Die Bahn verbietet uns das Bier

Die Deutsche Bahn untersagt den Reisenden den Konsum von Alkohol. Während man ewig wartet, darf man sich also keinen mehr genehmigen. Die DB kapituliert damit vor ein paar wenigen und bestraft einfach alle.

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Fuß-Pils. So nennen sie in Berlin das Bier, das öffentlich und im Gehen getrunken wird. Zum modernen Straßenbild gehören längst unzählige, vor allem junge Menschen, die mit der Flasche in der Hand durch die Stadt flanieren.

Auch in den Öffis, in der S-Bahn zum Beispiel. Bisher jedenfalls. Künftig wohl nicht mehr. Denn seit heute gilt bundesweit auf und an allen rund 5.700 Bahnhöfen in Deutschland ein Alkoholverbot: auf jedem Bahnsteig, auf jeder sogenannten „Zuwegung“, auf dem gesamten Gelände. Wer ein Bier trinkt und erwischt wird, kassiert einen Platzverweis. Wer öfter erwischt wird, bekommt Hausverbot.

Der Pendler mit seinem Feierabendbier wird behandelt wie ein Schläger.

Ein Täter, Millionen Bestrafte

Anlass für das Verbot war der Angriff eines betrunkenen Passagiers. Er attackierte einen DB-Mitarbeiter, der bei Tempo 120 aus dem fahrenden Zug stürzte und lebensgefährlich verletzt wurde. Bahn-Chefin Evelyn Palla verkündete danach: „Wir greifen durch.“

Aber gegen wen?

Jedenfalls nicht gegen den Täter beim beschriebenen Zwischenfall. Dessen Tat war ja längst verboten. Stattdessen greift die Bahn jetzt durch bei Millionen Reisenden, die gar nichts getan haben. Denn das ist der eigentliche Kern dieses Verbots: Es bestraft unzählige Unschuldige – weil ein riesiger und milliardenschwerer Staatskonzern ein paar Schuldige nicht in den Griff bekommt.

Der Vater, der am Gleis mit seiner Tochter auf den Abschied anstößt. Die Reisegruppe mit dem Sekt zum Geburtstag. Der Handwerker mit dem Feierabendbier. Sie alle dürfen das nicht mehr tun. Nicht, weil SIE jemanden stören – sondern weil ANDERE jemanden stören könnten.

Doppelmoral

Die Sache ist schief, von welcher Seite aus man sie auch betrachtet. Der Anlass war ein betrunkener Fahrgast in einem Zug. Verboten wird das Trinken von Alkohol jetzt aber auf den Bahnhöfen. In den Zügen bleibt es erlaubt.

Hä?

Die Bordgastronomie im ICE schenkt weiter gerne Bier, Wein und Sekt aus.

Auch die Läden und die Gastronomie in den Bahnhöfen verkaufen weiter Alkohol. Die verschlossene Flasche im Rucksack des Reisenden bleibt ebenfalls erlaubt.

Das Problem ist offenbar gar nicht der Alkohol. Das Problem ist der Ort, an dem man ihn trinkt.

Sinnloses Verbot

Lustigerweise ist alles, was die Bahn mit ihrer neuen Wundermaßnahme unterbinden will, sowieso schon seit langem verboten.

Körperverletzung ist verboten. Sachbeschädigung ist verboten. Pöbeln, Randalieren, Bedrohen: alles verboten. Die Bahn hat das Hausrecht, Sicherheitsleute, rund 11.000 Kameras auf den Bahnhöfen und als Hilfe zudem die Bundespolizei. Trotzdem zählt die Statistik im vergangenen Jahr im Bahnbereich 27.818 Gewaltdelikte. Das sind 76 pro Tag.

Es fehlt nicht an Verboten. Es fehlt am Willen, die vorhandenen Verbote durchzusetzen.

Die Polizeigewerkschaft bestätigt das. Sie bezweifelt, dass das neue Alkoholverbot konsequent durchsetzbar ist: zu wenig Personal. Natürlich. Sie warnt vor einem „Vollzugsdefizit“, aus Erfahrung: An den rund 30 Bahnhöfen, an denen schon jetzt ein Alkoholverbot gilt, wird nicht flächendeckend scharf kontrolliert. Das hat die „Neue Zürcher Zeitung“ NZZ recherchiert.

