Über moralische Großprediger und ihre Abgründe – heute: Konstantin Wecker

Der Mann, der seit Jahren mit erhobenem Zeigefinger gegen „rechts“ ansingt, sitzt selbst auf einem Pulverfass: Konstantin Wecker steht dabei wieder exemplarisch für laute Trompeter auf dem Hügel der moralischen Erhöhung und für den großen persönlichen Schmutzberg, der darunter verborgen liegt

picture alliance/dpa | Peter Kneffel

Es ist ein Muster, das sich so zuverlässig wiederholt wie ein schlechter Refrain: Die moralisch am lautesten auftretenden Personen sind sehr oft auch immer wieder diejenigen, die im eigenen Leben die dunkelsten Schatten werfen. Manche mögen sich noch erinnern: z.B. besonders laute Gegner gleicher Rechte für Homosexuelle waren oft selbst die größten Schwestern. Larry Craig, US-Senator, erklärte sich öffentlich gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften, wurde aber 2007 bei einer Razzia in einer Herren-Toilette eines Flughafens wegen unanständigen Verhaltens erwischt. Unvergessen bleibt der Fall des ungarischen Politikers Jozsef Szajer der Fidesz-Partei „Ein anti-schwuler ungarischer Politiker ist zurückgetreten, nachdem er von der Polizei dabei erwischt wurde, wie er aus einem Fenster floh, um einer 25-köpfigen Orgie zu entkommen“. Mark Foley, Republikaner im US-Repräsentantenhaus, der sich u.a. für den Schutz von Kinderrechten engagierte, dann jedoch sexuellen digitalen Kontakt mit Minderjährigen hatte und 2006 zurücktrat. Ebenfalls unvergessen der tiefe Fall des Sebastian Edathy (SPD). Edathy war SPD-Innenpolitiker, saß im Bundestag und war Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses. Öffentlich trat er als Vertreter eines besonders hohen moralischen Anspruchs auf, insbesondere bei Fragen von Recht, Polizei, Bürgerrechten, Extremismus und Kindeswohl. 2014 wurde bekannt, dass Edathy Bild- und Videomaterial bestellte, das zwar formal nicht strafbar war, aber eindeutig dem Umfeld kinderpornografischer Inhalte zuzuordnen war („Posing-Material“ minderjähriger Jungen). Die Ermittlungen führten zu bundesweiter Empörung – nicht zuletzt auch aus dem Grund, weil Edathy zuvor gerne strengere moralische Maßstäbe an andere angelegt hatte.

Im Fall Konstantin Weckers bekommt diese Binsenweisheit abermals ein sehr prominentes Gesicht. Ein empörungsgeübtes, öffentlich-moralinsaures Gesicht. Während Feuilletons ihn seit vielen Jahren als Kämpfer gegen Rechts, als sensiblen Poeten und als letzten großen „Humanisten“ feiern, kommt nun via Süddeutscher Zeitung ein Kapitel ans Licht, das jede seiner politischen Belehrungen in ein grelles Schlaglicht stellt.

— SZ Kultur (@SZ_Kultur) November 19, 2025

An jenem Tag, an dem Redaktionen im ganzen Land pflichtschuldig Weckers krankheitsbedingte Tour-Absagen verkünden, steht er am Münchner Flughafen und checkt für den Flug nach Bangkok ein. Offiziell krank. Tatsächlich auf dem Weg zu jener fernöstlichen Zuflucht, die er seit Jahren ansteuert, wenn es brenzlig wird. Dass genau in derselben Woche erstmals journalistische Nachfragen zu einer Beziehung mit einer 15-jährigen Schülerin auftauchen – ein „Zufall“, der kaum noch in die Rubrik Zufall passt.

Was die junge Frau „Johanna“ der Süddeutschen Zeitung schildert, ist kein moralischer Fehltritt, sondern ein ganzes System aus Manipulation, Machtgefälle und psychischem Kontrollverlust, nur eben nicht bei der Minderjährigen, sondern beim damals 63-jährigen Wecker, der sich so gerne als geläuterter Freigeist inszeniert.

„Nicht Herr seiner Sinne gewesen“

Während er öffentlich predigte, wie wichtig Feminismus, Menschlichkeit und Liebe seien, führte er parallel eine intime Beziehung zu einem Mädchen, das zur Schule ging, tagsüber Diktate schrieb und nachts seine Telefonate über sich ergehen ließ.

Und wie immer in solchen Fällen ist das Drehbuch erschreckend vorhersehbar. Das Machtgefälle wird romantisiert, das Trauma kleingeredet. Der Anwalt spricht für den Meister, der Meister selbst kann sich an vieles „nicht erinnern“, sei „nicht Herr seiner Sinne“ gewesen, „krankheitsbedingt“. Das ist der Moment, in dem bei jedem anderen Prominenten die Sturmtrupps der Empörung losziehen würden. Aber bei Wecker? Viel Verständnis. mildes Raunen. Er ist doch schließlich einer von „den Guten“. Der Chor, der sonst jede Andeutung von Übergriffigkeit zur Staatsaffäre aufbläst, übt plötzlich Tonleitern der Zurückhaltung.

