Jobverlust-Report Juli: Traueranzeige für die deutsche Industrie

Deindustrialisierung und Wirtschaftsabsturz sind nicht nur abstrakte Begriffe. Es sind real existierende Probleme mit dramatischen Auswirkungen auf viele Millionen Menschen. TE zieht jeden Monat Bilanz.

IMAGO / STPP

In Deutschlands Traditionsunternehmen gehen reihenweise die Lichter aus. Die Wirtschaftsnachrichten im Juli 2026 lesen sich wie eine endlose Traueranzeige für die deutsche Industrie.

Der Ifo-Geschäftsklimaindex ist im Juli zwar leicht gestiegen: auf 86,6 Punkte. Doch das liegt deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt von 96,56 Punkten. Die Bundesbank bescheinigt unserer Wirtschaft „Schwunglosigkeit“. Im Dreimonatsvergleich fällt der Auftragseingang bei der Industrie.

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen klettert: Im April 2026 registrierten die Amtsgerichte 2.276 Fälle. Das ist ein Plus von 7,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Seit 2019 sind allein in der Metall- und Elektroindustrie 320.000 Arbeitsplätze verlorengegangen.

Und es geht weiter. Jeden Tag.

1. Juli

Winzer von Baden

Die Winzergenossenschaft im baden-württembergischen Wiesloch meldet Insolvenz an. Der Schritt trifft zahlreiche Winzer-Familien in der Region Rhein-Neckar. Der Betrieb läuft zwar vorerst weiter, doch ob die Genossenschaft zu retten ist, ist fraglich.
Minus 900 Jobs.

DreiMeister
Die traditionsreiche Schokoladenmanufaktur aus Werl in Nordrhein-Westfalen hat keinen Investor gefunden. Bei einer Betriebsversammlung erhalten alle verbliebenen Mitarbeiter ihre Kündigung. Insolvenzen von Kunden, stark gestiegene Rohstoffpreise und Ernteausfälle haben das Unternehmen erdrückt.
Minus 101 Jobs.

Autolöwen
Der insolvente Autohändler stellt an sieben Standorten den Betrieb ein. Für die Mehrzahl der Autohäuser fand sich kein Käufer.
Minus 100 Jobs.

3. Juli

Weber Magdeburg
Porsche zieht dem Autozulieferer in der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt bis zum 30. September 2026 sämtliche Aufträge ab. Das Unternehmen kündigt an, zum 1. Oktober ein Insolvenzverfahren einzuleiten. Betroffen sind auch die Standorte in Markdorf und Neuenbürg in Baden-Württemberg.
Minus 140 Jobs.

Colbitzer Heide-Brauerei
Das Amtsgericht Braunschweig stellt die mehr als 200 Jahre alte Traditionsbrauerei aus Colbitz in Sachsen-Anhalt unter vorläufige Verwaltung. Das Unternehmen wird durch die finanzielle Schieflage des Mutterkonzerns Hofbrauhaus Wolters mit in den Abgrund gezogen. Anhaltend schwacher Bierabsatz und gestiegene Produktions- und Energiekosten haben die Firma erdrückt.
Minus 14 Jobs.

5. Juli

Porsche
Der Sportwagenbauer streicht weitere Stellen, vor allem in den Bereichen Management und Verwaltung. Am Entwicklungsstandort Weissach sollen rund 30 Prozent der Kapazitäten auf den Prüfstand. Bereits ausgelaufen sind die Verträge von etwa 2.000 befristeten Angestellten. Zudem hatte Porsche im Mai angekündigt, drei Tochterfirmen zu schließen. Das trifft weitere 500 Mitarbeiter.
Minus 4.000 Jobs (zuzüglich 2.000 befristete und 500 aus Tochterfirmen).

Bönning + Sommer
Der Matratzenhersteller aus Warburg in Nordrhein-Westfalen meldet 
Insolvenz an. Auch Ikea spielt eine Rolle: als übermächtiger Konkurrent.
Minus 109 Jobs.

8. Juli

Capgemini Engineering
Nach dem schon angekündigten Kahlschlag am Standort in Wolfsburg-Warmenau will der französische IT-Dienstleister auch anderswo massiv Stellen streichen: in München und Stuttgart – die Standorte Frankfurt, Gaimersheim und Nürnberg sollen komplett geschlossen werden. Volkswagen, der mit Abstand wichtigste Kunde des Unternehmens, steckt bekanntlich selbst in einer schweren Krise und fährt einen drastischen Sanierungs- und Sparkurs.
Minus 524 Jobs.

