Freie Marktwirtschaft, Vorschule für alle und 99% Erbschaftssteuer

„Nationale Renaissance – Damit Deutschland stark und erfolgreich bleibt“ heißt das erste Buch des frischgebackenen Abiturienten Finn Meurer. Kein Politikfeld, das er nicht kritisch betrachtet und in dem er keine dezidierte Lösung parat hat. In drei Folgen möchte ich es Ihnen nahebringen als ein erstaunliches Dokument eines unabhängigen Kopfes. Davon können wir gar nicht genug haben.

„Doch die Kunst staatsmännischen Handelns endet nicht mit vermeintlich unüberbrückbaren Herausforderungen, sondern sie beginnt erst dort.“ Das schreibt ein 18-Jähriger der deutschen Politik ins Stammbuch – in seinem ersten Buch. Zwei Jahre hat Finn Meurer an seiner Darstellung der deutschen Probleme gearbeitet. Mit bemerkenswerter Entschiedenheit und Mut zum Detail stellt er uns vor, welche Politik er als deutscher Kanzler machen würde. Wer auf die überholten Kategorien von links und rechts beschränkt ist, hat es schwer mit Finn Meurer. Er kümmert sich nicht um diese Schablone und präsentiert einen unorthodoxen Politikmix. Ich wünsche dem Autor, dass er noch genug Jahre im richtigen Leben zubringt, bevor er in die Politik einsteigt. Dass er eines Tages Politiker wird, scheint mir nach seinem Erstlingswerk unausweichlich. Die Partei, die zu ihm passt, muss er vielleicht selbst gründen.

Liberale Kultur und militärische Stärke

Eine Besinnung auf die westlichen Werte muss für unseren Debütanten am Beginn der politischen Erneuerung stehen. China und andere Staaten, die keine liberalen Demokratien sind, können ihre Kapazitäten „schneller und ohne ethische Bedenken“ und damit effizienter nutzen: „Wenn wir aber nicht aufpassen, geben wir selber unsere liberale Demokratie auf und landen in denselben Vorposten der Tyrannei, wo die meisten Menschen in der Welt heute leben müssen.“ Neue Herausforderungen können wir nur durch die Rückkehr zur freien Marktwirtschaft meistern. Seit der globalen Finanzkrise formieren sich antikapitalistische Gruppen „und versuchen, Amerika und Westeuropa immer mehr in sozialistische Wohlfahrtsstaaten zu verwandeln.“

Meurer zitiert David Landes („The Wealth and Poverty of Nations“), dass “Kultur den entscheidenden Unterschied ausmacht“ für den Erfolg oder Misserfolg einer Nation. Im Westen konnten die Jungen durch Bildung aufsteigen, nirgendwo gab es mehr Patente und Innovationen: „Das war bisher einer der Pfeiler unserer Stärke. Doch in den letzten Jahren scheint Bildung immer unwichtiger zu werden. Man ruht sich aus, während harte Konkurrenz aus Fernost uns zu überholen beginnt.“  Besinnung auf die „Bereitstellung guter Bildung und individueller Möglichkeiten“ verlangt der Autor.

Im „Kampf für das Gute“ schließlich hat der Westen nachgelassen, „wenn wir das weiter zulassen, werden repressive Länder wie Russland oder China versuchen, die Weltherrschaft an sich zu reißen, während Amerika und Westeuropa als Ursprung von liberaler Demokratie und von Menschenrechten untergehen. Wir haben eine moralische Verantwortung, dies zu verhindern, und müssen daher wieder zu den Grundsätzen des zivilen und militärischen Kampfes gegen das Schlechte zurückfinden.“

