Im VW-Werk Osnabrück könnte ab 2027 Ausrüstung für das israelische Luftverteidigungssystem Iron Dome entstehen. Niedersachsen prüft dafür einen Einstieg – auch, um Einwände des Großaktionärs Katar zu umgehen.
picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann
Die Zukunft des Volkswagen-Werks in Osnabrück könnte sich in den kommenden Wochen entscheiden. Der Autobauer steht nach Medienberichten kurz vor einer Vereinbarung mit dem israelischen Rüstungskonzern Rafael Advanced Defense Systems. In dem Werk soll künftig Ausrüstung für das Luftverteidigungssystem Iron Dome hergestellt werden. Eine Vereinbarung könnte bereits im September unterzeichnet werden.
Nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg geht es unter anderem um schwere Lastwagen, mit denen Raketen transportiert werden können, sowie um Abschussvorrichtungen. Auch Stromgeneratoren für die Systeme könnten demnach in Osnabrück gefertigt werden. Damit würde an dem Standort nach dem Ende der Pkw-Produktion erstmals in größerem Umfang militärisches Gerät in Serie entstehen.
Bislang hat das Werk lediglich einzelne Prototypen von Militärfahrzeugen hergestellt.
Die geplante Zusammenarbeit ist allerdings komplizierter als eine gewöhnliche Kooperation zwischen Volkswagen und einem Rüstungskonzern. Nach Bloomberg-Informationen gibt es Widerstand von Qatar Holding gegen eine direkte Zusammenarbeit des VW-Konzerns mit dem israelischen Staatsunternehmen Rafael. Katar gehört zu den wichtigsten Anteilseignern des Autobauers und verfügt nach Angaben von Volkswagen über 17 Prozent der Stimmrechte.
Um dieses Hindernis nun zu umgehen, wird nach den Berichten über eine Konstruktion mit dem Land Niedersachsen gesprochen. Niedersachsen könnte Teile des Osnabrücker Werks übernehmen und anschließend gemeinsam mit Rafael ein Unternehmen gründen oder dem Rüstungskonzern Produktionskapazitäten zur Verfügung stellen. Volkswagen wäre damit nicht unmittelbar Vertragspartner Rafaels.
Niedersachsen selbst hält 20 Prozent der Stimmrechte bei Volkswagen und ist damit nach der Porsche Automobil Holding der zweitgrößte stimmberechtigte Anteilseigner. Die Landesregierung bestätigt, dass sie eine Beteiligung an einer neuen industriellen Nutzung des Standorts prüft. Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) besuchte das Werk am Mittwoch und erklärte anschließend, es gebe eine Perspektive für Osnabrück, auch wenn noch wesentliche Fragen offen seien. Nach einem Bericht der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ steht ein Engagement des Landes von mindestens 200 Millionen Euro im Raum. Auch eine Beteiligung des Bundes wird geprüft. Konkrete Summen oder ein Beteiligungsmodell seien noch nicht beschlossen, teilte die Staatskanzlei mit.
Für Volkswagen drängt die Zeit. Im Werk Osnabrück arbeiten derzeit rund 2.300 Menschen. Dort wird noch das T-Roc Cabriolet gebaut; die Fertigung soll Mitte 2027 enden. Einen Nachfolger aus dem Modellprogramm des Konzerns erhält das Werk nicht. Volkswagen und Betriebsrat hatten deshalb bereits Ende 2024 vereinbart, nach einer anderen Verwendung für den Standort zu suchen.
Gespräche mit Unternehmen der Rüstungsindustrie laufen seit Monaten. Neben Rafael war unter anderem der deutsch-französische Panzerhersteller KNDS als möglicher Nutzer des Werks im Gespräch. Rheinmetall hatte eine Übernahme des Standorts im Frühjahr ausgeschlossen. Volkswagen-Chef Oliver Blume bestätigte zuletzt grundsätzlich Gespräche mit Unternehmen aus der Verteidigungsbranche und stellte eine Entscheidung über die Zukunft Osnabrücks bis Ende dieses Jahres in Aussicht.
Die Verhandlungen mit Rafael waren bereits im März öffentlich geworden und haben sich seitdem offenbar deutlich konkretisiert. Im Juli berichtete Reuters unter Berufung auf mit den Gesprächen vertraute Personen, Niedersachsen wolle sich für einen Einstieg Rafaels engagieren. Damals war noch offen, in welcher Form das Land helfen könnte.
Rafael gehört zu den wichtigsten israelischen Rüstungsunternehmen und entwickelt unter anderem Iron Dome. Das System dient vor allem der Abwehr von Raketen und anderen Bedrohungen aus kurzer Entfernung. Radar und Feuerleitsystem berechnen nach der Erfassung eines Flugkörpers dessen voraussichtlichen Einschlagspunkt; nur bei einer Gefahr für das geschützte Gebiet wird eine Abfangrakete gestartet. Iron Dome ist seit 2011 im Einsatz und wurde seither mehrfach weiterentwickelt.


Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein