Zeitungsauflagen: Das große Blättersterben

Jahrzehntelang galt in der Medienbranche die Grundregel: Wer schreibt, der bleibt. Heute hingegen schreiben sich die meisten Redakteure, geduldet von Verlegern wie Chefredakteuren, mit ihrer offensichtlichen rot-grünen Selbstverpflichtung von alleine weg.

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Gern werden die Digitalisierung und das oft kostenlose Internet als Grund für den dramatischen Auflagenabsturz der meisten Print­produkte angeführt. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit beziehungsweise – häufig – eine Ausrede. Denn besonders heftig trifft die Leserabkehr die politi­sche Presse. Vor allem konservative Zei­tungen verprellen mit einem rotgrü­nen Begleitkurs ihre Traditionsleser.

Allen voran die „Bild“­-Zeitung. Ver­heerend für das Springer­-Flaggschiff war die Amtszeit von Chefredakteur Kai Diekmann (2001 bis 2015). Vor seinem Antritt verkaufte „Bild“ noch mehr als vier Millionen Exemplare. Diekmann ließ immer mehr gegen seine konserva­tive Leserschaft anschreiben. Er mach­te „Bild“ zum Pro­Flüchtlinge­-Blatt. Höhepunkt war am 26. August 2015 sein Stück „Bild entlarvt – sieben Vorurteile gegenüber Flüchtlingen“. Rundweg alle von Diekmann diktierten „Vorurteile“ wurden schon wenig später durch die Realität bestätigt. So verantwortet der umstrittene Ex­-Chefredakteur unter seiner Regie einen Auflagenverlust bei Europas ehemals größter Tageszeitung von 2.767.222 Exemplaren oder umgerechnet 64,9 Prozent.

Was hätte Axel Cäsar Springer mit so einem Chefredakteur angestellt? Sofort gefeuert. Springer­-Boss Mathias Döpfner hingegen trennte sich von Diekmann,
den er Anfang 2016 noch zum „Gesamt­herausgeber“ machte, erst im Januar 2017. Nur zum Vergleich: Hans­-Hermann Tiedje wurde 1992 von Axel Springer ge­feuert, weil „Bild“ seinerzeit 300.000 Ex­emplare verlor und unter die 4,5­-Millio­nen­-Marke gesackt war.

Diekmanns Nachfolgerin Tanit Koch setzte den verhängnisvollen Kurs wei­ter fort; erst seit März 2018 versucht Ju­lian Reichelt, den freien Fall mit einer teilweisen Rückkehr zum konservativen „Bild“­-Kurs etwas abzufangen. Der jährliche Verlust bei der Kernauflage von Einzel­verkauf (EV) und Abonnement (Abo) lag im ersten Quartal 2019 bei „nur“ minus 9,3 Prozent oder 131.681 Exemplaren.

Hart ist das Geschäft auch für die einst stramm konservative „Welt“.  „,Welt‘ bricht völlig ein“, titelte der Branchendienst Meedia zu den IVW­-Zahlen im ersten Quartal 2019. „Ihre Abos und Einzel­verkäufe brachen gleichermaßen ein, insgesamt um heftige 17 Prozent. Nur noch 70.101 Kunden verzeichnet das Springer­-Blatt.“ Selbst glänzende, meist widerborstige Stücke, die Berlins Medienblase von innen aufstoßen, reichen vorerst nicht, um das verlorene Vertrau­en wiederzugewinnen.

Ähnlich verliert auch der stramm linke „Tagesspiegel“, der jeder Reform widersteht. Und ebenfalls schlimm ergeht es dem „Handelsblatt“: Das frühere Leib- und Magenblatt der Industrie hat jeden ordnungspolitischen Kompass verloren. Die Öffnung ins Grüne durch einen früheren Herausgeber, der sich selbst als angeblichen Mitgründer dieser Partei inszenierte, führte die Zeitung in den Abendsonnenuntergang. Gerade noch 2.726 Käufer holen sich das Blatt am Kiosk.

„Denn die Auflage des “Handelsblatts” war zuletzt rückläufig. Zwar stieg die verkaufte Auflage im 2. Quartal 2019 gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum um 4,5 Prozent, allerdings nur, weil die Düsseldorfer die Zahl der sonstigen Verkäufe um mehr als 62 Prozent anhoben. Der Einzelverkauf brach dagegen im Berichtszeitraum um mehr als 22 Prozent ein, die Zahl der Abos ging um 1,56 Prozent zurück. Auch bei der “WirtschaftsWoche” schrumpften der Einzelverkauf und die Abo-Zahlen in diesem Zeitraum deutlich.“, schreibt der Branchendienst Meedia.

