Bei Miosga: Die alten Gesichter, die alten Erkenntnisse

Pistorius, Röttgen, Neitzel bei Miosga. Sie sind sich sicher: Europa muss einig und stark sein, die Ukraine darf nicht untergehen. Russland ist möglicherweise bald am Ende. Oder viel stärker. Ein Angriff auf die NATO kommt – diesmal bestimmt. Man weiß es nicht. Von Brunhilde Plog

Screenshot ARD / Caren Miosga

Eine Sendung, so wirr wie diese Zeiten. 15 Minuten lang darf sich Verteidigungsminister Boris Pistorius bei Miosga darüber auslassen, was er alles richtig und was er alles nicht falsch gemacht hat. Zum Beispiel im Umgang mit Donald Trump. Dass er eine bewaffnete Reisegruppe nach Grönland schickte und den US-Präsidenten damit erkennbar verärgerte, streitet er ab. „Wieviel haben Sie selbst zum Hochschaukeln des Konflikts beigetragen?“, will Miosga von ihm wissen. „Wir haben überhaupt nichts beigetragen“, sagt Pistoris selbstsicher. Und die von Trump angedrohten Extrazölle, die ganz offensichtlich eine Reaktion auf die Entsendung der Soldaten gewesen sei? Pistorius streitet das ab. Das habe überhaupt nichts miteinander zu tun gehabt. „Die Rücknahme der Zolldrohungen zeigte ja, dass es offenbar ein Missverständnis in Washington gegeben hat“, behauptet er.

„Wir dürfen uns nicht ins Bockshorn jagen lassen“, mahnt Pistorius. Die Strategie des US-Präsidenten sei es, „Politik zu machen mit Verunsicherungen und mit Angst“, aber es gebe auf der anderen Seite nun einmal „keine Ankündigungen der USA, Kräfte abzuziehen“. Auch die NATO stelle niemand in Frage: „Wir haben nach wie vor ein nicht aufgekündigtes Bündnis mit den Amerikanern.“

Lehrstunde beim WEF in Davos
Erneut Hysterie in Europa und ein Erfolg für Trump
Um Pistorius zu kitzeln, lässt Miosga den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj einspielen, der beim WEF in Davos davor gewarnt hatte, Trump könne demnächst Litauen angreifen und die NATO würde dem vermutlich nichts entgegensetzen. Doch Pistorius springt nicht an. Das sei alles „eine hypothetische Frage“. Und was ist mit Trump? Der verunglimpfe gefallene Soldaten der NATO-Partnerländer und würde auf offener Bühne europäische Staatschefs nachäffen, sagt Miosga und fragt: „Wie sehr können Sie einem solchen Mann vertrauen?“ Pistorius aber lehnt es ab, als Schlagzeilen-Generator zu dienen: „Das weiß ich nicht“, sagt er. Es sei „nicht die Mühe wert, jetzt alles zu kommentieren“.

Sönke Neitzel sieht die Dinge, wie er sie immer sieht: hochdramatisch. Der Militärhistoriker, der vor einem Jahr noch orakelte, Europa würde wohl gerade den letzten Sommer in Frieden erleben, sieht noch immer schwarz. „Nach meiner Lesart gibt Trump auf Allianzen relativ wenig“, sagt er. Auf der anderen Seite würde Europa seit 2014 die eigene Entwicklung vertrödeln, vor allem bei der Aufrüstung: „Die ganz großen Fragen gehen wir nicht an: Was ist mit einer nuklearen Bewaffnung Europas?“

Und Putin, so Neitzel, nutze die Verhandlungen, „um einen Draht zu Trump zu entwickeln, einen Deal zu bekommen. Ich sehe überhaupt gar keine Anzeichen, also gar keines, das darauf schließen lassen könnte, dass Putin die Wahrnehmung hat: Er muss den Krieg beenden“.

Weltmacht und Krümelkram
Grönland als Spielball der Weltpolitik – doch nur die Europäer vergaßen darüber ihre Interessen
Norbert Röttgen, stellvertretender Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion, sieht den Auftritt Selenskyjs in Davos kritisch: Mit dieser „Verzweiflungsrede“ sei er „nicht gut beraten“ gewesen. Röttgen wünscht sich mehr Dankbarkeit, schließlich hätten die Europäer gerade vor einem Monat weitere 90 Milliarden Schulden für die Ukraine beschlossen. „Das war politisch keine gute Rede“, sagt er.

