In seinem neuen Buch „Zero Sum Mindset“ geht Autor Rainer Zitelmann das linke Nullsummendenken frontal an, wonach Reiche nur auf Kosten der Armen reich werden. Im TE-Gespräch gibt er außerdem Tipps, wie man Wohlstand aufbaut.
Tichys Einblick: „Reicher Mann und armer Mann/standen da und sah’n sich an/und der Arme sagte bleich/Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“ Den berühmten Vers von Bertolt Brecht stellen Sie an den Anfang ihres neuen Buchs – die gereimte Variante der Nullsummentheorie, wonach alles, was der eine – der Reiche – bekommt, vorher ein anderer – der Arme – verlieren muss oder gar nicht erst bekommen darf. Diese antikapitalistische Formel ist uralt und tausendfach widerlegt. Warum funktioniert sie trotzdem– und sogar mehr denn je, siehe den Wiederaufstieg der Linkspartei in Deutschland und das Phänomen Mamdani in New York?
Zitelmann: Junge Leute waren noch nicht auf der Welt, als es den Sozialismus gab. Sie haben also keinerlei unmittelbare Erinnerung. In der Schule lernen sie leider nichts darüber. Mieten und Wohnungsknappheit sind für viele jungen Menschen ein bedrückendes Thema – ob in Berlin oder New York. Sie wissen nicht, dass die größte Wohnungsnot in der Geschichte genau durch die Rezepte angerichtet wurde, die die Linke heute vertritt: Verstaatlichung und Mietendeckel. Sie wissen übrigens auch nicht, dass niemand die Umwelt mehr geschändet hat als sozialistische Länder wie die DDR und die Sowjetunion.
Im Zentrum der Nullsummentheorie steht der „Reiche“: sein Reichtum ist per se unmoralisch, weil er auf der Armut anderer beruht. In Deutschland gehört man schon ab einem Eigentum von 77.200 Euro zu den reichsten 10 Prozent. Sie haben viel zum Phänomen Reichtum geforscht. Wie betrachtet man in anderen Ländern zum einen Wohlstand – und wie schaut man anderswo auf die so genannten Reichen?
Mit den Meinungsforschungsinstituten Allensbach und Ipsos MORI habe ich in 13 Ländern Umfragen zum Image der Reichen und zum Sozialneid durchgeführt. In meinem Buch belege ich empirisch erstmals, dass Nullsummenglauben und Neid eng zusammenhängen. In allen 13 Ländern war der Nullsummenglauben bei Neidern deutlich stärker verbreitet als bei Nicht-Neidern. Die negativste Sicht auf Reiche haben Franzosen, gefolgt von uns Deutschen. Eine sehr positive Sicht haben Polen, Japaner oder Vietnamesen. Neid gibt es überall, aber er ist in einem Land wie in Polen viel schwächer als bei uns. Eine Uni in Hanoi hat mich eingeladen zu einem Workshop, wie man das Image der Reichen verbessern kann, obwohl sie dort ein hohes Ansehen haben.
Das führt uns zu der Frage: Lädt eine Mehrheit der Vietnamesen Reichtum nicht in dem Maß moralisch auf wie in Deutschland und Frankreich? Oder sind dort ökonomische Grundkenntnisse einfach weiter verbreitet?
Dass Reichtum einen moralischen Makel darstellt, scheinen ja auch manche Wohlhabende zu denken. Jedenfalls neigen sie in Deutschland dazu, ihren Wohlstand nicht zu zeigen oder herunterzuspielen. Woran liegt das? Ist das möglicherweise auch eine Folge des protestantischen Einflusses?
In einer Neidgesellschaft versteckt man seinen Reichtum. Das ist eine Strategie, um Neid abzuwehren. In Gesellschaften mit weniger Neid zeigt man seinen Reichtum, weil man dafür eher bewundert als beneidet wird.
In ihrem Buch gehen Sie auch auf die globale Variante der Erkenntnis ein, dass ökonomische Interaktion beiden Seiten nützen kann: den Handel zwischen Staaten. Adam Smiths Werk „Vom Wohlstand der Nationen“ erschien 1776, es sollte eigentlich Allgemeingut sein. In Deutschland offenbar nicht: Robert Habeck beklagte kürzlich, Deutschland würde jährlich für 80 Milliarden Euro fossile Energie kaufen. Er meint, dem Land ginge es besser, wenn es seine Energie auf Wasserstoffbasis komplett selbst herstelle – viel teurer natürlich. Steht es um die ökonomische Bildung der politische Klasse in Deutschland besonders schlecht?
