Geopolitik: Europa im Tiefschlaf

Mit der Krise von Hormuz fügt sich ein weiteres Element in das Mosaik der neuen Weltpolitik. Diese wird vom Titanenkampf zwischen den USA und China dominiert und entlädt sich entlang der Rohstoff- und Energiemärkte. Dass Europa den Wandel verschlafen hat, ist Ausdruck eklatanter Realitätsverweigerung.

picture alliance / ZUMAPRESS.com | Nicolas Landemard

Die Straße von Hormuz wurde zum Sinnbild für die geostrategische Großwetterlage: Der maritime Flaschenhals erteilt uns eine Lehrstunde in Sachen Geostrategie und Machtpolitik – etwas, wovon man vor allen Dingen in Deutschland seit Jahrzehnten nichts mehr wissen wollte. Nach drei Dekaden der Sorglosigkeit und des festen Glaubens an Fukuyamas These, dass eine Welt der globalisierten und freien Märkte die Menschheit pazifizieren würde, herrscht nun Katerstimmung.

Sichere Transportwege, Preissetzungsmacht an den Rohstoff- und Energiemärkten, aber auch das Versicherungswesen – die Intervention der USA im Iran ist vielschichtig. Dies gilt sowohl im Hinblick auf den sich aufschaukelnden Ressourcenkrieg mit China als auch auf ganz anderen Ebenen wie der besagten maritimen Versicherungswirtschaft.

Zwischen den USA und der City of London – genauer gesagt dem führenden Versicherungsclub um Firmen wie Lloyd’s, Skuld, NorthStandard oder London P&I – ist ein regelrechter Krieg um dieses Marktsegment ausgebrochen.

Unmittelbar zu Beginn des Konflikts suspendierten Londoner Versicherungen zahlreiche Kriegsrisikoversicherungen für Schiffe in der Straße von Hormuz. Alternativ wurden Versicherungen mit einer zwölffach höheren Prämie angeboten – unter diesen Bedingungen lohnt die Durchfahrt aber nicht mehr. Tanker, die indische oder chinesische Häfen ansteuern, werden häufig außerhalb westlicher Versicherungssysteme abgesichert. Ihnen hilft die Zusage der iranischen Regierung, die Schiffe passieren zu lassen.

Die amerikanische Regierung kündigte gleichermaßen zu Beginn des Konflikts an, zunächst ein staatliches Versicherungsprogramm über die sogenannte US International Development Finance Corporation (DFC) auf die Beine zu stellen. Dieser Versicherungspool soll mit 20 Milliarden US-Dollar Volumen und Staatsgarantien starten und zukünftig in die Hände der privaten amerikanischen Versicherungswirtschaft wandern.

Dabei beobachten die USA die zögerliche Haltung der Europäer, ihre eigene Energieversorgung zu sichern, durchaus mit einem zynischen Blick. Sie selbst sind nahezu energieautark, können hier also auf Zeit spielen.

Handelspolitik und Geostrategie
Strukturverschiebungen im Handel decken strategische Fehler auf
Das Versicherungswesen in die eigene Kalkulation aufzunehmen, ist ein wegweisender geopolitischer Schachzug der USA. Deren Finanzminister Scott Bessent, verantwortlich für die Versicherungsstrategie, rechnet mit einer Öffnung der Straße von Hormuz in den kommenden Wochen – sei es durch US-Gleitschutz oder durch eine kollektive Lösung alliierter Staaten. Eines scheint gewiss: Der Energietransfer wird künftig vor allen Dingen für Energieimporteure wie die Europäische Union wesentlich teurer werden – die Zeiten des Free Lunch für die Europäer sind vorüber.

Ähnliches beobachten wir auf der Ebene der NATO, wo sich aus Sicht der Amerikaner zusehends die Frage stellt, weshalb man einen Militärclub finanzieren sollte, der parasitär auf die technologischen und finanziellen Möglichkeiten der Vereinigten Staaten setzt, ohne selbst substanziell ins Risiko zu gehen. Präsident Donald Trump bricht mit Konventionen, die etablierte Nachkriegsordnung wird abgewickelt, wenn sie nicht längst Geschichte ist.

