Die Unternehmer in der Krise zu steuerfreien Prämienzahlungen aufzufordern und damit moralisch unter Druck zu setzen, ist schäbig. Doch die Idee steht Pate für die zynische Regierungspraxis des Duos Merz-Klingbeil, das sich an der Macht festklammert und dabei auf Fair Play pfeift.
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Deutsche Politik gibt sich gern großzügig. Geht es um die Verteilung von Steuergeldern, darf im Grunde niemand zu kurz kommen. Ganz gleich, ob das Geld über dubiose Kanäle ins Ausland abfließt, in die gigantische grüne Umverteilungsmaschine, in den Ukraine-Krieg oder an die fünfeinhalb Millionen Bürokraten im Land – Berlin ist niemals knauserig, wenn es darum geht, das hart erarbeitete Geld seiner Bürger wie eine Gruppe betrunkener Matrosen nach sechs Monaten auf See am ersten Abend an Land unter die Leute zu bringen.
Dies ist die eine Seite des fiskalischen Raubzugs. Geschenke erhalten die Freundschaft! So erschließt man Wählerpotenziale und konsolidiert bestehende Wählergruppen. Das sind zwar schmutzige Methoden, aber sie entsprechen dem Geist einer populistischen Demokratie. Zynisch wird es, wenn die Politik beginnt, über die Verwendung der Mittel zu verfügen, die sie den Bürgern und Unternehmen noch nicht aus der Tasche gezogen hat.
Dass die Bundesregierung in der vergangenen Woche versuchte, die Unternehmer moralisch zu einer Prämienzahlung in Höhe von 1.000 Euro zu verpflichten, ist ein medienstrategischer Kurswechsel. Das dreckige Spiel dabei ist schnell durchschaut: Die moralische Pflicht, den Menschen in der Energiepreiskrise zu helfen, wird von einer Politik, die maßgeblich zu den aktuellen Verwerfungen beigetragen hat, kurzerhand denen in die Schuhe geschoben, die seit Monaten als Sündenböcke für das Scheitern des gesellschaftlichen Umbaus herhalten sollen – den Unternehmern.
Besonders unverfroren ist, dass es der Politik zugleich gelingt, sich als großer Gönner zu inszenieren, indem sie Steuerfreiheit gewährt, während sie die tatsächliche Verantwortung für die Linderung der Belastungen auf andere abwälzt. Das wirkt umso zynischer vor dem Hintergrund, dass Deutschland einen der größten Wohlfahrtsstaaten der Welt betreibt, seine Bürger einem erheblichen fiskalischen Zugriff aussetzt und sich zugleich als allumfassender Problemlöser präsentiert.
Ist es nicht stets die Politik, die sich über ihr umfangreiches Mediennetzwerk in Szene zu setzen weiß, wenn es darum geht, Haushaltsdefizite zu schließen, indem sie Ressentiments schürt und jenen noch tiefer in die Tasche greift, die ohnehin bereits den Löwenanteil dieses entgleisten Staatswesens tragen? Nie trägt die Politik die Schuld. Dies gilt sowohl für die daniederliegende Bauwirtschaft, die explodierenden Lebenshaltungskosten, die Migrationskrise als auch für die Energiewende. Deutsche Politiker verstehen nur zu gut, die sichtbaren Probleme, die ihre Ideologien hervorrufen, in Fragen der Verteilungspolitik umzudeuten.
Was wir im Falle der Prämiendebatte erleben, ist allerdings mehr als nur ein taktisches Manöver. Der Staat ist sichtlich nicht mehr in der Lage, eine rasche Entlastung über eine Steuergutschrift oder die substanzielle Senkung der Mineralölsteuer umzusetzen.
Es ist an den ökonomischen Eckdaten der fallenden Produktivität und der Desinvestition ablesbar: Der Umbau unserer Gesellschaft in eine grüne Katastrophen-Dystopie verschlingt sämtliche verfügbaren Ressourcen. Dass dies zu Konflikten zwischen der Politik und denen führen wird, die tatsächlich etwas zu verlieren haben, liegt auf der Hand. Und die Prämiendebatte gibt einen Hinweis auf die Art der Konfliktführung: höhere Erbschaftsteuern, die Debatte um eine Vermögensteuer, das Aus des Ehegattensplittings sowie steigende Kapitalertrags- und Grundsteuern.
Es ziehen immer dunklere Wolken auf. Und es ist davon auszugehen, dass nun die Reste der ökonomischen Substanz des Bürgertums auf die Speisekarte des verfetteten Staatsapparates geraten sind.
Berlin riskiert damit wissentlich, das Bürgertum als stabilisierenden Faktor unserer Gesellschaft noch stärker zu beschädigen und für eine Krise in Haftung zu nehmen, deren Ursachen im politischen und ideologischen Fanatismus des Parteiensystems zu suchen sind. Das ist zynisch, historisch kurzsichtig und kulturpolitisch zerstörerisch. Es ist Ausdruck des ethischen Verfalls der politischen Elite dieses Landes.
