Zu Industrie 4.0 fehlt noch viel, zu Demokratie 4.0 noch weit mehr

Im Juli dieses Jahres werden es 25 Jahre, dass Ralf Dahrendorf sein Buchmanuskript „Betrachtungen über die Revolution in Europa“ abschloss. In jenem Sommer 1990, der extrem heiß  war, bereiste ich die meisten Provinzhauptstädte Jugoslawiens. Am Ende der Reise ahnte ich, dass die südslawische Föderation nicht von Dauer sein würde. Dass es Jugoslawiens letzter Sommer sein sollte, wusste wohl niemand. Der deutsche Botschafter versammelte Politiker der neuen Parteien in einem Ausflugslokal am Rande von Belgrad, darunter auch der spätere serbische Ministerpräsident Zoran Đinđić, der bei Dahrendorf in Konstanz studiert hatte. Đinđić wie alle anderen widersprachen meinem Eindruck vom Bröckeln des jugoslawischen Zusammenhalts heftig. Nicht das erste Mal, dass gerade jenen der Blick verstellt ist, die am tiefsten im Gang der Dinge stecken - für etwas, das sich klar abzeichnet.

VON Fritz Goergen | Mi, 15. April 2015
Beim Feiertagsessen geht’s ans Eingemachte

„Zu Ostern das Lamm“ schrieb Klaus Trebes in seinem Kochbuch. Das Restaurant Gargantua des ehemaligen Hausbesetzers im Frankfurter Westend war lange Stammlokal von 68-Kameraden wie Joschka Fischer. In der Welt der Veganer und Vegetarier hätte nur noch wenig aus dem Repertoire des begnadeten Kochs mit Juraexamen Bestand. Sein Auberginen-Curry ja, aber sein gebratener Chicorée schon nicht, denn da braucht es Butter.

VON Fritz Goergen | Fr, 3. April 2015
Wo die Sensation des Unmenschlichen das Menschliche verdrängt

Keine Katastrophe ist zu schrecklich und kein Leid zu unermesslich für den seelenlosen Automaten der großen Öffentlichkeitsmaschinerie. Die Sensation des Flugzeugabsturzes ist das beherrschende Thema, nicht das Leid der Menschen. Beängstigend schnell geben Leid und Trauer der Menschen nur noch den Hintergrund ab für eilfertige Verdächtigung und Vorverurteilung von Schuldigen. Die Lufthansa wird als erste buchstäblich so ins Bild gesetzt.

VON Fritz Goergen | Mi, 1. April 2015
Gedanken zum öffentlichen Umgang mit dem Unvorstellbaren

Schüler, Eltern und Lehrer an der Schule und Bürger in Haltern trauern zusammen. Menschen, die sich kennen, versuchen, denen unter ihnen, die ihre Liebsten verloren haben, zur Seite zu stehen. Freunde und Bekannte der Opfer und Angehörigen in Spanien und Deutschland tun Gleiches. Was wäre natürlicher?

VON Fritz Goergen | Sa, 28. März 2015
Adipositas, Anorexie, Bulimie und Orthorexie

Bei einem Teller Spaghetti Bolognese zeigte das ZDF-MorgenMagazin Christian Lindner und Cherno Jobatey. Mitri Sirin kommentiert das Bild freundlich: Mit wie wenig man Menschen glücklich machen kann. Da blies Dunja Hayali zum Halali: „Ohne Fleisch wäre besser.“ Da war er! Der große Vorwurf. 

VON Fritz Goergen | Mi, 25. März 2015
Island ist alarmierender als Griechenland – Frankreich und Großbritannien beschweigen alle

„Erzwingt Wladimir Putin Europas Einheit?“, fragt Thomas Schmid auf seinem Welt-Blog. Ist Putin die letzte Chance der EU? – möchte ich das zuspitzen. Ja, die Europäische Union ist wie ihre Vorläufer ein Projekt von oben, nicht von unten. Im Moment fällt mir kein staatliches Gebilde ein, wo das anders wäre. Aber natürlich macht es einen gewaltigen Unterschied, ob ein Staat oder wie bei der EU ein noch gar nicht definiertes Gebilde mit und ohne staatliche Eigenschaften von seinen Bürgern und Völkern emotional getragen wird oder nicht.