Derjenige, der über das nationale Versicherungswesen die maritimen Flaschenhälse dieser Welt kontrolliert, verfügt über enorme Verhandlungsmasse für ein zunehmend realistisches Szenario geopolitischer Spannungen. Man kann es auch so sehen: Das einst weltumspannende British Empire existiert gegenwärtig als eine Form virtueller Macht. Ihren Einfluss generiert sie durch die Kontrolle wesentlicher Teile der maritimen Transportwege besagter Flaschenhälse. Die Finanzialisierung weiter Teile der Ökonomie ist ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der nach wie vor existenten und sehr realen Macht der City of London.

Sie ist über ihr weit verzweigtes Finanzwesen, das sich wie ein Spinnennetz um den gesamten Globus gewunden hat, omnipräsent. Die Londoner Börse, ihre Rohstoff- und Edelmetallsektoren, üben nach wie vor massiven Einfluss auf die Bepreisung kritischer Metalle aus.

Die Amerikaner haben aus dem Schock der Verknappung im Bereich der Seltenen Erden offenkundig eine harte Lehre gezogen. Peking – das wissen die Europäer inzwischen aus leidvoller Erfahrung – wird mit Exportverboten kritischer Rohstoffe wie der Seltenen Erden operieren, gerät es selbst ökonomisch oder politisch unter Druck.

In Deutschland der Sprengstoff Ideologie
Straße von Hormuz: Der weltweite Kampf um Öl und Gas
Um diesem Druck widerstehen zu können, verschaffen sich die USA massiven Verhandlungsspielraum, indem sie versuchen, wie im Falle Venezuelas und Irans Zugriff auf die Bepreisung kritischer Rohstoffe zu erzwingen. Dass die Europäer in den immer höheren Wellenschlägen des amerikanisch-chinesischen Großkonflikts unserer Zeit so massiv unter Druck geraten sind, ist angesichts der Verkettung politischer Fehler eine logische Konsequenz. Sie werden nun lernen, dass die Moralisierung der Energiepolitik Konsequenzen hat und sich der romantische Eskapismus in die Sonnenblumenwelt der Ökosozialisten auf dem Konto niederschlagen wird.

Energiepreise und Rohstoffkosten können unter den gegebenen Umständen nicht mehr auf ihr altes Niveau zurückkehren. Sie werden ein neues Plateau finden und volatil schwanken, während sich der Konflikt austobt. Niemand kann wissen, was darauf folgt. Gewiss ist jedoch: Rohstoffe werden zunehmend zu strategischen Verhandlungsvehikeln, die den Produzenten künftig ganz erhebliche Macht in die Hände legen.

Dass die Zeit der Globalisierung, die in den vergangenen drei Dekaden zu massiven ökonomischen Effizienzgewinnen führte und auch für die Deutschen von Vorteil war, längst ausgeklungen ist, hätte man wissen können. Die chinesische Belt-and-Road-Initiative muss man heute, in der Retrospektive, ebenfalls in die Güteklasse merkantiler Politikansätze einordnen. Beobachter der chinesischen Politik waren selbstverständlich nie so naiv, anzunehmen, dass es altruistische Werte seien, die Peking zum Aufbau ziviler Infrastruktur in Afrika oder Südamerika antrieben.

Selbstverständlich war der chinesische Ansatz wesentlich weitsichtiger und intelligenter als der altkoloniale europäische Dampfhammer oder das britische Extraktionssystem, das durch die Politik der Amerikaner nun an sein Ende gelangt. Brüssel hat sich unter deutscher ideologischer Führung verrannt. Es hat sein eigenes Machtkonstrukt, den Green Deal, auf einer moralisierten Energiepolitik aufgesetzt, die nun einen regelrechten Armutsmotor betreibt.

