Furor teutonicus – die deutschen Weltverbesserer sind wieder da!

Die Deutschen wollen beweisen, dass sie sich vollständig gewandelt haben: bis zur Selbstaufgabe opferbereit, allem Fremden gegenüber bedingungslos aufgeschlossen. Genau das ist das Problem, lässt uns der Furor teutonicus von einem Extrem ins andere taumeln. Die Hilfe für andere wird zu einem Glaubensbekenntnis, das man ganz Europa aufzwingen will.

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Man wusste die Deutschen nie so richtig einzuschätzen – einerseits diese wundersame Empfindsamkeit, wie sie sich vor allem in den größten Werken ihrer musikalischen Tradition manifestiert, auf der anderen Seite die nackte Brutalität, wie sie während der Nazizeit mit der Ermordung der Juden verordnet wurde. Das war Xenophobie gegenüber Menschen der eigenen Bevölkerung, die gar keine Fremden waren, sondern in vieler Hinsicht die „besseren“, die überzeugteren und vielfach sogar die patriotischeren Deutschen.

Und jetzt das gerade Gegenteil: eine von oben initiierte Politik der weit geöffneten Arme, um allen Verfolgten der Welt eine Heimat in ihrem Land anzubieten. Der Deutsche gibt Rätsel auf. Zur gleichen Zeit ist er aber auch lästig oder eine offene Gefahr. Unter den Nazis wurde ganz Europa gezwungen, sich der Verfolgung der Fremden anzuschließen, die gar keine Fremden waren. Jetzt soll ganz Europa genötigt werden, die Menschenflut aus anderen Ländern aufzunehmen – im Unterschied zu den assimilierten Juden handelt es sich diesmal um wirkliche Fremde in Lebensart, kultureller Tradition und religiöser Überzeugung. Eine merkwürdige Rechtfertigung. Doch Deutschland setzt sich in seinem Furor über alle Bedenken hinweg. Es tritt wieder einmal mit dem ganzen Pathos und Selbstbewusstsein des Weltverbesserers in Erscheinung.

Gegen alle Vernunft

Kein Zweifel: Ihre Geschichte prägt auch diesmal der Gegenwart den Stempel auf. Ohne die Verbrechen der Nazizeit wäre die an Fanatismus grenzende Begeisterung nicht denkbar, mit der die Deutschen jetzt ihre Grenzen öffnen und jeden Einspruch, jedes Argument der Vernunft im Keim ersticken. Um der Welt zu beweisen, dass sie in Wirklichkeit ganz anders seien: vorurteilslos, opferbereit, allem Fremden gegenüber bedingungslos aufgeschlossen, setzen sie ihre eigene Zukunft aufs Spiel. Zwar ist es nicht völlig undenkbar, dass ein Wunder geschieht und sie einer Million Flüchtlingen Arbeitsplätze und eine neue Heimat bieten. Diese Möglichkeit ist glücklicherweise nicht völlig auszuschließen, aber es ist ganz undenkbar, dass dies kurzfristig mit zwei oder drei Millionen geschieht, dann nämlich, wenn man die bisherige Politik der offenen Grenzen weiterhin bedenkenlos praktiziert und alle Verfolgten aus Afrika und dem Nahen Osten in Deutschland Asyl finden dürfen.

Gute und schöne Gefühle sind bewundernswert, solange sie sich nicht über die Vernunft hinwegsetzen. Vernunft steht aber auch den nur teilweise berechtigten Selbstbezichtigungen im Weg, wonach der Westen und mit ihnen die Deutschen einen Großteil der Verantwortung für Krieg und Not in jenen Ländern tragen. Haben die Vereinigten Staaten nicht mit ihrer gewissenlosen Politik den ganzen Nahen Osten ins Chaos gestürzt? Hat Europa nicht zum Sturz Gaddafis aufgerufen und damit die staatlichen Strukturen in Libyen zerstört? „Mea culpa, mea maxima culpa“ kann man da hören.

Doch die (Bürger-)Kriege in diesen Ländern sind viel weniger eine Ursache der großen Not als deren absehbare Folge. In den meisten Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens kommen auf eine Person zwischen 50 und 65 Jahren, welche einen der vorhandenen Arbeitsposten besetzt, drei bis fünf junge Leute zwischen 15 und 30 Jahren, die sich um diesen einen Posten reißen. Wenn einer von ihnen beim Ableben der Vorgeneration den Posten schließlich bekommt, bleiben immer noch zwei bis vier übrig, die im eigenen Land keine Arbeit finden. Anders als in Indien und Teilen Asiens und Afrikas, wo die Ärmsten an Unterernährung sterben und für Aufruhr und Revolution keine Kraft übrig bleibt, sind die Staaten zwischen Marokko bis Syrien reich genug, um die Arbeitslosen zu ernähren: Soweit funktioniert die Verteilung. Gerade deswegen entsteht aber eine viel gefährlichere Situation: Eine gewaltige Masse an unbeschäftigten, aber keinesfalls hungernden Menschen sieht sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Mit Recht fühlt sie sich zu einem Leben ohne Sinn, Zweck und Anerkennung verdammt. Unter diesen Umständen braucht sich niemand darüber zu wundern, dass in diesen Ländern beständige soziale und politische Gärung herrscht. Die „Überflüssigen“ sind die geborenen und geschworenen Feinde der bestehenden Ordnung, die sie mit allen Mitteln bekämpfen und zu stürzen versuchen.