9. Juli

Volkswagen
Vier deutschen VW-Werken droht das Aus. Die Fahrzeugproduktion dort soll bis Ende 2034 auslaufen: ab 2031 in Zwickau und Emden, 2032 bei VW Nutzfahrzeuge in Hannover, 2034 bei Audi in Neckarsulm. Bis 2030 sollen bereits 50.000 Stellen in Deutschland wegfallen – davon 35.000 bei der Kernmarke Volkswagen. Mehr als 37.000 Beschäftigte haben entsprechende Vereinbarungen bereits unterschrieben.
Minus 40.000 Jobs.

O2 Telefónica

Die Münchner Deutschland-Tochter des spanischen Telekommunikations-Konzerns baut massiv Stellen ab. Das Unternehmen befinde sich in einer „umfassenden Transformation“, um die Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern.
Minus 1.000 Jobs.

SMB International
Der Maschinenbauer aus Quickborn in Schleswig-Holstein meldet Insolvenz an. Drei Großprojekte hätten sich wirtschaftlich nicht mehr gerechnet, hinzu kamen veränderte Marktbedingungen.
Minus 160 Jobs.

10. Juli

Steidl Verlag

Der weltbekannte Verlag aus Göttingen in Niedersachsen ist insolvent. Das Haus ist bekannt für exklusive Kooperationen mit renommierten Künstlern und Autoren – darunter Literaturnobelpreisträger Günter Grass. Hintergrund sind unter anderem unbezahlte Sozialabgaben.
Minus 35 Jobs.

11. Juli

WUTRA Fördertechnik
Die Maschinenfabrik aus Wurzen in Sachsen meldet nach mehr als 130 Jahren Insolvenz an. Stark gesunkene Aufträge, steigende Material-, Arbeits- und Energiekosten sowie anhaltende Störungen in den Lieferketten haben dem Fördertechnik-Spezialisten zugesetzt.
Minus 120 Jobs.

13. Juli

Privatbrauerei Eichbaum
Die insolvente Brauerei aus Mannheim in Baden-Württemberg leitet die Stilllegung ihres Werks ein. Der geplante Einstieg eines Investors ist gescheitert, weil der Betrieb trotz Sanierung Verluste schrieb. Eine Transfergesellschaft fällt aus. Ein kleines Team soll vorhandene Aufträge bis Ende September abwickeln, während Anlagen und Firmengelände verkauft werden.
Minus 240 Jobs.

14. Juli

Kodi

Der Discounter aus Oberhausen in Nordrhein-Westfalen meldet Insolvenz an – schon wieder. Mindestens 50 von 150 Filialen droht die Schließung. Kodi hatte 2024 bereits ein Schutzschirmverfahren beantragt und die Zahl der Filialen von 240 auf 150 reduziert. Damals wurden mehr als 500 Beschäftigten gekündigt. Das Unternehmen hat etwa 1.200 Beschäftigte. Neben der schwachen Konsumstimmung belasten Wettbewerbsdruck durch digitale Geschäftsmodelle, hohe Energie- und Mietkosten sowie steigende Lohnnebenkosten.
Minus 400 Jobs.

Eurotech Guss
Der Hersteller von Aluminiumgussteilen und einbaufertigen Baugruppen aus Schwäbisch Gmünd in Baden-Württemberg meldet Insolvenz an. Hintergrund sind die anhaltenden Belastungen in der Gussbranche. Eine Rettung ist ungewiss.
Minus 80 Jobs.

15. Juli

Sanicare
Die bekannte Versandapotheke aus Bad Laer in Niedersachsen ist schon wieder zahlungsunfähig. Es ist bereits die zweite Insolvenz nach 2012. Trotz eines Umsatzes von 80 Millionen Euro im vergangenen Jahr sind die Umsätze rückläufig, hohe Investitionen in die Infrastruktur haben das Unternehmen erdrückt.
Minus 74 Jobs.

aalcon GmbH
Der Spezialist für Betriebsmittel in der Halbleiterfertigung aus Aalen in Baden-Württemberg meldet Insolvenz an. Ein Hauptkunde hatte seine Aufträge stark zurückgefahren, was das Unternehmen in die Schieflage trieb. Wegen der zu späten Insolvenzanmeldung war keine Übernahme durch einen Interessenten mehr möglich.
Minus 55 Jobs.

21. Juli

Confiserie Paulsen
Nach fast 100 Jahren meldet die Betreibergesellschaft des Hamburger Traditionshauses Insolvenz an.
Minus 14 Jobs.

24. Juli

Varta
Der angeschlagene Batteriehersteller aus Ellwangen in Baden-Württemberg meldet Insolvenz an. Dem Traditionsunternehmen droht die Zerschlagung: Wichtige Geldgeber, darunter die Deutsche Bank und mehrere Hedgefonds, wollen das profitable Geschäft mit Haushaltsbatterien aus dem Konzern herauslösen. Die bisherigen Eigentümer – der Sportwagenbauer Porsche und der österreichische Unternehmer Michael Tojner – wollen offenbar kein weiteres Geld mehr nachschießen.
Jobverlust: bis zu 1.800 Jobs.

