Tabuthemen: Energiequellen, Gentechnologien und Verteidigung

Der dritte Teil der Besprechung des Buches „Nationale Renaissance“ beleuchtet die Positionen des Autors zu Energie, Freihandel, Gentechnologie und Verteidigung – Politikfelder, die für nicht wenige Tabucharakter haben. Im ersten Teil schrieb ich: „Wer auf die überholten Kategorien von links und rechts beschränkt ist, hat es schwer mit Finn Meurer. Er kümmert sich nicht um diese Schablone und präsentiert einen unorthodoxen Politikmix.“ Der eine und andere Kommentar von Lesern auf die bisherigen beiden Folgen bestätigt das. Sie setzen sich eigentlich nicht mit den Meinungen des Autors auseinander, sondern messen seine Abweichungen vom Gewohnten.

Im zweiten Teil der Besprechung regt erwartungsgemäß die Position des Autors zu 99% Erbschaftssteuer auf. Dass der Vorschlag sich nicht auf den ersten Wohnsitz bezieht, also auch das Luxusanwesen, und nicht auf Unternehmen, die von der nächsten Generation weiterbetrieben werden, registriert mancher Kritiker schon nicht mehr. Das Reizwort blockiert. Mehrere Kommentatoren fragen mich, warum ich mich mit so einem Buch überhaupt beschäftige. Erstens weil nicht nur mich interessieren könnte, dass ein 18-Jähriger sich seine Informationen aus Büchern, Gesprächen und dem Internet selbst holt, weil er sie in der Schule nicht kriegt. Zweitens weil es bemerkenswert ist, dass der junge Mann diese Informationen in zwei Jahren Arbeit zu einem Buch verdichtet, das praktisch kein Politikfeld auslässt, keine Tabuthemen. Und drittens, dass seine Antworten auf drängende Fragen der Zeit eigene sind, er sich also nicht wie die meisten in die verschiedenen vorgestanzten Meinungs-Lager einordnet. Gerade wo er sich aus den gängigen Blickwinkeln mit seinen Lösungsvorstellungen selbst widerspricht, sollte das zum Nachdenken animieren und nicht zur bloßen Ablehnung. Unser eigenes Urteil bilden wir uns doch ohnedies selbst – oder etwa nicht?

Nach diesem Zwischenresümee nun die abschließenden Kostproben aus dem ersten Buch eines Jungautors, dem ich vorschlage, sich mit den Einwänden seiner Leser in einer neuen Auflage oder einem weiteren Buch konstruktiv auseinanderzusetzen.

Infrastruktur, Freihandel und Immigration

„Die Infrastruktur einer Nation ist Herz für Fortschritt und Bewegung … Wir investieren zu wenig in die Modernisierung von Häfen, in unsere Straßen, in unsere Flughäfen und Städte. Deswegen müssen wir jedes Jahr mindestens 12 Milliarden Euro zusätzlich für den Ausbau der Infrastruktur ausgeben.“

Ingenieure und Naturwissenschaftler für die Nano-, Pharma-, IT- und Biotechnologie-Industrie mahnt er an. Für alle Formen der Gentechnologie, die Rote, Graue, Weiße und Grüne – genetic engineering – bricht er eine Lanze. Vielen, die darüber schreiben und in den Social Media am liebsten über ihr Verbot streiten, dürften seine Erklärungen unvetraut sein. Das gilt auch für neue Freihandels- und Investitionsschutz-Abkommen  für Märkte der zweiten und dritten Welt anstelle von Protektionismus.

Zur Immigration sagt Meurer: „Deutschland muss ein offenes Land sein, das offen und freundlich jedem gegenüber ist, der im Leben wenigstens ein bisschen aufsteigen will und sein Glück in Deutschland versucht. Wir können und müssen es uns aber nicht leisten, bestimmte Wohlfahrtspakete für Menschen zu schnüren, die nur nach Deutschland kommen, um Sozialleistungen zu kassieren.“

Energie

„Obwohl die Merkel-Administration gerne von den Erfolgen einer deutschen Energiewende spricht, sieht die Realität anders aus: Die Kosten für diese Wende steigen in Billionenhöhe, Familien und Industrie werden durch steigende Energiepreise hart belastet. Gleichzeitig setzen wir mit dramatischer Überregulierung und einseitiger Förderung der erneuerbaren Energien eine sichere und bezahlbare Energieversorgung aus Spiel.“