Und ja: Herrschaftszynismus ist eine abstoßende Charaktereigenschaft, die in der Politik regelmäßig in zwei Formen auftritt. Zum einen in der Ausübung absoluter Macht, die bei manchen Akteuren latent vorhandene sadistische Züge an die Oberfläche bringt. Zum anderen im Moment des Machtverfalls, der von Angst geprägt ist: der Angst vor Bedeutungsverlust, vor dem Rückfall in die Normalität und vor dem Verlust von Privilegien.
Es ist die Angst vor dem Abstieg, die politische Akteure zu besonders harten und zugleich irrationalen Reaktionen treiben kann. Möglicherweise ahnen ja bereits die ersten, dass die Zeit der Unbeschwertheit abgelaufen ist. Flache Medieninszenierungen, spalterische Rhetorik und caesarische Allüren werden nicht mehr genügen, das Publikum von der tatsächlichen Lage abzulenken.
Die katastrophalen Wahlumfragen der Brandmauerparteien sowie die anhaltende wirtschaftliche Schwäche sind lediglich Symptome einer tieferliegenden Entwicklung. Viele der tatsächlichen Leistungsträger im Land betrachten das politische Geschehen inzwischen mit wachsender Distanz und spürbarem Befremden. Der Graben zwischen Leistungsgesellschaft und politischem Zirkus ist zu tief, um noch ignorieren zu können, dass die Politik mit ihrer Kunstwirtschaft – der grünen Subventionsökonomie, dem Techtelmechtel mit dem Rüstungssektor und der gigantischen bürokratischen Maschine – längst einen Staat im Staate geschaffen hat.
Das politische Personal rekrutiert sich überwiegend aus klassischen Parteikarrieren. Karriere und Aufstieg sind selten Ergebnis tatsächlicher Leistung oder fachlicher Exzellenz. Stattdessen erlebt man die Profiteure eines Systems, in dem Macht aus Funktion und Treue, aus Ergebenheit zum Parteiensystem erwächst und eben nicht aus meritokratischen Kriterien. Politisches Handeln dient dem Machterhalt der einzelnen Akteure und hat herzlich wenig mit der Lösung realer Probleme zu tun. Sie ist lediglich der Nährboden, aus dem sich der ideologische Umbau der Gesellschaft speist.




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Auch das wird wieder ein Eigentor. Einige Unternehmen, die sich dazu drängen lassen, werden einfach das Weihnachtsgeld o.Ä. entsprechend kürzen. Dann ist der Staat der Gelackmeierte, weil ihm massive Steuereinnahmen (üblicherweise 43,5%) darauf wegfallen werden. Und die Anderen werden es einfach aussitzen. Die Nomenklatur des ÖD, die zu 90% überflüssig ist (1900: Anzahl der Staatsangestellten mit Bahn-/Postbeamten: 600k, heute knapp 6 Mio – ohne Bahn/Post), wird noch um sich schlagen und versuchen den normalen Bürgern alles wegzunehmen, bevor die Party bevor ist. Aber das wird den Untergang nur noch mehr beschleunigen, weil dann zu viele die Schnauze voll haben und… Mehr
„ist ein medienstrategischer Kurswechsel“ Ist das wirklich neu? Was das bei Corona- und Inflationsprämie nicht auch schon so außerhalb der Behörden und staatlichen Betriebe?
Eine Anzahl von Leserbriefen laviert hart am Rande von Entschuldigungen, warum man bspw. noch fossil heizt, Verbrenner fährt, etc., worin sich der durchschlagende Erfolg der grün-linken Propaganda wiederspiegelt. Ich will die Frage einmal so stellen: Was geht es eine Regierung an, was ich heize, welches Auto ich fahre, was ich in meiner Freizeit unternehme, was ich denke, wen ich wähle, usw. usf.. Diese Herrschaften, die sämtlich und ausschliesslich, mitsamt Ihren Angestellten, den Parteien, den von Ihnen finanzierten Vorfeld- Organisationen, des von Ihnen unterhaltenen Heers von Abhängigen, von der freien Wirtschaft und den in ihr tätigen Männern und Frauen parasitieren, haben… Mehr
Unmittelbar beim Betrachten des Bildes kam mir Orwell in den Sinn.
Ja, daran erkennt man deutlich, das die Herrschaften der Situation die sie zum größten Teil selber verursacht haben in keiner Weise mehr gewachsen sind.
Es helfen keine Reformen, es hilft nur kompletter Tausch der Mannschaft.
Seit 1949: SPD oder CDU, die Mehrheit der Rentner wählen treu wie Schafe.
Keine Ahnung von Politik, keine von Wirtschaft. Aber Hauptsache, die ÖRR-Gebühren-Monokultur dudelt schön beruhigend ins altersstarrte Hirn.