Damit niemand vergisst, wie es gerade in Kiew zugeht (abgesehen davon, dass an der Front jeden Monat 25.000 Menschen ihr Leben lassen), ist ARD-Korrespondent Vassili Golod am Start. Er berichtet aus der ukrainischen Hauptstadt von Bombardierungen und Stromausfällen. „Die Lage ist einfach menschenunwürdig“, sagt Golod. „Es bleibt an der Grenze zu einer humanitären Katastrophe.“

Erinnerungen werden wach an die Zeit, als 2014 die Ukraine die Krim-Insel komplett von der Wasserversorgung abschnitt und die Stromversorgung kappte. Damals machte Selenskyj, seinerzeit noch TV-Komödiant, darüber sogar noch Witze im ukrainischen Fernsehen. Doch dieses Kapitel der ukrainischen Geschichte kommt in der Sendung nicht zur Sprache.

Golod ist der Meinung, Selenskyj habe in Davos aus gutem Grund so scharf formulieren müssen, denn andernfalls „hätten die Menschen Fragen gehabt an ihren Präsidenten, ob er denn in einer Parallelwelt lebe“. Dass in nagelneuen, ukrainischen Skigebieten fröhlich gefeiert wird und sich Selenskyjs Minister bisweilen goldene Toilettenschüsseln installieren lassen – diese Anzeichen für eine mögliche Parallelwelt werden in der Sendung selbstverständlich ebenfalls nicht erwähnt.

Machiavelli ist tot, lang lebe die Freiheit
Trump und Milei zerlegten die Agenda des WEF nach Strich und Faden
Die Sendung stellt das Elend in der Ukraine vollumfänglich und live per Schalte dar, doch das ein schneller Frieden möglicherweise für Abhilfe sorgen könnte, ist für die Beteiligten wie immer eine absurde Idee. Selbst die Öffnung der diplomatischen Kanäle nach Moskau lehnt ein Röttgen weiterhin ab. Es sei eine Illusion, zu glauben, „dass durch Gespräche mit Putin irgendetwas zu erreichen wäre“. Er fordert stattdessen „Tempo, Tempo, Tempo“, bei Aufrüstung und der Stärkung der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit: „Da können wir uns unsere Langsamkeit nicht mehr leisten.“

Politologin Daniela Schwarzer hingegen sieht Positives in den jüngsten Entwicklungen, vor allem im europäisch-amerikanischen Verhältnis: „Was die Europäer im Moment sehr geschickt machen, ist dieses Spiel mit verteilten Rollen“, sagt sie. Hier der selbstbewusste Pistorius, dort der unterwürfige NATO-Chef Mark Rutte. Über den Zustand Russlands spekuliert sie: Inflation und Staatsverschuldung seien extrem hoch. Deshalb müsse man sich jetzt fragen: „Was können wir bei der Sanktionsdurchsetzung noch besser tun. Wie kann man Russland auch von innen stärker schwächen?“ Auch Röttgen hat „beachtliche Analysen“ studiert und weiß: Putin „hat seine Wirtschaft total ruiniert“.

Dass sich der Rubel trotz Sanktionen überraschend gut entwickelt und stattdessen der US-Dollar wegen der explodierenden Staatsschulden seit Jahren massiv abwertet, erwähnt Schwarzer nicht. Kein Wunder, sie sitzt schließlich im Vorstand der Bertelsmann Stiftung und hat deshalb eine gewisse Expertise, wenn es um Meinungslenkung geht.

Die Europäer, so Schwarzer, hätten „sehr wohl verstanden: Sie müssen sich viel mehr um sich selber kümmern, sich im Inneren stärken“, vor allem gesellschaftlich. Außerdem die Wirtschaft voranbringen, mit einem Schwerpunkt auf Technologie.

WARUM DIE WELT DEN UKRAINEKRIEG ANDERS SIEHT
Deutschlands Moral-Elite und ihre globale Bedeutungslosigkeit
Die Checkliste der bekannten Parolen wäre damit langsam abgehakt. Zum Schluss lobt die Runde noch die Rede des kanadischen Premierministers Mark Carney, der Trump in Davos Kontra gegeben hatte. „Das ist eigentlich die europäische Führungskraft, die wir brauchen. Nun ist er leider Kanadier“, sagt Schwarzer. Er habe ganz prächtig „nach vorne formuliert“. Röttgen wirft ein: „Das, was er gesagt hat, ehrlich gesprochen, war uns auch schon vorher klar.“ Der CDU-Mann vermisst konkrete Vorschläge: „Eine Sache hat mir gefehlt, und zwar die entscheidende: Was soll denn jetzt getan werden?“

Auch Neitzel fand Carney zwar okay, aber auch nicht viel mehr: „So eine Rede zu halten, ist ja ‘ne einfache Sache“, sagt er. Das Problem sei jedoch nach wie vor die fehlende Atombombe: Nuklear könne Europa nicht mithalten, und da man müsse man jetzt endlich „entsprechende Schritte gehen“.

