Manipulativer Journalismus

Eine Lebensstil-Diskussion, in der es um eine ausgewogene Balance von Kalorienaufnahme und einen durch körperliche Aktivität begründeten Verbrauch geht, würden die aktuellen Kampagnen gegen Rezepturen und für Sanktionen zum Einsturz bringen: die Interessen der Pharma-Industrie.

© Getty Images

Die Titelseite der Welt am Sonntag vom 3. Juni 2018 kündigt die Zucker-Sucht mit dem Foto eines Kindes an, das sich Kokain assoziierende Linien per Strohhalm reinzieht. So ethisch fragwürdig hat es noch keiner gewagt. Auf vier Seiten wird dann über „Die Zucker-Krieger“ fabuliert. Der Beitrag hat den Charakter einer Homestory über zwei Akteure, die in erbittertem Streit stehen sollen. In der Sache hat Autor Marc Neller wenig beizusteuern. Mit vertrauenserweckenden Phrasen ist ein Text leichter zu füllen als mit arbeitsintensiven Recherchen. Dafür widmet er sich umso sorgfältiger dem Lächeln und der Handhaltung des einen Kontrahenten sowie dem brachialen Auftreten des anderen, der schon allein deshalb im Recht zu sein scheint, weil er übergewichtig und krank, den Betroffenen gibt.

Die einleitenden Sätze des Beitrags markieren ein politisches Programm. „Ein CDU-Bundestagsabgeordneter und ein Cheflobbyist der Zuckerindustrie stehen im Zentrum eines erbitterten Streites. Dem einen geht es um fettleibige Kinder und Millionen diabeteskranke Bürger, dem anderen um ein Milliardengeschäft.“ Journalistisch ist damit alles fixiert. Einer ist offenbar ehrenwert und glaubwürdig. Der andere ist ein Cheflobbyist und damit Repräsentant von finsteren Mächten. Der eine will Millionen Menschen retten. Dem anderen geht es um ein Milliardengeschäft, für das er offenbar den Niedergang der Menschheit zu akzeptieren bereit ist. Perfekter kann eine Vorverurteilung kaum sein.

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Für die Journalistenausbildung, und das ist der einzige Verdienst der Veröffentlichung, sind die folgenden Seiten in der WamS ein eindrucksvolles Beispiel, wie ein gezielt manipulativer Journalismus funktioniert. Er ist billig und falsch. Er verdeckt mangelnde Recherche und Kompetenz unter Atmosphäre und Details charakterisierender Formulierungen. Er lässt die Kontroverse unterschiedlicher Standpunkte nicht zu, weil er die Wirtschaft und deren Vertreter diskreditiert und die Skandalisierung und das Verschwörungsdenken der Gegenseite als unzweifelhafte Fakten propagiert.

Einer der beiden Kontrahenten, um den es in dieser Kriegsberichterstattung geht, ist Günter Tissen, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker, die in Deutschland rund 30.000 Zuckerrübenanbauer und die deutschen Zuckerhersteller vertritt. Er scheint nach den Beschreibungen des Autors ein sympathischer Mensch zu sein. Das hilft ihm wenig, wenn ein Journalist einen anderen Eindruck erwecken will. So versteigt sich Neller zu der Aussage: „Seine freundliche Unauffälligkeit ist eine seiner wirkungsvollsten Waffen.“ Er unterstellt Tissen, dass es seine Aufgabe ist, seriös aufzutreten und sicherzustellen, dass die Menschen möglichst viel Zucker zu sich nehmen. Tissen könnte sagen, was er will. Er vertritt die bösen Mächte der Wirtschaft, die offenbar um des schnöden Mammons willen ihre eigenen Konsumenten vernichten möchten.

Gummibärchen machen übergewichtig und kompetent

Sein Kontrahent ist der Abgeordnete Dietrich Monstadt, der kräftig, laut und manchmal ungeduldig für die Reduktion des Zuckers in der Nahrung und die Strafsteuern auf diesen angeblichen Krankmacher kämpft. Das ist doch mal ein Kerl. Nach eigener Aussage interessiert sich Monstadt nicht für jede wissenschaftliche Studie und für wissenschaftliche Details. Ihn interessiert das Gesamtbild, das er sich gezimmert hat und an das er glaubt. Er nimmt seinen persönlichen Diabetes Typ 2 als Expertise. Das muss reichen. Endlich einmal ein Diabetiker, dem seine Erkrankung öffentliche Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit bringt.