Auch die „Süddeutsche Zeitung“, im wachstumsstarken Bayern daheim, verlor seit 2015 ein Drittel ihres Einzelverkaufs.

„FAZ“ schreibt gegen ihre Leser

Wie ernst die Lage ist, zeigt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Früher Pflichtlektüre für bürgerlich-konservative Leser, kämpft sie heute gegen ihre Leserschaft an. Das Rauswerfen konservativer Herausgeber hält an. Zuletzt traf es im März 2019 den konservativen Wirtschaftspublizisten Holger Steltzner, von dem sich der Herausgeberrat nach fast 17-jähriger Zugehörigkeit zu diesem Gremium trennte.

Wie dankt der Stammleser den „FAZ“-Linksruck? Er wendet sich ab, denn hinter dieser Zeitung steckt immer häufiger kein „kluger“, sondern ein ideologischer Kopf. So ist die verkaufte Auflage von 400.000 Exemplaren (2001) auf jetzt nur noch 241.700 gefallen. Im ersten Quartal verlor die „FAZ“ 7074 Abnehmer (minus 3,5 Prozent) in der harten Auflage (EV + Abo).

Zum Jahresende wird sich die gesamte „FAZ“-Auflage dann fast halbiert haben. Auch die Sonntagsausgabe, ein Spielplatz der nach innen gewandten Selbstverwirklichung, ist in der Abwärtsspirale: Weil die Auflage sinkt, wird die teure Sonntagsbelieferung in immer mehr Orten und Städten eingestellt – zu dünn die Verbreitung.

Höhepunkt der Selbstbezogenheit: Eine junge Autorin ließ sich vor einem Foto des jungen CDU-Abgeordneten Philipp Amthor ablichten und bejammerte, dass der sie nicht antörne – Endpunkt eines ins Ego verliebten Journalismus, der nur noch lau in Café Latte badet.

Auch Politmagazine stürzen ab

Noch drastischer brechen die politischen Magazine „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“ ein. Seit 2001 sackte die verkaufte Auflage des „Spiegel“ von 1,1 Milllionen Exemplaren auf derzeit 701.337 Hefte (IVW 01/2019) ab. Das selbst ernannte „Sturmgeschütz der Demokratie“ kann seine rotgrünen Leser immer weniger binden. Erst recht nicht nach dem Fake-News-Skandal mit erfundenen Geschichten ihrer jetzt gefeuerten, aber zuvor preisgekrönten Schwindelfeder Claas Relotius.
Wie tief man sinken kann, beweisen die Hamburger, wenn sie auf ihren Titeln den „Focus“ kopieren. Das historische Kiosktief verdiente sich der Spiegel mit Heft 14/2019 „Impfen auf Befehl“ – inklusive eines irre dreinschauenden Gesundheitsministers. „Dr. Spahn“ auf dem Cover brachte gerade mal 145.632 Einzelverkäufe. Der Jahresschnitt liegt noch bei 177.600 verkauften Heften.

„Focus“ irrelevant

Besonders hart trifft es den früher konservativ-liberalen „Focus“. 1992 von Chefredakteur Helmut Markwort als bürgerliche Antwort auf das 68er-Hausblatt „Spiegel“ gegründet, stieg das innovative Nachrichtenmagazin kometenartig auf. Ihren Höhepunkt erreichte die „Focus“-Auflage 1998 mit fast 800.000 verkauften Exemplaren. Mit dem Ende der Ära Markwort und seines Nachfolgers Uli Baur begann der große Einbruch mit fast jährlich wechselnden Chefredakteuren und inhaltlichen Kurswenden, die zwischen liberal und konservativ bis hin zum grünen Mainstream schwankten. Als Nachrichtenmagazin wird „Focus“ kaum noch zitiert. So stürzte die verkaufte Auflage von rund 570.000 im Jahr 2012 auf heute noch 373.847 (IVW 01/2019).

