Furor teutonicus – die deutschen Weltverbesserer sind wieder da!

Die Deutschen wollen beweisen, dass sie sich vollständig gewandelt haben: bis zur Selbstaufgabe opferbereit, allem Fremden gegenüber bedingungslos aufgeschlossen. Genau das ist das Problem, lässt uns der Furor teutonicus von einem Extrem ins andere taumeln. Die Hilfe für andere wird zu einem Glaubensbekenntnis, das man ganz Europa aufzwingen will.

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Einwanderung ins Prekariat

Deutschland hat jetzt schon sein „Prekariat“. Zwar werden Fachkräfte dringend gebraucht, aber es wäre ein Wunder, wenn man auch nur jeden zweiten Einwanderer in kurzer Zeit so gut integrieren könnte, dass er sich auf den deutschen Universitäten das nötige Wissen anzueignen vermag, um als Fachkraft gebraucht zu werden. Das Problem der Zweit- und Drittgeneration der Türken liegt ja genau darin: Deutschland kann ihnen keine ausreichenden Arbeitsmöglichkeiten bieten, sondern nur das, was auch im Nahen Osten schon weitgehend gewährleistet war: genug zu essen und eine bescheidene Unterkunft. Man öffnet zwar die Arme für die Verfolgten, aber eine Mehrheit von ihnen wird sehr bald unbeschäftigt irgendwo am Rand der Gesellschaft die Rolle missachteter Minderheiten besetzen.

Die Parteien des extrem rechten Lagers, die den Hass gegen Fremde schüren, wie sie vor mehr als einem halben Jahrhundert den Hass gegen die Juden schürten, gehen von der Voraussetzung aus, dass sie selbst irgendwie „besser“ seien als der verachtete Andere. Betrachten wir die seltsam geistesdumpfen Gestalten, die in aller Regel das Führungspersonal dieser Parteien bilden, so liefern sie selbst allerdings den besten Beweis gegen die Richtigkeit dieser These. Aber es geht gar nicht um Bewertungen und Vergleiche zwischen uns und den Fremden, sondern darum, dass die Zahl der Ärmsten und Unzufriedenen durch eine ungezügelte Einwanderung sprunghaft anwachsen wird – eine Entwicklung, die im südlichen Europa schon jetzt spürbar ist. Die sogenannte Elite, bestehend aus Mitgliedern der freien Berufe wie Ärzte, Apotheker, Anwälte, Notare, Wirtschaftstreuhänder, Ziviltechniker und andererseits Beamte und Angestellte im staatlichen Dienst wird davon nicht oder erst mit großer zeitlicher Verzögerung berührt. In bedingungsloser Menschenliebe kann sie die ganze Welt umarmen – ihre Posten sind ja nicht in Gefahr -, geschädigt werden nur die Ärmsten im Land, von denen viele jetzt schon in verwahrlosten Vororten leben. Dort wird auch der Großteil derer enden, die gegenwärtig als Fremde zu uns strömen. Mit anderen Worten: die Fanatiker der bedingungslosen Menschenliebe fachen künftige Kämpfe der Armen gegen die Ärmsten an.

Aber was können wir denn tun? Sollen wir etwa Gewalt anwenden, unsere Werte aufgeben?

Ihr Heuchler, Jahre hindurch habt ihr euch nicht um diese Werte geschert! Ihr wart froh, dass die Diktatoren im nördlichen Afrika und Nahen Osten die Schmutzarbeit für euch übernahmen. Jetzt habt ihr sie im Namen eurer Werte verjagt und begreift erst, was sie euch abgenommen haben. Schon beginnt ihr deswegen von neuem mit jenen zu liebäugeln, die das Zeug zum Diktator hätten. Die Europäische Kommission bietet einen erbärmlichen Anblick, wie sie auf Knien zum türkischen Sultan kriecht – auch Frau Merkel setzt ihr schönstes Hausfrauenlächeln auf, um Herrn Erdogan zu becircen. Man ist bereit zu jeder Bestechung (wie der österreichische Außenminister Sebastian Kurz in ungewohnt undiplomatischer Offenheit vermerkte), nur um sich selbst die Hände nicht zu beschmutzen und die eigenen Werte weiterhin in einen Heiligenschein zu hüllen.

Pure Heuchelei

Pure Heuchelei! Europa hat seine Werte über Jahre hindurch souverän missachtet – und niemand hat sich daran gestoßen. Wir haben ja nicht nur Diktatoren darum ersucht, dass sie – entsprechend bezahlt, versteht sich – einen Wall um den Kontinent zogen, sondern es war auch jedem bekannt, dass Europa selbst an seinen Grenzen entsprechende Maßnahmen setzt: In Ceuta etwa kamen laufend Menschen bei dem Versuch ums Leben, den Zaun nach Europa oder die Straße von Gibraltar zu überwinden. Für die Presse war das kein Thema, für die Politik ebenso wenig.

