AfD-Parteitag: Ein gäriger Haufen – doch wohin gärt er?

Zwei, vielleicht mehr als zwei Strömungen mit gemeinsamen wie unterschiedlichen und gegensätzliche Zielen - die Flügelkämpfe sind auch nach der Schwächung des Mitte-Lagers nicht ausgestanden.

© Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Wer gestern die Wahl der beiden Sprecher des Bundesvorstands der AfD im Fernsehen verfolgte, bekam live einen Eindruck von dem, was Alexander Gauland anlässlich des Parteiaustritts von Frauke Petry als „gärigen Haufen“ gekennzeichnet hat. Welt 24 berichtet vom „Chaos beim Parteitag“ und das Handelsblatt schreibt unter dem Titel „Rechtsrutsch, wieder einmal“, der Machtkampf in der AfD sei nun entschieden. „Der gemäßigte Kandidat gibt auf. Die Parteirechten können nun noch stärker werden.“ Insinuiert wird eine Entwicklung der Partei nach rechtsaußen, die zu deren baldigen Spaltung und Niedergang führe, der mit Inbrunst gewünscht wird.

Was ist tatsächlich geschehen? Die Parteitagsdelegierten entschieden sich zunächst einmal gegen den Vorschlag, die Partei nur noch von einem statt von zwei Vorstandssprechern führen zu lassen. Offensichtlich trauten die Delegierten keinem der in Frage kommenden Kandidaten zu, die beiden politischen Lager, die Gauland als die „zwei Beine der Partei“ bezeichnet, so einheitlich zu repräsentieren, dass dieser von beiden Lagern als gemeinsamer Vorsitzender der Partei anerkannt und getragen wird und so dazu legitimiert ist, die Partei alleine nach außen zu vertreten. Deswegen wurde neben dem ersten Sprecher ein zweiter Sprecher gewählt, der für das als notwendig erachtete politische Gleichgewicht im Vorstand sorgen soll.

Ebenfalls abgelehnt wurde der Vorschlag, drei statt wie bisher zwei Sprecher zu wählen. Mit diesem Vorschlag sollte vermutlich die Möglichkeit geschaffen werden, neben einem lagerübergreifenden ersten Sprecher zwei weitere, rein lagerbezogene Sprecher zu installieren. Dies würde das Risiko einer Kakophonie nach außen aber noch mehr erhöhen, als es schon bei zwei Sprechern gegeben ist. Der Vorschlag wurde deswegen aus guten Gründen auch verworfen.

Die Doppelspitzen-Lösung ist somit zunächst einmal Ergebnis und Ausdruck des Sachverhalts, dass die AfD in sich noch keineswegs so einheitlich und stabil ist, dass sie sich schon zutraut, sich von einem gemeinsamen Vorsitzenden (Sprecher) führen zu lassen. Sie ist nicht, wie bei den Grünen und der Linken, dem Prinzip des Geschlechterproporzes, sondern in erster Linie dem Umstand geschuldet, dass die Partei mindestens zwei, vielleicht sogar mehr als zwei Strömungen umfasst, die sowohl gemeinsame wie aber auch unterschiedliche, möglicherweise sogar gegensätzliche Ziele verfolgen. Das ist jedoch kein Makel, sondern ein Zeichen dafür, dass es sich um die Entstehung und Entwicklung einer neuen Partei handelt, die inzwischen ja auch beachtliche Erfolge bei den Wählern für sich verbuchen kann. Und wie immer läuft ein solcher Parteibildungs- und Stabilisierungsprozess höchst „gärig“ mit vielen Spannungen und Konflikten und meist auch Abspaltungen ab. Man denke nur an die jüngeren Parteibildungsprozesse der Grünen und der Linken, ganz zu schweigen von den Parteigeschichten der Sozialdemokraten, der Christdemokraten und auch der Freidemokraten. Allerdings zeigen die Flügelkämpfe schon ein Vordringen des eher rechten Lagers, was nicht wundern kann: Zu viele Exponenten des bürgerlichen Flügels sind längst ausgetreten; das marginalisiert die Verbliebenen weiter. Die Flügelkämpfe werden sich also fortsetzen.