Seit Amtsantritt des aktuellen Chefredakteurs Robert Schneider im März 2016 hat das Magazin insgesamt gut 2,1 Millionen Exemplare allein im Einzelverkauf verloren – Anfang 2016 waren im Schnitt noch rund 75.000 Exemplare pro Ausgabe über die Kiosktheke gegangen. Seitdem befindet sich der Absatz im freien Fall: Wurden im Gesamtjahr 2018 von 13 Ausgaben weniger als 50.000 Exemplare am Kiosk verkauft, sind es bis Juni 2019 bereits elf.

Den historischen Tiefpunkt erreichte Heft 10/2019, „Die neue Daten-Medizin“, mit gerade einmal 35.555 Käufern. Aber auch der Titel „Miet-Monopoly Deutschland“ unterschritt die 40.000-Marke mit nur 39.875 Abnehmern. Selbst ein klassischer „Focus“-Titel wie „Das Ende der Mittelschicht“ (Heft 12/2019) fand nur 45.641 Kunden.

Eine Billigoffensive der Verlagsleitung zum Kaschieren der sinkenden Auflage durch künstlichen Mehrverkauf mit drei „Focus“-Heften zum Schleuderpreis von 1,90 Euro und nur 0,99 Cent als E-Paper war ein Schuss in den Ofen. Allein der Einnahmeverlust dieses Notverkaufs gegenüber dem Standard-Copy-Preis am Kiosk macht 708.000 Euro aus. Dem Billigangebot folgten jedoch keine gesteigerten Absätze, sondern gleich sechs Kioskverkäufe klar unter 50.000 Exemplaren. So wie der jüngste Flop durch Heft 22/2019 mit dem Reisebürotitel „Mallorca“. Der interessierte nur 46.289 Kunden.

Da droht ein Loch in der „Focus“-Kasse. Der Jahresschnitt von noch 57.900 Heften am Kiosk dürfte bald Geschichte sein und sich rasant der 50.000er-Marke nähern. Es bleibt abzuwarten, ob die Verpflichtung von Jan Fleischhauer, dem altgedienten „Alibi-Konservativen“ des „Spiegel“ – Kolumne „Der schwarze Kanal“ – dem Blatt zu einem neuen Profil verhelfen kann.

Belanglosigkeit statt Enthüllungen

Mehr oder weniger belanglosen Lesestoff, meinen Kritiker, bietet inzwischen das Gruner + Jahr-Flagschiff „Stern“. Gründer Henri Nannen würde heute von einer Enttäuschung zur nächsten blättern. Einst hatte der „Stern“ mit politischen Enthüllungsgeschichten die Republik erschüttert. Es folgte der Untergang: Zuerst 1983 die frei erfundenen „Hitler-Tagebücher“ und zuletzt eine (bloß billige) Politkampagne gegen die FDP: Im Bundestagswahljahr 2013 verunglimpfte man deren Spitzenkandidaten Rainer Brüderle wegen eines Altherrenwitzes und half mit, die Liberalen aus dem Bundestag zu werfen.

Genutzt hat es nichts. 2018 fiel der „Stern“ erstmals unter die halbe Million. Von 1,4 Millionen Exemplaren Ende der 80er-Jahre und 1,1 Millionen 2001 sind nur noch 476.097 Exemplare (IVW 01/2019) geblieben. Tendenz sinkend.

Weil der Abwärtssog der einstigen Politmagazine so überdeutlich ist, hatten die Verlagsleitungen Ende Oktober 2018 sogar geplant, aus der Meldung der IVW-Heftauflagenzahlen 2019 auszusteigen – negative Fakten stören nur. Nach Häme in Branchendiensten über die selbsternannten Sittenwächter machten die Verlagsoberen einen Rückzieher. So oder so – ihren Niedergang können sie nicht aufhalten. Die abflauende Konjunktur und noch weiter sinkende Werbeerlöse lassen Schlimmes fürchten.

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Kommentare ( 275 )

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275 Kommentare auf "Zeitungsauflagen: Das große Blättersterben"

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung

Habe extra ganz langsam gelesen, weil es so schön ist. Und jetzt lese ich den Artikel noch einmal, bevor ich mich an den Kommentaren erfreue…

Die Stammleser von FAZ, Welt etc. sind nicht weg, nur woanders. Bei Politmagazinen: TichysEinblick. Bei Zeitungen z.B. Junge Freiheit, deren Auflagenzahlen sich in den letzten Jahren genau umgekehrt zum links-grünen Einheits-mainstream entwickelt haben.