Die Gespräche, Nachrichten, Tagebucheinträge, die das junge Mädchen über die Jahre sammelte, erzählen etwas anderes: Einen Mann, der Eifersucht, Trunkenheit, sexuelle Drängelei und poetisch verkleidete Dominanz miteinander vermengt. Einen Mann, der sie aufforderte, die Kommunikation zu löschen und gleichzeitig ihre Mobilität durch Prepaid-Codes finanzierte. Einen moralischen Prediger, der dem Mädchen, kaum 16, vorwarf, sie sei „die letzte Schlampe“, wenn sie sich einem Gleichaltrigen näherte. Eine passende Titulierung für einen solchen Charakter kann sich jeder Leser bitte selbst erdenken.

Die SZ schreibt: „Als er ihr im Sommer 2019 schrieb, dass er gerne ihr „väterlicher Freund“ wäre und er nie aufgehört habe, sie zu mögen, antwortete sie ihm: Das habe er früher schon gesagt „und dann doch wieder mit mir gevögelt, was dieses Väterliche in ein fragwürdiges Licht rückt“.“

Während das Mädchen in Depressionen stürzte, kaum schlafen konnte, abnahm, im Ausland kollabierte, stand Wecker in Talkshows und erzählte von seiner Läuterung. Von seiner „poetischen Demut“. Von der Liebe. Von seinem inneren „Feministen“ („2017 sagt er in einem Gespräch mit der Publizistin Margarete Stokowski für das Magazin Chrismon, seine Frau – Annik – finde es lächerlich, „dass ich mich als Feminist bezeichne““, SZ). . Er saß bei Lanz, während er etwa zur gleichen Zeit die SMS löschte, die er einer 16-Jährigen schrieb. Er sprach im Fernsehen über seine moralische Haltung – und schrieb nachts über „Geilheit“, „Sehnsucht“ und darüber, dass sie in Hotels „die wirkliche Welt“ im Arm halten solle. („Johanna nannte er in den Nachrichten an sie „meine Kleine“. Er schrieb ihr, wenn sie ihn liebe, müsse sie verstehen, „wo und in wie vielen Welten“ er sich manchmal befinde. Wenn er Sehnsucht hatte, etwa allein in einem Hamburger Hotel, schrieb er ihr: „Komm jetzt. Dann öffne ich dir die wirkliche Welt.““ – man möchte speien.)

Öffentlich das Denkmal des Humanismus – in der Realität eine absolute Zumutung

So entsteht der typische Mechanismus der Selbstmythologisierung: Man erklärt sein Leben zum Kunstwerk und streut überall Leid, Scheitern und Drogen als romantischen Staub. Das Publikum seufzt, die Kritiker verneigen sich und die fragwürdigen Protagonisten um die Omas gegen Rechts machen sich über Begeisterung halb unter sich wegen Weckers Widmung.

Screenprint Omas gegen rechts at

Darunter verschwinden all die unangenehmen Kapitel in Fußnoten.Nur dass dieses Kapitel kein braves Fußnotenschicksal akzeptiert. Es schreit. Und es wirft eine Frage auf, die größer ist als Wecker selbst: Wie viele moralische Großprediger nutzen ihre moralische Maske, um sich vor jeder kritischen Nachfrage zu immunisieren?

Denn genau das ist der Punkt: Wer ständig mit moralischer Empörung gegen die politische Hälfte des Landes verdient, die man „rechts“ nennt, baut damit nicht selten auch ein Schutzschild aus öffentlicher Heiligkeit. Wer dauernd den Kampf gegen das Böse beschwört, versucht nicht selten sich gegen die eigenen Abgründe zu immunisieren. Wecker ist jetzt ein besonders drastischer und der gerade aktuellste Fall in diesem Reigen moralischer Überhöhung – er steht exemplarisch für eine ganze Szene, in der diese moralische Attitüde längst als Persilschein missbraucht wird.

Die junge Frau, die heute 30 ist und Mutter, kämpft noch immer mit den Folgen. Mit der Scham, der Verwirrung, den Depressionen, mit dem Versuch, das Kind in sich zu schützen, das niemand schützte. „Ich will als erwachsene Person für die 15-jährige Johanna einstehen, weil es damals niemand getan hat.“

Während Wecker Thailand ansteuert, während er sich selbst als Opfer seiner diversen Krankheiten bezeichnet, während ein hoch fragwürdiges Umfeld, das sich auch in der Gesellschaft eines Daniel Cohn-Bendit nicht peinlich berührt fühlt, hofft, dass das öffentliche Begräbnis einer ihrer Fackelträger gegen Rechts nicht ganz so laut wird, wie es dieser Fall verdient wäre.

Die moralischen Leuchttürme unserer bigotten Kulturindustrie leuchten oft nur so hell, weil unter ihnen ein ziemlich tiefer Schatten liegt. Und im Schatten des moralischen Großpredigers Konstantin Wecker liegt ein Abgrund, der mit keinem Lied und keinem Pathos mehr zu übertönen ist.

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