Naja, so sieht ein Kinderbuchautor ohne jede wirtschaftlichen Kenntnisse die Welt. Die Grünen sind eine besonders wirtschaftsferne Partei, ohne jeden Bezug zur Wirtschaft. Autarkiegedanken waren schon oft populär. In den 20er Jahren war einer der Hauptprotagonisten in Deutschland Ferdinand Fried, übrigens ein Rechter, der den Denkern der „Konservativen Revolution“ zuzuordnen ist. Fried hat damals ein sehr erfolgreiches Buch geschrieben, das den gleichen Titel trägt wie heute das Buch von Ulrike Hermann: Das Ende des Kapitalismus. Ein Land, in dem Ulrike Hermann und Marcel Fratzscher als Wirtschaftsexperten gelten und omipräsent in den Medien sind, während hervorragende Ökonomen wie Hans-Werner Sinn, Daniel Stelter und Stephan Kooths viel weniger zu Wort kommen, ist ein Land, das geistig tief verwirrt ist und sich daher im Niedergang befindet.
Die Ansicht, dass sich gesellschaftliche Probleme besser lösen ließen, wenn der Staat den Bürgern noch mehr Geld abnimmt, findet sich aber sogar bei Unionspolitikern. Was glauben Sie: lässt sich der Geist von Ludwig Erhard noch einmal beleben, der bekanntlich „Wohlstand für alle“ – und zwar durch Anstrengung, nicht Umverteilung – als Ziel ausgab? Oder ist er politisch tot?
Was wir derzeit beobachten, ist die Folgewirkung von geistigen Entwicklungen, die in den 1960er Jahren begannen. 1995 veröffentlichte ich mein Buch „Wohin treibt unsere Republik?“ und dort schrieb ich: „Die Einwirkungen der grünen Partei gehen weit über ihre Beteiligung an Landesregierungen und die in Wahlen dokumentierten Erfolge hinaus. Entscheidender ist, dass es den Grünen immer wieder gelang, politische Themen zu besetzen und die Meinungsführerschaft in der öffentlichen Diskussion zu übernehmen. Dies konnte jedoch nur geschehen, weil sie überdurchschnittlich viele Sympathisanten in den Medien hatten und haben und weil die Reihen ihrer natürlichen Widersacher, also parteipolitisch gesehen die CDU, bereits innerlich aufgeweicht waren und maßgebende Politiker der Union entscheidende Positionen der Grünen schon übernommen hatten.“ Ich hatte in diesem Buch geschrieben, mit der sogenannten Modernisierung der Union, die lange vor Angela Merkel begonnen habe, sei „im Grund jedoch nichts anderes gemeint als die Anpassung an den von 1968 geprägten Zeitgeist“. Beobachtungen wie diese aus dem Jahr 1995 zeigen doch, dass viele Entwicklungen, die heute von Konservativen und Liberalen kritisiert werden, viel früher begannen, als man heute annimmt. Man sieht daran, dass Änderungen im geistigen Bereich sehr langfristig erfolgen und daher auch nicht kurzfristig zurückgedreht werden können.
Sie gehen in einem Kapitel auch auf dem „kompensatorischen Nullsummenglauben“ ein: also die instinktive Annahme, dass jemand, der gut aussieht, zwangsläufig Defizite haben muss, beispielsweise auf dem Gebiet der Intelligenz. Ostasiaten wird wegen ihrer wirtschaftlichen Erfolge gern mangelnde Individualität unterstellt, Reichen moralische Mängel. Haben Sie dieses Phänomen auch selbst im Alltag beobachtet?
Es gibt auch das Gegenstück zum Nullsummen-Glauben: die Überzeugung, eine Gesellschaft würde insgesamt nichts verlieren, wenn man Wohlhabende enteignet. Gerade linke Politiker operieren gern mit Rechnungen, was sich alles staatlich finanzieren ließe, wenn sie das Eigentum beispielsweise der Familienunternehmern umverteilen würden. Wie konnte sich dieser Glauben eigentlich so festsetzen – nur 35 Jahre nach dem Kollaps der DDR?
