Bei Illner: Liebe Kinder, dieses Jahr hat der Weihnachtsmann Schnupfen

Bei Illner dreht sich alles darum, wie man den kleinen Bürgern das Ganze mit Corona vermittelt. Der Kindergarten ist artig, die Kindergärtner einfühlsam - aber dann wird die Harmonie gestört.

Screenprint: ZDF/maybrit illner

Die Redakteure von Illner haben wohl beschlossen, mal etwas ganz Kontroverses ins Programm zu bringen, als sie das Motto der gestrigen Sendung festlegten: „Feste ohne Freude – wie lang wird der Corona-Winter?“. Man diskutiert nicht, ob die Maßnahmen zu hart, sondern ob sie nicht zu schwach sind, da man der Bevölkerung ja um Weihnachten eine Verschnaufpause gewährt hat – betreutes Diskutieren in der Endstufe.

Also wie ist das mit Weihnachten – ist es fahrlässig, ist es nötig? Bei Illner haben sich Kindergärtner und eine artige Kindergartengruppe versammelt, um sich darüber auszutauschen, wie man das Volk am besten bemuttert bzw. wie man am besten bemuttert wird – mit einer Überraschung, mit der wahrscheinlich auch Illner nicht gerechnet hat.

Der erste Gast des Abends war Helge Braun. Der Chef des Bundeskanzleramtes ist Arzt, was man allerdings nicht merken würde, wenn man es nicht wüsste. Er schaut immer sehr verängstigt, wirkt verstört und dem „harten“ Kreuzverhör des ÖRR nicht ganz gewachsen – aber gut, 22:15 Uhr ist wahrscheinlich schon lange nach seiner üblichen Schlafenszeit, da war das Sandmännchen ja schon da. Er scheint allgemein keinen wirklichen Plan zu haben, vielmehr besteht sein Auftritt daraus, sich und die Regierung aus allem rauszureden, aber das ist ja wohl auch sein Job.

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Einen wirklichen Plan hatte auch der Auftritt von Manuela Schwesig nicht, die Ministerpräsidentin aus Mecklenburg-Vorpommern, die im Grunde nur Regelungen aufsagte. Der Zweck ihres Erscheinens war wohl auch Illner nicht ganz klar, die die gute Frau beinahe als aus Schleswig-Holstein zugeschaltet vorstellte, sich aber mit einem lauten „QUATSCH“ selbst korrigierte. Danach durfte sie dann immer nur das, was Helge Braun sagte, noch mal bezogen auf ihr Bundesland wiederholen, aber statt mit der verunsicherten Stimme Brauns mit dem Tonfall einer strengen Kindergärtnerin.

Ebenfalls eine Kindergärtnerin, aber der anderen Art, war die Psychologische Psychotherapeutin Ulrike Lüken. Mit einer weichen Stimme erklärt sie, dass die Ausnahme zu Weihnachten gut war, um den Menschen eine Belohnung zu geben. Mit bildlichen Metaphern wie „Das ist keine Mittelstreckendistanz, das ist ein Marathon. Aber auch ein Marathon hat ein Ende“, versucht sie das Ganze zu veranschaulichen, für die kleinen Bürger, die das alles sonst noch nicht ganz verstehen können. Mit pädagogischen Ansätzen wie: „Gut, dann Weihnachten halt im Mai (…) warum nicht?“, nimmt sie die Kinder an die Hand und erklärt ihnen, dass der Weihnachtsmann einen Schnupfen hat und sich verspätet, denn für die Erwachsenenunterhaltung sind sie noch zu klein.

Ranga Yogeshwar war auch da; in der Rolle des Erzieherlieblings versuchte der Wissenschaftsjournalist scheinbar alle glücklich zu machen, indem er allen zustimmt, als sei es ein dringendes Herzensanliegen von ihm. Spannend wurde es mit ihm nur kurz, als er in einem Anflug frühkindlicher Rebellion vorschlug, dass Beamte – insbesondere Politiker – deren Job ja gesichert ist, doch auf ihr 13. Monatsgehalt verzichten könnten, um es denen zu geben, die nicht arbeiten dürfen. Es war lustig, wie die anwesenden Politiker sich aus dem Vorschlag wieder rauszureden versuchten. Helge Braun druckste umher, dass die Steuerfinanzierung der Hilfen, die „fairste“ Variante sei und dass alles andere gar nicht nötig wäre – es läuft ja schließlich alles super.