Die Frage nach der richtigen Antwort auf die Menschenflut bleibt so oder so eines der Hauptprobleme unserer Zeit, vor allem deswegen, weil wir vergeblich nach Schuldigen suchen. Krieg beruht immer auf Schuld und meist auf Verbrechen, aber wenn Menschen mehr Kinder zeugten – erst heute, zu spät, beginnt sich das langsam zu ändern – als sich mit der Stabilität ihres Landes verträgt, kann man ihnen das kaum als Schuld anrechnen. Anderseits muss man die Leistung eines Staates wie China umso höher einschätzen, der seine Einkind-Politik genau aus dem Grund einführte, weil es ihm selbst mit dieser überaus harten Bevölkerungspolitik nur in Jahrzehnten und unter den härtesten Opfern gelang, den Massen des Hinterlandes eine bessere Zukunft zu garantieren. Ohne die Geburtenbeschränkung hätte das Land seine eigene Variante von ISIS hervorgebracht und Unruhe über ganz Ostasien gebracht.

Man kann sehr wohl argumentieren – wie es zum Beispiel Iliya Trojanow tut – dass auch wir Europäer mit unserem ökologischem Fußabdruck von zwei Planeten weit über unsere Verhältnisse leben. Ökologisch betrachtet ist die Hälfte der jetzigen Bevölkerung überzählig, ohne sie würde der Rest mit den Ressourcen der Natur dauerhaft sein Auslangen finden. Aber Deutschland hat es mit seinem Bildungs- und Rentensystem immerhin fertig gebracht, den Trend zu dauerndem Bevölkerungswachstum zu kappen: Kinder werden im Westen nicht länger als Altersversorgung gebraucht. Soll diese positive Entwicklung dadurch aufgehoben und umgekehrt werden, dass wir in Europa die Tore für den Bevölkerungsüberschuss anderer Länder öffnen?

Wohl wahr: Menschlichkeit gebietet zu helfen, wo immer es möglich und sinnvoll ist. Leider ist Hilfe aber nicht immer möglich. Auch die massivste Wirtschaftshilfe für benachteiligte Länder würde kaum etwas an dem dramatisch ungünstigen Verhältnis von Arbeitssuchenden zu vorhandenen Posten ändern. Oft ist Hilfe nicht einmal sinnvoll, zum Beispiel ist sie es keinesfalls, wenn man die Probleme nur verlagert, indem man beschäftigungslose Massen statt im Nahen Osten bei uns unterhält. Deutschland und Österreich waren immer Einwanderungsländer, soviel ist richtig. Aus ursprünglich Fremden haben beide Länder mit großem Erfolg Deutsche und Österreicher gemacht, aber das gelang ihnen nur und immer nur dann, wenn sie den Einwanderern Arbeit und Anerkennung als vollwertige, gleichberechtigte Bürger anzubieten vermochten. In diesem Fall waren die Fremden von sich aus zur Integration bereit.

Schrankenlose Einwanderung ist verantwortungslos den Einwanderern und Einheimischen gegenüber

Genau diese Bedingung wird durch eine schrankenlose Einwanderung aufgehoben. Sobald Arbeit und Anerkennung nicht länger gewährleistet sind, entstehen Parallelgesellschaften, wo die Parabolantennen auf den Dächern selbst die sprachliche Integration – von der kulturellen ganz zu schweigen – überflüssig erscheinen lassen. Dann wird der Aufruhr der jungen beschäftigungslosen Männer gegen die staatliche Ordnung aus den Ländern des Nahen Ostens nur nach Deutschland, Österreich oder in andere europäische Länder verpflanzt. Auch ohne Einwanderung ist im Süden Europas die Gefahr durch Jugendarbeitslosigkeit noch lange nicht gebannt. Da der Druck von unten daher stärker und lauter wird und der Gegendruck von oben aus demselben Grund zunehmen wird, brauchen wir auf politische Hardliner nicht lange zu warten. Wir können nur hoffen, dass daraus keine Diktatoren werden.

Die Deutschen wollen der Welt demonstrieren, dass ihre Vergangenheit längst nicht mehr zu ihnen gehört. Sie wollen beweisen, dass sie sich vollständig gewandelt haben: vorurteilslos, bis zur Selbstaufgabe opferbereit, allem Fremden gegenüber bedingungslos aufgeschlossen. Aber eben dieser Beweis ist das Problem. Wieder einmal lässt der Furor teutonicus uns von einem Extrem ins andere taumeln. Die Hilfe für andere wird zu einem Glaubensbekenntnis, das man ganz Europa aufzwingen will; sie wird zu einem Mittel der Selbstdarstellung für selbsternannte Weltverbesserer.

Gewiss, wenn wir alle Leidenden bei uns willkommen heißen, verschaffen wir ihnen ein vorübergehendes Glück und uns selbst Befriedigung, aber wird damit das langfristige Unglück aufgewogen, das wir ihnen und uns dadurch bereiten, dass sich die Verheißungen auf ein schöneres Leben gar zu schnell als unerfüllbare Versprechen erweisen? Frau Merkels Politik einer schrankenlosen Einwanderung ist verantwortungslos ebenso ihnen wie uns selbst gegenüber. Hilfe sollten wir immer nur in dem Ausmaß gewähren, wie wir sie dauerhaft leisten können. Dazu sollte sich die Politik ausdrücklich bekennen und die übliche Heuchelei ablegen. Dazu gehört auch die Bereitschaft, die eigenen Grenzen selbst zu verteidigen und dafür nicht andere dafür zu bezahlen.

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Kommentare ( 47 )

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