Der Fortschritt in Deutschland

Der Begriff Reform waren vor langer Zeit einmal positiv, alle Parteien versprachen welche. Sie haben es jedoch geschafft, dass die meisten Bürger heute Reformen negativ empfinden und schon die Ankündigung schwere Befürchtungen hervorruft.

Manche Begriffe wechseln das Vorzeichen. Wachstum und Wohlstand. Ja, das klang einmal gut, nach Wirtschaftswunder, nach Zufriedenheit. Und heute? Leider machen Wachstum und Wohlstand nur das Klima kaputt und sie tragen ein dickes Minus im Kontext. Wer noch zufrieden ist mit dem Zustand der Welt, hat nichts kapiert. Auch der Begriff Reform waren vor langer Zeit einmal positiv geladen, alle Parteien versprachen Reformen. Sie haben es jedoch geschafft, dass die meisten Bürger heute Reformen negativ empfinden, und schon die Ankündigung einer Reform schwere Befürchtungen hervorruft.  Zurecht. Früher profitierten die meisten Bürger von Reformen, heute fragen sie, wie viel sie die nächste Reform wohl kostet. Die meisten Reformen sind kein Fortschritt, selbst wenn sie ihn versprechen. Auch der Begriff Fortschritt wird meist nicht mehr positiv begriffen, sondern als Bedrohung empfunden.

I.

Das Bild, dass der Fortschritt eine Schnecke sei, stammt von Günter Grass, gemünzt auf die politischen Verhältnisse, vor allem auf die Sozialdemokratie des damaligen Kanzlers Willy Brandt. Wandel durch Annäherung, die deutschlandpolitische Parole Brandts war ein klassischer Schneckenfortschritt. Die DDR-Schnecke kroch allerdings so langsam, dass sie zertreten wurde. Wer zu langsam kriecht, den bestraft das Leben. Der einzige noch mögliche Fortschritt war in diesem Fall das Ende.

II.

Weil der Fortschritt eine Schnecke ist, produziert er eine Schleimspur. Es ist die Schleimspur der Konsens-Demokratie. Wer nicht schleimt, ist nicht fortschrittlich, sondern rechts. Rechts ist Überholen bekanntlich verboten. Die Schnecke bestimmt auch die Straßenverkehrsvorschriften.

III.

Zu Willy Brandts Zeiten galt die Kernenergie als Inbegriff des Fortschritts. Vom Kugelhaufenreaktor bis zum Schnellen Brüter: Es waren Prestigeobjekte der Republik, sozialdemokratische Forschungsminister waren stolz darauf. Dann ergrünte das Land und der Ausstieg aus der Kernenergie wurde zur Ideologie, der sich selbst die Energiewirtschaft unterwarf. Ein Seebeben in Japan macht den deutschen Kraftwerke von heute auf morgen den Garaus. Seitdem ist Fortschritt keine Errungenschaft der Wissenschaft mehr, sondern nur noch Glaubensbekenntnis.

IV.

Die zugelassenen Fortschrittsgedanken sind utopisch. Der reale Fortschritt dagegen gilt als Dystopie. Eine Utopie ist die Vollelektrifizierung des Verkehrs. Irgendwie erinnert dies an Lenin: „Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung“. Das lässt sich mühelos abwandeln. Die Grüne Diktatur ist deutscher Größenwahn plus E-Mobilität.

V.

Stünde der technische Fortschritt in Deutschland noch in einigem Ansehen, würden alle Anstrengungen daran gesetzt, die schadstofffreie Kernenergie so schnell wie möglich noch sicherer und effizienter zu machen. Gerade haben deutsche Wissenschaftler ein Patent auf einen Reaktor angemeldet, der abgebrannte radioaktive Elemente als Brennstoff nutzt. Auch der Fusionsreaktor wäre weiter, wäre das Geld statt in eine Energiewende, die Landschaft und Natur belastet, in die Weiterentwicklung der Kernreaktoren geflossen. Der absolute Vorrang der Batterie vor der sinnvolleren Brennstoffzellentechnik  in Fahrzeugen ist ein Beispiel von pervertiertem Fortschritt. Eine weiteres Beispiel: Der irrige Glaube, acht Milliarden Erdenbürger könnten ernährt werden ohne den Fortschritt der Gentechnik.