Das Verbot trifft also vor allem die, die sich an Regeln halten. Ein Betrunkener, der zuschlägt, hat vorher nur höchst selten die Hausordnung studiert. Überhaupt ist laut der NZZ-Auswertung nur bei der Hälfte der Gewalttaten an

Bahnhöfen irgendwie Alkohol im Spiel. Diese Täter kommen offenbar schon jetzt ganz ohne Bier aus. Für sie ist das neue Verbot noch nicht einmal theoretisch relevant.

Logik des Rasenmähers

Die Bahn folgt einem Muster, das sich in Deutschland ausbreitet wie eine Plage: Einige wenige verhalten sich falsch – also legt man allen Fesseln an. Wir bestrafen nicht mehr die Täter, sondern wir gängeln alle Unschuldigen.

Berlin hat Messer in Bussen und Bahnen verboten. Seit Juli 2025 gab es 33.288 Kontrollen. Dabei wurden 326 Messer sichergestellt. Fast 99 von 100 Kontrollen betrafen also Menschen, die gar kein Messer dabeihatten. Diese Regeln treffen immer die Falschen: Der Hamburger Hauptbahnhof ist seit 2023 Waffenverbotszone. Im Mai 2025 wurden dort 18 Menschen mit einem Messer verletzt.

An Verbote hält sich nur der, der ohnehin nichts Verbotenes tun will.

Trotzdem bleibt die Politik bei ihrem Rasenmäher-Prinzip, denn der Rasenmäher ist bequem. Ein generelles Verbot für alle kostet kein Geld. Man muss keine neuen Polizisten einstellen und keine neuen Richter, man muss keine zusätzlichen (teuren) Haftplätze schaffen. Es reicht ein Gesetz und eine Pressemitteilung. Oder eine neue Hausordnung, wie jetzt bei der Bahn.

Einen Täter zu finden, anzuklagen und zu verurteilen ist mühsam und teuer. Viel leichter ist es, gleich allen etwas zu verbieten. Wo der Wille zur Verfolgung fehlt, wird er durch das Verbot ersetzt.

Im Land der tausend Verbote

Wenn man dieser Logik folgt, ergeben sich völlig neue Perspektiven.

Im Straßenverkehr sterben jedes Jahr Menschen. Lasst uns den Autoverkehr generell verbieten – das senkt die Zahl der Verkehrstoten auf null. In Supermärkten wird geklaut. Lasst uns das Einkaufen verbieten – dann gibt es auch keine Ladendiebe mehr.

Wer jetzt lacht, sollte kurz nachdenken; dann bleibt ihm das Lachen schnell im Hals stecken. Diese Beispiele sind nur vordergründig absurd. In Wahrheit folgen sie exakt demselben Gedanken wie das Alkoholverbot der Bahn: Weil einige sich falsch verhalten, verlieren alle ihre Freiheit.

Dabei gibt es noch eine Konsequenz, die kaum jemand auf dem Schirm hat: Menschen, denen sukzessive alles verboten wird, tun sukzessive auch nichts mehr. Wer bei jedem Schritt ein Schild, eine Zone, eine Auflage, einen Platzverweis fürchtet – der hört irgendwann auf, Schritte zu machen. Der Unternehmer unternimmt nicht mehr, der Bürger engagiert sich nicht mehr, der Mensch wagt nichts mehr.

Ein Staat, der allen misstraut, weil einige etwas falsch machen: der macht Misstrauen zum Betriebssystem. Ein Dickicht von Strafandrohungen führt zur Bewegungslosigkeit. Wer nach einem Grund sucht für den wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Stillstand in Deutschland:

Hier ist er.

Reisende, die ihr Bier auf dem Bahnsteig trinken, sind nicht das Problem. Der freie Bürger ist nie das Problem. Die Bahn will hart durchgreifen – aber gegen die Falschen: Sie bestraft ausgerechnet die, die immer brav ihre Fahrkarte bezahlen.

Der Schläger dagegen – der lacht sich ins Fäustchen.

Ende


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