Der Spiegel Nr. 34: Hokuspokus – Geld weg!

In „Verrat am Volk“ zeigen sich Jan Friedmann und Ralf Neukirch überzeugt, dass Markus Söder nicht zögern werde, bei einem eventuellen Verlust der absoluten CSU-Mehrheit in Bayern Horst Seehofer die Schuld in die Schuhe zuzuschieben. Ja, wem denn sonst?

Spiegel-Redakteurin Veronika Hackenbroch hat eine Mission: die Welt vom Irrglauben an alles Heilende jenseits von Schulmedizin und Pharmaindustrie zu befreien. Unter dem Titel „Die Macht der Heiler“ breitet sie ihre hinlänglich bekannte Abneigung gegen zum Teil seit Tausenden von Jahren bewährte und zunehmend beliebte Mittel und Heilverfahren aus. Da trifft es die Akupunktur genauso wie Ayurveda, Bachblütentherapie, die Homöopathie, Schröpfen, Schüssler-Salze oder Yoga. Die vermeintlich alles vernichtende Vokabel ist Unwissenschaftlichkeit. Und wie schon in früheren Artikeln gibt es drastische Fälle (in diesem Fall zwei), bei dem die Homöopathie nichts bewirkt hat, und die geläuterte Ärztin Natalie Grams als Kronzeugin. Aber genauso wie es falsche Heilversprechen und Behandlungsfehler in der Anwendung von Naturheilverfahren gibt, gibt es sie auf der wissenschaftlichen Seite: Behandlungsfehler, Falschmedikamentierungen durch Ärzte, fallweise nicht ausreichende Hinweise auf Beipackzetteln auf mögliche gesundheitsschädigende Wechselwirkungen von bestimmten Wirkstoffen. Da reichten schon die justiziabel dokumentierten Fälle aus, um Wissenschaft und Schulmedizin zu hinterfragen, von der weitaus größeren Zahl der nicht justiziablen ganz zu schweigen. Dazu kommt die als mangelhaft empfundene Kommunikation zwischen Arzt und Patient, ein immer noch weit verbreitetes Götter-in-Weiß-Gehabe, das Eigeninformation und Fragen von Patienten als Störung, wenn nicht gar Anmaßung empfindet und entsprechend reagiert. Und da sind Fachärzte, die mal zu viel tun, wenn Untersuchungen privat abgerechnet werden können, und ein andermal zu wenig, weil das begrenzte Budget es leider, leider nicht hergibt, und Patienten von sich aus zum Yogakurs schicken.

Ärzte, Ärzte über Alles
Von der ungesunden Beziehung Deutschlands 
zu seinen Ärzten
Die Welt ist bunt und die Kluft der Mediziner hat unübersehbar Flecken. Wer kann es da den Menschen verdenken, dass sich Volkshochschulkurse zu alternativen Heilmethoden steigender Beliebtheit erfreuen, noch dazu in Zeiten nahezu unbegrenzter Informationsmöglichkeiten. Für Hackenbroch ein neuer Feldzug. Zusammen mit Marcel Pauly untersuchte sie hunderte VHS-Programme auf derartige Angebote („Wohin das Qi fließt“), die so der zweite Kronzeuge Edzard Ernst, emeritierter Professor für Komplementärmedizin, „zur Volksverdummung beitragen“. Und wenn alle anderen Erklärungen zu peinlich würden, gibt es noch den Vorwurf, Yoga und Qigong würden zu einem „unwissenschaftlichen und irrationalen Körperbild“ beitragen.

