Wahrsprecher leben gefährlich

Katja Leyhausen analysiert die Corona-Zeit aus sprachwissenschaftlicher und gesellschaftskritischer Perspektive. Besonderes Augenmerk legt sie auf die Analyse politischer Sprache und ihrer Wirkung. Zudem setzt sie sich mit Zukunftsszenarien, Risikokommunikation und Massenbildung auseinander. Persönliche Erfahrungen während der Pandemie fließen ebenfalls in die Essays ein.

Soziologen und Philosophen wie Hannah Arendt oder Mattias Desmet, die den Prozess der gesellschaftlich-psychologischen Massenbildung untersuchten, kommen zu dem Ergebnis, dass dieser Prozess zu drei Personengruppen führt. Da ist zunächst die Gruppe, die an die „Erzählung“, den Kristallisationspunkt der Masse, glaubt. Dieser Glaube ebnet überhaupt erst den Weg zur „Masse“. Eine zweite Gruppe glaubt zwar nicht unbedingt an diese massebildende Erzählung, läuft aber aus opportunistischen Gründen mit der ersten Gruppe mit. Schließlich gibt es noch die „störende“ Gruppe derjenigen, die nicht an die Erzählung glaubt und dies den anderen auch zu verstehen gibt. Während die klassischen Werke von Gustave Le Bon und Hannah Arendt in den neunziger und nuller Jahren in den westlichen Staaten vor allem als Analysen historischer Ereignisse wie der Französischen Revolution, des Kommunismus oder des Nationalsozialismus gelesen wurden, haben sie heute eine unheimliche Aktualität wiedererlangt. Es gibt sogar mehrere Erzählungen, die um die Vorrangstellung bei der Massenbildung ringen. Sie alle – die Erzählung vom Postkolonialismus, vom Klimasterben und von der kritischen Gendertheorie – stehen im Zeichen von Ängsten, Schuld und tiefer Verunsicherung.

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Ein Musterbeispiel hierfür ist die Corona-Krise. An ihr lassen sich die Charakteristika der Massenbildung in besonderer Deutlichkeit ablesen. Um den Alpdruck der beschworenen Todesgefahr zu kompensieren, flüchteten sich die Menschen in den Rausch der Verbundenheit, das Aufgehen in der Masse und den Glauben an die offiziellen Verlautbarungen – einen sogenannten „Krankheitsgewinn“, der mit der Unterdrückung abweichender Meinungen einhergeht. Genau davon handelt das neue Buch der Germanistin und Romanistin Katja Leyhausen.

Leyhausen gehört zur dritten Gruppe der Masse. Sie hat sich gegen die Aufrechterhaltung der Corona-Erzählungen gewehrt, an die Politik und die Masse noch festgehalten haben, als dies nur noch durch Nichtbeachtung und Unterdrückung dissidenter Meinungen möglich war. Sie hat an Protesten gegen die Corona-Maßnahmen teilgenommen und sich mit Behörden, Schulleitungen, Nachbarn und Freunden auseinandergesetzt. Dabei hat sie die Formen der Ausgrenzung und Diskriminierung am eigenen Leib zu spüren bekommen, wie es so vielen Menschen erging, die nicht in Reih und Glied mit der Masse marschierten. Eine solche Ausgrenzung und Diskriminierung hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie zuvor gegeben. Um dem Gefühl der Isolation und Vereinsamung entgegenzutreten, schloss sie sich der Initiative 1-19 an. Diese ist benannt nach den Ziffern der Artikel 1–19 des Grundgesetzes, die dessen Kern bilden, und hat sich auf die Fahne geschrieben, die Grundwerte zu verteidigen und die demokratische Debattenkultur zu fördern. Die Essays und Reden, die jetzt in Buchform zusammengefasst wurden, erschienen in den Jahren 2021 bis 2025 vornehmlich im „Magazin der Initiative“ erschienen.

Leyhausen wählt den originellen Ansatz, die Aspekte der Massenbildung und der beschrittenen Irrwege vornehmlich unter sprachlich-linguistischen Aspekten zu analysieren. Schon der Titel „In unerforschte Gebiete weit hinaus“ deutet eher auf ein literarisches Werk hin, was durchaus seine Berechtigung hat, denn das Buch kommt nicht mit Ellenbogen daher, sondern besticht durch seine unaufdringliche, sachliche und elegante Art. Allein dadurch unterscheidet es sich deutlich von vielen anderen Werken, die von der Corona-Zeit handeln und die Leserschaft bereits auf der Titelseite mit aggressiven Begriffen wie „Massenmord” und passenden Superlativen anspringen. Genauso bescheiden wie der Titel und das Auftreten ist die äußere Form. Mit seinem DIN-A6-Format und Broschur-Einband ist es eigentlich ein Büchlein. Das schmälert seine Bedeutung jedoch in keiner Weise.

