Zerschellt der KI‑Boom an seiner selbstgeschaffenen Knappheit?

Der Boom der künstlichen Intelligenz befeuert die amerikanische Konjunktur. Allerdings geht der massive Ausbau der Kapazitäten mit wachsender Rohstoffknappheit und Energieengpässen einher. Washington setzt auf die heilenden Kräfte der Märkte und eine beinharte Rohstoffstrategie.

IMAGO / Funke Foto Services

Vergessen wir einmal für einen kurzen Moment, was sich in der EU im Bereich der künstlichen Intelligenz, der Datencenter und der Energiepolitik ereignet. Sich tagtäglich mit dem europäisch‑deutschen Stillstand zu befassen, ist ernüchternd. Man läuft Gefahr, den Anschluss an die bahnbrechenden Innovationen und Veränderungen unserer Zeit zu verlieren, die sich andernorts auf der Welt vollziehen. Jenseits des großen Teichs beispielsweise, präzise in den Vereinigten Staaten, setzt man auf einen Quantensprung wirtschaftlicher Effizienz durch die Segnungen der KI. Die großen US‑Tech‑Riesen investieren in diesem Jahr schätzungsweise 800 Milliarden Dollar in den Aufbau der notwendigen Infrastruktur – in Datencenter, Energienetze und eigene Energiequellen. Eine Wirtschaftsrevolution, die bereits jetzt das Produktivitätswachstum und die Konjunktur anschiebt.

In den USA zieht auch die Industrieproduktion wieder spürbar an, privatwirtschaftliche Investitionen stiegen im ersten Quartal um über 10 Prozent. Der KI‑Boom erzeugt allerdings seine eigenen Knappheiten, die ab einem bestimmten Punkt das Potenzial haben könnten, diese Konjunktur wieder entgleisen zu lassen. Bereits vor einem Jahr, so schätzt die International Energy Agency (IEA), verbrauchten Rechenzentren weltweit etwa 415 Terawattstunden Strom. Bis 2030 – bleiben wir auf dem gegenwärtigen Wachstumspfad – wird sich der Energiebedarf auf 945 Terawattstunden, weit mehr als verdoppeln, was dem Jahresstromverbrauch Japans entspricht.

Kapitalmärkte
Staubsaugereffekt durch KI-Boom: US-Konzerne bedienen sich am Anleihemarkt
Hyperscaler und KI‑Cluster verbrauchen Unmengen Strom; für die Kühlung der Rechner etwa 100 Megawatt pro Campus statt der bisherigen 10 bis 25 Megawatt. Die Energieleistungen, die ein sogenannter KI‑Hyperscaler absorbiert, übersteigen vielfach die bestehenden lokalen Netzkapazitäten des in den Vereinigten Staaten über Jahrzehnte vernachlässigten Stromnetzes. Um dieses Problem zu umgehen, nimmt die Industrie die Energieerzeugung selbst in die Hand und stößt auf diese Weise indirekt einen eigenen kleinen Innovationszyklus in der Energietechnologie an.

Allerdings treten nun auch im Bereich der Rohstoffe sichtbare Knappheiten auf. Die jährliche Fördermenge beträgt derzeit weltweit etwa 23 Millionen Tonnen Kupfer. Global wird die Nachfrage laut Schätzungen bis 2035 auf 33 Millionen Tonnen, im Jahr 2050 möglicherweise sogar auf 37 Millionen Tonnen ansteigen. Das Problem dabei: Eine Kupfermine benötigt nach ihrer geologischen Befundaufnahme mindestens zehn Jahre bis zur Betriebsaufnahme. Und hier zeigt sich die eigentliche strukturelle Knappheit.

Allein ein einzelnes großes KI‑Rechenzentrum kann mehrere tausend bis zehntausende Tonnen Kupfer verbauen – für Leitungen, Transformatoren, Kühlsysteme und interne Verkabelung. Denn der Boom der künstlichen Intelligenz, die bereits in diesem Jahr Kupfer von bis zu einer Million Tonnen für sich beanspruchen dürfte, steht in unmittelbarer Konkurrenz zu jenen ökonomischen Supertrends, die bislang die Schlagzeilen bestimmten. Jedes Datencenter befindet sich in einem Wettlauf um knappe Rohstoffe mit der Solarwirtschaft, den Batteriezellenherstellern oder auch den Automobilkonzernen, die auf E‑Mobilität setzen, um nur die prominentesten Trends der Ökonomie zu nennen.

Auch der Markt antizipiert die wachsende Knappheit auf dem Kupfermarkt seit Längerem; der Preis des Rohstoffs stieg in den vergangenen 12 Monaten um beinahe 80 Prozent. An der Börse spricht man hier von einem „crowded trade“. Die Knappheit wird bereits eingepreist, und sie arbeitet sich entlang der Wertschöpfungskette in die Bereiche der physischen Infrastruktur vor.

Allerdings stößt die amerikanische Wirtschaft mit dem ihr eigenen Optimismus weiter in diesen Markt vor. Das sicherlich beeindruckendste unter den zahlreichen Mega‑Projekten im Bereich der KI entsteht derzeit in Louisiana. Dort stampft der Konzern Meta ein Data‑Center‑Projekt mit eigener Energieversorgung regelrecht aus dem Boden, das eine Fläche in der Größe Manhattans einnehmen wird und einen Energiebedarf von 7,5 Gigawatt Spitzenleistung erfordert. Es steht exemplarisch für den derzeitigen Boom dieses Sektors im Einklang mit der Wirtschaftsstrategie der Regierung von Präsident Trump.