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Realistisch betrachtet ist er jedoch das beste Beispiel dafür, dass wir nicht über Zucker, sondern über den Lebensstil diskutieren müssen. Einem Journalisten, der sogar auf die Handhaltung seiner Gesprächspartner achtet, hätte dieser Widerspruch eigentlich auffallen können. Neller beschreibt die Geschichte von Dietrich Monstadt, der bei seiner Anklage gegen den Zucker die Hand auf seinen sich unter dem Hemd wölbenden Bauch, so zumindest die WamS, legt. Diese Geschichte muss hier wörtlich zitiert werden: „Er war mal sehr sportlich, hat Wasserball gespielt, hochklassig, und Handball. Er aß gern Nudeln, Pizza und italienisches Eis, große Portionen, er trank Cola, Limonade und Trinkjoghurts. Solange er viel trainierte und spielte, war das kein Problem. Als er Ende zwanzig war, kam das erste Kind, wenig später kamen die ersten Jobs als Anwalt, da blieb für den Sport keine Zeit mehr. Monstadt saß die meiste Zeit des Tages in seinem Büro, aß Mars, Schokolade und Gummibärchen. Wenn der Stress zunahm, wurden die Süßigkeiten mehr.“

Diese von Monstadt vorgetragene Lebensbeichte müsste stutzig machen. Zucker erzeugt die Krankheit Zucker ebenso wenig, wie Wandern zu einer Wanderniere führt. Es waren nicht die Gummibärchen, die den sitzenden Anwalt und Parlamentarier bedauerlicherweise zum Typ 2-Diabetiker gemacht haben. Es war seine unbeherrschte Kalorienzufuhr in Relation zu einem dramatischen Bewegungs-Defizit. Das mag keiner hören und auch der WamS passt es nicht in die beabsichtigte Tendenz. Wären die Gummibärchen durch eine Strafsteuer um 30 Cent pro Tüte teurer geworden, auch diese konsequente Frage drängt sich auf, hätte es Leibesfülle und Gesundheit von Monstadt beeinflusst? Wohl kaum. Er wäre sitzen geblieben und hätte Mars, Schokolade und Gummibärchen gegessen. Bewegung dagegen hätte ihm, seinem Gewicht und damit auch seiner Gesundheit gut getan.

Lebensstil muss das Thema sein

Es geht nicht um den Zucker. Er ist nur der Hebel für Profilneurotiker und Geschäftemacher, die eine Misstrauenskultur der Ernährungswirtschaft gegenüber aufbauen. Eine Lebensstil-Diskussion, in der es um eine ausgewogene Balance von Kalorienaufnahme und einen durch körperliche Aktivität begründeten Verbrauch geht, würde die aktuellen Kampagnen gegen Rezepturen und für Sanktionen zum Einsturz bringen. Der Hinweis auf körperliche Aktivität in einer zunehmend bewegungsarmen Zeit wird deshalb als trickreiche Ausrede zur Täuschung der Verbraucher diskriminiert.

Oliver Huizinga, bei Foodwatch für Kampagnen zuständig, lügt den Autor dieses Beitrages vor laufenden Kameras an. Er behauptet, dass es keine Zahlen zum Rückgang der Bewegung gibt, obwohl er die KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts kennt. Diese geht detailliert auf die dramatische Bewegungsarmut bei Kindern und Jugendlichen ein.

Der Spiegel, der natürlich auch die Zucker-Agitation im Kampf gegen die Ernährungswirtschaft mit seinem redaktionellen Sendungsbewusstsein unterstützen möchte, publiziert am 7. April 2018 die Titelgeschichte „Süße Sucht“. In dem gesamten Beitrag kommt das Wort Bewegung nicht einmal vor. Und das, obwohl der Autor Jörg Blech selbst ein Buch geschrieben hat, nach dem klinische Studien beweisen, dass körperliche Bewegung hilft, Krankheiten wie Diabetes zu besiegen oder einem Herzinfarkt vorzubeugen. Seine Agitation im Spiegel erwähnt dieses Thema mit keinem Wort. Es passt einfach nicht zur Anti-Zucker-Strategie. Medien degenerieren hier zum „Wachtturm“ eines Wirtschaftsunternehmens wie Foodwatch. Kritische Anmerkungen, irritierende Fakten oder auch nur der gesunde Menschenverstand werden ignoriert oder mit Lobbyvorwürfen überzogen.

Fakten statt Agitation

Für die Kriegsberichterstattung in der WamS hätten Recherchen interessante Fakten zur Meinungsbildung an den Tag bringen können. Einige Beispiele: Wer zu viel zugesetzten Zucker isst und trinkt, kann leicht Karies bekommen, wird behauptet. Eine postfaktische Behauptung, die durch sachliche Statistiken widerlegt wird. Während der 80iger Jahre des letzten Jahrhunderts hatten die zwölfjährigen Kinder in Deutschland durchschnittlich sieben kariöse Zähne. Seither ist der Verzehr der angeblich verwerflichen Limonaden und Süßigkeiten eher gestiegen als gesunken. Was ist die dramatische Konsequenz? Heute sind es durchschnittlich 0,7 kariöse Zähne. Im August 2016 präsentierten die Bundeszahnärztekammer und die Zahnärztliche Bundesvereinigung ihre Mundgesundheitsstudie. Die ernüchternde Zahl: 81,3 Prozent der zwölfjährigen Kinder sind kariesfrei. Realität kann erschreckend störend für Ideologien sein.