Der Titel des Werks hätte auch „Wahrsprechen“ lauten können, denn das umfangreichste, in drei Teile aufgeteilte Essay, das den Titel „Parrhesia“ trägt – so bezeichneten die alten Griechen das Wahrsprechen –, bildet wohl den Kern des Buches, und insgesamt bildet das Phänomen des Wahrsprechens das Leitmotiv der gesamten Sammlung. Bei der Begriffsdefinition orientiert sich die Autorin an den Berkeley-Vorlesungen des französischen Philosophen Michel Foucault aus dem Jahr 1983, in denen Parrhesia als Praxis der freien Rede bezeichnet wird. Es geht darum, frei seine Meinung zu äußern, ohne rhetorische Absichten, denn jemand, der sich der Rhetorik bedient, versuche – laut Foucault – anderen Ansichten zu vermitteln, die er selbst nicht teilt. Für jemanden, der „wahr spricht“ gilt das Gegenteil.

Voraussetzung für das von den Griechen so geschätzte Wahrsprechen ist jedoch, dass sich der Wahrsprecher durch seine Äußerungen in Gefahr begibt, indem er Kritik an Mächtigen, an der Mehrheitsmeinung oder an Freunden äußert. Daraus folgt, dass die Mächtigen selbst oder die Mehrheit in einer Demokratie nicht als Wahrsprecher auftreten können. Während der Corona-Krise gaben sich die Politiker als Wahrsprecher aus und stellten ihre eigene Deutung unter Bezugnahme auf eine abhängige „Wissenschaft“ als letzte Wahrheit dar und beanspruchten damit eine Berechtigung, die sie eigentlich nicht hatten. Die eigentlichen Wahrsprecher wurden aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt.

Es ist hochinteressant, diesen Prozess einmal aus der von der Autorin gewählten Perspektive zu betrachten. Trotz der Verbitterung, die dies in ihr sicher ausgelöst haben mag, bleibt ihre Kritik an den falschen Wahrsprechern stets maßvoll. Sie hebt hervor, dass Parrhesia auch bedeutet, ehrlich zu sich selbst zu sein, und dass sie einen pädagogischen Auftrag beinhaltet, nämlich andere in die Lage zu versetzen, die Wahrheit über sich selbst zu entdecken. In diesem Zusammenhang spricht Leyhausen auch die stoische Selbstprüfung an, bei der man sich selbst wie ein prüfender „Pförtner“ betrachten soll, der sich selbst kontrolliert und überprüft.

Auch die beiden Essays über die Foresight-Technologien bzw. den Foresight-Katastrophismus (eine Wortschöpfung der Autorin) sind äußerst faszinierend. Foresight, auch als futurologische Vorausschau bezeichnet, wurde ursprünglich für die Waffentechnik entwickelt und später von der RAND Corporation zur manipulativen Steuerung der Gesellschaft sowie im Kampf gegen den Kommunismus eingesetzt. Leyhausen setzt sich kritisch mit der Verwendung von Foresight zur Durchsetzung von Hochrisikotechnologien auseinander und deutet die Corona-Maßnahmen in dieser Richtung. Laut Leyhausen ist es den Foresight-Technologen gelungen, dass die Gesellschaft „mehr Angst vor einem sogenannten ‚Impfgegner‘, der die AfD wählen könnte, hat als vor der massenhaften Ausbeutung hochsensibler medizinischer Daten durch die Digital-Health-Citizen-Ideologie der UNO“.

In diesem Zusammenhang geht Leyhausen auf die Pandemieplanspiele der Rockefeller-Foundation sowie auf die Publikationen von Paul Schreyer zu diesem Thema ein. In deren „Lock Step“-Szenario wird eine Welt mit einer fiktiven, sehr tödlichen Grippe-Pandemie skizziert, auf die Regierungen mit strengeren Kontrollen und autoritärer Führung reagieren. Es liest sich wie eine Blaupause für die Corona-Maßnahmen. Anschließend unterzieht Leyhausen die Sprache der Foresight-Technik einer eingehenden Analyse. So verdeutlicht Leyhausen etwa, dass derartige Berichte stark mit der vollendeten Vergangenheit arbeiten, wodurch eine Zwangsläufigkeit der beabsichtigten Maßnahmen suggeriert werden soll.