Das mit dem Internet ist natürlich völliger Quatsch. Im Internet liest man die großen Artikel. Viele kleinere Artikel, auch und gerade aus dem regionalen Bereich bekommt man dort nicht zu lesen. Das mag bei einer Zeitung mehr, bei einer anderen weniger sein. Richtig ist natürlich die Begründung mit der politischen Einstellung der Redakteure. Ich wäre ja blöd, wenn ich dafür auch noch bezahlen würde, dass man versucht, meine politische Einstellung zu verändern. Neues Deutschland läßt grüßen. Aber offensichtlich geht es den Zeitungen noch schlechter als man annimmt. Denn nicht nur der Tagesspiegel versucht mit seinem Bezirksligen Newsletter neuerdings den Leser… Mehr

Nun ist es allerdings auch so, dass diese Printmedien alle einen Online-Auftritt bereit halten, der für geschätzt 50% der Artikel keine Bezahlschranke vorsieht. Wer also FAZonline, WELTonline, ZEITonline und NZZonline täglich durchstöbert, der bekommt reichlich Lesestoff kostenlos. Dann noch Tichyseinblick und es bleibt kaum noch Zeit für eine gekaufte Zeitung.

Die Kurve des focus sinkt seit ’14 nur noch minimal. Man ist schon am Boden, der Rest sind wohl stramm kommunistische Kernleser. Die Kurven von Spiegel und Stern werden sich auch noch auf niedrigem Niveau stabilisieren. Denn gegen Dummheit ist eben kein Kraut gewachsen. Es wäre sehr schön, wenn die Propagandablätter der Kommunisten untergehen, aber ich wage es nicht zu hoffen. Denn dass der Sozimüll langfristig keine Chance auf dem freien Markt hat, versteht sich. Aber vom freien Markt leben Sozialisten ja auch nicht, sondern von dem, was sie von wertschöpfenden Menschen rauben und erpressen und betrügen. Ich hoffe, ich… Mehr
Volkmar Weiss beschreibt in seinem Buch „Das IQ-GEN – Eine bahnbrechende Entdeckung und ihre Feinde“ sehr ausführlich warum die meisten Journalisten – egal ob bei den Printmedien oder bei TV- oder Radiosendern – so sind (so schreiben und reden) wie sie sind. Nach der Lektüre des Buches weiß der geneigte Leser sehr genau, wie ein Claas Relotius ein preisgekrönten Journalist werden konnte. Danach kann er auch nachvollziehen, wie ein einstiges „Sturmgeschütz der Demokratie“ (nach Selbstauskunft Der Spiegel) zum „Flaggschiff des Barons von Münchhausen“ verkommen konnte. Sollte in Zukunft in dieser Branche ein „Karl-Eduard-von-Schnitzler-Journalistenpreis“ verliehen werden, wäre dies nicht arg verwunderlich… Mehr

Ich habe seit Herbst 2015 keinen einzigen STERN oder SPIEGEL mehr gekauft.Die SZ habe ich ebenfalls abbestellt.Ich brauche keine Belehrungen zum „richtigen“ Denken, sonder Fakten und gut recherchierte Berichte zum Selberdenken.

„Auch die „Süddeutsche Zeitung“, im wachstumsstarken Bayern daheim, verlor seit 2015 ein Drittel ihres Einzelverkaufs.“
Ganz klar, Schuld ist das böse Internet!
Jeder arbeitslos werdende Hofberichterstatter und Haltungsjournalist ist ein Grund zur Freude. Die Zwangsfinanzierten Framingexperten kommen auch noch dran, spätestens wenn die Wirtschaft den Bach runtergeht.

1/3 ist mir aber noch viel zu wenig bei diesem Blatt. Dennoch wird nichts passieren, denn ich denke die werden WDR/NDR quersubventioniert(Rechercheverbund)

Die Huldigung des Jahres gelang Friedes BILD mit: „So schwach, so tapfer“! Zu A. M. wiederholtem absitzen der Nationalhymne. Das holt dann auch der Sportteil nicht mehr raus – nur noch peinlich!

Die Huldigung des Jahrhunderts war der Pranger der Schande. Das hatten wir im letzten Jahrhundert schon einmal, und man huldigt damit immer noch derselben irren Ideologie.

Gut so. Schumpeters „kreative Zerstörung“ wird auch hier wirken: das alte, was den Menschen nicht mehr richtig dient, muss erst noch verschwinden, um damit etwas neuem, besseren Platz zu machen.

Schumpeter verstand etwas von Wirtschaft. Aber nicht viel von Religion.