VII.

Denn die Deutschen fürchten den technischen Fortschritt, sobald er Marktreife erlangt. Reis erfand das Telefon, Bell machte daraus eine Industrie. Zuse war der erste Computerpionier, fernab vom Silicon Valley. Der Fortschritt kommt hierzulande nur mit dem bleischweren Schneckenhaus der Fortschrittsskepsis voran. Deshalb ist er so langsam.

VIII.

Ohne technischen Fortschritt aber scheitert auch die Utopie einer klimaneutralen Gesellschaft. Um im Bild zu bleiben: In Deutschland gilt ein strenges Tempolimit für den Fortschritt – obwohl der doch ohnehin schon eine Schnecke ist – immer noch zu schnell für die regierenden Utopisten. Die Schnecke namens Fortschritt meidet deshalb in Deutschland das freie Gelände. Sie schleicht durchs Unterholz. Der Fortschritt ist ein Partisan. Anders überlebt er nicht.


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Kommentare ( 98 )

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Sehr geehrter Herr Herles, wie immer den Kern getroffen. Meine Anmerkung zu diesem Thema: Im Jahr ´18 sah ich per Zufall die Sendung:“Deutscher Zukunftspreis 2018″ , moderiert von Dirk Steffens, einem Journalisten, der sehr interessante Themen bei „Terra X“, einem Sendeformat des ZDF, anspricht. Es war eine hochinteressante Sendung, bei der 3 Erfindungen vorgestellt wurden. Alles nachzusehen in der Mediathek des ZDF. Der dritte, und letzte Vorschlag an diesem Abend für den Gewinn des Preises war die Hernahme von Wasserstoff, gebunden, wenn ich richtig erinnere an Tuolole, die bei der Herstellung von Benzin als Nebenprodukt abfallen. In diesem Zustand der… Mehr

„Der Fortschritt (in Deutschland) ist ein Partisan. Anders überlebt er nicht.“ Das hat er aber schön formuliert und dabei ins Schwarze getroffen. Wie lange wird das hierzulande wohl noch gut gehen? Übrigens wurden die später als Hartz IV Gesetze bekannten „Wohltaten“ des Staates unter Schröder schon damals dem staunenden Publikum als Reform verkauft. Die Pervertierung der Begrifflichkeiten hat also schon etwas länger Tradition! „Reform bezeichnet eine planvolle Umgestaltung bestehender Verhältnisse, Systeme, Ideologien oder Glaubenslehren in Politik, Religion, Wirtschaft oder Gesellschaft, sagt Wikipedia. Aber von planvoll konnte bei Merkel bekanntlich noch nie die Rede sein!

Es ist sicher nicht ganz falsch, das frühere Deutschland als Entwicklungszentrum für fortschrittliche Ideen zu bezeichnen, was mit den früheren Deutschen zu tun hat. Die den Prototypen auf den Tisch stellen, sind aber andere als die, die ihn zur Serinereife bringen und wieder andere vermarkten und verkaufen das Produkt. Das Problem heute ist, daß Deutschland, das Land der Ideen, keine hat. In die Entwicklungsabteilung wird kein Geld inverstiert. Ist sie vielleicht schon geschlossen!

In keiner Kanzlerschaft nach dem Kriege wurde D. so zielgerichtet und vom politischen Führungsstab so ruiniert ,wie unter Merkel . Das ist und kann kein Zufall sein . Jawohl ,ich bin überzeugt ,das hier ein Masterplan dahintersteckt und Merkel ihn ausführt . Unter Merkel beginnt der systematische Abbau D. In seiner Wirtschaftlichkeit ,in seiner Kultur und Moral.Sollten es die Grünen jemals schaffen ,das Kanzleramt zu besetzen ,dann wird dieser Prozeß stringent weitergeführt und wir erleben einen Stast wie die zerfallene DDR . Das muß man wollen –braucht sie nur zu wählen !!

Fortschritt gab es in Deutschöand vor allem zu Kriegszeiten. Traurig aber wahr.

Tja @ Ralledi Q ,ein wenig abwesend gewesen ,in den Nichtkriegszeiten ? Oder sich nicht für die Entwicklung in Friedenszeiten interessiert ? Aber — die Sichtweise kann offen sein oder eingeschränkt — jeder ist seines Geistes Knecht .