Wie erwähnt: Nicht vorhandenes Geschichtswissen ist ein wichtiger Faktor. Ich halte es nicht für einen Zufall, dass bei einer Umfrage Anhänger der Grünen bekundeten, Geschichte sei ihr schlechtestes Fach in der Schule gewesen. Und dann gibt es noch einen Trick der Sozialisten: Bei jedem sozialistischen Experiment (zuletzt in Venezuela) sind sie zuerst Feuer und Flamme, voller Begeisterung. Nachdem es dann gescheitert ist, erklären sie uns, das sei in Wahrheit gar kein Sozialismus gewesen, der richtige Sozialismus komme erst noch. Ich empfehle dazu das hervorragende Buch von Kristian Niemietz, „Sozialismus. Die gescheiterte Idee, die niemals stirbt“. Die Antikapitalisten sind viel besser im Marketing und in der PR als die Kapitalismusanhänger. Es ist doch geradezu ein Marketing-Geniestreich, ein System, das stets Armut und Unterdrückung hervorgebracht hat, als „menschlich“ zu framen – Sozialismus –, und ein System, das in 200 Jahren die Quote der Armen von 90 auf 10 Prozent reduziert hat – Kapitalismus – , als „menschenverachtend“ zu framen.
Besonders ausgeprägt schien das Nullsummen-Denken in Deutschland lange in Bezug auf Aktien: viele Medien und Politiker redeten der Öffentlichkeit ein, Aktieninvestments seien erstens moralisch zweifelhaft, weil an der Börse jemand nur gewinnen könnte, wenn ein anderer verliert. Aus dem gleichen Grund – weil es sich um eine Art Glücksspiel handele – sei es nicht zum Vermögensaufbau geeignet. Mittlerweile wenden sich Jüngere trotzdem verstärkt Aktien zu. Sehen Sie hier einen allmählichen Mentalitätswandel?
Ihr Buch beschäftigt sich mit Volkswirtschaft und Psychologie. Kann man daraus auch etwas für seinen individuellen Vermögensaufbau lernen?
Wer sich primär dafür interessiert, dem würde ich eher mein Buch „Reich werden und bleiben“ empfehlen, das vielen Menschen geholfen hat. Zero-Sum Mindset ist kein Ratgeber, sondern ein wirtschaftspychologisches, vielleicht auch ein philosophisches Buch. Es ist eine Kritik an der herrschenden geistigen Verwirrung, die meiner Meinung nach die tiefere Ursache ist für unsere politischen und wirtschaftlichen Probleme.
In Ihrem neuesten Buch und in Ihren Publikationen der Vergangenheit geht es immer wieder um Bewusstsein – oder eben Mindset. Wie lautet Ihr Rat besonders für junge Leute, die sich ein Vermögen aufbauen wollen? Welche Einstellung hilft dabei am besten?
Ich empfehle jungen Menschen seit Jahren: Erstens: Bevor ihr überlegt, was ihr studiert, solltet ihr erstmal sehr gründlich nachdenken, ob ein Studium überhaupt sinnvoll ist. Um Unternehmer zu werden, muss man nicht studieren, vielleicht ist das Erlernen eines handwerklichen Berufs sogar sinnvoller. Vor allem, wenn man international flexibel sein will. Mit einem Jura- oder BWL-Studium kann man außerhalb von Deutschland nicht besonders viel anfangen, in Deutschland übrigens meistens auch nicht.
Zweitens: Ich empfehle jungen Menschen, ihre Zeit und ihr Geld nicht damit zu vergeuden, dass sie im Internet nach heißen Aktien- oder Kryptotipps Ausschau halten. Die meisten Reichen sind als Unternehmer reich geworden, im Vergleich dazu sehr wenige durch Aktien.
Drittens empfehle ich, möglichst selbstkritisch zu beobachten, ob man vielleicht ein Problem mit Drogen oder Alkohol hat, denn viele Menschen, die ansonsten alles mitbringen, was wichtig ist, um erfolgreich zu sein, scheitern irgendwann in ihrem Leben an solchen Suchtproblemen. Ich selbst beschreibe in meiner Autobiografie „Wenn du nicht mehr brennst, starte neu“, wie es mir in meinen 20er Jahren damit ging.
Viertens empfehle ich: Setze dir größere Ziele! „Die größte Gefahr besteht für die meisten von uns nicht etwa darin, ein Ziel zu hoch anzusetzen und zu scheitern, sondern es zu niedrig anzusetzen und es zu erreichen“ hat Michelangelo, der italienische Maler, Bildhauer und Architekt, gesagt. Das sollte man sich immer wieder vor Augen führen.
Rainer Zitelmann. Zero Sum Mindset. Die Nullsummenfalle – warum alle mehr gewinnen, wenn wir anders denken. Deutscher Wirtschaftsbuchverlag, Paperback, 224 Seiten, 18,00 €





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