GENERATION SCHULDIG?
Wie Kinder zu Pandemietreibern erklärt wurden
Insbesondere der Philosoph Jean-Pierre Dupuy gerät bei ihr ins Fadenkreuz. Er wird unter anderem mit folgender Aussage zitiert, in der er Kinder und Jugendliche auf beschämende Weise als Treiber der Pandemie brandmarkt: „Bevor ich mich bei einem Kind anstecke, muss ich mir sagen: Es sind feige Mörder (…) Ich werde nicht leichtsinnig gewesen sein und mich immer von ihnen ferngehalten haben, sie werden mich nicht umgebracht haben können!“ Hier erkennt Leyhausen die grammatische Form des Futur II oder Futurperfekt als das Mittel der Wahl. Der Katastrophist blickt auf die Gegenwart aus der Sicht der Zukunft, um so Fakten zu schaffen. Die sich daran anschließende sprachliche Analyse zählt zu den Höhepunkten der Essaysammlung.

Um sprachliche Analyse geht es primär auch in dem Essay „Was kann die STIKO? Medizin, Politik und Magie in der Covid-19-Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige“. Darin analysiert Leyhausen insbesondere die häufige Verwendung der Modalverben können, wollen, sollen und müssen. Ein Beispiel für einen solchen Satz ist: „Impfungen können Infektionen reduzieren.“

Leyhausen arbeitet heraus, wie die STIKO als politischer Akteur mit sprachlichen Manipulationen und Vagheit auftritt. Anstelle solcher Manipulationen plädiert die Autorin für mehr Aufklärung und beruft sich dabei auf Ulrich Beck und seine Arbeiten über die Risikogesellschaft.

Gelegentlich kommen auch enttäuschende persönliche Erlebnisse zur Sprache, wie in dem Essay „Jahreswechsel-Nachlese mit Segelschiff“, mit dem Sie das Jahr 2021 abschließt. Dort erfährt man, wie sie wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber Politikern als Verschwörungstheoretiker gebrandmarkt wurde; wie ein befreundeter Arzt sich weigerte die STIKO-Empfehlungen einer kritischen Lektüre zu unterziehen, und stattdessen von etwas von „evidenzbasierter Medizin“ faselte; wie eine Nachbarin ihr in einem Gespräch in ihrer kritischen Haltung beipflichtete, fortan aber geflissentlich darauf bedacht war, die Straßenseite zu wechseln, wenn sie ihr begegnete.

Die Corona-Protokolle des RKI
Beruhte die Corona-Impfkampagne auf der Vorspiegelung falscher Tatsachen?
Hermann Broch, der sich in seinen Schriften bekanntermaßen ebenfalls intensiv mit dem Phänomen der Massenbildung auseinandergesetzt hat, bezeichnete den Zustand dieser Menschen als Dämmerzustand. (Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang auch von Hypnose.) Damit bezeichnete er den Zustand, in dem den Individuen ihre Individualität zwar bewusst wird, sie den Schritt aus der Masse aber nicht machen können. Leyhausen dokumentiert solche Vorkommnisse ohne Häme, eher erstaunt, da sie diesen Menschen mehr zugetraut hätte.

Mit Worten, die einem Dichter würdig sind, signalisiert sie den Lesern, dass sie für einen Neubeginn bereit ist: „Auch im neuen Jahr will ich auf schäumendem Gewässer weiter meine Segel spannen für Freiheit, Dialog und Menschlichkeit. Und ich hoffe weiter, dass ich noch jemanden mitnehmen kann. Ich bin ein ganzes Segelschiff“.

Das Böse als ästhetische Kategorie

Etwas aus der Reihe fällt der Essay „Das Böse am Menschen gibt es wirklich“, in dem sich die Autorin ausgehend von den ästhetischen Analysen des Literaturwissenschaftlers Karl-Heinz Bohrer mit der Frage des Bösen in der Kunst und in der Literatur auseinandersetzt. Auch hier finden sich interessante Aspekte, die die Autorin anhand verschiedener Literaturzitate von Fjodor Dostojewski, Edgar Allan Poe, Charles Baudelaire und Dennis Kurumada entwickelt. Leyhausen bricht eine Lanze für Bohrers These, dass die deutsche Literatur – insbesondere nach 1945 – zu sehr idealisiert wurde. Das Phänomen, dass sich das Feuilleton immer mehr um im politisch korrekten Sinne „interessante” Autorenfiguren dreht als um die Literatur selbst und somit zunehmend verflacht, bestätigt diese These. „Denn wer das Böse (…) als ästhetische Kategorie nicht würdigt, der kennt auch keine Schönheit mehr.“

Von besonderem Reiz sind auch die Beiträge „Russisch-Lernen in der DDR und heute“ sowie „‚Mein schönstes Erlebnis‘: Verordneter Antifaschismus“, in denen die in Naumburg an der Saale geborene und aufgewachsene Autorin auf ihre eigenen Erfahrungen in der DDR zurückblickt. Im ersten Beitrag verwendet sie einen Dialog aus einem Russisch-Lehrbuch der DDR, in dem der vollständige Eintritt einer Schulklasse in die FDJ beschrieben wird, und konstruiert daraus einen amüsanten Diskurs über eine vollständige Impfquote in Zeiten von Corona.

