Versteckter Sprengsatz: die ungedeckten Rentenversprechen der Europäer

Abseits des Anleihendramas gärt ein weiteres ungelöstes Problem der Europäer: die ungedeckten Schecks der Rentenversicherungen. Sie vermengen sich mit wachsenden Staatsschulden und fehlendem Wirtschaftswachstum zu einem toxischen Gebräu, aus dessen Kessel die nächste Finanzkrise emporwachsen kann.

IMAGO / Herrmann Agenturfotografie

Frankreichs Staatsverschuldung von etwa 118 Prozent ist eine erschreckende Ziffer. Noch übler sieht es für Italien mit 138 Prozent aus – aber auch Belgien bewegt sich mit einer Schuldenquote von 109 Prozent in schwindelerregenden Höhen. Dass Frankreichs Neuverschuldung sich deutlich über fünf Prozent hinaus nicht mehr einfangen lässt, macht klar: Hier ist Gefahr im Verzug – für die gesamte EU. Wird Frankreich zum Ausgangspunkt einer weiteren Eurokrise, da der Club es zu keiner Zeit geschafft hat, seine Schulden in den Griff zu bekommen, sondern sich stets auf den Kreditanker Deutschland verlassen hat?

Dieser Anker hat sich offensichtlich aus seiner festen Fixierung in granitenem fiskalischem Grund gelöst und kann nicht mehr verhindern, dass der Euro-Schulden-Club ins Ungewisse abdriftet – kein Produktivitätswachstum, die Industrie wandert ab, Hunderttausende verlieren ihre Jobs – die Armutsspirale dreht sich immer schneller.

Am Anleihenmarkt ist Panik ausgebrochen. Banken und Versicherer stoßen nicht nur amerikanische Staatspapiere ab, sondern mindestens im gleichen Ausmaß die europäischen Pendants – keiner traut dem notorischen Leistungsverweigerer-Club mehr über den Weg. Dies ist, in kurzen Worten, die Oberfläche des Schuldendramas – sichtbar im Börsenblatt, in zahlreichen Interviews und in der wachsenden Volatilität an den Märkten, die wir Tag für Tag beobachten können.

Doch unter dieser Oberfläche, in der Wohlfahrtsmaschine der Europäer, spielt sich ein weiteres Drama ab, über das allerdings zu selten berichtet wird: die dramatische Unterfinanzierung der Renten- und Pensionsansprüche der europäischen Wohlfahrtsstaaten.

EUROPÄISCHER WOHLFAHRTSSTAAT
Wie tief der Graben der Unterfinanzierung der Renten tatsächlich reicht, zeigt ein Blick auf die versicherungsmathematischen Rentenverpflichtungen der EU-Mitgliedstaaten. Eurostat erhebt diese Katastrophenstatistik seit 2018 – bislang von der Öffentlichkeit nahezu vollständig ignoriert. Das liegt auch daran, dass es sich bei den europäischen Rentenversicherungen größtenteils um Umlagesysteme handelt: Die laufenden Beiträge finanzieren die laufenden Renten, weshalb diese Verpflichtungen nicht als klassische Staatsschuld verbucht werden – obwohl sie ökonomisch ebenso bindend sind. Trauriger Spitzenreiter in dieser Schuldendisziplin: Spanien. Hier betragen die bereits erworbenen, aber nicht kapitalgedeckten Rentenansprüche etwa 507 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes – der spanische Staat hat also das Mehrfache seiner jährlichen Wirtschaftsleistung an ein Versprechen verpfändet, das er niemals einhalten wird. Die Renten in Spanien werden, genauso wie die ihrer Kollegen in Italien, Frankreich oder Deutschland, größtenteils in Inflationsgeld ausgezahlt – ihre reale Kaufkraft wird über die Aufweichung der nominalen Ansprüche durch den Fiat-Gelddrucker regelrecht zersetzt. Anders wäre dieses System nicht überlebensfähig.

Deutschland steht kaum besser da als die Iberer. Die letzte verfügbare Vollerhebung des Statistischen Bundesamts beziffert die gesamten arbeitsbezogenen Rentenansprüche – gesetzliche Rentenversicherung, Beamtenpensionen und betriebliche Altersvorsorge zusammengerechnet – auf etwa 291 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Auch hier gilt: Angesichts der langsam erodierenden Produktivität der deutschen Wirtschaft wird niemand diese Verpflichtungen je in realer, gegenwärtiger Kaufkraft einlösen können.

Die nationale Rentenpolitik ähnelt sich in den Staaten der EU: Politiker aller Couleur reisen mit dem Füllhorn der Rentenversprechungen durchs Land – für sie sind die Bezieher der Renten eine homogene Wählergruppe, die man im Grunde mit einer monothematischen Lösung, mit der Erhöhung ihrer Ansprüche, abspeisen kann. Das ist unterkomplex, verteilt das Problem aber auf Millionen Erwerbstätige, die für diese Politik aufkommen müssen. Das Problem wird erst erkannt, wenn es ökonomisch bereits bergab geht, wie es gegenwärtig der Fall ist.

