Mehr statt weniger Emissionen: Deutsche Träume von der Elektromobilität

Der Autogipfel hatte kein anderes Ergebnis als die Bekräftigung des Ziels von 15 Millionen Elektroautos im Jahre 2030. Doch selbst wenn das gelänge: Die Elektrifizierung des Autoverkehrs lässt unter aktuellen Bedingungen die CO2-Emissionen nicht sinken, sondern steigen.

IMAGO / Sämmer
Warnschild vor der Lehrwerkstatt der Handwerkskammer Rheinhessen im Kraftfahrzeugwesen.

Der Mobilitätsgipfel, Anfang der Woche von Bundeskanzler Scholz im gewohnt bescheidenen Rahmen im Kanzleramt veranstaltet, brachte bekanntlich wenig bis keine konkreten Maßnahmen zur Klima-Verkehrswende. Man wünschte sich untereinander – parteiübergreifend – ein gutes und erfolgreiches Jahr, nahm die Wunschkataloge der diversen Beteiligten sine ira et studio gelassen zur Kenntnis, und ging auseinander – Vertreter von Radfahrern und ÖPNV-Nutzern waren gar nicht erst eingeladen, Elon Musk auch nicht.

Aber nicht, ohne vorher das in der Vergangenheit schon vielfach bekräftigte Ziel von 15 Millionen Elektroautos im Jahre 2030 nochmals beherzt zu beschließen. Offen blieb, ob man dabei nur Batterie-Elektroautos (BEV) im Sinn hatte oder auch Plug-In-Hybride (PHEV), also solche E-Autos mit zusätzlichem Verbrennungsmotor. Der großen Zahl wegen gehen wir hier von der Summe beider Antriebsarten als Ziel aus.

Verweis auf Nachfolgegipfel
Mobilitätsgipfel im Kanzleramt: Meinungsaustausch mit kläglichem Ergebnis
Das Kraftfahrzeugbundesamt (KBA) meldete Anfang Januar 2023, dass 2022 in Deutschland 470.559 BEV und 362.093 PHEV Automobile neu zugelassen wurden. In Summe also nach politischer Lesart 832.652 „Elektroautomobile“ mit rund einem Rekord-Anteil von einem Drittel (31,4 vH) an den Neuzulassungen. Mit ein Grund für dieses Rekordergebnis waren vorgezogene Käufe wegen Auslaufens (PHEV) oder deutlicher Absenkung (BEV) der Kaufprämien für Elektroautos.

Bestandszahlen für den 01.01.2023 liegen wegen der Ermittlungen der Löschungen (zum Beispiel Verschrottung durch Brand oder nach Abmeldung des Neufahrzeugs nach Abruf der Förderprämie und direktem Export ins Ausland) nicht vor. Nimmt man hilfsweise das Jahr 2022 als Ausgangsbasis, so belief sich der Bestand an BEVs  und PHEVs nach Angaben des KBA (Stephan Immen) zum 01.01.2022 bei BEVs auf 618.460, bei PHEVs auf 565.956 Einheiten, in Summe also auf 1.184.416 neue Elektroautos auf deutschen Straßen – ein beachtliches Ergebnis. Der Anteil sogenannter Elektroautos am deutschen Gesamt-Pkw-Bestand stellte sich damit zu Jahresbeginn 2022 auf 2,3 Prozent. 

Rechnet man zu diesem Anfangsbestand 2022 die Neuzulassungen von BEV und PHEV im Verlauf des Jahres 2022 hinzu, so ergibt sich – Abmeldung von Altwagen mangels Daten notgedrungen unberücksichtigt gelassen – rein rechnerisch ein Bestand an Elektroautos in Deutschland zu Beginn 2023 von 2.017.068 Einheiten, in grober Annäherung von zwei Millionen elektrisch betriebenen Autos in Deutschland. 

Vor dem Auto-Gipfel
Elektrisch reden, Benzin tanken – der Abschied vom Verbrenner findet nicht statt
Dieser Bestand an E-Autos soll also nach politischem Willen innerhalb von acht Jahren – großzügig gerechnet – bis 2030, um 13 Millionen auf 15 Millionen neue Elektroautos anwachsen. Um das Ziel zu erreichen, müssen also im Durchschnitt der nächsten acht Jahre jährlich 1,6 Millionen E-Autos produziert und verkauft werden. Im Jahr 2022 hat die deutsche Autoindustrie im Inland in Summe 3,4 Millionen Pkw produziert, wovon aber 2,6 Millionen in den Export gingen. 