Die rote Liste regulierungsbedrohter Branchen
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Die internationale Gewichtsdiskussion, von Grenzwerten über Empfehlungen bis hin zu den Kampagnen gegen den Zucker und für die politische Regulierung der Verbraucher, wird seit über 20 Jahren durch Prof. Philipp James geprägt, dessen Netzwerk sogar die WHO zum Erfüllungsgehilfen seiner Strategie macht. Er hat die International Obesity Task Force (IOTF) aufgebaut, mit deren Netzwerk er die Diskussionen und Entscheidungen der WHO lenkt. Dem international prägenden Übergewichts-Guru konnte nachgewiesen werden, dass er enge Verbindungen zu den Herstellern von Abnehmpräparaten hatte und von diesen mit Millionen finanziert wurde. Von „The Mail on Sunday“ bis zum renommierten „British Medical Journal“ wurde detailliert aufgelistet, dass die in der Öffentlichkeit als unabhängige Institution und Beraterin der WHO auftretende IOTF maßgeblich mit Geldern der Pharmaindustrie gegründet wurde. Die beteiligten Pharmakonzerne wollten Mitte der 90iger Jahre eine Institution schaffen, die Übergewicht als ernsthaftes medizinisches Problem definiert und Vorsorge und Strategien zur Behandlung promotet. Die Arbeit der IOTF war ihnen viele Millionen wert. Sie finanzierten rund 75 Prozent der Task Force, die den Menschen einzureden hatte, sie seien dick und damit gesundheitlich gefährdet.

Zucker wie Nikotin oder Kokain?

Auch die angebliche Zucker-Sucht, von der WamS auf der Titelseite durch die Assoziation mit Kokain thematisiert, wäre für eine Recherche lohnend gewesen. Dieses Thema wird von der an der Queensland University (QUT) in Australien wirkenden Professorin Selena Bartlett promotet. Sie hat einen interessanten Hintergrund als Pharma-Propagandistin für Entwöhnungspillen gegen Nikotinsucht. Um einen aktuell bröckelnden Milliardenmarkt abzusichern, wird eine neue Sucht gebraucht. Da ist der Zucker doch ein attraktiver Hebel zur Gestaltung des Marktes. Die Pillen, für die Frau Bartlett seit Jahren arbeitet, haben lediglich einen Nachteil. Weil sie das Belohnungs- und Lustzentrum im Gehirn blockieren, steigt der Wunsch, von der Brücke zu springen. Deshalb muss das Präparat Warnhinweise tragen. Da hätte man doch besser eine Tafel Schokolade gegessen. Das Leben wäre lebenswerter und auch länger.

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Und auch bei der von der WHO empfohlenen Höchstmenge an Zucker pro Tag wäre die Recherche interessant gewesen. Diese in der WHO heftig umstrittene Empfehlung vom 4. März 2015 basiert auf drei japanischen Beobachtungsstudien, die verglichen haben, welche Auswirkungen in Japan die dramatische Verknappung von Zucker im Jahr 1946 im Vergleich zur Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg hatte. Es keimt schon Mitleid auf, wenn die WHO über 70 Jahre alte Daten zur Karieshäufigkeit bemühen muss, um eine aktuelle Empfehlung zum Zuckerverzehr zu formulieren. Aber auch in solchen Fällen weiß Philipp James Rat. Um den alten japanischen Zahn-Daten den aktuellen Biss zu geben, publizierte er mit seinem emeritierten Kollegen Aubrey Sheiham im September und Oktober 2014 noch schnell zwei zusammenfassende Berichte auf Basis der japanischen Daten. Karies, weil nicht primär ein Zucker-Problem, wurde dann auch gleich aus dem Titel eliminiert. Das Ziel der Initiative wurde zur Headline: „Anregung zur Limitierung des Zucker-Konsums“.

Am 4.6.2018, dem Montag nach Erscheinen der Kriegsberichterstattung in der WamS, hat Papst Franziskus bei einer Audienz für die Jury eines italienischen Journalistenpreises betont, dass Journalismus ein hoch anspruchsvoller Job sei. Die Wahrheit, so der Papst, sei das Grundelement der Medienarbeit. Und man kann davon ausgehen, dass er am Tag zuvor die Welt am Sonntag noch nicht einmal gelesen hatte.

Detlef Brendel ist als Wirtschaftspublizist tätig und leitet eine Presseagentur. Er ist Autor des Buches „Schluss mit Essverboten“, in dem er sich u.a. kritisch mit der Bevormundung der Verbraucher beschäftigt.

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Kommentare ( 17 )

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Da gab es doch vor über 20 Jahren schon einmal einen Fall mit einem (ich glaube) Manager, der Mars verklagt hatte, ihre Produkte wären daran schuld, dass er an Diabetes erkrankt war. Er hatte den Prozess damals verloren.

Ich glaube, es ging gegen Coca Cola, weil er jahrzehntelang jeden Tag Cola getrunken hatte und nun klagte, weil Cola keinen Beipackzettel mitgeliefert hatte, auf dem stand, dass der Zuckergehalt Diabetes verursacht. Gerichtsentscheidend war wohl eine wissenschaftliche Aussage, dass Zucker nicht ursächlich für Diabetes ist.

Mars ist so riesig, da gibt’s genug Auswahl ohne Zucker.