Pech für Hackenbroch und Pauly, dass der Focus in dieser Woche mit dem Titel „Die Medizin der Welt“ genau die andere Seite betrachtet. Dietrich Grönemeyer wirbt in seinem neuen Buch, das Focus in Auszügen abdruckt, und einem Interview, das Bernhard Borgeest führte („Medizin wird zunehmend seelenlos“), für eine Synthese der Heilkünste. Grönemeyer beklagt: „Beinahe kaltherzig mutet dagegen das gesundheitspolitische Credo unserer Tage an: Gesund ist, wer funktioniert, ohne dass die Maschinerie ins Stottern gerät. Ein geradezu mechanistisches Gesundheitsverständnis, Ausdruck menschlicher Verarmung auf höchstem technischen Niveau“. Er will altes (nach Hackenbroch und Pauly unwissenschaftliches) Wissen mit neuem Wissen verknüpfen. Denn „die Humanmedizin ist in Gefahr, ihre Humanität zu verlieren.“ Das vom Spiegel verspöttelte Ayurveda ist für Grönemeyer „Medizin auf Augenhöhe“. Wer Mensch und Seele heilen will, muss an die Seele glauben. Ja, richtig: eine Seele kann man nicht sehen, nicht wiegen, nicht in Statistiken erfassen. Und trotzdem würde keiner ernsthaft behaupten, dass es sie nicht gibt.

Nicht zusammen gewachsen
Die Meinungsmauer zwischen Ost und West in Europa verläuft mitten durch Deutschland
Parteien in der Krise. Nicht erst in diesem Sommer, aber in diesem Sommer nicht mehr unter den Tisch zu kehren. Die Diskussion über den zukünftigen Kurs der CDU beflügelt die Redaktion zur Schlagzeile „Schwarz-rote Socken“. Die CDU stehe vor dem Drama Macht oder Prinzipien. Die Parteienlandschaft ist so kleinteilig geworden, dass alles und nichts möglich ist.

In „Verrat am Volk“ zeigen sich Jan Friedmann und Ralf Neukirch überzeugt, dass Markus Söder nicht zögern werde, bei einem eventuellen Verlust der absoluten CSU-Mehrheit in Bayern Horst Seehofer die Schuld in die Schuhe zuzuschieben. Ja, wem denn sonst?

Blick zurück - nach vorn
Blackbox KW 33 – „Diverse, Genossinnen und Genossen!“
Der Spitzenmann der hessischen SPD, Thorsten Schäfer-Gümbel, Eigensprech: TSG, repräsentiert laut Spiegel im angelaufenen Landtagswahlkampf in Hessen stellvertretend die Misere der Sozialdemokraten („Letzter Anlauf“). Der brave Parteisoldat weckt keine großen Erwartungen. Und das von ihm angekündigte „unglaublich spannende Regierungsteam“ findet bisher kaum öffentliche Resonanz: ein Basketballer, den hierzulande kaum jemand kennt, zwei altgediente Landtagsabgeordnete, eine Politikwissenschaftlerin, ein IG-Bau-Funktionär. Der Vorstandsvorsitzende der Frankfurter Sparkasse, Robert Restani, soll kommende Woche als Mitglied des „Team TSG“ vorgestellt werden – als Beauftragter für den Finanzplatz Frankfurt. Es wird Zeit für ein bisschen Glanz. Die Fehler liegen meines Erachtens vor allem in der Unfähigkeit der SPD, über den eigenen Schatten zu springen, ideologische Verkrustungen abzuwerfen und sich den Menschen und deren Lebensrealitäten zuzuwenden. In Hessen gibt es eine Vielzahl von interessanten Persönlichkeiten, mit denen TSG einen tollen Aufschlag machen könnte. Aber dazu fehlt offenbar der Mut.

In „Einer für alle“ erzählt Uwe Buse von dem deutschen Unternehmer Dirk Gratzel, der jetzt für seine bisherigen Umweltsünden Buße tun und am Ende seines Lebens eine positive Ökobilanz vorweisen will. Die Idee ist löblich, doch es fehlt der Glaube ans Gelingen. Zu groß ist der Fußabdruck eines 50-Jährigen, der bis zu seinem Entschluss ein Leben auf der Überholspur geführt hat. Und es wird auch deutlich: Man muss es sich leisten können, sein Leben einzuschränken. Als Blaupause taugt der Selbstversuch nicht.

