Rita Süssmuth war ein Mensch in der Politik, der einen Unterschied gemacht hat

Rita Süssmuth ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Den meisten dürfte sie als Präsidentin des Bundestages in Erinnerung geblieben sein. Doch ihren historischen Verdienst erwarb sie als Gesundheitsministerin. Welch großen Unterschied Süssmuth gemacht hat, erfuhren die Deutschen erst in der Corona-Pandemie.

picture alliance / AA/photothek.de | Kira Hofmann
Rita Süssmuth aufgenommen im Rahmen der Verleihung des Deutsch-Polnischen Preises in München, 14.02.2025

Eines der beliebtesten Themen, über die Polit- und Geschichtswissenschaftler gerne streiten, ist die Frage, ob der einzelne in der Politik einen Unterschied macht. Oder ob die Geschichte gesellschaftlichen Automatismen unterliegt, die Individuen zu einer Art ausführenden Organen degradieren. Rita Süssmuth war ein Mensch in der Politik, der einen Unterschied gemacht hat. Als wegen einer unbekannten Seuche die Hysterie kreiste. Nicht unter Angela Merkel in der Corona-Pandemie, sondern unter Helmut Kohl während der großen AIDS-Welle in den 1980er-Jahren.

Kohl holte die Professorin 1985 in sein Kabinett. Sie war bis 1988 für die Bereiche Jugend, Familie und Gesundheit zuständig, später auch für Frauen. Also ein Zuschnitt, den Gerd Schröder (SPD) später als „Gedöns“ verspotten sollte. Und der es unter Kohl anfangs noch war. Ein Schutzressort für Frauen, die seinerzeit in den Kabinetten die absolute Ausnahme bildeten. Dass dies heute nicht mehr so ist und dass die Gesundheit aufgewertet wurde, heute ein eigenes Ressort darstellt, ist nicht zuletzt Rita Süssmuths Verdienst. Sie war ein Mensch in der Politik, der einen Unterschied gemacht hat.

In den 1980ern schwappte die AIDS-Welle allmählich aus den USA herüber. Sie hatte anfangs viel gemein mit den frühen Tagen der Corona-Pandemie. Dem Zeitraum vor dem ersten Lookdown, ab dem März 2020: Anfangs war unklar, wo der Virus herkam, wie er übertragen wurde und wie er sich auswirkte. Besonders die Schwulenszene war betroffen. In der Frühphase machten in den USA krude Gerüchte die Runde: Etwa, dass konservative Kreise den Virus über die Lüftung der Szenediscos verteilen würden, als Terror gegen die Liberalen.

Erst allmählich wurde klar, warum Homosexuelle öfters betroffen waren. Neben Bluttransfusionen war ungeschützter Sex der häufigste Weg, das Virus zu übertragen. Heterosexuelle verwendeten öfters Kondome, um ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Homosexuelle nicht, da sie keine Schwangerschaften zu erwarten hatten – eine Tatsache, deren Benennung in den 80ern noch nicht als Hassrede verfolgt wurde.

Süssmuths bayerischen Parteifeinde drehten in den späten 80er Jahren frei und schrieben ein unrühmliches Kapitel der CSU. Es kam in Bayern zu Zwangstests für Prostituierte, aber auch für angehende Beamte. Süssmuths späterer Nachfolger Horst Seehofer schlug sogar Heime für Infizierte vor. Das galt seinerzeit nicht als so absurd, wie es heute klingt. Es ist der größte und ihr niemals zu nehmende Verdienst, dass Rita Süssmuth in dieser Zeit die Nerven behielt und auf eine angemessene Politik setzte. Sie war ein Mensch in der Politik, der den Unterschied gemacht hat.

Süssmuth setzte vor allem auf Aufklärung. Werbespots, die vor Hysterie warnten und das Benutzen von Kondomen ans Herzen legten. Damals keine Selbstverständlichkeit. Während die konservative Bundesregierung Spots im Kino und im Fernsehen mit der Botschaft liefen ließ, dass es niemandem peinlich sein muss, sich im Supermarkt Kondome zu kaufen, verbot der DFB dem saarländischen Fußball-Bundesligisten FC Homburg mit dem Sponsorennamen „London“ aufzulaufen, weil das Unternehmen unter anderem Verhüterli vertrieb. Den Funktionären, selbst notorische Stammgäste in den einschlägigen Clubs in Genf und Frankfurt, war das Thema zu pfuibähbui.

