Elsdorf in Nordrhein-Westfalen: Heute Mittag „erster Spatenstich“ für die Rheinwassertransportleitung im rheinischen Braunkohlerevier – oder besser: für den „Kaiser Nero“-Befehl. Denn die Tagebaue sollen geflutet und damit unbrauchbar gemacht werden. Für immer. Milliarden Tonnen Kohlevorräte in der Erde werden damit unzugänglich gemacht.
picture alliance / Panama Pictures | Christoph Hardt
Als eines der größten Infrastrukturprojekte der Region preisen Vertreter von RWE, Kommunen und Landkreisen diese gigantische Vernichtung der Energieversorgung. Die geplante Leitung soll künftig Wasser aus dem Rhein in die ehemaligen riesigen Tagebaue Hambach und Garzweiler transportieren. Kern ist ein mehrere Dutzend Kilometer langes Leitungssystem mit rund 10.000 einzelnen Rohrsegmenten. Über diese Verbindung soll Rheinwasser bei Dormagen in die Tagebaue gepumpt werden, um dort Seen und neue Landschaften zu schaffen. Von blühenden ist noch nicht die Rede.
Die Leitung gilt als zentrale Voraussetzung für die Rekultivierung der riesigen Gruben nach dem geplanten Ende des Braunkohleabbaus. Mit dieser gezielten Flutung der Tagebaue sollen große Teile der bisherigen Abbauflächen dauerhaft unbrauchbar gemacht werden. Damit legen CDU und Grüne fest, dass kommende Generationen die dort vorhandenen Braunkohlevorkommen nicht mehr nutzen können. Dies war eine Bedingung der grünen Wirtschaftsministerin Mona Neubaur für die Koalition mit der CDU. Hendrik wüst hatte zu allem „Ja und Amen“ gesagt, bloß um Ministerpräsident zu werden.
„Im Grunde ist es so was wie verbrannte Erde beziehungsweise hier verschüttetes Wasser, was man drüber schüttet“, sagt der wirtschafts- und energiepolitische Sprecher der AfD-Landtagsfraktion NRW, Christian Loose heute früh im TE Wecker. „Das Problem bestand aber schon, indem man die Leitentscheidung getroffen hat, das Braunkohlefeld zu verkleinern. Das hat die FDP mit der CDU im Landtag noch beschlossen, als die beiden in der Regierung waren. Die Ampelregierung – also FDP, SPD und Grüne – haben dann eine nochmalige Verkleinerung des Tagebaus beschlossen, sodass wir jetzt unglaublich viele Kohlemengen noch in der Erde haben.“
Die Idee geht also weit zurück. Bereits in den Braunkohleplänen der 1970er und 1990er Jahre war vorgesehen, die riesigen Restlöcher der Tagebaue nach dem Ende der Förderung mit Wasser zu füllen. Die Rheinwasserleitung wurde später als technische Lösung festgelegt. Einen entscheidenden politischen Schub erhielt das Projekt jedoch erst in den vergangenen Jahren:
- 2011 wurde im Braunkohleplan des Landes Nordrhein-Westfalen festgelegt, dass Trasse und Entnahmestelle konkret geplant werden sollen.
- 2020 genehmigte die Landesregierung Nordrhein-Westfalen die Trassenführung zwischen Dormagen und dem Tagebau Garzweiler im Rahmen der Raumordnung.
- Mit dem Kohleausstiegsgesetz und der Leitentscheidung der NRW-Landesregierung von 2021 wurde das Ende der Kohleförderung im Tagebau Hambach auf etwa 2029 vorgezogen und damit wurde auch der Bau der Leitung deutlich früher notwendig.
Am Rhein bei Dormagen-Rheinfeld soll jetzt ein Pumpwerk mit bis zu 18 leistungsfähigen Pumpen errichtet werden, das das Wasser bis zu 110 Meter hoch in die Leitung fördert. Eine Bündelungsleitung von rund 22 Kilometern Länge führt bis zum Verteilerbauwerk bei Grevenbroich-Allrath. Von dort soll das Rheinwasser in zwei getrennten Leitungen zum Tagebau Garzweiler und zum Tagebau Hambach gepumpt werden.