Und das, obwohl Michael Mittermeier nur wenige Minuten vorher beklagt hatte, dass er viele kenne, die noch nicht einmal die Hilfen für den Sommer bekommen haben. Der Komiker Mittermeier sollte an diesem Abend die Kulturbranche vertreten, die ja jetzt arbeitslos ist – aber das zog nicht so ganz, denn ausgerechnet er war zu Anfang noch verhindert und konnte erst zur letzten Hälfte dazustoßen. Als er dann da war, spielte die Technik wohl nicht ganz mit, so dass alles zeitversetzt war. Die Folge: es sprachen erst alle gleichzeitig, dann stoppten alle, dann setzten alle gleichzeitig wieder ein – bis Illner sichtlich genervt keine Lust mehr hatte. Auch wenn er nicht den Eindruck machte, hatte Mittermeier die Sendezeit aber wohl nötig und forderte in einer „Ich bin nicht mehr so ganz jung aber brauche das Geld“-Manier: „Gebt mir die Handynummer von Olaf Scholz!“; denn er wolle den Politiker gerne beraten.

Die Rasselbande emanzipiert sich

Zu guter letzt die Dame, die uns eine kleine Überraschung bescherte: Sibylle Katzenstein. Sie ist Allgemeinmedizinerin und leitet eine Covid-19-Schwerpunktpraxis in Berlin. Sie wurde wohl als Spezialistin dazugezogen (sozusagen die Oberlehrerin), damit sie alles sagt, was man hören will, nur schlauer, die Deutschen lieben schließlich Experten. Allerdings spielte sie in dieser Rolle nicht so ganz mit. Und so konnte man live und in Farbe mit ansehen, wie die Autorität einer Expertin dahinbröckelt – und vom Kindergarten übernommen wurde.

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Im Kindergarten ist man sich eigentlich einig: Weihnachten ist ein Geschenk der Erzieher an die Kindergartenkinder, und dafür müssen alle ganz brav und artig sein und die Kontakte runterfahren, sonst kommt der Weihnachtsmann nicht. Man sprach nicht von mündigen Bürgern, denen in einer Gefahrensituation im demokratischen Rahmen die Grundrechte eingeschränkt werden. Vielmehr wurde über ihren Kopf hinweg entschieden. Der Lockdown und die Maßnahmen sind aus Gründen, die ihren Horizont überschreiten, wichtig – die Frage ist nun, wie man das den Kindern beibringt, ohne dass sie bockig werden und randalieren. Dabei möchte man sich natürlich an die Bedürfnisse der Kinder anpassen, aber „natürlich endet die Freiheit des Einzelnen, wo es um die Gemeinschaft geht“, wie Helge Braun sagte.

Eigentlich ist Katzenstein auch gar nicht so wirklich Kritikerin, auch nicht so sehr den Maßnahmen – der Unterschied zwischen ihr und den anderen liegt viel mehr darin, dass sie der Bevölkerung mehr zutraut. Sie ist über den Kindergarten hinaus. Statt die Kinder zu Weihnachten einzusperren, weil sie zu naiv sind, die Griffel von einander zu lassen, möchte sie aufklären. Aufklären darüber, wie man sich selbst schützt und sogar darüber, wie man sich selbst testet. Und auch was angemessen ist. Die meisten haben nur ein Problem mit denen, die sich nicht genug schützen, die, die sich zu viel schützen, werden außer Acht gelassen. Dazu sagt Katzenstein, dass sie zwar berufsbedingt „mit ihrer Maske verheiratet ist“, draußen aber „nie“ eine trägt.

Mit diesen Vorstellungen konfrontiert sie Helge Braun, fragt ihn immer wieder, warum man es nicht auch anders machen könnte, stützte sich dabei auf ihre Erfahrungen aus der Praxis. Warum muss man gleich die Kontakte beschränken, warum kann man den Menschen nicht beibringen, wie man sich richtig schützt? In ihrer Praxis sind 1.300 positiv getestete Patienten ein- und ausgegangen, und es hat sich keiner ihrer Kollegen angesteckt. „Man muss sich nicht anstecken“, sagt sie. Doch das überfordert wohl alle. Plötzlich wird sie nicht mehr nach den Einschätzungen einer Expertin gefragt, sondern ihre Äußerungen werden als „interessante Plädoyers“ abgestempelt.