Aus "Just in Time" wird "Just in Case"
Geopolitik: Europa im Tiefschlaf
Gut möglich, dass im Land der Klimakämpfer und Multi‑Kulti‑Revolutionäre viele die ökonomische Revolution der künstlichen Intelligenz schlicht ignorieren oder aufgrund fehlenden Medienfokus nicht einmal wahrnehmen. Allerdings ändert das nichts an der Tatsache, dass der KI‑Boom real ist. Er ist jedoch ebenso real wie die physischen Knappheiten, die sein dynamischer Aufbau mit sich bringt. Wird diese Dynamik also an den Klippen der Physik zerschellen, oder birgt möglicherweise die freie Marktwirtschaft noch bislang unerkannte Pfade, die helfen, die Knappheit bei Kupfer, im bestehenden Stromnetz, bei Transformatoren und Halbleitern zu umgehen oder zumindest substanziell zu reduzieren?

Das algorithmische Problem wurde bereits durch den effizienten amerikanischen Kapitalmarkt und die Umlenkung von Investitionen in den Sektor gelöst. Allerdings stellen sich die physischen Probleme als wesentlich hartnäckiger dar, was sich auch an den relativen Preisen der Rohstoffe zeigt. Vor allem Kupfer wird im Rahmen des KI‑Booms zu einer heiß umworbenen Ware. Sein Recycling, sogenanntes Urban Mining, boomt. Aber auch erste Ansätze zur Verwendung von Aluminium sowie der Einsatz von Glasfaser und Photonik reduzieren sowohl den Material‑ als auch den Energiebedarf. Rechenzentren werden angesichts der drohenden Rohstoffknappheit effizienter gestaltet und in Regionen mit günstiger Energieversorgung verlagert – eine Art Dezentralisierung findet statt.

Aus europäischer Sicht klingt dies wie eine Erzählung aus Tausendundeiner Nacht. Aber es sind privatwirtschaftliche Unternehmen, große Tech‑Konzerne wie Microsoft, Google oder Meta, die ihr Kapital in den Aufbau eigener Energieinfrastruktur, insbesondere in kleine modulare Kernreaktoren, umlenken, um energieautark zu werden und diese massiven Zusatzlasten aus den bestehenden Stromnetzen fernzuhalten. Flankiert wird dieser privatwirtschaftliche und marktwirtschaftlich gesteuerte Boom durch eine offensive Energiepolitik der amerikanischen Regierung. Washington hat bereits umfangreiche Deregulierungsschritte im Energiemarkt vorgenommen, um grundlastfähige Energieträger wie das in Nordamerika im Überfluss vorhandene Erdgas stärker zu nutzen.

Geo-Ökonomie
Amerikaner übernehmen über 90 Prozent an Lagerstätte für seltene Erden in Grönland
Neben die Deregulierung der eigenen Energiewirtschaft tritt eine offensive Rohstoffstrategie der Regierung von Präsident Donald Trump. Die bisweilen skurril anmutende Debatte um die amerikanische Präsenz in Grönland oder dessen hysterisch diskutierte Annexion – eine typische Medienstrategie Trumps, um vom eigentlichen Ziel abzulenken – fand ihren krönenden Abschluss in einem Abkommen über Explorationsrechte für große Teile der dortigen Vorkommen seltener Erden. Ab 2029 wird dort das US‑Unternehmen Critical Metals Corp. mit der Erschließung der Bodenschätze beginnen. 92,5 Prozent der für die Industrie fundamentalen Rohstoffe der Insel werden im Anschluss in der amerikanischen Ökonomie zirkulieren.

Zynisch könnte man hinzufügen: Gut, dass Deutschland bis dahin weitestgehend deindustrialisiert sein wird. Wer möchte sich schon mit den beiden Supermächten USA und China um diesen seltenen Rohstoff streiten?

Diese Rohstoffe wandern in die USA, weil sich trotz der gespielten Empörung der an Industriepolitik wenig interessierten europäischen Politik und Medien die geopolitischen Kräfteverhältnisse zugunsten der USA verschieben. Washington dringt mit dem Ellbogen in die Rohstoffmärkte dieser Welt vor, ob uns dies gefällt oder nicht. Und womöglich wird man in Grönland auch noch in Jahren über das gute Dutzend deutscher Soldaten schmunzeln, die sich der „Conquista“ amerikanischer Rohstoffinteressen zumindest für einen Wimpernschlag entgegenzustellen versuchten.

Der KI‑Boom ist real, und der europäische Standort hat offensichtlich bereits das Handtuch geworfen. Energieintensive Technologie beißt sich ganz einfach mit der herrschenden ökosozialistischen Doktrin auf dem alten Kontinent – im Kontrast zur Dynamik, die in einigen Regionen dieser Welt vorherrscht, wirkt er regelrecht senil.

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Kommentare ( 2 )

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giesemann
2 Stunden her

Der nächste Schub wird mit Rechnern kommen, die mit Licht arbeiten anstatt mit Elektronen. An optischen Schaltern à la flip-flop wird intensiv gearbeitet. https://www.youtube.com/watch?v=h9dAVYL5o7c

Kraichgau
2 Stunden her

ich warte auf die erste seriöse Prognose,wieviele bisherige menschliche Arbeitsplätze durch die „KI-Revolution“ ersetzt werden,denn EINES ist absolut sicher,die Industrie/Unternehmen investieren NIE,ohne irgendwo eine Gewinnchance zu sehen,und diese wird schon seit rund 40 Jahren vor Allem durch Einsparungen/Ersatz von Arbeitskräften entweder durch billigere in dritt Weltländern oder gleich durch Automatisierung erreicht.
Also,wenn dann diese Riesencenter entstanden sind und die Wirtschaftswüsten blühen,sind wir alle ganz überrascht,wenn dann komplette Verwaltungen etc durch KI ersetzt werden 🙂