David gegen Goliath – Warum Brüssel die Grenze überschreitet

Ursula von der Leyen will durchsetzen, dass die EU dauerhaft eigene Steuern erhebt. Das dürfen bisher nur die Nationalstaaten – und das soll auch unbedingt so bleiben, sagt der Chef des Europäischen Bunds der Steuerzahler. Von Michael Jäger

IMAGO / ZUMA Press

Als David gegen Goliath antrat, war das kein Aufstand gegen Ordnung. Es war der Widerstand gegen Maßlosigkeit. Gegen eine Macht, die zu groß geworden war, um noch kontrolliert zu werden.

Heute stehen Europas Steuerzahler vor einem ähnlichen Ungleichgewicht. Was einst als Europäische Gemeinschaft zur Sicherung von Frieden und wirtschaftlicher Zusammenarbeit begann, entwickelt sich zunehmend zu einem politischen Gebilde mit eigenen fiskalischen Ambitionen. Die Europäische Union war als Zusammenschluss souveräner Staaten gedacht – nicht als steuererhebende Zentralinstanz mit eigenem Schuldenapparat.

Doch genau in diese Richtung bewegt sich Brüssel.

Seit der Corona-Krise hat die EU eine historische Schwelle überschritten: Mit „NextGenerationEU“ wurde erstmals in großem Umfang gemeinschaftlich Schulden aufgenommen. Als Notmaßnahme deklariert, als einmalige Antwort auf eine Ausnahmesituation verkauft. Doch wie so oft in der europäischen Integrationsgeschichte, erweist sich das Provisorium als struktureller Präzedenzfall.

Denn Schulden wollen bedient werden.

Um die gemeinsame Verschuldung zurückzuzahlen, schlägt die Europäische Kommission neue „Eigenmittel“ vor – ein technokratischer Begriff für nichts anderes als EU-Steuern. CO₂-Grenzausgleich, Digitalabgaben, neue Einnahmen aus dem Emissionshandel: Was als „Instrument“ etikettiert wird, ist in Wahrheit der Aufbau einer eigenen fiskalischen Basis auf EU-Ebene.

Damit würde sich das Machtgefüge fundamental verschieben.

Steuerhoheit ist der Kern staatlicher Souveränität. Wer Steuern erhebt, bestimmt politische Prioritäten. Wer Einnahmen kontrolliert, gestaltet Machtverhältnisse. In den Nationalstaaten ist diese Macht demokratisch eingebettet: Parlamente beschließen Haushalte, Regierungen verantworten Ausgaben, Wähler ziehen Konsequenzen.

Eine eigenständige EU-Finanzarchitektur durchbricht diese Kette der Verantwortlichkeit.

Ursula von der Leyens Kommission tritt mit dem Anspruch auf, Europa handlungsfähiger zu machen – geopolitisch, industriepolitisch, klimapolitisch. Doch Handlungsfähigkeit darf nicht mit Kompetenzverschiebung verwechselt werden. Der Schritt von koordinierender Politik zu eigenständiger Finanzmacht ist kein technisches Detail. Er ist ein verfassungsrechtlicher Paradigmenwechsel.

Das Subsidiaritätsprinzip, einst Herzstück des Maastricht-Vertrags, gerät dabei zur Fußnote. Entscheidungen sollen möglichst bürgernah getroffen werden – so lautet das Versprechen. Doch wenn Steuerquellen nach Brüssel verlagert werden, entfernt sich die Entscheidungsgewalt weiter von den Bürgern.

Die Befürworter argumentieren mit globalen Herausforderungen. Klimaschutz, strategische Autonomie, Wettbewerbsfähigkeit gegenüber China und den USA – all das verlange europäische Antworten. Das ist nicht falsch. Aber aus der Notwendigkeit gemeinsamer Politik folgt nicht automatisch die Notwendigkeit zentralisierter Besteuerung.

Europa ist kein Bundesstaat. Es ist eine Union souveräner Staaten.

Genau diese Unterscheidung beginnt zu verschwimmen.

Die schrittweise Etablierung eigener EU-Einnahmen verändert das institutionelle Gleichgewicht. Eine Union, die sich unabhängig von nationalen Beiträgen finanziert, gewinnt strukturelle Autonomie gegenüber den Mitgliedstaaten. Das Europäische Parlament erhält indirekt Budgetmacht, die Kommission fiskalischen Gestaltungsspielraum. Nationale Haushaltsrechte verlieren an Gewicht.

