in NRW verspürte ich, politisch wenig interessiert, eine diffuse Unzufriedenheit mit dem angetretenen Politangebot und gab mit meinen damals 24 Jahren den Grünen meine Stimme – dies, um die Stimme nicht „verfallen“ zu lassen und der Meinung, diese Partei käme ohnehin nicht über die 5%-Hürde (was sich bewahrheitete) und zumindest könnte ich nichts falsch machen (eine der größten Fehleinschätzungen meines Lebens). 2 Jahre später führte mich mein beruflicher Weg in die Automobilwirtschaft, just zu der Zeit, da der Katalysator mit massiver Subventionierung eingeführt wurde. Was ich dort zur technischen Seite und Wirkung lernen durfte/mußte, zeihte massive… Mehr

Das deutsche Wahlsystem ist nicht zeitgemäß. Gewählt werden Parteilisten nebst Inhalt.
Also die, die ins Format passen. Nicht die Besten. Und so kommen Energie-Wenden zustande, die die Welt nicht versteht. Und auch Abhängigkeiten, die Meere von Anpasser-tum wegen des Geldes erzeugen. Wer dort ausschert, wird erledigt und ist es dann auch.
So geht Merkel-Politik, deren Folgen man noch spüren wird.

Herr Hennig,
Danke für diesen guten Artikel! (Auch wenn mir vieles davon schon bekannt war.)

Vielleicht könnten sie sich die Mühe machen und alle anderen Parteien auch einmal auf ähnliche Weise durchleuchten? Einen kleinen Einblick in die Struktur der AfD haben sie hier ja schon gegeben, aber vielleicht wäre eine kleine Serie über jede im Bundestag vertrettene Partei bei TE möglich?

Ein super Kommentar! Sehr lesenswert.
Ich weiß, ich wiederhole mich: Vielen Deutschen geht es noch viel zu gut. Aber auch den Grünenwählern werden die Konsequenzen dieser Politik nicht erspart bleiben: finanziell auf jeden Fall, wenn die Sozialsysteme kollabieren, die Kinder keinen Wohnraum mehr finden etc. Aber vielleicht auch „physikalisch“. Das wäre dann die direkteste Kollision von Ideologie und Realität.

Dass das grüne U – Boot 2021 tief sinkt, da bin ich skeptisch. Wenn die CDU nach Merkel einen konservativen Schwenk schafft und sich eine Koalition mit der FDP ergeben könnte, die vielleicht auch noch von der AfD geduldet wird, dann werden sich bei den Grünen alle aufrechten Klima- und Migrationskämpfer sammeln, die versuchen werden, den Teufel auszutreiben. Leiden wird dann wohl am meisten die SPD, die mit leeren Händen dastehen wird.

Man darf gespannt sein, wann die Grünen die 5%-Hürde als Gefahr für die Demokratie sehen und abschaffen wollen.

Siehe dazu den Artikel von Manfred C. Hettlage vom 1.1.18, Wolfgang Schäuble: Der Wahlrechtsänderer?
Genau deshalb brauchen wir eine Änderung des Wahlrechts und Neuwahlen. Von den 67 Sitzen der Grünen ist genau ein Sitz ein Direktmandat.
Jeder Kritiker könnte auf demokratisch Weg Herrn Hettlages, Wahleinspruch auch noch nachträglich unterstützen. Ich mache es auf jeden Fall.

Ohne Mehrheitswahlrecht gäbe es keine AfD im Bundestag (bzw. sie hätte nur einen Abgeordneten, nachdem Petry ihr Mandat für die Finanzierung einer neuen Partei mißbraucht), Merkel hätte (wie Macron) 470 von 600 Abgeordneten hinter sich. Es gäbe dann ohnehin ganz andere Parteien in Deutschland. Die Kritk am Mehrheitswahlrecht ist modischer Hype, das brächte gar nichts. Ich habe auch kein Problem mit 709 Abgeordneten, ich habe aber deutlich eins mit der Auswahl der Abgeordneten

Die Wahl ist in dieser Form verfassungswidrig. Abgeordneten müssten laut dem GG namentlich gewählt werden. Nur mit dem Mehrheitswahlrecht und dem hochkomplizierte Rechenverfahren wir die Wahl zum im Trüben fischen. Mit Überhangmandaten wäre das Parlament auf 613 Mandate noch GG konform, aber mit insgesamt 86 Überhang- und Ausgleichsmandaten wird dieses Maß deutlich überschritten. (Die Wählerstimmen der Parteien unter 5% haben die Parteien mit an sie verteilten Sitzen ebenfalls schon geschluckt) Jeder direkt gewählte Abgeordneter ist jedenfalls für die Wählerschaft greifbarer und würde sich ganz anders verantworten müssen, damit er wieder gewählt würde. Das Wahlprogramm der Parteien und ihrer Kandidaten würde… Mehr
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