Die Infragestellung des Menschen

Was ist Transhumanismus, wohin strebt er, und wo zeigt er sich bereits in unserer Gegenwart? Mit „Transhumanismus. Welche Zukunft wollen wir?“ trägt Harald Walach wichtige Aspekte zur Auseinandersetzung mit dieser Ideologie bei. Ist es womöglich an der Zeit, sich vom Materialismus zu lösen?

Der Transhumanismus gilt als eine der bestimmenden Herausforderungen der Zukunft, die im Hier und Jetzt Gestalt anzunehmen beginnt. Die einen sehen darin die Verheißung einer besseren Welt, die anderen die Verwirklichung einer Dystopie. Kann der Mensch mit technologischen Mitteln über sich hinauswachsen, und wenn ja, entspricht dies der Erfüllung oder der Abschaffung des Menschseins?

In seinem Buch Transhumanismus. Welche Zukunft wollen wir? erörtert der Psychologe Harald Walach Wesen und Ziele des Transhumanismus und gibt konkrete Beispiele für praktische Versuche, den Menschen im Sinne transhumanistischer Ideen zu verändern.

Wie Papst Leo XIV. in seiner Enzyklika Magnifica Humanitas skizziert, existiert (noch) kein geschlossenes Konzept für das, was Transhumanismus ist. Der Begriff umfasst ein Sammelsurium von Ideen, Zielen und Herangehensweisen an diese Ziele.

Dementsprechend bietet Walach keine vollumfängliche Definition, sondern eine Annäherung. Er beschreibt Wesen und Kern transhumanistischer Ideen und gibt Hinweise darauf, wo heute bereits Forschung und Entwicklung in einem transhumanistischen Geist erfolgen.

Damit tritt er in eine Debatte ein, die in den nächsten Jahren an Fahrt aufnehmen wird. Denn neben der religiösen Überzeugung, dass der Mensch ein auf die Transzendenz ausgerichtetes Wesen sei, das also gerufen ist, sich geistlich selbst zu übersteigen, tritt die Frage, ob dies auch für die Materie gilt; ob der Mensch also dazu befugt ist, die Grenzen seiner physischen Existenz zu übersteigen, und wenn ja, bis zu welchem Grad.

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Besondere Beachtung verdienen Walachs Ausführungen in der ersten Hälfte des Buches. Hier widmet er sich lebendig und anschaulich verschiedenen Begriffsbestimmungen und -klärungen, problematisiert und kritisiert Vorannahmen, die dem Transhumanismus zugrunde liegen und schafft eine Art Gesamtbild, das den Leser befähigt, sich im Dschungel der kursierenden Termini zurechtzufinden. Transhumanismus, Posthumanismus, Szientismus, Materialismus – eine Menge „ismen“, die nicht immer leicht zuzuordnen sind. Dies baut auf dem lesenswerten Geleitwort von David Lorimer auf, das man auf keinen Fall überspringen sollte.

Hervorzuheben ist die Sorgfalt, mit der Walach zwischen Wissenschaft, Ideologie und Religion differenziert. Walach ordnet Transhumanismus als dezidiert nicht wissenschaftliche, sondern mindestens ideologische, oft gar (pseudo-)religiöse Bestrebung ein. „Trotz aller gegenteiligen Behauptungen seiner Anhänger“ liege dem Transhumanismus „keine rationale Denkweise zugrunde.“ Eine These, die Walach gründlich herausarbeitet.

Dies mag irritieren, da Transhumanismus sich ganz vorrangig auf dem Gebiet der Naturwissenschaft abspielt. Walach legt aber stringent, knapp und verständlich dar, wie der Wissenschaftsbegriff von Transhumanisten umgedeutet wird und letztlich keine Wissenschaft mehr darstellt: Es handle sich um eine „neue, postmoderne Religion“ einer „materialistisch ausgerichteten Wissenschaft“. Den religiösen Kern des Transhumanismus macht Walach unter anderem am Begriff der Hoffnung fest, die sich im Transhumanismus auf den wissenschaftlichen Fortschritt richte. Hoffnung aber, so Walach, sei ein Kennzeichen der Religion. Während Religionen die bessere Zukunft im Jenseits, in einer transzendenten Wirklichkeit ansiedeln, „erwarten Transhumanisten, dass diese hier auf der Erde, materiell, verwirklicht wird.“

Diese Hoffnung geht unter Umständen so weit, dass man nicht nur glaubt, ein „besseres“ Leben verwirklichen zu können, sondern Krankheiten oder gar den Tod vollends zu besiegen.