All das geschieht ohne offene Grundsatzdebatte.

Niemand hat den europäischen Bürgern die Frage gestellt, ob sie ein steuererhebendes EU-Zentrum wollen. Es gab kein Referendum, keine Vertragsneufassung mit klarer fiskalischer Kompetenzübertragung. Stattdessen erleben wir eine Entwicklung durch administrative Logik: Schulden führen zu Tilgungsbedarf, Tilgungsbedarf führt zu neuen Einnahmen, neue Einnahmen manifestieren verschobene Machtstrukturen.

Institutionelle Eigendynamik ersetzt politische Legitimation.

In einer Zeit wirtschaftlicher Unsicherheit wirkt diese Entwicklung besonders
problematisch. Inflation, hohe Energiepreise, Deindustrialisierungstendenzen in
Kernbranchen – viele Mitgliedstaaten kämpfen mit strukturellen Herausforderungen. Gleichzeitig wächst in Brüssel der regulatorische und fiskalische Anspruch.

Die Distanz zwischen Institution und Bürger vergrößert sich.

Die Kampagne „StopEUTaxes“ ist deshalb keine Anti-Europa-Bewegung. Sie ist ein Weckruf. Sie erinnert daran, dass Integration kein Selbstzweck ist und Macht immer an demokratische Rückbindung gebunden sein muss.

David steht in dieser Metapher nicht für Nationalismus. Er steht für Maß. Für das Prinzip, dass Größe allein keine Legitimation schafft.

Der „Goliath“ unserer Zeit ist kein einzelner Politiker. Es ist ein institutionelles Gefüge, das Schritt für Schritt Kompetenzen an sich reißt. Jede Krise erweitert den Handlungsspielraum, jede Erweiterung schafft neue Normalität. Was gestern undenkbar war, wird heute als alternativlos präsentiert.

Doch Alternativlosigkeit ist kein demokratisches Argument.

Wenn Europa dauerhaft gemeinsame Schulden aufnehmen und eigenständig Steuern erheben soll, dann muss diese Entscheidung offen getroffen werden. Mit Vertragsänderungen. Mit klarer Kompetenzzuweisung. Mit demokratischer Zustimmung.

Andernfalls entsteht der Eindruck, dass sich das Projekt schleichend transformiert – von einer Union der Staaten zu einem fiskalischen Machtzentrum.

Das europäische Erfolgsmodell beruhte auf freiwilliger Kooperation souveräner
Demokratien. Auf wirtschaftlicher Integration, nicht auf fiskalischer Zentralisierung. Wer diesen Charakter verändern will, muss den Mut haben, dies ehrlich zu sagen.

David gewann nicht, weil er stärker war. Er gewann, weil er präzise traf.

Auch heute geht es nicht um Konfrontation, sondern um Klarheit. Die Frage lautet nicht, ob Europa handeln soll. Die Frage lautet, wer die Macht zu besteuern ausübt – und wem diese Macht verantwortlich ist.

Solange diese Frage nicht transparent beantwortet wird, bleibt Skepsis berechtigt.

Europa braucht Reformen. Europa braucht Wettbewerbsfähigkeit. Europa braucht sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit. Aber Europa braucht keine schleichende Fiskalunion durch die Hintertür.

Wer die Zustimmung der Bürger behalten will, darf ihre Steuerhoheit nicht geräuschlos verlagern.

David gegen Goliath ist kein Mythos von Rebellion. Es ist eine Geschichte über
Proportionen.

Und Proportionen sind es, die in der europäischen Finanzpolitik wiederhergestellt werden müssen.


Diplom-Kaufmann Michael Jäger ist Präsident der Taxpayers Association of Europe, des Europäischen Bundes der Steuerzahler.

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Kommentare ( 8 )

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Endlich Frei
23 Minuten her

Die EU als undemokratische NGO – mehr ist sie nicht – versucht sich nun also die Taschen vollzustopfen.
Es ist die Wiederauferstehung des Kaisertums von Gottes Gnaden. Werden wir bald wird in Fürstentümer, Herzogtümer und Grafschaften aufgeteilt und unter die Kinder von Ursula v. d. Leyens & Co. aufgeteilt ??