Nun wird aus routiniertem Rentnerfang ein handfester gesellschaftlicher Konflikt zwischen den Altersgruppen: Immer weniger Erwerbstätige finanzieren ein wachsendes Heer von Rentenempfängern, die sich politisch gegen diejenigen in Stellung bringen werden, die sich gegen den fiskalischen Raubzug durch ihre Portemonnaies zur Wehr setzen. Italien, Griechenland und Österreich zeigen es vor, wo laut Eurostat über 400 Prozent des BIP an ungedeckten Rentenansprüchen aufgelaufen sind – auch Deutschland bleibt im Grunde nur noch ein Dreiklang an Auswegen:

Die Beitragssätze werden weiter steigen. Das Rentenalter muss deutlich angehoben werden, da man sich verweigert, andere Probleme, die dieses System belasten, wie die anhaltenden Armutsmigrationen in das deutsche Renten- und Sozialsystem endlich abzustellen und umzukehren. Die Zeche für die verschleppte Migrationspolitik zahlen am Ende die Rentner – mit längerer Lebensarbeitszeit. Die dritte, bereits angesprochene und klandestine Variante ist die monetäre Aufweichung der Rentenansprüche mit dem Gelddrucker. Die EZB steht bereits bereit, die wachsende Staatsverschuldung, die dann mit frisch gedrucktem Kredit unter anderem auch in die Rentenkasse fließt, zu monetarisieren.

Auch die Niederlande gehören mit über 400 Prozent des BIP zu dieser Gruppe. Hier gilt die barwertige Berechnung günstiger Rentenansprüche der Erwerbstätigen jedoch nur bedingt: Es bestehen große private Pensionskassen, das System steht quasi auf zwei Beinen.

Für den mündigen Bürger, der möglicherweise sogar noch einer Erwerbstätigkeit nachgeht, öffnet sich nun die Tür zu einer Welt jenseits der Kontrolle durch den Staat: Autonome Entscheidungen, selbstverantwortliches Handeln können im Einzelfall zu einer besseren Rente und einer ökonomischeren Absicherung führen, denn die Politik mit dem Gelddrucker ist hochinflationär – sie wird die Geldmenge ausweiten, ohne dass dem neu zirkulierenden Fiat-Kredit neue Produkte und Dienstleistungen gegenüberstünden.

Die Edelmetallmärkte deuten bereits an, wohin die Reise geht: Große Zentralbanken wie die chinesische, die russische oder die amerikanische horten gigantische Mengen Gold, während das breite Publikum zum großen Teil außen vor bleibt. Ein wahrer Offenbarungseid: Das eigene Produkt, ungedeckter Fiat-Kredit, schwächt die ökonomische Position der Notenbankbilanzen. Rettungsanker ist und bleibt ein jahrtausendealtes Zahlungsmittel – Gold, letzte Hoffnung für die Verantwortlichen des Fiat-Geld-Desasters. Auch digitales Gold wie Bitcoin wird eine große Rolle spielen für diejenigen, die sich peu à peu aus der staatlichen Zwangsrentenpolitik lösen können und erkennen, dass dieser Mechanismus eine ökonomische Falle war.

Hat sich die Ankerkette Deutschlands erst einmal gelöst, gibt es kein Zurück mehr in eine stabile Fiat-Kreditwelt. Jeder ist auf sich allein angewiesen, doch kämpfen alle gemeinsam gegen den räuberischen Staatsapparat, sofern sie nicht von ihm abhängig sind.

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Kommentare ( 29 )

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andreas
55 Minuten her

Alice Weidel sagt nicht umsonst, dass die AFD Deutschland aus dem Euro 💶 nehmen wird. Unsere intellektuell unbedarfte Noch-Regierung mit Merz (Jurist) und Klingbeil (berufslos) kann das gar nicht erfassen.

Holger Wegner
55 Minuten her

Millionen Bullshitjobs in NGOs, ÖD und Co haben Rentenansprüche ohne Gegenwert verursacht, zusätzlich haben dafür Leute auf anderer Leute Kinder aufgepasst und hierfür Rentenansprüche erworben, so haben sich auch durch immer mehr Doppelverdienerhaushalte die Einkommen erhöht, wovon wiederum Nichtarbeitende via Teilhaberegeln auf Kosten der Steuerzahler profitieren, gleichzeitig wird so aber alles immer teuer…

peter keller
57 Minuten her

Es gibt allerdings keine Assetklasse, die wirklich imner stabil bleibt. D.h. als Rentner hat man immer ein Risiko, dass die Assetklasse, in die man gespart hat, zusammenbricht, sei das Gold, Aktien, Immobilien etc. Meines Erachtens sind Aktien aber aufgrund der Anbindung an das FIAT Geld die einzige Assetklasse, die einigermassen aktuell der Inflation folgt.