Blick zurück - nach vorn
Blackbox KW 33 – „Diverse, Genossinnen und Genossen!“
„Wer sind wir?“, fragt Sebastian Hammelehle und befasst sich mit gleich mehreren Publikationen zum Thema Migration, Integration und Identität: Timur Vermes „Die Hungrigen und die Satten“, Ahmad Mansour „Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panimache“, Thilo Sarrazin „Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“ und Armin Nassehi „Gab es 1968? Eine Spurensuche“. Eine lohnende Frage: Wer sind wir?

Zum Schluss: Ganz stark finde ich an diesem Wochenende das Interview in der FAZ mit Christian Kullmann, dem Vorstandsvorsitzenden von Evonik: informativ, prägnant, klug.

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Kommentare ( 41 )

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41 Kommentare auf "Der Spiegel Nr. 34: Hokuspokus – Geld weg!"

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung

Ihr verteidigt doch wohl jetzt nicht im Ernst Zuckerli-Fanatiker und Schüttel-Salze?

Willkommen im 3. Jahrtausend!

Und was ist mit den Religionsanhängern aller couleur im 3.Jahrtausend?
Da sind mir persönlich die Zuckerli-Fanatiker viel sympathischer! 🙏

Da sich TE an ein (hoffentlich) aufgeklärtes und kritikfähiges Publikum wendet, kann Herr Canibol sicher noch die Statistiken nachreichen, die eine über den Placebo-Effekt hinausgehende Wirksamkeit insbesondere der Homöopathie belegen. Gern auch garniert mit einer naturwissenschaftlichen Erklärung der Funktionsweise. Die Tatsache, dass die evidenzbasierte traditionelle Heilkunde wie jede menschliche Tätigkeit anfällig für Fehler, Pfusch und Betrug ist, ist kein Beweis der Überlegenheit sogenannter alternativer Medizin. Diese hat speziell im Fall der Homöopathie lediglich den Vorteil, dass sie aufgrund der zum Konzept gehörenden Wirkstoffreiheit keinen Schaden anrichten kann… Nach der Einführung habe ich übrigens aufgehört zu lesen, zumal da es mal… Mehr

Es ist ja noch schlimmer: Im Grunde genommen ist es wissenschaftlich nicht zu vertreten, überhaupt eine „Wirkung“ homöopathischer Medikamente zu untersuchen oder zu messen, wie es z.B. bei der evidenzbasierten (Schul)Medizin üblich ist, denn wo keine Substanz analytisch nachweisbar ist (insbesondere bei Hochpotenzen sind die Konzentrationen ubiquitärer Spurenelemente höher als die der homöopathisch verdünnten Ursubstanz), kann man ihre Wirkung nicht untersuchen. Also kann eine Verbesserung der Befindlichkeit nur mental erfolgen: „Nach xyz habe ich mich besser gefühlt“. Das hat aber nichts mit pharmazeutischer Wirkungsforschung zu tun. Wem es trotzdem hilft, der soll es tun.

Wenn es hilft, handelt es sich um einen Placebo-Effekt – letzlich wären die Beschwerden auch so weggegangen. Homöopathie ist zudem gegen Fehler (wie es sie andernorts natürlich gibt) praktisch immunisiert, da sie den gleichen Effekt wie überhaupt keine Behandlung hat oder allenfalls einen Effekt, den man auch bei einer Gesprächstherapie oder einer Änderung einer ungesunden Lebensweise erwarten kann…

Heiße Liebe von Prof. Ernst zur Alternativmedizin ist längst bekannt.
Hauptargument ist immer die Unwissenschaftlichkeit, was selbstverständlich auch bedeuten sollte, dass in der „Schulmedizin“ alles, was da gemacht wird, ausgezeichnet wissenschaftlich belegt ist. Sprich: Evidenzbasierte Medizin.
In der Wirklichkeit haben da nur 11% Empfehlungen Evidenzgrad A, was ausreichend bewiesen bedeutet.