Walach geht durchaus differenziert darauf ein, dass sich zum Beispiel im Christentum die erhoffte Wirklichkeit zwar schon im Diesseits zu entfalten beginnt, aber – und das ist entscheidend – nicht vollendet werden kann.

Diese Selbstbegrenzung, die echte Religionen auszeichnet, fehlt dem Transhumanismus. Hier setzt ein Kritikpunkt Walachs an: Der rein materialistische Fortschrittsbegriff einer rein materialistisch verstandenen Wissenschaft fragt nicht, ob der angestrebte Fortschritt wünschenswert ist, ob Risiken und Folgen in einem angemessenen Verhältnis zum angestrebten Ergebnis stehen, und so weiter. Die Optimierung, im Englischen als „Enhancement“ bezeichnet, wird zum Selbstzweck.

Walach macht selbstbewusst als Tatsachen geführte transhumanistische Überzeugungen als Annahmen und Axiome sichtbar: Die Evolution habe den Menschen hervorgebracht, mit ihm die Wissenschaft und die Erkenntnis über die Evolution selbst. Dies würde nun so interpretiert, dass die logische Fortführung darin bestünde, den evolutiven Prozess selbstbestimmt zu steuern.

Walach schätzt die Erfolgsaussichten dieses Ansinnens als sehr viel geringer ein als „Jünger“ des Transhumanismus. Er verweist auch hier auf den mangelnden wissenschaftlichen Charakter: Man lasse sich weniger von wissenschaftlichen Hypothesen leiten als vielmehr von „quasi-religiösen“ Hoffnungen – die Walach unumwunden als „unbegründet“ bezeichnet. Er macht bei den betreffenden Akteuren einen Mangel an handfestem Wissen, etwa über genetische Vorgänge, aus.

Walach stellt nicht nur die Frage nach der Umsetzbarkeit der „Verbesserung“ des Menschen, sondern auch danach, ob dies überhaupt wünschenswert sei.

Dem Einwand, dass „Verbesserungen“ keine Zukunftsmusik sind, sondern dass Anwendungen wie Brillen oder Herzschrittmacher gang und gäbe – und von großem Nutzen und Segen – sind, um dem Menschen über bestehende Begrenzungen hinwegzuhelfen und ihm ein besseres oder längeres Leben zu ermöglichen, begegnet der Autor, indem er Abwägungen skizziert. Diese betreffen Verhältnismäßigkeit und Risiken, aber auch die grundlegende Idee, die jeweils hinter dem Fortschritt steht – nämlich, ob hier die dem Transhumanismus eigene Ablehnung der Begrenztheit an sich vorliegt, die Kritiker, auch Walach, als Hybris bewerten.

In der konkreten Betrachtung transhumanistischer „Projekte“ arbeitet sich Harald Walach von allgemein bekannten und nicht weiter hinterfragten Versuchen, über Medikamente gewünschte Wirkungen zu erzielen – namentlich zum Beispiel Viagra oder auch Antidepressiva –, zu utopischeren Anliegen vor – etwa der Konstruktion von Cyborgs, also der Ergänzung des menschlichen Organismus durch Maschinen, oder der Überzeugung, das Bewusstsein des Menschen ließe sich eines Tages extern hochladen und speichern.