VON Fritz Goergen | Fr, 20. März 2015
Um die EZB ging es wenigen – vielleicht nur den Griechen und Italienern

Die wenigsten Medien halten es auseinander: die antikapitalistischen Gegner von Globalisierung und „Neoliberalismus“, TTIP, Euro, EU, Troika – den “schwarzen Block“ und die neugierigen Mitläufer. Die berechtigte Empörung über die gewalttätigen Ausschreitungen lässt keine nüchterne Betrachtung zu. Erst mit einigem zeitlichen Abstand wird sich herausstellen, ob mit diesem Tag in Frankfurt Blockupy vielleicht schon den Höhepunkt überschritten hat.

VON Fritz Goergen | Mi, 18. März 2015
Hinter den Blockupy-Protesten steckt mehr als Gewaltbereitschaft

Blockupy und Pegida haben im Kern mehr gemeinsam, als ihren Aktivisten bewusst ist. Die Anführer und Organisatoren beider werden meine Interpretation empört zurückweisen. Und natürlich sind ihre politischen Vorstellungen verschieden.

Die Köpfe von Blockupy wollen eine neue, eine andere Ordnung, nicht nur, aber vor allem der Wirtschaft, aktuell eine radikale Regulierung der Finanzwelt. Die Pegida-Anführer wollen die gute, alte Ordnung zurück, eine ohne Ausländer und Nichtchristen. Aber dass die Aktivisten von Blockupy und Pegida Tausende und Zehntausende heute auf die Straße bringen können, hat eine gemeinsame Ursache.

VON Fritz Goergen | Mi, 18. März 2015
Die Medien vergeben täglich einen viel zu großen Amtsbonus

Höchst vereinzelt weisen Journalisten darauf hin, dass eine EU-Armee keine Antwort auf die Defizite der europäischen Sicherheitspolitik ist. Ich habe noch immer die schlichte Erwartung, dass eine freie Presse Forderungen von Würdenträgern nicht einfach verbreitet, sondern kritisch begleitet. Juncker sagt europäische Armee, von der Leyen und andere Politiker finden das gut. Mehr erfahren Leser, Zuschauer und Hörer nicht.

VON Fritz Goergen | Mo, 9. März 2015
Gewalt, Hass und Lüge - Nachdenken über den Verfall der Diskussionskultur nicht nur im Putin-Reich

„Der Kreml und die von ihm gelenkten Medien haben in den vergangenen Jahren ein Klima geschaffen, in dem Gewalt, Misstrauen, Zynismus, Hass und Lüge herrschen. Wir erleben, wie eine Gesellschaft buchstäblich verroht.“ Schrieb Gesine Dornblüth auf Deutschlandfunk Online.

Der ungarische Schriftsteller György Dalos fühlt sich „von unserer Hasskultur angewidert.“ Er liest jeden Morgen die Online-Ausgaben der ungarischen Zeitungen. Aber erst nach dem Frühstück, damit ihm der Appetit nicht vergeht.

VON Fritz Goergen | Mi, 4. März 2015
Was Yanis Varoufakis wirklich sagte

Alle meldeten es und etliche kommentierten entrüstet. Der griechische Finanzminister hätte seine Partner provoziert, indem er sagte, er habe den Kompromiss mit Brüssel bewusst vage formuliert, um zu nichts wirklich verpflichtet zu sein.

So war es aber nicht. Varoufakis sagte offenkundig nichts anderes als die Wahrheit: Die Regierungen in Berlin, Paris und so weiter wollten selbst vage Formulierungen, um diese für die Abstimmungen in ihren Parlamenten zustimmungsfähig darstellen zu können.

VON Fritz Goergen | So, 1. März 2015
Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Mit der wahrscheinlichen Zustimmung der nationalen Parlamente zum Kompromiss von EU und Griechenland wird die strukturelle Krise der Eurozone nicht aufgehoben, sondern aufgeschoben. Was die Abstimmung in den Parlamenten wert ist, zeigt die 29-seitige Bundestagsdrucksache 18/4093. So muss etwas aussehen, wenn es 95 Prozent der Abgeordneten nicht lesen sollen. Ein Lehrbeispiel für einen Parlamentarismus mit riesigem Transparenzdefizit, der den gegenteiligen Eindruck erwecken will.

VON Fritz Goergen | Mi, 25. Februar 2015
Syriza setzt mehr in Bewegung als die Euro-Debatte

In Wahrheit wollen die Köpfe der neuen griechischen Regierung raus aus EU und NATO – sagt der griechische Wirtschaftswissenschaftler Spiridon Paraskewopoulos im Interview mit dem Deutschlandfunk. Viele Syriza-Minister seien frühere Mitglieder der kommunistischen Partei, deren offenes Ziel der Austritt Griechenlands aus NATO und EU war. Dafür gibt es aber im griechischen Volk keine Mehrheit. Noch nicht. 