Monta Klebebandwerk
Der 171 Jahre alte Traditionsbetrieb aus Immenstadt in Bayern meldet Insolvenz an. Gegründet 1855 als Bindfaden-Fabrik, produziert Monta seit den 1960er-Jahren Klebebänder. Ob der Laden gerettet werden kann, ist völlig unklar.
Jobverlust: bis zu 150 Jobs.

25. Juli

Yeans Halle / Trender Jeansmode
Die Modekette aus Sindelfingen in Baden-Württemberg mit 13 Filialen meldet erneut Insolvenz in Eigenverwaltung an. Trotz einer erst Ende 2024 abgeschlossenen Sanierung steckt das Unternehmen schon wieder in der Krise. Ein Hackerangriff im Jahr 2025 hatte hohe Kosten und Umsatzeinbußen verursacht. Die Umsätze sind aufgrund der Konsumzurückhaltung rückläufig.
Minus 200 Jobs.

27. Juli

AWO Bielefeld
Der Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt meldet Insolvenz an. Das trifft Dutzende über die ganze Stadt verteilte Angebote für Kinder, Familien und Senioren – darunter Kitas, Ganztagsbetreuung und Pflegeangebote.
Minus 800 Jobs.

29. Juli

BMW
Als letzter großer deutscher Autobauer kündigt nun auch der Münchner Konzern ein großes Stellenabbauprogramm bis 2027 an. Betroffen ist demnach nur die Verwaltung und nicht die Produktion. Der Stellenabbau soll wohl über „natürliche Fluktuation“ sowie über ein Abfindungsprogramm auf freiwilliger Basis erfolgen – jedenfalls in Deutschland. Weltweit beschäftigt BMW etwa 154.000 Menschen. Da mehr als die Hälfte von ihnen in Deutschland tätig sind und das Abfindungsprogramm auch hier aufgelegt wird, dürfte eine hohe Zahl der zu streichenden Jobs in Deutschland wegfallen.
Minus 8.000 Jobs.

Porsche
Der Sportwagenbauer aus Stuttgart in Baden-Württemberg will in der Region Stuttgart massiv Stellen abbauen. Das ist Teil eines „Zukunftspakets“, das Vorstand und Gesamtbetriebsrat vereinbart haben. Der Abbau soll „vor allem über natürliche Fluktuation“ und demografische Effekte sowie die Erweiterung der Sonderprogramme Altersteilzeit und freiwillige Aufhebungsverträge geschehen. Beim Weihnachtsgeld sinkt der freiwillige betriebliche Anteil bis 2035 von 45 Prozent auf fünf Prozent, mobiles Arbeiten wird von zwölf auf acht Tage im Monat reduziert.
Minus 5.000 Jobs.

Enpal

Das Berliner Solar-Startup löst seinen Standort in Hamburg auf. Das Unternehmen will sich auf die Kern-Vertriebsstandorte München, Essen und Berlin fokussieren.
Minus 80 Jobs.

30. Juli

Geestferkel
Einer der größten Schweinezuchtbetriebe der Bundesrepublik mit Sitz im niedersächsischen Wildeshausen ist pleite. Der Betrieb hat knapp 22.000 Tiere an 23 Standorten in Brandenburg, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Seit dem Jahr 1500 werden bei der Eigentümerfamilie Ahlers Ferkel gezüchtet, mittlerweile in der 13. Generation. Das Unternehmen ist für seine vorbildliche Tierhaltung bekannt. Grund für den Absturz ist der historische Preisverfall beim Fleisch.
Minus 188 Jobs.

Pollin Electronic
Der Elektronikhändler aus Pförring in Bayern meldet Insolvenz an. Das Unternehmen selbst äußert sich dazu nicht. Nach Angaben des „Donaukuriers“ wird der Geschäftsbetrieb zunächst fortgeführt. Der Insolvenzverwalter will die Firma retten. Aber ob das gelingt, ist höchst ungewiss.
Minus 140 Jobs.

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Kommentare ( 1 )

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ralf12
1 Stunde her

Die „Führungskräfte“ in der Industrie machen munter weiter, gehen den falschen Weg des „Green Deal“ bis zum bitteren Ende. Vermutlich bekommen sie trotzdem ihre Boni. Immer fleißig auf die AfD hetzen und auf Subvention hoffen, das ist für einen ehemaligen Industriestandort einfach zu wenig. VW mit Zwickau und Emden: Das sind exakt die beiden Standorte, die mit viel Tam Tam auf 100% E-Auto umgerüstet wurden. Eventuel kann man dann dort E-Panzer bauen (die sind allerdings für Russland keine Gefahr, da die Batterien bei Minus 30 °C keinen Saft mehr abgeben). Ach ja, „General Winter“ hatten wir ja auch schon mal… Mehr