Marie
25 Minuten her

Schreckliche Neuigkeiten aus Brüssel: Die EU will Ihr Geld für Abtreibungen zweckentfremden gerade hat Ursula von der Leyen ihre Antwort auf die Forderung nach einem EU-Abtreibungsfonds bekanntgegeben. Und diese Antwort ist an Niederträchtigkeit kaum zu überbieten. Linke NGOs hatten gefordert, einen eigenen EU-Fonds einzurichten, der für Abtreibungstourismus nach Holland bezahlen soll. Nun antwortet Von der Leyen: Sie wird keinen eigenen Fonds einrichten, sondern Geld aus dem bestehenden EU-Sozialfonds ESF+ soll für Abtreibungen verwendet werden. Ursula von der Leyen von der angeblich christlichen CDU hat heute angekündigt, dass Ihr Steuergeld über den Europäischen Sozialfonds dafür bezahlen soll, dass Babys bis zum sechsten… Mehr

Udo Zimmermann
30 Minuten her

Die EU war grundsätzlich eine gute Idee bzw. , wenn wir weiter zurückgehen, die -EWG – . Die EU mit ihren ständigen Erweiterungen hat die Grundidee – Zusammenschluß der stärksten Industriestaaten Westeuropas – doch arg verwässert. Zwischenzeitlich sind es 27 Staaten, lohnend ist es eigentlich für Staaten, die kaum etwas anzubieten haben. EU ist so etwas wie eine langjährige Ehe, die sich auseinander gelebt hat. Wir – Deutschland – sind so eine Art Sugardaddy, zahlen, damit man uns lieb hat. Lieb aufgrund der „noch“ vorhandenen Finanzkraft.Politisch gesehen ist die EU ein bisschen diktatorisch, abgehalferte bzw. abgeschobene Politiker bestimmen letztendlich selbst… Mehr

Lars Baecker
39 Minuten her

Also wenn die Nationalstaaten neben der Aufgabe ihrer Grenzen nun auch noch die Finanzhoheit abgeben, dann weiß ich nicht, wofür ich noch Steuern zahlen sollte, arbeiten sollte, Leistung bringen sollte,… hierbleiben sollte.

tiptoppinguin
41 Minuten her

Die Kommission wird nicht von den EU-Bürgern gewählt, sondern von den Mitgliedsstaaten in einem intransparenten Prozess ausgekungelt. Dieser Verein wiill jetzt ohne demokratisch fundierte Legitimation und ohne demokratische Teilhabe die EU-Bürger auspressen! Das hat irgendwie etwas vom mittelalterlichen Feudalismus, wo sich die damaligen Herrscher allerdings mit dem Zehnt begnügten. Die sozialistischen Monarchen werden so bescheiden nicht sein.
Die EU ist genauso reformunwillig / -unfähig wie der ÖRR. KANN WEG!

Freige Richter
52 Minuten her

Die EU erhebt eigene Steuern. Das könnte vdL so passen. Gerade UvdL, die überall wo sie war, einen finanziellen Sumpf eröffnet hat. M.E. hat sie eine unglaubliche kriminelle Energie und muss vor Gericht gestellt werden. Im Prinzip macht vdL genau das, was Juncker gesagt hat. Schritt für Schritt, immer weiter voran, bis es kein zurück mehr gibt….. Ich bin gespannt, wie sich Friedrich Merz positioniert. Der Kanzler, von BlackR Gnaden….

Last edited 44 Minuten her by Freige Richter
hoho
1 Stunde her

Wie in den Mitgliedstaaten hat die Vertretung bemerkt, dass sie die Macht hat und nicht die Leute oder die Institutions die sie vertritt. Steuer, Zwangsbehörden wie Polizei, Steuer, Armee, Außenminister usw. Das alles ist die natürliche Konsequenz der Entscheidung EWG in einer immer tiefere Union zu verwandeln. Es gibt auch kein Weg zurück, weil EU und die Mitgliedstaaten eine ideale Implementierung von divide et impera sind: die EU kann alles so manipulieren, dass kein Einzelstaat etwas dagegen tun kann. Schlimmer sogar: will eine Regierung des Mitgliedstaates nicht das tun, was die Komission will – letztens Ungarn bei Sanktionspakiet no. 20… Mehr

BKF
1 Stunde her

Einfach austreten. Das mag an der einen oder anderen Stelle in Deutschland erstmal weh tun, den anderen Staaten in der EU und Frankreichs EU tutes noch viel mehr weh.