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Warum werden nicht mehr Schnelltests produziert? Wenn man schnell das kleine Risiko ausschließen kann, dass man nicht krank ist, kann man doch ganz normal weiterleben. Als Antwort darauf kann man beobachten, wie Braun nach und nach die Ausreden ausgehen. Zuerst war es noch, weil die Nachfrage zu hoch ist. Aber man kann doch noch mehr produzieren? Nein, das geht nicht so schnell, denn die gibt es erst seit September. Katzenstein wirft ein, dass manche sie schon im Sommer hatten, wird aber ignoriert – nicht sie, die Ärztin an der Front, sondern der Politiker hat nun das letzte Wort. Der beginnt alle seine Sätze nur noch mit „naja, aber …“, was aber nichts ändert. Nachdem er zugibt, dass man die nötigen Kapazitäten erst bis „Januar, Februar, März“ zur Verfügung stellen kann, fängt er plötzlich halb an, gegen Corona-Tests zu argumentieren.

Als Katzenstein fragt, warum die Tests von Ärzten durchgeführt werden müssen – er besteht nur aus drei einfachen Schritten – erklärt Braun der Corona-Ärztin, dass man die Patienten nicht mit einer „Diagnose alleine lassen“ kann. Die wiederum wirft ein, dass es ja klar ist, dass ein Patient, der sich positiv testet und dann Angst hat, sich an einen Arzt wendet. Da ist das Argument von Braun plötzlich die „rechtlichen“ Richtlinien, „darüber kann man sich nicht einfach hinweg setzten“. Diesen Satz sagt Helge Braun – ein Politiker, Politiker legen rechtliche Richtlinien fest – so selbstverständlich, als hätte er nicht vor, sich bis März über das Grundgesetz hinwegzusetzen. Eine Spezialistin kommt in einem Kindergarten nicht weiter – da behalten die Kinderpädagogen das letzte Wort. Da geht es nur darum, wie viel man der Bevölkerung zutraut – oder eigentlich: zutrauen will. Nicht viel jedenfalls.

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Kommentare ( 23 )

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23 Comments
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Biskaborn
4 Monate her

Die meisten Deutschen wollen schon längst keine mündigen Bürger mehr sein. Sie lieben die Bevormundung und alle Einschränkungen und glauben den vermeintlichen Experten wenn diese die Regierungsvorgaben bestätigen. Da können Autoren hier schreiben was sie wollen und wir noch so viel kommentieren. Diesen Aspekt muss man immer einbeziehen und berücksichtigen.

Christian
4 Monate her

Wie kann man es aushalten sich solch eine Sendung bis zum Schluß anzusehen, obwohl man schon am Anfang weiß wie das ausgeht?

Manfred_Hbg
4 Monate her

Zitat: „betreutes Diskutieren in der Endstufe“ > Wohlwar, sehr gut gesagt! Und das Schlimme und Traurige ist hier dann auch, dass scheinbar ein nicht geringer Bevölkerungsteil auf diese Quassel- und Blödshows voll drauf abfährt und das Geschwafel der dort sitzenden „Elite“ ohne nachzudenken annimmt und für richtig und glaubhaft hält. Wie ich oftmals sage: Deutschland im Jahre 5 nach 2015 – Das Land der Dichter & Denker wird zum Land der Schwafler & Idioten! Ansonsten kann ich mit Blick auf den Artikel nur noch sagen, dass mir beim lesen trotz aller Ensthaftigkeit und Traurigkeit schon nach den ersten Zeilen ein… Mehr