Europa müsste intellektuell reifen, sich ideologisch häuten und den Ökosozialismus als einen antizivilisatorischen Irrweg in der Senkgrube verfehlter kollektivistischer Politikansätze begraben. Es ist Zeit für einen Frieden mit Russland, um den Energiefluss und den notwendigen Ressourcenimport wieder aufzunehmen. Man kann so die Zeit gewinnen, die nötig ist, ein europaweites Programm zum Aufbau von Kernenergiekapazitäten in Gang zu bringen.

Kurzfristig sollte die alles überragende Frage der Versorgungssicherheit mit kritischen Rohstoffen und Energie die politische Agenda dominieren. Dass die Degrowth-Ideologen nun kurz vor der Erfüllung ihres lang gehegten Traums einer Energierationierung stehen, ist unerträglich. Doch sie sitzen nun einmal an den Schaltstellen der Macht in Europa – und der Wähler hat es in der Hand, diesem Spuk ein Ende zu bereiten.

Die Gegenwart ist allerdings längst verloren – was nicht bedeutet, dass sich Europa, sollte es zur Vernunft finden, in der Zukunft nicht wieder als Kraft der Vernunft und ernstzunehmender politischer Faktor zurückmelden wird.

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Kommentare ( 48 )

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Peter Pascht
8 Stunden her

Wer von Geopolitik spricht sollte ein Geschichtsbuch in der Hand gehabt haben und es gelesen haben. Das Verdammte „Versaille“ es geistert auch heute noch in der Geopolitik. Aber sein Vorgänger liegt mehr als 1000 Jahre davor, der „Vertrag von Verdun“ Das Deutschland von heute ist territoriell das gleiche wie es Napoleon I. erobert hatte und gebildet hatte. Die linksreinischen uralten deutschen Gebiete wurden von Napoleon I. erobert und anektiert bis heute, „französische Erde“, so wie heute Putins „russiche Erde“ in der Ukraine. Es war das Werk Napoleon III. welches Orban und die Ungarn bis heute als Trauma in sich tragen.… Mehr

Last edited 8 Stunden her by Peter Pascht
Haba Orwell
12 Stunden her

Röper zum Abstieg Westeuropas: >>>“Warum die EU weltpolitisch in der Bedeutungslosigkeit verschwunden ist – Anti-Spiegel„<<< > „… Selbst in den Mainstream-Medien kann man inzwischen lesen, dass alle „Spitzenpolitiker“ in der EU vor allem darum bemüht sind, Trump nicht zu verärgern. … Welches andere Land soll diese Europäer noch ernst nehmen, die sich all das gefallen lassen und deren einzige Angst bei all dem ist, Trump allzu sehr zu verärgern? Wer soll solche Hampelmänner (m/w/d) denn ernst nehmen, die sich nicht einmal trauen, die elementarsten Interessen ihrer eigenen Länder und Völker zu verteidigen? …“ Auch hier bemühen sich etliche Leute vor… Mehr

Peter Pascht
16 Stunden her

Dass Europa den Wandel verschlafen hat, ist Ausdruck eklatanter Realitätsverweigerung? -Europa? Europa ist ein Territorium. Wie kann ein Territorium etwas verschfalfen?

Mausi
19 Stunden her

Und die USA werden niemals von etwas abrücken, was sich im Laufe der Zeit als vorteilhaft erweist. Auch die Democrats nicht, so sehr wie sie fürs Klima (gewesen) sind.

Ohanse
22 Stunden her

Europa bzw. die EU wird gar nichts. Es gibt keinen verbindenden Gedanken, keinerlei gemeinsames Interesse. Der Vorteil des einen ist immer der Nachteil eines anderen. Faule Kompromisse sind nicht wie Klebstoff, sondern wie Rost. Deshalb ist es ja, wie es ist: Flaschendeckel, Pappstrohhalme und Bananenkrümmungsradien sind wichtig, woher die Energie kommen soll: kein Plan. Die EU wird gar nichts. Das wird sich auch niemals ändern.