„Vor allem ist eine Förderung unserer heimischen Schiefergasreserven umstritten. Es ist die deutsche Angst vor neuer Technologie. Wir müssen aber auch in unserem Land neuen Technologien zur Energiegewinnung offen gegenüberstehen.“

Erfolg und Leistung bestrafen, ist absurd
Marktwirtschaft, Produktivität und schöpferische Zerstörung

„Fracking halte ich besonders in Teilen Deutschlands für sinnvoll, die von einer hohen Arbeitslosigkeit und einer geringen Bevölkerungsdichte geprägt sind. Besonders in Sachsen-Anhalt und Brandenburg würde Fracking viele neue und gute Arbeitsplätze schaffen.“

Meurer ist aber auch für „eine gesetzlich vorgeschriebene Senkung des Kohlenstoffdioxid-Ausstoßes und des Ölverbrauchs für neue Fahrzeuge“. Er tritt für mehr Kohlenabbau ein, für Bioethanol und flexible Fuel Vehicles, die mit einer Mischung von Benzin und Ethanol fahren. Die daran anknüpfende Idee einer Freebate, eines Rabatts findet er gut und auch das Gegenteil einer SUV-Sondersteuer.

Verteidigung

„Unser Militär ist ineffizient, zu klein und zu teuer“, lautet Meurers Befund. Sein Standpunkt ist nicht minder klar:  „In Zeiten wachsender globaler Instabilität, grenzüberschreitendem Terrorismus, Bevölkerungsexplosion, Ressourcenknappheit und globaler Überalterung muss Deutschland sein Militär grundlegend reformieren und wiederaufbauen … Für eine einflussreiche Nation reicht die Anwendung von Soft Power nicht aus. Manchmal muss sie, um ihre nationalen Interessen global durchsetzen zu können, die Hard Power anwenden.“

Auf die Positionen unseres Autors zur Gesundheits-, Sozial- und Wohnungspolitik gehe ich hier nicht ein, auch nicht auf Einzelheiten zur Verteidigungs- und Außenpolitik. Soft sind Meurers Ansichten an keiner Stelle. Verglichen mit den festgefahrenen Positionen der deutschen Parteien, Gewerkschaften, Verbände und NGOs sowie der mit ihnen korrespondierenden Medien empfiehlt Finn Meurer einen klaren und ungewohnten Politikmix. Es ist leicht vorherzusehen, mit welchen Kommentaren aus der festgefahrenen Meinungslandschaft er rechnen muss, in der Bekenntnisse gefragt sind und keine eigene Meinungsbildung.

Nach dem zweiten Durchgang seines Buches frage ich mich, ob Finn Meurer ein neues Selbstbewusstsein seiner Generation signalisiert, das sagt: Lasst uns mit eurem ewig gleichen Abtausch von immer den selben Plakat-Inschriften in Ruhe, eure Labels kümmern uns nicht. Ihr dreht euch doch immer nur im Kreis eurer Bekenntnisse, die auf Stichwort funktionieren und kein selbständiges Urteilen mögen. Wir gehen einfach neue Wege, wir suchen unsere eigenen Antworten. Wir fragen nicht, woher sie kommen, sondern ob sie wirken. Schließlich geht es um unsere Welt. Ihr hattet genug Zeit, ihr habt sie nicht genutzt. Diesen Fehler wollen wir nicht wiederholen.

„Heute, in den 2010er Jahren, geht es Deutschland noch gut, sogar sehr gut“, schreibt Finn Meurer, „Aber wie wir wissen, scheiterten die größten Nationen, weil sie auf dem Zenit ihrer Macht schlampig, faul und unflexibel wurden und keine Ideen mehr für die Zukunft ihrer Gesellschaften bereit hatten. Die Probleme Deutschlands lösen sich nicht, wenn wir weiter machen wie bisher.“

Ich wünsche dem Autor und seiner Generation eine gute Hand, Maß und Ziel für neue Wege, die sie alles Recht haben zu suchen und zu gehen.

Finn Meurer, Nationale Renaissance – Damit Deutschland stark und erfolgreich bleibt“, Books on Demand, Norderstedt. https://medium.com/@finnmeurer

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