Im Wahlvorgang selbst bestätigte sich dies noch einmal auf anschauliche Weise. Nachdem Jörg Meuthen sich als ein Kandidat beider Lager vorgestellt hat, wurde er auch als ein solcher von den Delegierten gewählt. Sein Ergebnis von 72 % zeigt jedoch, dass sein Rückhalt in der Partei (noch) nicht so groß ist, dass er sie auch alleine führen und repräsentieren könnte. Bei der Wahl des zweiten Sprechers konnten sich die Delegierten dann jedoch auf keinen der beiden Kandidaten verständigen, die ihren Hut jeweils nur für ihr jeweiliges Lager in den Ring warfen. Georg Pazderski kandidierte mit einer Vorstellungsrede, die auch Frauke Petry hätte halten können und plädierte für eine möglichst baldige Regierungsbeteiligung der AfD in den Ländern und im Bund. Doris von Sayn-Wittgenstein appellierte stattdessen vor allem an die nationalen und konservativen Denkweisen und Gefühlslagen der Delegierten und betonte den oppositionellen Auftrag der AfD innerhalb und außerhalb der Parlamente. An sich eine banale Fragestellung – aber an der Frage Fundamentalopposition wurde zur Frage der Verortung im Parteienspektrums. Denn wer Fundamentalopposition sagt meint die Ablehnung des bestehenden Systems; so die unausgesprochene Inhaltsformel des Gärprozesses.

Beide schnitten in zwei Wahlgängen gleich gut bzw. gleich schlecht ab. Keiner von beiden konnte die erforderliche Mehrheit der Delegierten hinter sich bringen. Beide Lager sind demnach in etwa gleich stark, so dass keines das andere dominiert und es bei der Wahl zu einem Patt kam. In der Not sprang Gauland in einer erneuten Wahl als alleiniger Kandidat ein, betonte in seiner Vorstellungsrede, dass er, wie schon Meuthen, beide Parteiflügel repräsentieren wolle und wurde dann mit 68 % der Stimmen gewählt. Die Partei hat nun zwei Sprecher, die sich flügelübergreifend verstehen und von vielen Parteimitgliedern auch so gesehen und akzeptiert werden. Ihre Wahlergebnisse zeigen jedoch, dass keiner von beiden für sich über den notwendigen Rückhalt und die notwendige Autorität verfügt, die Partei alleine zu führen. Wie sie die Partei zusammen weiter ausrichten und ihre verschiedenen Lager weiter zusammenhalten, vielleicht sogar, wie angekündigt, weiter einen werden, wird sicher einer der interessantesten und spannendsten politischen Vorgänge der kommenden Jahre. Davon wird das Überleben der Partei abhängen. Denn gewonnen wird nicht am Rand, sondern in der Mitte. Wie bei jedem Gärprozeß kann das Ergebnis äußerst gut und wohlschmeckend oder auch ungenießbar sein. Das liegt nicht nur an den Ingredenzien, sondern auch am Wissen und Geschick der „Gärmeister“.

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Mir ist eine Partei in der es gärt und demokratisch abgestimmt wird lieber, als die Parteien, in denen in höriger Unterwerfung alles für gut befunden und minutenlang beklatscht wird. Wohin uns die Klatschparteien in den letzten Jahren gebracht haben, dafür sind die Merkelpoller und vielen Toten, die wir ohne diese Politik nicht hätten, ein mahnendes Beispiel.

Eine Partei, in der reichlich diskutiert, verworfen, geeinigt wird, ist mir entschieden lieber als eine Partei, die zum Wahlverein verkommen ist.