1900 Zeppelin Graf Ferdinand von Zeppelin
1901 Wuppertaler Schwebebahn Eugen Langen, Wilhelm Feldmann
1902 Teddybär Richard Steiff
1902 Zündkerze Robert Bosch
1903 Thermosflasche Reinhold Burger
1904 Radar Christian Hülsmeyer
1905 Spezielle Relativitätstheorie (Albert Einstein)
1907 Waschmittel Firma Henkel
1907 Zahnpasta Ottomar von Mayenburg
1907 Ohropax Maximilian Negwer
1908 Mensch ärgere dich nicht Josef Friedrich Schmidt
1908 Filtertüten Melitta Bentz
1908 Geigerzähler Hans Geiger, Deutschland

@RalledieQ: Ein kleiner Zeitraum von nur 10 Jahren zu Beginn des 20. Jahrhunderts widerlegt ihre Aussage deutlich. Die Liste erhebt kein Anspruch auf Vollständigkeit. Aber vielleicht möchte die jemand weiterführen, um zu zeigen, dass es Fortschritt in Deutschland sicherlich auch außerhalb von Kriegszeiten gegeben hat.

Sie meinen technischer Fortschritt. Das stimmt. Der disruptive und zerstörerische Prozess von Kriegen auf allen anderen Feldern von humaner Existenz ist allerdings genau so massiv wie technischer Fortschritt in Abfolge von Kriegen. Fortschritte was Waffentechnologie betrifft kann auch nur teilweise umgesetzt werden auf Feldern von ziviler Technologieanwendung.

Mir würden die berühmten drei Affen als Wappentier für Deutschlands Reformfähigkeit besser gefallen als die Schnecke.
Sinnvolle Reformen sind die Voraussetzung für Fortschritt, Wachstum, Wohlstand usw. Aber sie dürfen keiner Ideologie dienen, sie brauchen eine offene Gesellschaft, die aus Fehlern und Fehlentwicklungen lernt und rasch die nötigen Konsequenzen zieht.
Doch unsere Regierung formuliert keine positive Strategie (Affe 1), ist taub gegenüber allen gut begründeten Ratschlägen (Affe 2) und scheint die katastrophalen Entwicklungen an allen Ecken und Enden im Land gar nicht zu bemerken (Affe 3) …

2010 betrug der CO2-freie Kernenergieanteil noch 25%.
Obwohl laut der heiligen Greta in 11 Jahren die Welt untergeht, wenn wir weiter CO2 ausatmen, wird bei uns die einzige wirklich CO2-freie Energieerzeugungsmethode verboten. Und die Politiker wundern sich, dass man die „Klimaziele“ nicht erreicht.
Da dürfte die Beratung durch das Energie-Expertenteam der Regierung, bestehend aus Theologen, Soziologen, Philosophen und Greenpeace-Anhängern, doch nicht so zielführend gewesen sein.

Danke, Herr Herles, für diesen wunderbar konzentrierten Kommentar zum gründeutschen organisierten Wahn. Nicht alleine Ihre Bemerkungen zur Kernenergie treffen ins Schwarze.

Angelehnt an der Frage, ob das nun einer war oder eher nicht,
nämlich Elfmeter: Könnte die Einführung eines Videobeweises
für Politikers Wort.Schwalben diesem Land evtl. weiterhelfen?
(Selbstkritik: demnächst bitte wieder etwas mehr Ernst an den
Tag legen – wenn es denn hilft)

Die Diskreditierung des Reformbegiffes lässt sich nicht nur darauf herunterbrechen, dass er von allen Parteien zu Tode geritten wurde, nicht nur, aber gerade auch bei der Schulpolitik. Für mich steht sein Konnotationswandel eher für eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Da das deutsche Volk immer älter wird, das heißt, es besteht immer mehr nur aus Alten und Älteren und immer weniger aus Jungen, dominieren eben Attitüden, das bekannte zu bewahren, und neues möglichst zu vermeiden – zumindest solange man noch da ist. Ich kenne das inzwischen auch von mir, trauere meinen jungen Jahren und den 80ern und 90ern hinterher und kann mit der… Mehr