thinkSelf
1 Stunde her

Geld wird nicht von Banken „hergestellt“, sondern entsteht ausschließlich durch die Eröffnung einer Tauschtransaktion (die immer reziprok ist: Leistung gegen Leistung). Dabei machen Libertäre denselben Denkfehler wie die Sozialisten. Indem sie nämlich Geld als Objekt betrachten und nicht als Eigenschaft, was es ist (nämlich eine Eigenschaft von Tausch). Das ist übrigens bei „güterversichertem“ Geld (also „gedeckten“ Währungen) nicht anders. Weshalb Gold, genau wie Reis oder Bier, also die historischen Deckungsgüter Japans und des antiken Ägyptens, eben kein Geld ist. Anders ausgedrückt: Geld ist das Versprechen gegenüber dem Geldbesitzer (also dem der die offene Tauschtransaktion hält) auf die Lieferung von beliebigen… Mehr

yeager
1 Stunde her

Als Ursache wird meist die demografische Verschiebung genannt: Das Verhältnis arbeitender, Wert schöpfender Bevölkerung zu Rentenempfängern.
Das verschiebt sich aber stetig, langsam, und wurde durch Produktivitätszuwächse kompensiert.
Die aktuelle Krise resultiert aus einem Abwürgen des Wirtschaftswachstums, Zweckentfremdung von Rentenkassen, und jahrzehntelangem Wegschauen von Politikern die unangenehme Reformen lieber den Nachfolgern überlassen.
Der Weg des geringsten Widerstandes ist Entwertung der Schulden durch Inflation. Der Weg mit dem die „PIGS“-Staaten vor dem Euro ihre Schulden bewältigten und ihre Geschenke an die Bürger finanzierten.
Das Rezept dazu ist Aufkaufen von Staatsschulden durch die EZB, eine Form des Gelddruckens.

Freigeistiger
1 Stunde her

Herr Kolbe spricht das Problem der sog. impliziten Verschuldung an, was der Bevölkerung weitgehend unbekannt ist. Sie beträgt ein Mehrfaches der expliziten, offiziell verlautbarten Verschuldung. Laut Prof. Raffelhüschen und anderen Finanzexperten beläuft sich die implizite Verschuldung Deutschlands auf ca. 17 Billionen Euro, einen ungeheuerlichen Betrag. Die Renten- und Pensionsverpflichtungen können natürlich nur mit einer prosperierenden Wirtschaft vorläufig erfüllt und wie bisher in die Zukunft verlagert werden. Aber genau diese Voraussetzung ist immer weniger gegeben. Die inflationäre Lösung ist keine, darunter leiden alle. Für die Bürger berdeutet das, dass sie sich selber schützen müssen und da sind Sachwerte nach wie vor… Mehr

Mausi
1 Stunde her

Eurostat erhebt diese Katastrophenstatistik seit 2018 – bislang von der Öffentlichkeit nahezu vollständig ignoriert: Könnten Sie vielleicht einen Link dazugeben?

Berlindiesel
1 Stunde her

Wann immer ich hier schreibe, dass der deutsche Staat in 15 oder 20 Jahren das Rentensystem abschaffen wird, sind Downvotes gewiss. Das ist aber kein Urteil über die Validität dieser Aussage, sondern nur, wie es auch Herr Kolbe andeutet, der Unwille der nach 1950 geborenen Alterskohorten, sich damit abzufinden, dass sie bei der Rente einer großen Lüge aufgesessen sind oder auch aufsitzen wollten, weil es verführerisch klang. Tue nichts, aber kassiere ein. Noch vor Mitte dieses Jahrhunderts wird es keine Rente mehr geben. Menschen mit Kinder werden sich im Alter an diese wenden müssen, Kinderlose mit einem Minimalalmosen zurecht kommen,… Mehr

FKR
1 Stunde her

Gold begann seinen Aufwärtstrend nach der Euroeinführung. Bis 2002 lag der Preis pro Unze bei ca.300 Dollar. Danach ging rasant hoch, Griechenlandkrise auf 1500 Dollar, Corona pusht auf ca. 5000 Dollar die Feinunze Gold. Und genau so kann man auch die wahre Inflation erkennen. Deutschland jedenfalls profitiert nicht vom Euro, wir haben die D-MARK gegen eine Lira eingetauscht und vor allem, wir wurden nicht gefragt. Die Möglichkeit einer Bundesbank, durch Devisenkäufe die Währungsturbulenzen zu begrenzen, die nun mal durch unterschiedliche Bruttosozialprodukte entstehen, diese Möglichkeit haben wir nicht mehr. Die starke D-MARK war die deutsche Rentenversicherung, der Euro ist es nicht.

Koepenicker
1 Stunde her

Die Analyse hat leider zwei riesige blinde Flecken, die das Ganze am Ende eher wie eine Werbebotschaft für Gold und Bitcoin wirken lassen. Erstens: Das Geld, das aus den Staatsanleihen abwandert, flieht keineswegs nur in Edelmetalle. Ein gigantischer Teil der weltweiten Milliarden fließt gerade direkt in den Ausbau der KI-Infrastruktur – also in Rechenzentren, Halbleiter und Energieversorgung. Big Tech konkurriert heute extrem aggressiv mit Staaten um das Kapital der Investoren. Und auch wenn der Ausgang dieser KI-Wette völlig ungewiss ist und uns vielleicht die nächste Tech-Blase droht: Die Märkte setzen ihr Geld lieber auf produktive Zukunftstechnologien als auf hochverschuldete Staaten.… Mehr