Das bedeutet in grober Annäherung, dass – ausgehend von der niedrigen Basis 2023 – aus deutschen Fabriken (inklusive Tesla-Werk in Grünheide) ab 2025 jährlich bis zu 2,5 Millionen Elektroautos von den Bändern laufen und den Weg zur Wall-Box des Kunden oder an die öffentliche E-Tanke finden müssen. 

Technisch wäre das wohl machbar, aber wohl kaum aus Marktgründen! Und aus Umweltgründen wäre es eine Sünde an den deutschen selbst gesetzten Klimazielen:

  • Zur Produktion der notwendigen Stückzahlen dürften die deutschen Hersteller in der Lage sein, haben sie doch in guten Zeiten 5,5 Millionen Autos in Deutschland gefertigt. E-Autos sind erheblich einfacher zu produzieren, die Produktionskapazitäten sind rechnerisch vorhanden, sie könnten bei Bedarf hoch gefahren werden; Tesla ist mit dem Potential von rund 400.000 p.a. Einheiten hinzu gekommen. Wäre denn die Versorgung mit Speicherchips und Batterien sichergestellt… Engpässe sind dort zu vermuten.
  • Der Rest fehlt: 
    • Es fehlen die Käufer für die strukturell teureren E-Autos im Vergleich zur schier endlosen Bandbreite an preiswerten Verbrennerautos. Alle E-Autos kosten heute circa 50.000 Euro und mehr und sind für das obere Marktsegment bestimmt. Massenmotorisierung ist bei diesem Preisniveau nicht möglich. 
    • Es fehlen jetzt und auf Dauer ausreichende E-Ladepunkte in der Fläche und in Ballungsgebieten, um eine vergleichbare Massenmotorisierung wie heute mit den Verbrennern zu gewährleisten. Aber vielleicht ist das ja auch gar nicht politisch gewollt. Heimliches Motto: „Nicht mehr jedem Popel seinen Opel“ (… aber auch keinen Fiat, Dacia, Polo, A + B Klasse etc.pp.)
    • Es fehlt vor allem auf Dauer „sauberer“, nachhaltig erzeugter grüner Strom, mit dem die wachsende E-Auto Flotte klimafreundlich betrieben werden könnte. 

Wissenschaftlich ist das schon lange und in extenso belegt (von Thomas Koch und anderen)! Seit neuestem aber auch amtlich! So meldet Stephan Immen (KBA) für 2022, dass die CO2-Emission der neuen Pkw im Durchschnitt um -7,7 Prozent weiter zurückgingen, im Durchschnitt auf 109,6 g/km (Vorjahr: 118,7 g/km). Dies als Folge der Verschrottung alter und „schmutziger“ Verbrenner und Ersatz durch Euro-6-Verbrenner, vor allem aber durch ein Drittel mehr Elektrofahrzeuge an den Neuzulassungen.  

Fakt ist: Die deutsche Pkw-Flotte in Summe ist also 2022 erheblich „grüner“ geworden. Dennoch meldet der Thinktank Agora Verkehrswende, dass gerade im Verkehrssektor der CO2-Ausstoß erheblich gewachsen ist und lediglich der Verkehr sein Klimaziel deutlich gerissen hat.

"5 vor 12"
Tschüss Auto! – Wie lange dürfen wir noch fahren?
Wie kann das sein? Des Rätsels Lösung liegt in der Befeuerung der Elektroautos mit „schmutzigem“ Kohlestrom, weil nachhaltig erzeugter „sauberer“ Strom in Deutschland nicht zur Verfügung steht. Die politisch angestrebte Klimarettung durch Ersatz von Verbrenner durch Elektroautos bewirkt genau das Gegenteil. Der Anteil von Elektroautos ist zwar 2022 gestiegen, die sektoriellen CO2-Emissionen sind aber nicht zurückgegangen – im Gegenteil. Sie haben im Verkehrssektor zugenommen, eben weil Benzin- und Diesel-Pkw durch Elektroautos ersetzt wurden. Und diese Elektroautos nachweislich und von der Wissenschaft vielfach belegt alle mit „schmutzigem“ Kohlestrom betrieben werden mussten, weil grüner Strom fehlt. 

Die Kohleverstromung hat 2022 aus bekannten Gründen erheblich zulegen müssen. Und wird in Zukunft auch wegen der wachsenden Elektro-Pkw-Flotte der Tendenz nach wachsen, statt zu sinken. 