VON Fritz Goergen | Di, 24. Februar 2015
Verhandlungsdiplomatie statt Politik

Politische Willensbildung in Europa, ein aktuelles Fallbeispiel. Nun formuliert die neue griechische Regierung ihre eigene Reformliste. Nach einigem Hin und Her erklären sich EU-Kommission, EZB und IWF einverstanden. Der nächste Schritt: Parlamente von Mitgliedsländern stimmen ab. Nur wenn sie zustimmen, tritt die Vertragsänderung mit Athen in Kraft.

VON Fritz Goergen | So, 22. Februar 2015
Die nächste Krisen-Dauerzone

Separatisten nehmen Debalzawe ein. So ähnlich klangen die Meldungen gestern Nachmittag. Daran wunderte mich nur: Warum nicht vor dem vereinbarten Sonntag der Waffenruhe?

Mit welcher anderen Absicht sollten zwischen der Minsker Vereinbarung und deren Inkrafttreten mehrere Tage vergehen als mit der, Gebietsgewinne zu konsolidieren? Ich weiß nicht, welche Seite diesen Zeitverzug gefordert hat. Spielt auch keine Rolle, denn er wurde akzeptiert. Wir dürfen davon ausgehen, dass die ukrainische Regierung wie die Machthaber im Osten ihren Ausgangsvorteil vergrößern wollten. Und wieder einmal scheint sich Kiew verrechnet zu haben.

VON Fritz Goergen | Mi, 18. Februar 2015
Weil Politiker wissen, was Medien sich wünschen, kommen die langen Beine in die Politik.

„In Hamburg fiel die FDP nicht gerade durch inhaltliche Akzente auf. Wohl aber durch ihre Spitzenkandidatin,“ so war auf DIE ZEIT online über die Spitzenkandidatin der Liberalen, Katja Suding zu lesen. Ähnlich, oft recht unfreundlich formuliert, stand es auch anderswo oder hörte sich so an. 

VON Fritz Goergen | Mo, 16. Februar 2015
An unsere Medien: bitte politischer berichten.

Natürlich muss der Westen der ukrainischen Armee Waffen liefern, verlangen die einen: Damit die Ukrainer sich gegen die russischen Nationalfaschisten verteidigen können. Den Anführern in der Ost-Ukraine stimmen die anderen zu: Den Faschisten der ukrainischen Streitkräfte darf nicht geholfen werden.

VON Fritz Goergen | Sa, 14. Februar 2015
Tagtägliche Rechthaberei - Vorstufe von Terror?

Von den Einträgen auf Facebook, Twitter und Co., die sich mit Politik befassen, geht es in jedem zweiten ums Rechthaben. Beim Thema Zuwanderung ist das nicht anders als beim Islam, bei der Ukraine-Frage zwischen den Polen Washington und Moskau, beim Euro mit und ohne Griechenland, beim Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA – und allen anderen auf der nach oben offenen Problemskala. Die meisten in den Sozialen Medien wie auf den Diskussionsforen der Online-Versionen von Print, Funk und Fernsehen wollen gar nicht diskutieren, sondern rechthaben und Recht kriegen. Anderen Meinungen wird in der Regel höchst aggressiv begegnet. Toleranz der anderen Position ist selten anzutreffen, Respekt derselben schon gar nicht.

VON Fritz Goergen | Mi, 11. Februar 2015
Vorsicht, der Fernseher hört mit

Dein Samsung Smart TV spioniert dich grundsätzlich aus, berichtet The Daily Beast: Dein Fernsehen mit deiner Stimme steuern zu können, ist bequem, Samsungs Voice-Command Feature macht’s möglich. Aber sei vorsichtig, was du sonst sagst, es könnte registriert und weitergeleitet werden.

VON Fritz Goergen | Mo, 9. Februar 2015
Facebook, Twitter, YouTube, Print, Funk und Fernsehen – als Lemminge vereint

Christian Lindners Rede im Landtag von NRW am 2. Februar hätte noch so glänzend in Form und Inhalt sein können, selbst in der Landes-Presse wäre die Aufmerksamkeit gering gewesen. Stattdessen geriet Lindners Replik auf den Zwischenruf des SPD-Abgeordneten Volker Münchow mit über einer Million Aufrufen erst zum Internethit und dann zogen alle klassischen Medien nach. Am 2. und 3. Februar stießen die User, Leser, Hörer und Seher überall und wiederholt auf den Videoclip aus dem Mitschnitt der Düsseldorfer Landtagssitzung. Die Reichweite nähert sich eineinhalb Millionen.

VON Fritz Goergen | Di, 3. Februar 2015