Paul Brusselmans
22 Stunden her

Ganz lieben Dank Herr Kolbe, für den Hinweis auf das jahrelange destruktive Verhalten der Deutschen in Brüssel.Ohne diese gäbe es weder UK-Austritt noch Lieferkettengesetz, die illegale Migration in dieser Dimension oder das Verbrenner:Innenverbot.

Last edited 22 Stunden her by Paul Brusselmans
H. Priess
23 Stunden her

Was mich an solchen Kommentaren stört ist, daß immer von Europa geredet wird wenn doch die EU gemeint ist. Europa reicht vom Atlantik bis zum Ural und Russland wird wohl nicht mitgemeint sein. Außerdem gibt es Staaten die in Europa liegen aber nicht zur EU gehören und die in vielen Dingen ihr eigenes Ding durchziehen. Da die Chinesen erwähnt werden so muß man feststellen, daß sie viel intelligenter agieren als z.B. die EU. Sie denken langfristig und investieren Milliarden z.B. in Afrika um dort die Infrastruktur zu erneuern oder meißt erst aufzubauen. Diese Länder bauen eine eigene Industrie auf und… Mehr

HS_1938
23 Stunden her

 „Es ist Zeit für einen Frieden mit Russland, um den Energiefluss und den notwendigen Ressourcenimport wieder aufzunehmen“
Ist Baerbock wieder auferstanden? Sind wir im Krieg mit Russland ? In dem Fall wäre es bei weitem klüger eigene Energieressourcen z.B. zu frackendes Gas auszubeuten als den Todeskult der Welt – Entnazifizierer mit unserem Geld zu mästen.
Aber keine Sorge, keins von beiden wird passieren. Deutschland wird klimaneutral bis es aussieht wie Nordamerika vor Ankunft der Mayflower.

Ralf Poehling
23 Stunden her

Alles gar nicht so schwer und auch nicht so kompliziert. Was im Kleinen funktioniert, funktioniert meist auch im Großen. Reduzieren wir mal den Blick zunächst aufs ökonomische, weil die meisten Menschen in Deutschland ja eher wirtschaftspolitisch und nicht geopolitisch denken, da uns den zweiten Teil ja bisher die Amerikaner bzw. die NATO abgenommen haben, und stellen uns einfach mal vor, Deutschland wäre ein Unternehmen. Was braucht ein Unternehmen? Arbeitskraft, Rohstoffe und Zulieferer. Das ist bei Nationen mit einer funktionierenden Wirtschaft immer so. Jetzt muss man sich fragen, wo bekommt man das wie her? Die Arbeitskraft kann man selbst ausbilden oder… Mehr

Mausi
20 Stunden her
Antworten an  Ralf Poehling

So ist es. „Frieden für die Welt“ hat es noch nie gegeben. Und wird es trotz all der Menschen, die diesen Wunsch äußern, auch nicht geben. Mich würde auch interessieren, was diese Menschen in ihrer nächsten Umgebung für den Weltfrieden tun. Wahrscheinlich Rächte melden. Es zieht bereits in D, in der EU das Recht des Stärkeren ein. Im demokratischen Kalifornien, sehr nah dran am demokratischenSozialismus, ist Diebstahl an der Tagesordnung. Im Innern tritt genau das ein, was im Außenbereich verschleiert wird durch die Absicherung durch die USA.

H. Priess
23 Stunden her

Nun, mit diese halbstaatlichen Versicherungen für Schiffe eröffnen sich auch neue Möglichkeiten für die USA den Welthandel zu beeinflussen. Sie könnte z.B. diese Versicherung zur Pflicht machen für Schiffe die US Häfen anlaufen wollen. Sie könnten die Vasallen der USA, besonders die EU und allen voran Deutschland, dazu zwingen diese Versicherung abzuschließen wenn sie US Häfen anlaufen wollen. Damit hätte aber auch die EU ein neues Instrument andere Länder zu erpressen die, wenn sie euopäischen Häfen anlaufen wollen, ebenfalls diese Versicherung haben müssen. Ich höre schon v.d.Leien begeistert Beifall klatschen.