Sehr schön einen sachlichen, neutralen Bericht über AFD zu lesen. Da kommt erst gar nicht das Gefühl auf, die Partei aus Trotz verteidigen zu wollen, wie bei sonstigen üblichen Artikeln, voller Schmähungen und Häme.
Hoffen wir auf wohlschmeckende Ergebnisse des Gärprozesses. Die braucht Deutschland dringend.

Sorry, aber Sie plappern weitgehend dem medialen Mainstream nach, der von “ Chaos“ spricht und unüberwindbare Flügelkämpfe herbeireden will. Wer den Parteitag auf dem diesmal recht fairen Phoenix verfolgt hat, der sah hervorragende Redetalente, eine hochprofessionelle Tagungsleitung, saubere, rechtlich einwandfreie Wahlen und keine Abstimmungsergebnisse a la DDR bzw.Nordkorea.Wenn es bei Abstimmungen ein Patt gibt, dann ist das kein Chaos, sondern Ausdruck demokratischer Verhältnisse. Chaotische Zustände fanden nur vor den Tagungstüren in Hannover statt, wo ein AFD-Bundesabgeordneter als Tagungsteilnehmer verprügelt wurde.

Die Schlachteplatte für die Medien ist angerichtet und die Geier-Journalisten kreisen über den Köpfen. Die linke Spiegel Amazone Amann war auch vor Ort und durfte schon ihren Senf dazu geben. Diverse Politikwissenschaftler kriegen zusätzliche ABM Stunden als 1000-Euro Jobber bewilligt um uns umzuerziehen und die Sachlage, so wie wir das zu sehen haben, zu erklären.
Die WIMPL Staffeln werden schon vorbereitet, vielleicht ist WILL die Erste?-
Ein Wahlkandidat aus dem Osten hat berichtet, dass seine Familie durch seine politische Aktivität in der AFD zerrissen wurde. Und das ist das traurige in diesem Land. Und wer hat das alles angerichtet?

Habe ich auch so erlebt. Die erscheinen mir recht teamfähig.

Laut MM ist die AFD so oft nach rechts gerutscht, dass sie jetzt links stehen muss. Die Erde ist doch rund😁😁

Lieber ein 72%-Meuthen als ein 100%-Chultz.
Wer Familie hat (!) weiß, wie unwahrscheinlich 100%-Zustimmungen, die mich meist an die DDR-1.0 erinnern, sind. Auch war ich überrascht wie viel die anwesende Systempresse über die zahlreich in H anwesenden „Gemässigten“ berichtete, die ihnen bisher überhaupt nicht aufgefallen zu sein scheinen.
Auch die „Flügelkämpfe“ und die „Gefahren der Spaltung“ über die z.B. Frau Amman vom Spiegel salbaderte, konnte ich den Wortbeiträgen der Redner des PT nicht entnehmen.
Die MSM schiessen sich jedesmal wenn ein PT live übertragen wird, durch ihre Wunschberichterstattung tiefer ins Knie. Wer selbst hören kann ist klar im Vorteil !!

So wie ich das sehe, gärt er in Richtung 20% +x .

Der Wahlvorgang war im Vergleich mit Wahlen bei der alt-ehrwürdigen SPD und den anderen Parteien ein hervorragendes Beispiel für innerparteiliche Demokratie.

Herr Schulz wurde bei 605 Delegierten mit 100 % der gültigen Stimmen zum SPD-Chef gewählt. So ein Ergebnis stellt so manche Diktatur noch in den Schatten.

Oder denken sie an die Schwierigkeiten, die die CSU und die CDU mit ihren „Alpha-Tieren“ haben.

Die AfD hat viele hervorragende Spitzenpolitiker, da fällt die Wahl sicherlich nicht leicht.

Ich bin gerne bereit, eine Lanze für die AfD zu brechen.