Auch Süssmuths Familienministerium reagierte mitunter dünnhäutig. Im entsprechenden Werbespot plärrte Hella von Sinnen als Kassiererin durch den Supermarkt: „Rita, was kooosten die Kooondome?“ Das mussten die Macher nachbearbeiten und in „Tina …“ ändern. Der Vorname der Ministerin galt in dem Zusammenhang als Tabu. Eine lustige Randnotiz. Eine Petitesse. Im Vergleich zu dem Irrsinn, den der ein oder andere (un)verantwortliche Politiker aus der Pandemie machen wollte.

Stichwort: unverantwortliche Politiker, die aus einer Pandemie einen Irrsinn machen wollten – und gemacht haben. 2020 und in den folgenden Jahren fehlte Rita Süssmuth, damals schon 73 Jahre alt, als Stimme der Vernunft in der Öffentlichkeit. Stattdessen trat dort Karl Lauterbach (SPD) auf. Erst in der Lanz-Show, dann zur Schande des Hauses als weiterer Nachfolger Süssmuths im Gesundheitsministerium.

In der AIDS-Hysterie fing Süssmuth den Wahnsinn ab. Sie war ein Mensch in der Politik, der den Unterschied gemacht hat. Stattdessen gab es Lauterbach aus allen Rohren: Kinder vom öffentlichen Leben aussperren, das Virus kommt durch die Kloschüssel, alte Menschen vom öffentlichen Leben aussperren, die „absolute Killervariante“ steht vor der Tür, Ungeimpfte vom öffentlichen Leben aussperren und die Mittel von befreundeten Pharmaunternehmen helfen. Wirklich. Ganz bestimmt. Karl Lauterbach ist ein Mensch in der Politik, der den Unterschied macht – zum Schlechten hin.

1988 beförderte Kohl Süssmuth zur Präsidentin des Bundestages. Laut Verfassung das zweithöchste Amt im Staat, das direkt auf das des Bundespräsidenten folgt. Doch auch ein Amt, dass eine Vollblut-Politikerin wie Süssmuth zur gehobenen Frühstücksdirektorin degradierte. Sie musste nun zehn Jahre lang Sonntagsreden halten. In die aktive Politik konnte sie sich kaum noch einmischen. Genau das wünschte sich Kohl. Zum einen hatte sie sich in der Partei durch die AIDS-Politik viele Feinde gemacht. Vor allem in Bayern. Zum anderen galt sie als eine Verbündete im Kreis um Lothar Späth und Heiner Geißler, deren parteiinternen Putsch Kohl mit Erfolg abwehren konnte.

Rita Süssmuth ist im Alter von 88 Jahren gestorben. In zwei Wochen hätte sie Geburtstag gehabt. Bis ins hohe Alter hat sie Ehrenämter begleitet. Etwa das als Präsidentin des Deutschen Polen-Instituts. Ein Amt, das sie erst vor zwei Jahren abgab. Der Nachruhm der Ministerin unterliegt einem Paradox: Eben, weil sie in der AIDS-Pandemie-Hysterie gesellschaftliche Spaltung und menschenunwürdigen Umgang abgewendet hat und diese Auswüchse ausgeblieben sind, wird das ein Lied bleiben, das viel zu wenig gesungen wird. Verdient hätte es Rita Süssmuth allemal. In der Corona-Pandemie haben die Deutschen erst erfahren, welchen Unterschied sie zu dem ausgemacht hat, dessen Name es nicht wert ist, in einem Satz zusammen mit ihr genannt zu werden.