Die im Zusammenhang mit Medikation dargelegte Kritik an der unwissenschaftlichen Haltung, zeitgenössische Hypothesen seien endgültig bewiesen, ist unabhängig vom Transhumanismus interessant. Walach legt transparent dar, dass der „Stand der Wissenschaft“ nur ein vorläufiger ist. Allerdings wäre zu fragen, ob seine Zuordnung von derlei Medikamenten zum Dunstkreis des Transhumanismus zutreffend ist – wie die stimmungsaufhellende Wirkung von Antidepressiva zu bewerten ist, ist sicherlich eine spannende Frage, in der er als klinischer Psychologe bewandert ist. Dass ihr Einsatz mit transhumanistischem Gedankengut zusammenhängt, erscheint zumindest nicht zwingend.

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Als weitere Bereiche der „Verbesserung“ des Menschen nennt Walach unter anderem direkte Eingriffe durch Genmanipulation – hier widmet er sich ausführlich der mRNA-„Impfung“ im Zuge von Covid-19 – sowie die Transideologie.

Die Ausführungen zu letzterer gestalten sich ein wenig umständlich. Allerdings bieten sie spannende Einsichten. Denn die Transideologie beeinflusst nicht nur bereits die Gesetzgebung. In kurzer Zeit hat sie unter jungen Menschen Fuß gefasst und prägt die Kultur stark, etwa über veränderte Sprache. Mittlerweile ist die ideologisch-esoterische Überzeugung, dass ein Mensch im falschen Körper gefangen sein könne, in bestimmenden Milieus selbstverständlich, Widerspruch hat mitunter ernste negative Konsequenzen. Ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich ideologisches und pseudoreligiöses Denken ausgerechnet in biologisch und naturwissenschaftlich verankerten Bereichen festsetzt, die man für „unangreifbar“ halten sollte. Auch die negativen Folgen zeigen sich hier: Der Mensch, der sich über die Begrenzung durch die eigene Geschlechtlichkeit hinwegsetzt, führt eben gerade kein erfüllteres, sondern ein verstümmeltes Leben.

Die in Windeseile erfolgte Normalisierung zeigt, wie wirkmächtig die Idee der Selbstübersteigung sein kann – Harald Walach ist davon überzeugt, dass transhumanistische und transhumanistisch angehauchte Glaubenssätze im allgemeinen Bewusstsein bereits stark verankert sind, und veranschaulicht dies anhand von Umfrageergebnissen.

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Wiederum trifft er sich hier mit der Enzyklika Leos XIV., der festhält, dass transhumanistische Ideen „das kollektive Bewusstsein insbesondere in den Medien und sozialen Netzwerken“ gleichsam „kolonisieren“, indem sie mit einer „futuristischen Vision vom Menschsein“ werben.

Walach tritt demgegenüber für eine andere Form des Fortschritts ein, nämlich für eine Emanzipation vom unhinterfragt als unhintergehbar angenommenen Materialismus und für eine Wiederentdeckung des geistlichen Wesenskerns des Menschen, der über die Materie hinausgeht: „Vielleicht brauchen wir einen neuen Diskurs, um zu klären, was unserer Meinung nach den Kern eines Menschen ausmacht, eine Art postmaterialistische Anthropologie“, so Walach.

Mit dieser Anfrage und diesem Anspruch fordert er von der Naturwissenschaft selbstkritische Reflexion ein, der sie sich heutzutage oft entzieht, indem sie Anfragen aus anderen Disziplinen nicht zulässt oder andere Methoden als die ihren pauschal abtut.

Zugleich eröffnet sich hier die Perspektive, Transhumanismus als Sackgasse zu definieren, in die auf die Spitze getriebener Materialismus mündet und aus der ein Entkommen möglich ist, indem das transhumanistische Streben nach Optimierung in den angemessenen Kontext geistiger und geistlicher Entwicklung des Individuums zurückversetzt wird.

Ein Ansatz also, der einen wichtigen Beitrag leistet zu den anstehenden Diskussionen darüber, wer wir sein wollen und welche Zukunft der Mensch haben soll, kann und darf.

Harald Walach. Transhumanismus. Welche Zukunft wollen wir? Discorso Verlag, Paperback, 300 Seiten, 29,80 €


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