Immer wieder geistert die Drohne vom Leipziger Flughafen durch die Nachrichten. Mit dieser Drohne begründen Politiker neue Russlandsanktionen, mehr Überwachung im Inneren und mehr Geld für die Ukraine. Unbeantwortet bleiben hingegen entscheidende Fragen.
IMAGO / EHL Media
Die Drohne vom Flughafen in Leipzig am 4. August, beschäftigt die Medien und Politik bis heute. Beweise hat man keine, dafür aber viele Schlussfolgerungen und Konsequenzen abgeleitet: Das Russische Haus und das letzte Generalkonsulat in Bonn sind geschlossen, Russlands Regierung erwiderte und schloss die drei Goethe-Institute in Russland.
Der Bundesnachrichtendienst-Chef Martin Jäger erklärt am 5. Oktober, diese Drohne sei der Beleg, dass Russland bereits heute einen „Schattenkrieg“ gegen Deutschland führt. Einen groß angelegten Angriff auf Nato-Gebiet sehe er derzeit nicht. Das verkündet er bei der öffentlichen Anhörung vor dem Bundestag, wo die deutschen Nachrichtendienste einmal im Jahr öffentlich aussagen. Jäger ist erst seit einem Jahr BND-Chef, gleich zu Beginn seiner Tätigkeit hatte er vor einer möglichen direkten Konfrontation mit Russland gewarnt, zuvor war er deutscher Botschafter in der Ukraine gewesen.
Merz: „Lieber Wolodymyr“
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) führt ebendieses Flugobjekt an, um zu begründen, warum auch Deutschland dringend mehr Drohnenabwehr benötigt.
Dies teilt er am Sonntag, den 4. Oktober aus Kiew mit, auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, den er vertraulich mehrmals mit „lieber Wolodymyr“ direkt adressiert. Neben ihm sind Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und mehrere Wirtschaftsdelegierte aus der Verteidigungsindustrie und Rüstungsindustrie angereist.
Wozu man dort sei? Kooperationsverträge abschließen, aus den ukrainischen (Kriegs-)Erfahrungen lernen und darstellen wie brutal „der Russe“ vorgehe: Ja, während Friedrich Merz in Kiew war, soll es Drohnenalarm gegeben haben und Drohungen gegen seine Reise wohl auch, erfährt man aus der Tagesschau. Dass das ganze nicht viel mehr als ein Framing ist – ein gefährliches allerdings, da man hier eine Bedrohung projiziert und provoziert – erfährt man dort nicht.
TE berichtete, dass Merz seine heroischen Sätze auf der Pressekonferenz wenig später schon selbst widerlegte. Nein, es habe wohl zu keinem Zeitpunkt Gefahr für seine Delegation bestanden.
TE-Leser: Wo ist der Busfahrer vom Flughafen?
Während die Politiker nach Russland drohen, beschäftigen unsere Leser andere Fragen, die all diese Maßnahmen infrage stellen könnten. Wo ist beispielsweise dieser mutige Busfahrer abgeblieben?




Der Leipziger Flughafen wird sowohl als ziviler Flughafen als auch für militärische Zwecke genutzt – wer verantwortet das offensichtliche Sicherheitsmanko den Urlaubsgästen gegenüber?

Trotz all dieser unbeantworteten Fragen arbeiten sich deutsche Politiker, Funktionäre und Medien weiterhin kriegsrhetorisch an der Leipziger Drohne ab. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die fehlenden Beweise vergessen sind. Im medialen und öffentlichen Gedächtnis bleibt die „Leipziger Drohne“ als ein Einschnitt zurück: Russland bedroht Deutschland. Und Deutschland entging nur knapp einer Katastrophe. Die Folgen: mehr Geld in die Ukraine, mehr Macht für den Bundesnachrichtendienst, mehr Abwehr und Bespitzelung im Inneren und weitere Aufrüstung. Und eine weitere Eskalationsstufe der deutsch-russischen Beziehungen.
Ohne Antworten bleibt Raum für Spekulationen
Es gibt auch eine alternative Erzählung des Vorgangs, ausgerechnet durch einen ukrainischen Blogger, Anatolij Sharij. Auf seinem Blog Sharij.net und X veröffentlicht er Artikel auf Russisch und Englisch. Er selbst steht kritisch der Regierung Selenskyjs gegenüber und ist Oppositionspolitiker, dessen Partei durch Selenskyjs Regierung verboten wurde. Aktuell lebt er in Spanien und hat seit September ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung am Laufen, beauftragt durch die ukrainische Regierung.
Er beruft sich auf die Beobachtungen eines Flughafenmitarbeiters:
Was den Mitarbeiter verwundert, war die Geschwindigkeit mit der die Polizei, Bombenentschärfungsspezialisten, Feuerwehr, Fernsehteams und Bombenentschärfungsausrüstung, inklusive eines speziellen Roboters, Vorort waren. Diese Geschwindigkeit habe die Mitarbeiter am Flughafen verwundert: 20 Kilometer vom Leipziger Zentrum entfernt, hinzukommen die Sicherheitskontrollen, um auf das Flughafenfeld zu gelangen, so spezifisch ausgestattet und zahlreich zu erscheinen, das alles dauere normalerweise deutlich länger, wird der Informant zitiert.
Sharij beendet seinen Beitrag mit einer Reihe Fragen, die es zu klären gäbe, bevor man Konsequenzen aus dem Vorfall zieht und ihn für geklärt betrachtet. Sie decken sich in Teilen mit den Fragen unserer Leser.
Seine Geschichte ist eine Möglichkeit, genau so plausibel wie das Regierungsnarrativ. Solange jedoch die tatsächlichen Beweise nicht öffentlich und logisch nachvollziehbar vorliegen, stattdessen nur „Hinweise“, kann man dieser Alternativerzählung wenig entgegnen. Eine derartige Anschuldigung eines anderen Landes hätte einer Rechtfertigung vor der Öffentlichkeit bedurft und durch eine akribische Beweisführung gestützt sein sollen.
Nichts davon ist passiert. Stattdessen redet der Stellvertretende Sprecher der Bundesregierung Steffen Meyer in der Bundespressekonferenz, in der er mehrfach nach konkreten Beweisen gefragt wurde, von drei Dimensionen. Das allerdings sind keine Beweise.


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