Der zweite Text enthält einen Schulaufsatz der Autorin über einen von der Schule verordneten Besuch des KZ Buchenwald. Der Aufsatz belegt, dass die Autorin bereits damals einen stilistisch anspruchsvollen Schreibstil hatte. Sie erkennt in ihm jedoch auch ein Zeichen der Überforderung und zieht Parallelen zur sogenannten Demokratieerziehung in der heutigen Bundesrepublik.

Nicht unerwähnt bleiben dürfen das anspruchsvolle Essay „Schweigefuchs-Purismus“ sowie die abgedruckten Reden, die die Autorin bei Corona-Demonstrationen gehalten hat. In ersterem stellt die Autorin Überlegungen zum problematischen Umgang mit vieldeutigen Zeichen an. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist das von ihr kritisierte Verbot des sogenannten „Schweigefuchses“ – einer Geste, die in der Pädagogik zur nichtverbalen Kommunikation genutzt wird – in den Kindergärten der Stadt Bremen.

Auch die Reden sind von hohem inhaltlichem und literarischem Rang. In der Karlsruher Rede vom 23. September 2023 brandmarkt sie beispielhaft die Aggression gegen Ungeimpfte und die populistische Sprache, die sie hervorgerufen hat („Pandemie der Ungeimpften“).

Leyhausen will dieser Aggression „etwas entgegensetzen“, indem sie den Corona-Diskurs als gescheiterte Kommunikation deutet und eine Parallele zum Stück „Minna von Barnhelm“ von Gotthold Ephraim Lessing zieht. Im Diskurs zwischen Minna von Barnhelm und dem Major Tellheim erkennt Leyhausen eine ähnlich fehlgeleitete Kommunikation. Erst durch die Rückgabe ihres Verlobungsrings (der in Wirklichkeit der des Majors war) gelingt es Minna, diese wieder auf die richtige Bahn zu bringen.

Auch eine Laudatio auf Christian Dettmer fällt angenehm leichtfüßig aus. Dettmer ist Richter am Amtsgericht Weimar und hat in einem mutigen Urteil die Maskenpflicht für zwei Schulen aufgehoben. Für diese erstmalige Untersuchung der Missachtung elementarer Grundrechte bzw. für sein Urteil wurde er später wegen Rechtsbeugung angeklagt und verurteilt. Die Laudatio wurde im Oktober 2025 anlässlich der Verleihung des Preises der Initiative 1-19 an Dettmer in Köln gehalten. Es ist ein Preis für einen mutigen Wahrsager in schwierigen Zeiten.

Auch die Autorin des hier besprochenen Buches ist eine mutige Wahrsagerin. Mit ihren unermüdlichen, messerscharfen Analysen fordert sie den Leser zum Nachdenken auf. Dies zielt nicht zuletzt auch auf diejenigen ab, die sich der Masse angeschlossen und so ihre Individualität preisgegeben haben.

Die Beschäftigung mit diesem originellen und stilistisch edlen Buch von Leyhausen könnte der Anstoß für eine Umkehr sein, da es den Leser aus vielfach ausgetretenen Pfaden hinaustreibt und so neue Perspektiven aufzeigt. Vielleicht findet er so den geeigneten „Ring“, um sich von der Masse zu lösen oder mit den Hypnotisierten in der Masse zu kommunizieren. Es ist sehr zu empfehlen.

Katja Leyhausen. In unerforschte Gebiete weit hinaus. Sprechen über die Corona-Gesellschaft. Aufland Verlag, Paperback, 230 Seiten, 14,00 €


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A.Heinz
25 Minuten her

Ich schließe mich der Empfehlung Bernd Fischer’s uneingeschränkt an. Ich habe ihre Rede in Karlsruhe gehört und habe das Privileg sie nicht nur zu kennen, sondern eine Freundin nennen zu dürfen. Ich bin stolz darauf, dass sie die Arbeit unserer Initiative 1bis19 mit ihrer Persönlichkeit bereichert.