Der Krieg muss also weitergehen, die Sanktionen müssen weiterlaufen, Gespräche bringen nichts. Russland ist total geschwächt, aber irgendwie auch wieder stark genug, um bald die ganze Welt anzugreifen. Neitzel sagt: „Das kann Putin sicher noch ein paar Jahre durchhalten.“ Ergo: Die Atombombe muss endlich her.

Ergebnis: Alle sind so schlau wie vorher. Wie seit Jahren.

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Kommentare ( 97 )

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moorwald
20 Tage her

Deutschland „kriegstüchtig“ machen? Mit würde es schon genügen, es friedenstüchtig zu machen
Gerade lese ich, Trump wolle der Ukraine Sicherheitsgarantien gegen Gebietsabtretungen gewähren.
Genau darauf wird es hinauslaufen.

JamesBond
21 Tage her

ÖRR abschaffen, für Propaganda werden wir mit einer Zwangsabgabe belastet, das muss erstmal jemand nachmachen …. , wer als Rentner rechnen kann, der darf die Blockparteien nicht mehr wählen … 250 € im Jahr, macht in 10 Jahren?
Denken, Rechnen und dann erst wählen.

andreas donath
21 Tage her

Ich bin lange schon an dem Punkt, wo mich kein Schmerzensgeld dieser Welt mehr dazu veranlassen könnte, mir das einstudierte gruselige Geschwätz diesser zweit- bis drittklassigen Gestalten anzutun, die letztlich maximal zwei Dinge beherrschen: Propaganda und Manipulation auf die dummdreiste Tour. Allenfalls geeignet für ARD-/ZDF-Fans und sowie ZEIT- und FAZ-Leser.

joly
21 Tage her

Für uns ist der Nuklearschirm der NATO ungefähr so sinnvoll wie eine Eiswürfelmaschine in Grönland. Das betrifft auch die Nuklearschirmchen aller anderen Atommächte. Ein Atomarer Schirm der EU – wie soll der aussehen. Wir zahlen den Franzosen weitere 500 Atomsprengköpfe – und dann? Glaubt wirklich jemand, dass die Siegermächte zuschauen, wenn wir uns mit ein paar hundert geleasten Nuklearwaffen zur Atommacht hochrüsten? Wir verstießen ggen alle Verträge diesbezüglich – und wir sollten uns erinnern, dass wir keinen einzigen Friedensvertrag mit den WK2 Sieger-Staaten haben. Wir leben noch immer im Waffenstillstand des 2.WK. Das Geschwätz über die europäische Atommacht oder Deutschland… Mehr

woderm
21 Tage her

– Korrektur empfohlen; Trump?
„Um Pistorius zu kitzeln, lässt Miosga den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj einspielen, der beim WEF in Davos davor gewarnt hatte, Trump könne demnächst Litauen angreifen und die NATO würde dem vermutlich nichts entgegensetzen.“

November Man
21 Tage her

Europa ist sich nicht einig, ist nicht stark, sondern so schwach und so unbedeutend wie nie. Die Ukraine wird weiter untergehen. Russland ist noch lange nicht am Ende. Die habe noch nicht mal richtig angefangen. Wenn Russland wollte, wäre die Ukraine längst Geschichte.  

Buck Fiden
21 Tage her
Antworten an  November Man

Na uns?

November Man
21 Tage her

„Wir sind auf exzellentem Weg hin zur Kriegstüchtigkeit dieses Landes“, sagte Pistorius gestern.
Erst mal ist Pistorius ein Blender und guter Schauspieler der genau weiß wie man Menschen manipulieren kann. Zweitens ist er, nennen wir es mal freundlich, ein „guter Redner“, aber seine vertuschte Inkompetenz ist nicht mehr zu überbieten. Was hat dieser CDU Politiker als deutscher Verteidigungsminister in seiner Amtszeit schon erreicht? Nichts! Aber er redet von Kriegstüchtigkeit, will unsere Land wieder mal kriegstüchtig machen. Während andere, normale Menschen von Frieden und „Nie Wieder“ reden.

nolimit
21 Tage her
Antworten an  November Man

…ist mMn immer noch SPD- Mann, ich gebe aber zu, dass man unsere Blockparteien leicht verwechseln kann!

andreas donath
21 Tage her
Antworten an  nolimit

Dieser angeblich vielen so sympathische Mensch – ich persönlich finde ihn geradezu unfassbar unsympathisch (nach Aussage meines Anwalts durch die Meinungsfreiheit gedeckt) – gehörte in seiner niedersächsischen Zeit sogar dem linken Parteiflügel der Sozis an.

peter63
20 Tage her
Antworten an  nolimit

Hab auch erstmal überlegen müssen wo der jetzt hingehört.