Offenheit statt Isolation

Wer nun sagt, aha, Finn Meurer, ein junger Atlantiker der alten Schule, urteilt vorschnell und wendet jene Schablone an, die längst nicht mehr taugt. Der Autor hat deutlich mehr gelesen als die meisten seiner Zeitgenossen und viel mehr als das Gros der Politiker und Journalisten. Meurer verwendet den Begriff Nation durchgängig wie angelsächsische Autoren – als Synonym für Staaten und Reiche, nicht für ethnische Völker.  Er verweist auf Beispiele in der Geschichte, wo der Abstieg  erfolgreicher Nationen damit begann, dass sie anfingen, sich auf ihren Früchten auszuruhen und abzuschotten: China, das im 19. Jahrhundert von Ländern des Westens unter sich aufgeteilt wurde, Japan, das erst unter der Meiji-Restauration Anschluss an den Westen suchte und fand, die Implosion der Sowjetunion. China befindet sich wieder auf der Überholspur, weil es dem identischen Rezept der Erfolgreichen folgt: Innovation, Flexibilität, langfristige Politikorientierung, produktive Kultur, Ideologieabbau, militärische Überlegenheit  – und Offenheit statt Isolation.

Ein Jahrzehnt nachdem Bush Senior und Gorbatschow von einer neuen internationalen Ordnung sprachen, versucht jeder „und muss versuchen, so viel Macht wie möglich zu akkumulieren und seine nationalen Interessen durchzusetzen. Andernfalls entsteht ein Machtvakuum, das von einer anderen Macht gestopft wird.“ Unser Autor hat seinen Hobbes gelesen, Brzeziński, Fukuyama, Kissinger und wie sie alle heißen. Nach den absteigenden und aufsteigenden Nationen führt er uns fünf Macht-Strategien vor, von der westlichen über Russlands neuen Anlauf unter Putin und Chinas verwandten Weg, den Islamismus und einen grenzüberschreitenden Terrorismus mit globalen Aufständen zur Zerstörung der Staaten, wie wir sie kennen. Finn Meurer beschreibt eine globale Instabilität, eine überbevölkerte Welt. Den Glauben mancher an eine Weltregierung 2050 teilt er nicht: „Wir werden in den nächsten Jahren ‚kampfbereite Ko-Existenzen‘ haben, keine friedvollen ‚Ko-Evolutionen‘. Besonders die chinesisch-amerikanische Zukunft wird dies zeigen können.“ Damit sind wir auf Seite 50. Auf den restlichen 300 skizziert unser Jungautor seinen „Plan zum Wiederaufstieg Deutschlands, sollten regionale Grenzen wieder erschaffen werden und es nicht zu einer neuen internationalen Ordnung kommen.“

Vorschule für alle

„Ziel meiner Bildungspolitik würde sein, innerhalb von acht Jahren in allen Bereichen der PISA-Studien unter den ersten fünf Rängen zu sein und jungen Menschen die besten Aussichten für ihre Zukunft zu ermöglichen.“ Das Wort Erfolg zieht sich durch Meurers ganzes Buch. Erfolg gibt es nur, wenn die Gesellschaft aufhört, ihn zu verteufeln. „Ich habe das Glück gehabt“, schreibt er, „in einer sehr belesenen Familie aufgewachsen zu sein. Nur durch Bücher, Gespräche mit Führungskräften und natürlich dem Internet konnte ich mein Wissen aufbauen, nicht durch die Schule.“ Und fährt sehr aktuell fort: „Wenn Eltern ihren Kindern nicht vorlesen und so das Interesse am Lesen nicht geweckt wird, muss dies das Bildungssystem schaffen.“ Und hört, hört: „Dabei muss man nach wichtigen pädagogische Ansätzen vorgehen. Wenn Kinder nämlich das Lesen als eine Schulaufgabe ansehen, lehnen sie es ab.“ In wie vielen Eltern- und Lehrer-Ohren klingelt es da?