Die Büchse der Pandora? Haben die Rentner selbst aufgerissen. Drin war: ihre eigene Verblödung – plus die Quittung dafür.
Weitermachen, ihr Denkmalgeschützten❗
Ich bin auch Rentner und möchte mir Ihre pauschale Anschuldigung verbitten. Sicher kann alles was Sie über diese Rentner schreiben, auf Menschen in den alten Bundesländern zutreffen, hier im Osten ist dies ganz anders, jedenfalls bei denjenigen, die hier schon immer gewohnt haben. Die wählen hier jedenfalls nicht die CDU oder die SPD, die wählen ganz anders!
Ja, ja, Besserwessi und Jammerossi.
Ich gehe davon aus, wir haben das längst überwunden ❗
Und Sie meinen, nur die Rentner haben keine Ahnung von Wirtschaft? Von Politik?
Schrieb ich „die Rentner“, nein.
Ich schrieb „die Mehrheit der Rentner“.
Das ist ein sehr großer Unterschied!
Korrktur meines vorherigen Kommentars: Sie meinen, nur die Mehrheit der Rentner haben keine Ahnung von Wirtschaft? Und Politik? Die Mehrheit der Nicht-Rentner aber hat den wirtschaftlichen Durchblick?
Friedensangebot: Ich gebe Ihnen recht, dass die hohe Stimmenanteile von CDU und SPD bei den Alten nicht deren Expertise, sondern deren Gewohnheit entstammt. Die Anteile von Links und Grün bei den unter 40-Jährigen entstammen aber ebenfalls nicht irgendeiner Expertise, sondern ideologischen Dummheiten. Ist das jetzt besser als bei den Rentnern?
Das Handicap der wählenden Nicht-Rentner ist die mit sehr, sehr großem Abstand wählende Gruppierung der Rentner.
Das wissen die Parteien seit Jahrzehnten.
In Teilbereichen bin ich natürlich bei Ihnen ❗
So ist es. Was immer noch zwei Fragen aufwirft: Wieweit gehen die Täter ? Da gibt es historisch durchaus interessante Fälle, vor allem in der durchaus üblichen Kombination der Psychopathologie der Täter, m.E. qua “ Ferndiagnose“ erkennbar . Und wie reagieren die immer massiver Betroffenen ? Vermutlich immer noch eine zahlenmässige Mehrheit, allerdings wenig mächtig und noch weniger militant als die Täter und ihre Helfer. Bekanntlich stehen Polizei und Justiz auf der Seite der Macht. Der gerne geglaubte Mythos, für Mythen normal und äusserst stabilisierend, erzählt, sie vertreten das Recht resp die “ Demokratie“. Sö ähnlich wie der Mythos von… Mehr
Nach dem Prinzip divide et impera handeln unsere Regierenden doch schon länger. Der Staat verteuert bspw. kontinuierlich das Wohnen und stellt dafür die Vermieter an den Pranger.
Und dass zumindest die SPD Unternehmer als Feinde ansieht, hat Frau Bas schon öffentlich verlautbart. Die Hetze der SPD gegen Selbständige läuft übrigens schon seit 2017.
Und sie werden solange damit weitermachen, wenn auch dem letzten Leistungsträger das Geld ausgegangen ist und der parasitär-kleptokratische Komplex aus niemanden mehr viel rauspressen kann.
Ich sehe auch Herrschaftszynismus darin, wenn Bürgern nun gesagt wird, das sie an den hohen Energiepreisen mit Schuld seien, das es ja versäumt haben, rechtzeitig ein E-Auto oder eine Wärmepumpe anzuschaffen. Etwa die Hälfte der Menschen in diesem Land wohnt zur Miete, kann daher über die Art der Heizung nicht selber entscheiden, ein anderer Teil an Orten, die für eine Energiewende kaum geignet sind. Man hört nun geradezu die Schadenfreude von Linken und Grünen heraus, wenn sie nun Verbraucher von fossilen Energien verspotten, obwohl diese überhaupt nicht die Möglichkeit einer Alternative hätten. Überdies finanzieren diese Konsumenten mit ihren Steuern, Preisen… Mehr
Solche Manöver wie jetzt die gratis-großzügige »steuerfreie Prämie von den Unternehmern an die Arbeitnehmer« sind mir eigentlich aus den letzten 30 Jahren als selbständiger Unternehmer nur zu bekannt. Es ist einer der regelmäßigen Tritte der SPD in die Kniekehlen der Unternehmer. Sie machen das, weil sie es können, und weil das ihre Form des »Klassenkampfes« ist. Dem »Klassenfeind« einen reinwürgen. Ihm eins auswischen. Ihn finanziell belasten, wo es nur geht. Sie sind eben getrieben von Missgunst und Niedertracht, und ausschließlich mit dem Bekämpfen des politischen »Feindes« und mit ihrem eigenen Machterhalt beschäftigt. Konstruktive Politik kann dieser schrumpfende Folkloreverein »SPD« schon… Mehr