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Kommentare ( 12 )

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Mermaid
3 Minuten her

Der Name dieses Mannes sollte wirklich nur noch in einer Anklageschrift auftauchen. Was für ein Unterschied! „Lovely Rita“ war wohl eine in konservativ-liberalen Kreisen weithin unterschätzte Frau. Aber eine mit Achtung vor den Menschen und dem Grundgesetz. Das ist ihr anzurechnen. Eine „Pandemie“ hat es übrigens nie gegeben und wird es wohl auch nie geben. Ich finde es daher bedauerlich, daß Sie dieses Wort, das so viele von uns völlig unnötig in Angst versetzt hat und deswegen eigentlich auch nur von Linken bewußt eingesetzt wird, hier mehrfach verwenden. Ich selbst nutze dafür den Begriff „Corona-Zeit“. Wäre vielleicht eine Anregung für… Mehr

Michael Theren
11 Minuten her

da Covid eine „politische Krankheit“ war, läßt sich kaum erahnen wie Frau Prof. Süßmuth sich unter dem allgemeinen Zwang zu Maßnahmen verhalten hätte; Äpfel mit Birnen also…gesellschaftspolitisch habe ich sie aber stets als Vordenkerin einer links-woken CDU wahrgenommen….
Aber ja, daß verfolgte sie mit Integrität – etwas was heute eben ungewöhnlich ist…

Buck Fiden
16 Minuten her

War das nicht die mit der Dienstwagenaffaire?

Ho.mann
17 Minuten her

Rita Süssmuth besaß nicht nur poltische Glaubwürdigkeit, sie stand mit ihrer Empathie auch für jene politische Verantwortung, die den derzeitigen politischen Akteuren aufgrund ihrer asozialen Taten völlig am Allerwertesten vorbeigeht. R.I.P.

Last edited 15 Minuten her by Ho.mann
Nibelung
28 Minuten her

Viele Menschen haben auf irgendeine Art Vorzüge, was man nicht abstreiten kann und dennoch war sie aus der damaligen Zeit betrachtet zumindest nach eigener Weltanschauung nicht unbedingt die Idealbesetzung wenn es um konservative Interessen ging. So konnte man sie durchaus zu den Linken innerhalb der schwarzen Reihen sehen und sie hätte im Grunde genommen auch zu den Roten gepaßt, wobei ihre katholische Sozialisation sie vermutlich daran gehindert hat und von dort aus den katholischen Herz Jesus-Sozialismus nach deren Soziallehre verfolgte und allein die Verbindungen zu diesem Club der Revoluzzler innerhalb der CDU war eines ihrer wesentlichen Fehler, wo sie im… Mehr

fatherted
46 Minuten her

Was für eine einseitige und unreflektierte Lobeshymne….ich kann mich an die Dame aus zwei Gründen erinnern….zum einen war sie und ihr Ehemann mal in eine Dienstwagen-Affäre verstrickt gewesen…natürlich wurde das eingestellt….jeder andere hätte seinen Job verloren bzw. wäre sogar wegen Untreue verurteilt worden. Zum zweiten kann ich mich gut an einen Talkshow Auftritt erinnern, in dem sie allen Ernstes behauptete….sie arbeite täglich 20 Stunden. Bei solchen Aussagen kommt mir das Essen hoch. Mit 4 Stunden Schlaf also, Duschen, essen, anziehen, aufbrezeln also alles in 4 Stunden pro Tag?

Dr Schwoabaseggl
47 Minuten her

Klasse Frau. Klasse Nachruf.

bernstedter
56 Minuten her

Die CDU Süßmuth hat sich u.a. für die Frauenquote eingesetzt, für den Schuldkult.
Süßmuth war wie fast alle CDUler eine deutschenfeindliche Politikerin!
Es gibt nichts worum wir bei ihr trauern müssten!

Guzzi_Cali_2
56 Minuten her

Die letzten aufrechten wahren Demokraten treten den Heimweg an. Übernommen hat das Zepter eine elitäre Classe politique der Kartellparteien, der es an ausnahmslos allem fehlt: Menschlichkeit, Moral, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Bildung, Anstand und Gerechtigkeitsgefühl, dafür aber Neid, Hass, Korruption, Gier und Arroganz zuhauf.