Die Pipeline besteht aus tausenden schweren Stahlrohren mit bis zu 2,2 Metern Durchmesser. Sie sollen jährlich große Wassermengen transportieren, damit die gigantischen Restlöcher über Jahrzehnte zu Seen gefüllt werden können.
Bis 2030 soll die Infrastruktur fertig sein, danach soll die Befüllung des Hambacher Sees beginnen. Ab etwa 2036 soll die Befüllung des Garzweiler Sees starten. Die gefüllten Seen dürfte keiner derjenigen mehr erleben, die den ersten Spatenstich leisten: 2070 sollen sie voll sein. Immerhin schwärmen die Planer davon, dass der Hambacher See dermaleinst rund 4,3 Milliarden Kubikmeter Wasser enthalten und zu den größten Seen Deutschlands zählen soll.
Und von was träumen die heutigen Wortführer? Von einer neuen Seen- und Freizeitlandschaft. Von Arbeit und Wertschöpfung ist keine Rede mehr bei den Zukunftsträumen. Kohleförderung gibt es ebenfalls nicht mehr, Energie wird offenbar im postindustriellen Zeitalter nicht mehr gefragt sein.
Nur Leute aus der Praxis machen dezent darauf aufmerksam, dass unten in der Erde noch gigantische Kohlevorräte lagern und zwar in einer hervorragenden Qualität. Milliarden Tonnen heimischer Energierohstoffe werden damit dauerhaft unzugänglich gemacht. Damit wird eine energiepolitische Entscheidung festgeschrieben, die zukünftigen Generationen kaum noch Handlungsspielraum lässt – selbst dann nicht, wenn sich Energieknappheit, geopolitische Krisen oder technologische Entwicklungen ändern sollten.
„Wir haben in Hambach und in Garzweiler noch so viel Braunkohle in Boden, dass man damit die drei modernsten Braunkohlekraftwerke der Welt, noch 75 Jahre lang in NRW in Vollzeitbetrieb betreiben könnte“, so Christian Loose. Diese BoA-Blöcke, also Braunkohlenkraftwerk mit optimierter Anlagentechnik, arbeiten mit einem elektrischen Wirkungsgrad von mehr als 43 Prozent. Das ist Weltrekord für Braunkohlenkraftwerke. Das senkt den Kohleeinsatz pro erzeugter Kilowattstunde und senkt den Ausstoß von CO2 und anderer Emissionen.
Grüne und CDU bejubeln den Kohleausstieg, bei ihnen gibt es kein Morgen. Damit auch ihr Entschluss „irreversibel“ ist, sollen die wertvollen Kohlevorkommen, die noch unter dem Revier liegen, unbrauchbar gemacht werden.
Wie „unumkehrbar“ ist denn jetzt das Vorhaben tatsächlich? Christian Loose: „Im Grunde müsste man jetzt sofort die Zuleitung des Wassers stoppen und dann vielleicht ein Moratorium machen, fünf Jahre Pause, und sich das nochmal anschauen und überlegen, ob man nicht die braune Kohle doch noch benötigt. Das haben wir bei der Kernkraft schon gesehen. Dort geht es auch mit dem Nerobefehl weiter, dass dort schon Kühltürme gesprengt werden, Wiederinbetriebnahme zu verhindern aus politischen Gründen.“
Der Spatenstich im rheinischen Revier ist damit mehr als ein Baubeginn. Er ist ein Symbol dafür, wie endgültig Energieversorgung in Deutschland weiter geschrottet wird. Das Verfluchen und Verdammen, mit denen voraussichtlich „künftige Generationen“ die Verantwortlichen unserer Zeit bedenken, werden sie nicht mehr hören. Und Kaiser Nero, der angeblich Rom abbrennen ließ, hätte seine helle Freude angesichts des Wüstlings aus Düsseldorf.


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