Joachim Datko – Physiker, Philosoph

Die AFD muss liberalkonservativ genug sein, um in der Mitte Wahlen zu gewinnen und gleichzeitig nationalkonservativ genug , um weitere Parteigründungen rechts der Mitte auf dem Boden des Grundgesetzes zu verhindern.
Dies bedingt zwei Parteiflügel, die optimal abgestimmt agieren. Was wiederum ein Management erfordert, das sich im Spannungsfeld zwischen Führen und Kooperieren professionell bewegt.
Dem Tandem Meuthen / Gauland traue ich das durchaus zu. Aber mittelfristig müssen jüngere Leute aus der (derzeit) zweiten Reihe übernehmen. Dann könnte es für den Fortbestand der AFD als einheitliche Partei noch einmal spannend werden.

Schön beschrieben –
aber lassen sie die zwei mal ihr Handwerk ausüben. Es sind zwei erfahrene Männer!
Die AfD braucht nun ruhiges Fahrwasser, für´s Erste , was aber nicht zum Ausruhen gedacht ist ……… sondern um in unruhigeren Zeiten auf dieses als Polster zurückzugreifen.( z.b. bei Wechsel ins jüngere Klientel)

Wer den Parteitag am Samstag auf Phoenix gesehen hat, konnte studieren, was ein emotionales Momentum bewirken kann. Während Pazderski seine 5-Minuten-Vorstellungsrede verpatzte, gelang Doris von Sayn-Wittgenstein (DvSW) der emotionale Coup. Sie lag vor Pazderski. Es hatte nur eine Stimme zum Gewinn der Wahl gefehlt. Wie schnell Emotionen verfliegen können, sah man bereits im 2. Wahlgang. Die Verhältnisse drehten sind, der Vorsprung lag nun auf Seiten Pazderskis. Wären die Partei-Granden daraufhin nicht nervös geworden und es hätte einen 3. Wahlgang mit denselben Personen gegeben, wäre die emotionale Distanz noch größer gewesen… Aus dem Ergebnis zu schließen, dass beide Flügel gleich groß… Mehr

Woher auch?

„Wie schnell Emotionen verfliegen können, sah man bereits im 2. Wahlgang. Die Verhältnisse drehten sind, der Vorsprung lag nun auf Seiten Pazderskis. Wären die Partei-Granden daraufhin nicht nervös geworden und es hätte einen 3. Wahlgang mit denselben Personen gegeben, wäre die emotionale Distanz noch größer gewesen…“
Die Parteigranden sind nicht nervös geworden, weil Pazderski hätte gewinnen können, sondern weil es sich nicht abzeichnete, dass einer der beiden im dritten Wahlgang die erforderliche Anzahl Stimmen hinter sich gehabt hätte.

Eher wegen der Möglichkeit, dass DvSW doch noch gewinnt. Denn Pazderski war vorher praktisch gesetzt und seine Wahl quasi erwartet. Wenn Meuthen + DvSW die Doppelspitze gebildet hätten, wäre die Kakophonie der Parteiführung vorhersehbar gewesen. Meuthen, das von Petry gebrannte Kind, der eine solche Situation satt hat, wäre womöglich gleich oder bald wieder zurückgetreten. Nicht grundlos bezeichnete Gauland die Lage für die AfD als „gefährlich“.

Ach so. Ich hab missverstanden, worauf Sie hinaus wollten. Ich persönlich hätte auch erwartet, dass Pazderski gewinnt.

Wie Hr. Meuthen schon richtig gesagt hat: Wer 100% Ergebnisse will, sollte zur SPD gehen ( oder nach Nordkorea) Meinungspluralismus zeigt man mit sowas jedenfalls nicht! Besonders ekelhaft sind mir nur wieder die Schwätzer und Hetzer vom Spiegel aufgefallen, man sollte sich überlegen, ob man denen überhaupt noch eine Akkreditierung gibt. Es ist doch mehr als offensichtlich, daß deren Kommentare bereits vor dem Ergebnis geschrieben werden.

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