Manfred_Hbg
4 Monate her

Zitat: „betreutes Diskutieren in der Endstufe“

> Wiweer

Andreas_Berlin
4 Monate her

Schon seit ca. zwei Jahren schaue ich mir diese Veranstaltungen des Bundespresseamtes in den Live-Aussenstellen Illner & Co. nicht mehr an. Vor vielen Jahren habe ich es geliebt, spannende Fersehdebatten, die von Argumenten, Überzeugungen und Positionen getragen waren, zu verfolgen. Ihre Schilderungen zu dieser Illner-Sendung, Frau David, haben das Unterhaltungsniveau von dereinst „Talk im Turm“ in der Zeit mit Erich Böhme. Das wird Ihnen nicht viel sagen, fürchte ich, aber das hatte damals alles, was ich jetzt beim Lesen Ihres Beitrags empfunden habe: der ist kritisch, absolut unterhaltsam, humorvoll und so wunderbar formuliert, dass man noch stundenlang hätte weiterlesen wollen.… Mehr

Wolfgang Mueller-Wehlau
4 Monate her
Antworten an  Andreas_Berlin

Ich kann Ihnen nur zustimmen, ich ertrage diese vom Bundespresseamt organisierten Sendungen auch nicht mehr, hoffe aber sehr, dass Frau David noch einige Jahre ohne andauernde seelische Schäden durchhält. In diesem Sinne, ‚tapfere‘ Frau David, auf zur nächsten Sendung!

Kapitaen Notaras
4 Monate her

Dass die Besitzstandswahrer – und das sind vornehmlich alle von unseren Steuergeldern alimentierten – nicht bereit sind, auch nur auf ein Eckschen ihrer Einkünfte zu Gunsten der Gemeinschaft zu verzichten, ist nicht verwunderlich und schon gar nicht, wenn es linke Kreise betrifft!“

Bitteschön, ich habe es angeboten.

Wer will es haben?

Fuerstibuersti
4 Monate her

ich verbringe die nächsten Stunden in hysterischem Kichern, Nase putzen und Brabbeln wirrer Worte – Danke Frau David!

Fulbert
4 Monate her

„Spannend wurde es mit ihm nur kurz, als er in einem Anflug frühkindlicher Rebellion vorschlug, dass Beamte – insbesondere Politiker – deren Job ja gesichert ist, doch auf ihr 13. Monatsgehalt verzichten könnten, um es denen zu geben, die nicht arbeiten dürfen.“
Guter Vorschlag, aber die Rundfunkgebühren hat der gute Mann geflissentlich vergessen. Gar zu frühkindlich wird es dann doch nicht. Verzicht stets nur bei anderen gefordert, aber das kennen wir ja schon von unseren Kirchenfürsten.

Dr. Rehmstack
4 Monate her
Antworten an  Fulbert

Ich hätte da noch eine Idee: warum reduziert man nicht die MwSt für den Einzelhandel und erhöht sie um den selben Betrag für den Versandhandel?
Zu den Rundfunkgebühren: ich zahle seit Anfang des Jahres nur einen monatlichen Teilbetrag, nun kam vor 8 Wo eine Mahnung mit Mahngebühr, seitdem nichts, die sind wohl alle im home office und das klappt nicht so richtig, Empfehlung an alle: Beschäftigt sie!

Manfred_Hbg
4 Monate her
Antworten an  Dr. Rehmstack

Zitat: „Ich hätte da noch eine Idee: warum reduziert man nicht die MwSt für den Einzelhandel und erhöht sie um den selben Betrag für den Versandhandel?“

> Mhh, in gewisser Weise zwar ein guter Vorschlag. Doch nach ein wenig überlegen denke ich, dass das mit Blick auf die zB auf dem Land wohnenden und die keinen Einzelhandel in ihrer näheren Wohnumgebung haben, auch ungerecht wäre weil die auf den Versabdhandel angewiesen sind.

Hannibal Murkle
4 Monate her

Also wie ist das mit Weihnachten – ist es fahrlässig, ist es nötig?“

Zum alten Termin obsolet. Die Erlöserin wurde laut Wikipedia am 3. Januar 2003 in Stockholm geboren, das wird fortan gefeiert.

Kontra
4 Monate her

Yogeshwar dieser überbewertete……ja was eigentlich? Nennen wir ihn mal die ÖR Allzweckwaffe, konnte sich auf Illners Frage, ob er sich denn impfen lassen wolle, nicht zu einem klaren JA durchringen….interessant!