Da Sie ein Experte zu sein scheinen: Wie steht es um den Evidenzgrad bei Homöpopathie?

Immer besser.
Es gibt schon fast Dutzend randomisierte verblindende signifikant positive Studien bei einigen ausgewählten Krankheiten.

An dem Versuch, die ganzen „alternativen“ Heilmethoden auf ihre nachweisbare Wirkung abzuklopfen, kann ich nichts verwerfliches finden. Schließlich hat sich der allgemeine Gesundheitszustand der Menschen erst mit der Entwicklung der modernen Medizin entscheidend verbessert und nicht durch Voodoo. Und wer Homöopathie (der ein magisches Weltbild zugrunde liegt), Bachblütentherapie und dergleichen mit wissenschaftlich fundierter Medizin gleichsetzt, darf sich nicht wundern, wenn sich die Menschen damit auch Heilung von schweren Krebserkrankungen erhoffen und auf Quacksalber vom Typ Ryke Geerd Hamer hereinfallen.

Ich glaube, Sie haben meinen Kommentar nicht verstanden. Wenn die Spiegel-Redaktion „alternative“ Heilmethoden auf ihre Wirksamkeit abklopft, kostet das auf jeden Fall keinen müden Steuercent.

„Team TSG“
Klingt genau wie „Die Mannschaft“. Wahrscheinlich ebenso erfolgreich wie letztere bei der WM. Mit solchen Kaspern kann man keine Wähler überzeugen, genauso wie Wahlen gewinnen. Wenn man bereit ist, die Realität™ dieser Wähler auszublenden hat man auch keinen Anspruch von diesen gewählt zu werden. Bätschi hin oder her.

„In Hessen gibt es eine Vielzahl von interessanten Persönlichkeiten, mit denen TSG einen tollen Aufschlag machen könnte. Aber dazu fehlt offenbar der Mut.“

Mit TSG würde selbst mir jeglicher Mut fehlen.

Das ist schon peinlich, was Hr. Canibol über Medizin schreibt. Die Frage muss sein, warum dieser ganze Quatsch explizit in Deutschland eine so große Anhängerschaft hat: die Quellen sind unter anderem bei der Lebensreform usw. am Ende des 19. Jh. zu bestaunen. Die Grünen sind deren aktuelle Wiedergänger.
Die Äußerungen Hr. Canibols zur wissenschaftlichen Medizin sind hanebüchen.

Sehe ich auch so (siehe meinen separaten Kommentar). Bin nun gespannt, wieviele Kommentatoren jetzt davon berichten, dass sie aber nach Einnahme homöopathischer „Medikamente“ wieder ruhig schlafen, keine Allergie, „Rücken“ oder Fußpilz haben…

Homöphatie sehe ich auch kritisch. Nehme selbst sowas nicht ein, aufgrund mehrer fehlgeschlagener Versuche. Aber hier geht es ja um mehr, um pflanzliche Therapie und körperliche Betätigung wie Yoga. Damit habe ich größte Probleme in meinem Leben in den Griff bekommen, wozu Schulmedizin nicht in der Lage war. Bitterstoffe gehörten immer zur Nahrung der Menschheit, nur neuerdings züchten wir Pflanzen die keine mehr enthalten, obwohl sie zu unserer Ernährung dazu gehören sollten. Diese wird aber immer süßer und zerstörerischer. Wenn Schulmedizin nicht heilt, ist der Mensch ganz schnell ein Psycho. Wer Sport hilfreich findet, kann gar nichts gegen Yoga haben.… Mehr

Falls Sie Mediziner sind:
Ihnen sollte die Tatsache das Leute „wieder gut schlafen“ können etc., eigentlich das Wichtigste sein. Wie sie dort hin gelangen, sollte für Sie ferner der Anstoß sein, dazu zu lernen und nicht eine scheinbare Überlegenheit zur Schau zu stellen. Die Leute werden auch weiterhin die „Frechheit“ haben, gesund zu werden, ohne Ihre Zustimmung. Stellen Sie sich das mal vor!