Als Vorbedingung einer guten Bildung fordert Meurer  eine hochwertige Kinderbetreuung. Er selbst ist die ersten fünf Lebensjahre in Frankreich aufgewachsen: Vorteil zweisprachig. Aber ohne Einfluss auf seinen Vorschlag einer verpflichtende Vorschule ab drei Jahren wird das nicht sein: „So erhält Bildung auch in sozial schwachen Familien so früh wie möglich Einzug … Dies entlastet Familien und arbeitende Frauen mit Kindern stark und kommt den Kindern zu Gute.“ Meurer will hohe Standards, in der Vorschule sollen Kinder die Sprache, Etikette, Benimm und Anstand lernen, der Fantasie freien Lauf lassen, sich körperlich ertüchtigen können,  Leben in der Gemeinschaft und Disziplin lernen, musische Erziehung erhalten. Was die Kinder in der vierjährigen Grundschule lernen sollen, zählt er genau auf. Danach sollen die „mittelmäßig Begabten“ auf die Mittelschule, die stark praxisbezogen sein soll. Die „höher Begabten“ sollen aufs Gymnasium – Mindestnotendurchschnitt 1,9 vorausgesetzt. Ich habe nicht vor, dem Autor Noten zu geben, möchte vielmehr einen Vorschlag machen: Das deutsche Bildungssystem könnte dem Erfolg der dualen Berufsausbildung ein neues Alleinstellungsmerkmal hinzufügen, indem jede Bildung dual wird, das Studium eingeschlossen.

Auf die Lehrer kommt es an, nicht die Klassengröße

Täglicher Sportunterricht ist ein weiteres Rezept des Autors, die Errichtung von Leistungszentren, der massive Ausbau und beste Ausstattung der Universitäten insgesamt, aber auch im Sport. Individuelle Förderung, Ganztagsunterricht, Verantwortung und Führung an den Schulen lernen, von besten Lehrern, die viel mehr können als heute, viel besser bezahlt werden, aufsteigen können zu Mentor- und Master-Lehrern – und entlassen werden können. Der größere Teil unserer bildungspolitischen Landschaft wird aufkreischen, wenn er bei Meurer liest: „Das kapitalistische Konzept des Anreizes ist so essentiell, so zentral, so überzeugend, dass es die Grundlage für eine adäquate Entwicklung von Humanressourcen werden muss.“ Auf die Lehrer kommt es an, sagt der frischgebackene Abiturient, nicht auf die Klassengröße. Er kann sich auf Studien berufen. „Würden Eltern, Schulen und Lehrer mehr Wert auf Pünktlichkeit, Disziplin, Ordnung und Anstand legen, gäbe es gewiss auch weniger Ausfälle und Störungen.“ Auch das liegt quer zur 24-Stunden-Rundum-Bevormundung mit Handy-Melde-Zwang-im-Stunden-Takt  einerseits und Alles-Hinnehmen-Praxis von Eltern andererseits. „Länder wie Frankreich“, schreibt Meurer, „machen dies anders, wenn sich Schülerinnen und Schüler nicht benehmen können, werden sie nach Hause geschickt, dahin, wo die Probleme herkommen.“

Ein Bildungsplan im einzelnen mit Haushaltsziffern schließt Meurers Bildungskapitel ab. Wie gesagt, er hat keine Angst vor dem Detail. Den heutigen Bildungspolitikern schreibt er ins Stammbuch: „Die Linken im speziellen und unsere gegenwärtigen Politiker im allgemeinen setzen sich gar nicht für Schüler, sondern nur für Lehrer ein. Die Sozialdemokraten wissen, dass sie die Lehrer hinter sich haben, wenn ihnen mehr Geld oder kleinere Klassenräume versprochen werden. Die typischen Programme der heutigen Politik sind immer die gleichen; die Konservativen wollen Gelder bei Schülern einsparen und die Sozialdemokraten wollen mehr Geld für Lehrer ausgeben (Hervorhebung von mir).“

So viel „Nationale Renaissance“ von Finn Meurer für heute. Morgen geht es weiter mit „Produktivität und Schöpferische Zerstörung“.

Finn Meurer, Nationale Renaissance – Damit Deutschland stark und erfolgreich bleibt“, Books on Demand, Norderstedt. https://medium.com/@finnmeurer 

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