EndofRome
21 Tage her

Ich glaube nicht, dass Putin noch ein Ass im Ärmel hat. Warum hat er dann ohne Gegenreaktion das Assad-Regime in Damaskus fallengelassen und damit inkauf genommen, dass seine ganze Nahostposition verloren geht? Der Iran steht seither allein und Netanjahu und Trump können mit den Mullahs machen, was sie wollen. Weshalb sollen die Russen ihr Pulver trocken halten, um etwa Estland zu überfallen? Die baltische Flotte kann auch jetzt schon in der Ostsee frei operieren, da wären ein paar Dutzend zusätzliche Küstenkilometer kein Gewinn, der es rechtfertigt, sich mit der NATO anzulegen. Warum also hat Putin keine Jagdgeschwader und Fallschirmjäger nach… Mehr

andreas donath
21 Tage her
Antworten an  EndofRome

Wissen Sie, dass es mich anödet, wenn einer nur Ergüsse aus den Haltungsmedien zusammenfasst, einer dämlicher als der andere. Das ist doch Wunschdenken eines verkommenen Systems, dem nur noch seine bescheuerten, nicht mit dem gesunden Menschenverstand kompatiblen Narrative bleiben, die es umso penibler aufrechtzuerhalten versucht. Doch es ist und bleibt reine Propaganda, Durchhalte-Propaganda, und Sie fallen auf solchen Megastuss auch noch herein. Vermutlich weil es ja die für ihre Neutralität berühmte Marionetta Slomka und die für ihre Objektivität anerkannte Agnes Strack-Zimmermann im Fernsehen gesagt haben. Na dann nehme ich sofort alles zurück und behaupte das Gegenteil ……. 😉 Die Ukraine… Mehr

Last edited 21 Tage her by andreas donath
moorwald
20 Tage her
Antworten an  andreas donath

Danke für Ihre offenen Worte
Es war jedem realistisch Urteilenden von Anfang an klar, daß die Ukraine diesen Krieg verlieren würde. Der Preis ist immer weiter gestiegen.
Es ist, wie immer wieder gesagt wurde, ein Stellvertreterkrieg. Der „Westen“ läßt kämpfen, pumpt sinnlos Waffen und Geld in ein korruptes Land. Die Motive sind bekannt: wenigstens einmal gegen Rußland gewinnen. Und vom eigenen totalen Versagen im Inneren mit dem Schüren von Kriegsangst ablenken – ein altbewährtes Rezept.
Und nun soll Deutschland „kriegstüchtig“ werden. Der potentielle Feind kann wiederum nur Rußland sein. Zum Glück nimmt Putin dieses Säbelrasseln nicht ernst.

moorwald
21 Tage her

Die meisten Beobachter sind sich darin einig, daß die Welt machtpolitisch gerade neu geordnet wird.
Es wird wieder so übersichtlich werden wie zu Zeiten des Ost-West-Konflikts. Und „Europa“ wird dabei keine nennenswerte Rolle spielen. Aus eigener Dummheit und ideologischer Verblendung.

Reinhard Schroeter
21 Tage her

Was bis 89 unter Kreml-Astrologie lief findet heute mit der Trump-Astrologie seine ebenbürtige Nachfogerin.

Kassandra
21 Tage her
Antworten an  Reinhard Schroeter

Dabei ist es so einfach, ihm wie der Gesamtadministration im Original zu folgen – was uns hinsichtlich der Russen verunmöglicht wird, kennt man nicht Kniffe. Die russische Botschaft in Berlin ist jedenfalls leicht anzuklicken und bringt oftmals Übersetzungen von Reden wie Erklärungen im Transkript: https://germany.mid.ru/de/aktuelles/
Unsere Regierung scheint uns viel mehr zu verheimlichen – als das, woas dort öffentlich ist.
.
Seltsamerweise ist seit ein paar Wochen Ruhe – hinsichtlich der Panikmache mit dem Titel: „Die Russen kommen“.
Wiewohl andere ihren Jihad ungestört Tag für Tag fortsetzen.