Angebliche AfD-Bots aus Moskau: Wie eine KI-Grafik Politiker und Medien blamierte

Eine dubiose Grafik sollte zeigen, dass ukrainische Drohnenangriffe auf russische Rechenzentren AfD-Bots ausschalteten. Politiker und Aktivisten jubelten, Medien übernahmen ungeprüft. Florian Gallwitz und Raphael Wimmer zerlegten den Unsinn. Blamabel für jene Akteure, die stets „Desinformation!“ trompeten und das Netz und Soziale Medien regulieren wollen.

Am 11. Oktober verbreitet der tschechische Europaabgeordnete Tomáš Zdechovský auf X eine Grafik, die einen spektakulären Einbruch der Online-Aktivität rund um die AfD belegen soll. Der Grund für den angeblichen Absturz: Ukrainische Drohnen haben russische Rechenzentren zerstört, aus denen offenbar große Teile der Unterstützung für die deutsche Oppositionspartei gesteuert worden seien. Ein Beweis für die Abhängigkeit der AfD von russischer Propaganda, so die Botschaft. Mehr als drei Millionen Mal wird der Beitrag angezeigt. Was der Europaabgeordnete seinen Lesern als aufschlussreiche Entdeckung präsentiert, erweist sich bei näherer Prüfung als eine Ansammlung unbelegter Behauptungen.

Die Geschichte trifft DEN Nerv im politischen Milieu der selbst ernannten Demokratieverteidiger. Endlich scheint die Erklärung gefunden, weshalb die AfD seit Jahren immer stärker wird und die etablierten Parteien in den Umfragen abstürzen. Genaugenommen ist dieser Nerv so dick wie eine Hauptstromleitung und wird immer wieder herangezogen, wenn es gegen die AfD geht: Es liegt an Moskau. An russischen Internetrobotern, die millionenfach Beiträge verbreiten und damit offenbar eine ganze Partei großschreiben. Die politische Wunschvorstellung bekommt durch eine plötzlich abstürzende blaue Kurve den Anschein einer wissenschaftlichen Erkenntnis.

Die russische Bot-Armee fällt aus – angeblich

Ausgangspunkt sind tatsächliche ukrainische Drohnenangriffe auf Rechenzentren des russischen Internetkonzerns Yandex. Zwischen dem 8. und 11. Oktober werden Anlagen in Sasowo, Kaluga und Wladimir getroffen. Der Konzern muss Standorte vollständig oder teilweise abschalten, zahlreiche digitale Dienste fallen aus. Die Angriffe verursachen erhebliche Schäden an der russischen Internetinfrastruktur. Aus diesem militärischen Erfolg entwickelt sich im Netz binnen weniger Stunden eine politische Siegesmeldung über die angeblich enttarnte russische Unterstützung der AfD.

Zu den eifrigen Verbreitern gehört Robin Schlingheider, grüner Kommunalpolitiker aus Heiligenhaus in Nordrhein-Westfalen. Er teilt die Grafik auf der Plattform Threads, wo sie mehr als 2.000 Gefällt-mir-Angaben erhält. Der tschechische Europaabgeordnete Zdechovský aus der konservativen EVP-Fraktion greift sie ebenfalls auf. Er versieht seine Veröffentlichung immerhin mit dem Vorbehalt, dass sich die Angaben erst bestätigen müssten. Für den anschließenden politischen Seitenhieb gegen die AfD reicht ihm die ungeprüfte Darstellung bereits.

Dabei hätte schon ein flüchtiger Blick auf die angebliche Statistik genügt, um erhebliche Zweifel aufkommen lassen zu müssen. Die Grafik trägt die Überschrift „Tägliche Aktivität über 3 Monate“ und behauptet einen Rückgang um bis zu 56 Prozent. Eine Quelle fehlt dabei vollständig. Welche Konten untersucht wurden, welche Plattform zugrunde liegt und was überhaupt als Aktivität gezählt wird, bleibt unbekannt. Selbst die Abstände auf den Achsen stimmen teilweise nicht.

Florian Gallwitz und die Märchen aus Moskau

Zu den Ersten, die dem galoppierenden Unsinn öffentlich widersprachen, gehörte der Informatikprofessor Florian Gallwitz. Er lehrt seit 2010 Medieninformatik an der Technischen Hochschule Nürnberg und beschäftigt sich seit Jahren mit künstlicher Intelligenz, Desinformation und dem wissenschaftlich oft erstaunlich dürftig belegten Phänomen angeblicher „Social Bots“. Gemeinsam mit dem Datenanalysten Michael Kreil zerlegte er bereits Studien, die mithilfe der höchst unzuverlässigen Software „Botometer“ gewöhnliche Twitter-Nutzer kurzerhand zu automatisierten Propagandakonten erklärt hatten. Im Jahr 2023 wies Gallwitz ebenso wie der Blogger Hadmut Danisch zudem anhand der Tonspur nach, dass der MDR in einem Video über einen Polizeieinsatz gegen Klimaaktivisten Schmerzensschreie nachträglich verdoppelt hatte. Der Sender musste die Veränderung schließlich einräumen.