Einer solchen Gesellschaft westliche Werte vermitteln zu wollen, verrät entweder politische Ahnungslosigkeit oder schlimmer noch: Heuchelei. Wenn auf einen Posten drei bis fünf Anwärter kommen, dann steht die ganze Gesellschaft unter einem so hohen Umsturzdruck, dass nur ein Diktator mit dem Gegendruck der Gewalt den latenten Aufruhr einzudämmen vermag. Der arabische Frühling ist ja genau daran gescheitert, dass noch niemand ein Rezept dafür gefunden hat, wie man in einem wenig entwickelten Land die Zahl vorhandener Posten von einem Tag auf den anderen verfünffacht oder wie man einen einzigen vorhandenen Posten auf fünf Leute aufteilt und trotzdem wettbewerbsfähig bleibt. Das bringt eine Demokratie ebenso wenig wie eine Diktatur zustande. Die Diktatoren sorgen aber immerhin für jenes Minimum staatlicher Ordnung, ohne das keine Gesellschaft funktioniert. Ihre Aufgabe besteht darin, den ungeheuren Druck der zu Recht Unzufriedenen aufzufangen, der andernfalls die Gesellschaft und alle staatliche Ordnung zersprengt.

Der neuralgische Punkt: unbeschäftigte jungen Männer

Dort wo – wie im Irak, in Libyen und Syrien – die Diktatoren gestürzt oder ihnen die Hände gebunden wurden, kommt es zu dieser gewaltsamen Sprengung. Die jungen unbeschäftigten Männer ergreifen die Gewehre, um genau das zu tun, woran sie zuvor von den Diktatoren erfolgreich gehindert wurden: Sie stürzen die vorhandene Ordnung, um die Alten gewaltsam aus ihren Posten zu drängen. Ob dies im Namen von ISIS oder irgendeiner anderen Terrororganisation geschieht, ist letztlich ohne Belang. Der Aufruhr der jungen Männer entlädt sich entweder in barbarischen Kriegen (von außen noch zusätzlich angeheizt), oder die Menschen verlassen ihr Land: Die Töchter scheinen in Revolutionen eine weit geringere Rolle zu spielen. Die Frage, ob das mit nature oder nurture zu tun hat – mit ihrer Biologie oder Sozialisierung – mag die Wissenschaft entscheiden.

Der Krieg ist eben nicht die tieferliegende Ursache dieses Tsunamis, sondern die soziale Demographie (im Unterschied zur ziemlich nichtssagenden Bevölkerungsstärke pro Quadratkilometer), also der Mangel an verfügbaren Posten im Verhältnis zur Masse der Anwärter. Aus diesem Grund ist es letztlich auch unerheblich, ob man es mit Wirtschafts- oder Kriegsflüchtlingen zu tun hat. Die Ursache für beide Arten der Flucht ist letztlich dieselbe.

In der Schweiz kommt auf einen sinnvoll beschäftigten Mann zwischen 50 und 65 weniger als eine Person zwischen 15 und 30 Jahren. Kein Mensch in der Schweiz denkt deshalb an Umsturz, die Zukunft ist für jeden gesichert. In Deutschland liegen die Verhältnisse nicht ganz so günstig und noch viel weniger ist das in Italien oder Spanien der Fall. Es gibt nicht wenige Menschen, die sich auch bei uns als überflüssig empfinden: ein wachsendes „Prekariat“. Niemand von diesen Menschen verhungert, aber sie werden nicht gebraucht, fühlen sich an den Rand gedrängt, ohne Zukunft und deshalb mit wachsendem Hass gegen einen Staat erfüllt, der ihnen keinen angemessenen Platz in der Gesellschaft bietet.

Aus der Vergangenheit wissen wir, dass ein Mangel an verfügbaren Posten nicht unbedingt auf einer (für das jeweilige Land!) zu hohen Geburtenrate beruhen muss. Wenn eine Wirtschaftskrise die Menge an vorhandenen Stellen sprungartig schrumpfen lässt, wie das nach 1929 in Deutschland der Fall war, dann wird die gleiche Wirkung erzielt. Bis zu diesem Jahr war der Nationalsozialismus eine abseitige Ideologie von belächelten Spinnern, danach gelangten sie in schnellen Schritten zur Macht: Der anschwellenden Flut der Arbeitslosen entsprachen die Stimmengewinne der Nazis. Wenn es eines Beweise bedürfte, liefern sie die entsprechenden Zahlen: Die Deutschen (und Österreicher) waren so wenig geborene Juden- und Fremdenhasser wie andere Nationen. In Zeiten der Not hat sie die unablässige Propaganda eines verbrecherischen Regimes erst dazu gemacht.

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