Gallwitz hatte bereits im April 2025 eine besonders groteske Russland-Geschichte des ZDF in ihre Bestandteile zerlegt. In der Dokumentation „Spionage, Sabotage, Fake News – Putins Krieg gegen uns“ hatte der Sender mithilfe des sogenannten Internet-Profilers Steven Broschart vermeintliche Hinweise auf eine russische Mitwisserschaft bei islamistischen Terroranschlägen in Deutschland präsentiert. Die Sensation: Angeblich sei bereits Tage vor dem Messeranschlag auf Michael Stürzenberger in Mannheim aus Russland nach dem bevorstehenden Attentat gesucht worden. Als Beleg dienten Ausschläge bei Google Trends. Gallwitz führte mit wenigen Suchanfragen vor, wie wertlos diese vermeintlichen Indizien waren. Er erfand eine völlig sinnlose Zeichenfolge und entdeckte anschließend in Google Trends angebliche Suchaktivitäten, die bereits vor seiner eigenen Eingabe stattgefunden haben sollten. Auch die Suchanfrage „ZDF Journalisten ahnungslose Verschwörungstheoretiker“ produzierte rückwirkend Treffer.

Gallwitz sprach von einer „Propagandageschichte“ und warf dem Sender die Missachtung elementarer journalistischer Standards vor. Besonders peinlich: Der Bundesnachrichtendienst hatte das ZDF bereits vor der Ausstrahlung vor der Unbrauchbarkeit dieser Methode gewarnt. Selbst das hielt den Sender nicht davon ab, die Geschichte zu verbreiten. ZDF-Intendant Norbert Himmler verteidigte die Recherche später weiterhin. Dass Gallwitz nun erneut eine politisch hochwillkommene Russland-Geschichte auseinandernehmen muss, zeigt vor allem, wie wenig manche Medien und Politiker aus solchen Blamagen gelernt haben. Genaugenommen: rein gar nichts.

Auch diesmal war Gallwitz zur Stelle, um die jüngste kolportierte Geschichte umgehend zu widerlegen. Er verwies auf den Informatiker Raphael Wimmer, der die Ursprungsversion der fragwürdigen Grafik auf Threads ausfindig gemacht hatte, und machte auf den nachträglich hinzugedichteten AfD-Bezug aufmerksam. Zudem zeigte er, dass die tatsächlichen Beitragszahlen keineswegs den behaupteten spektakulären Einbruch bei der AfD erkennen lassen. Seine vernichtende Diagnose der politischen Beweisführung: „Alle scheinbaren Belege für die Behauptung sind nachweislich plump gefälscht oder werden völlig fehlinterpretiert.“ Dass ausgerechnet Politiker und Journalisten, die sich gern als besonders kompetente Kämpfer gegen Desinformation aufspielen, auf eine derart plumpe Geschichte hereinfallen, dürfte Gallwitz nach seinen bisherigen Erfahrungen kaum noch überraschen. Eine dubiose Internetgrafik wurde zum politischen Beweisstück erhoben, weil ihr Inhalt die eigenen Erwartungen so wunderbar bestätigte.

— Florian Gallwitz (@FlorianGallwitz) October 11, 2026

Der Wunsch war stärker als die Wahrheit

Schlingheider räumte auf X seinen Fehler inzwischen ein. Er habe sich gewünscht, dass die Geschichte wahr sei, hätte die Darstellung jedoch vor der Weiterverbreitung überprüfen müssen. Das ist immerhin ein beachtliches Eingeständnis, das Politiker wie Kiesewetter oder Journalisten wie Peter Tiede von BILD nicht hinbekommen haben. Der grüne Kommunalpolitiker liefert damit unfreiwillig eine ziemlich treffende Beschreibung des Problems: Der Wunsch nach einer bestimmten politischen Wahrheit war größer als das Interesse an ihrer Überprüfung. Ganz von seiner Überzeugung lässt Schlingheider dennoch nicht ab. Er habe den Eindruck, unter seinen eigenen Beiträgen gebe es inzwischen weniger feindselige Kommentare, ah ja.

Auch die überprüfbaren Zahlen geben die Geschichte nicht her.

Wenn Suchmaschinen plötzlich AfD-Wahlkampf machen

Als vermeintlicher Beweis für den Ausfall russischer Propagandamaschinen werden Messungen des amerikanischen Internetdienstleisters Cloudflare herangezogen. Tatsächlich registriert Cloudflare einen drastischen Rückgang automatisierter Zugriffe aus einem Netzwerk des Yandex-Konzerns. Daraus entsteht die Behauptung, die ukrainischen Drohnen hätten den russischen Propagandabetrieb nahezu vollständig zum Erliegen gebracht. Der entscheidende technische Unterschied wird dabei übersehen: Yandex betreibt wie Google eine Suchmaschine, deren automatische Programme fortlaufend Webseiten durchsuchen und indexieren, sogenannte Crawler.

Ein abgestürzter Datenverkehr solcher Suchmaschinenprogramme sagt über die politische Tätigkeit automatisierter Konten auf X, Telegram oder anderen Plattformen zunächst überhaupt nichts aus. Die Cloudflare-Daten messen keine Wahlwerbung für die AfD und weisen auch keine russischen Propagandisten aus. Die Gesamtaktivität automatisierter Internetzugriffe aus Russland zeigt nach Angaben des Unternehmens keinen vergleichbaren Einbruch. Wer daraus einen Zusammenbruch der Unterstützung für die AfD konstruiert, verwechselt die technische Funktionsweise einer Suchmaschine mit dem Betrieb politischer Einflusskampagnen.

Capital hat deshalb bei Organisationen nachgefragt, die solche Aktivitäten tatsächlich untersuchen. Josef Holnburger vom Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) erklärte dem Magazin, seine Organisation beobachte russische Kampagnen und könne keinen Rückgang der Beiträge erkennen, der sich mit den Angriffen auf die Rechenzentren erklären ließe. Auch gegenüber dem Bayerischen Rundfunk und netzpolitik.org bestätigte Holnburger, dass die kursierenden Schlussfolgerungen durch die vorliegenden Daten nicht gedeckt seien. Dramatisch, wenn selbst Linke der neuen falschen Lieblingskampagne von anderen Linken widersprechen müssen.

Noch aufschlussreicher die Auskunft von Richard Schwenn, dem Leiter für Datenanalyse und künstliche Intelligenz bei des ebenfalls weit linken Thinktanks Polisphere. Seine Organisation beobachtet nach eigenen Angaben nahezu 10.000 Konten auf TikTok, Telegram und X, die unter anderem dem Umfeld der AfD und prorussischen Akteuren zugerechnet werden. Gegenüber Capital erklärte Schwenn, es gebe im deutschsprachigen Raum keine statistisch auffälligen Rückgänge. Die Aktivität bestehender automatisierter Konten sei ebenso wenig eingebrochen wie die Zahl neu angelegter Konten. Die entsprechenden Daten erhebt Polisphere gemeinsam mit dem Hasso-Plattner-Institut.

Eine weitere Gegenprobe der Nachrichtenseite ‚Rohtext‘ liefert für den Zeitraum vom 10. auf den 11. Oktober sogar ein besonders nettes Ergebnis: Nach den dort ausgewerteten, von Grok bereitgestellten Zahlen sank die Zahl deutschsprachiger Beiträge mit dem Begriff AfD um 19,3 Prozent. Bei der CDU betrug das Minus 17,8 Prozent, bei den Grünen 28,6 Prozent und bei der SPD sogar 36,8 Prozent. Diese Zahlen sind wegen ihrer Herkunft und des kurzen Untersuchungszeitraums selbst nur eingeschränkt belastbar. Nach dieser Logik müsste Moskau ausgerechnet die SPD am kräftigsten mit Bots unterstützt haben. (Hallo, Manuela 😉 )

Die selbst ernannten Faktenwächter als Falschmeldungsverbreiter

Politisch und auch medial ist der ganze Vorgang an Brisanz und Dramatik kaum noch zu unterbieten. Seit Jahren wird der Erfolg der AfD von ihren Gegnern mit allerlei auch abstrusesten Erklärungen versehen, die möglichst wenig mit dem Zustand Deutschlands und der Bilanz der regierenden Parteien zu tun haben sollen. Nun kommt eine weitere hinzu: Die Unterstützung für die AfD soll aus russischen Rechenzentren stammen, deren Abschaltung angeblich sofort die politische Realität in Deutschland verändert. So einfach lässt sich die Verantwortung für eigene Wahlniederlagen natürlich in ein ausländisches Rechenzentrum verlagern. Die Frage, weshalb Millionen Deutsche diese Partei tatsächlich wählen, kann man sich dann sparen.

Dass ausgerechnet die selbst ernannten Kämpfer gegen Desinformation eine mehr als hochfragwürdige Grafik bereitwillig zur politischen Waffe machten, gibt dem Vorgang seine besondere Pointe. Wer anderen unablässig die Gefährdung der Demokratie durch falsche Informationen vorwirft, sollte wenigstens die eigenen Beweisstücke prüfen können. Den politischen Schaden durch eine millionenfach verbreitete Unterstellung beseitigt ein anschließendes, aber vielfach unterbleibendes Eingeständnis und Korrektur dann kaum.

Die vermeintliche russische Propagandamaschine bleibt weiterhin unbewiesen. Die Bereitschaft zur Verbreitung einer passenden Falschinformation ist dagegen bestens dokumentiert. Auch die abschließende Sammlung bzw. die aufgesammelten und dokumentierten Trümmer dieser Nummer möchten wir gerne Florian Gallwitz überlassen. Wenn Sie ihm auf X noch nicht folgen, sollten Sie das nachholen:

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