Für die Zukunft bis 2030 verheißt das nichts Gutes: Je schneller der Bestand an E-Autos wächst, desto stärker auch der Anstieg der klimaschädlichen CO2-Emissionen des Verkehrssektors. Das bedeutet: je mehr E-Autos, desto schlimmer dort die Verletzung des Klimaziels! Ersatz alter Verbrenner durch neue Verbrenner bringt mehr als Ersatz durch Elektroautos.


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Kommentare ( 46 )

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46 Comments
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ulix vanraudt
21 Tage her

… wesentlicher wäre doch der Energieverbrauch über den gesamten Lebenszyklus eines KFZ. Ist nicht die für die Produktion eines KFZ aufzuwendende Energiemenge (über den Lebenzyklus gerechnet) von ähnlichem Gewicht wie der Energieverbrauch im laufenden Betrieb? Ein einmal prouziertes KFZ zu verschrotten, obwohl es noch funktionstüchtig ist, und durch ein neues KFZ zu ersetzen, ist nicht das der am wenigsten nachhaltige Umgang mit Energie? Es wird an allen Ecken und Enden ein ideologischer Kampf geführt, ohne zuvor bei den grauen Zellen zwischen den Ohren der Kämpfer udn Aktivisti nachzufragen. … insbesondere Deutschland ist ein Land, dem der common sense völlig abhandengekommen… Mehr

Martin Buhr
21 Tage her

Leider ist hier der reine Herstellungsenergieverbrauch voellig unter den Tisch gefallen . Die sehr unbefriedigende weil ungenaue Kurzfassung einer schwedischen Studie hatte mich mal aufhorchen lassen . Das Resultat war , dass man einen Verbrenner ueber acht Jahre hinweg fahren koenne , um den energetischen Mehrverbrauch zur Herstellung eines vergleichbaren E-Mobils bzw. dessen Batterie auszugleichen . Angaben zur Kilometerleistung und Durchschnittsverbrauch waren in dieser Kurzfassung nicht zu finden . Aus einer anderen Studie , deren Herkunft mir entfallen ist , geht hervor , dass der CO2-Ausstoss pro kWh Speicherkapazitaet einer Batterie , je nach Herkunft der Rohstoffe bzw. Aufwand fuer… Mehr

Menkfiedle
21 Tage her

Wer jetzt seinen Verbrenner durch ein E-Auto ersetzt, erhöht seinen Stromverbrauch.
Der zusätzliche Strom muss produziert werden, das geht nur, indem man ein Kohlekraftwerk oder Gaskraftwerk ein wenig hochdreht.
Das neue E-Auto fährt also zu 100% mit fossilem Strom.

Die Argumentation über den Strommix als Kaufargument für ein E-Auto ist technisch leider falsch.

GP
21 Tage her

Je schneller der Bestand an E-Autos wächst, desto stärker auch der Anstieg der klimaschädlichen CO2-Emissionen des Verkehrssektors.

Nur einmal so am Rande, dass CO2 „klimaschädlich“ sei entspricht einer löchrigen Theorie dass ir-anregbare Spurengase zu einer „Erderwärmung“ beitragen sollen. Dass diese Theorie gegen die HS der Thermodynamik verstösst, sollte Fachleuten die sich mit der Physik der Verbrennungsmotoren auskennen eigentlich klar sein. Die „Klimarettung“ als Argument gegen den Verbrennungsmotor ist physikalischer Nonsens.

Micci
22 Tage her

Diesen Gedanken finde ich recht lustig:

Wer mit seinem E-Auto in Frankreich Urlaub macht, fährt zu 80% ein atomkraftgetriebenes Fahrzeug!

🙂

Fieselsteinchen
22 Tage her

In Deutschland gibt es 48,5 Millionen Autos. Das langfristige Ziel der Grünen und Konsorten ist aber doch nicht, dass jeder ein Elektroauto/Plug In-Hybrid fährt, sondern nur noch die Elite. Wozu brauche ich ein Auto, wenn ich mich in einem 5 km-Umkreis von meinem Haus bewegen darf? Dazu bitte neue Stadtkonzepte beachten, s. Cambridge, auch Berlin. Fahrrad, Eselkarren oder zu Fuß! Die 15 oder 20 Millionen E-Karren aller Art reichen dann locker aus.

ceterum censeo
21 Tage her
Antworten an  Fieselsteinchen

Bevor Autos massentauglich wurden, bewegten die Stadtbewohner Waren meist auf Pferdekarren. Diese erzeugten Unmengen von Mist. Dieser musste teilweise zwischen Häusern zig Meter hoch gelagert werden, weil die Menge stetig wuchs. DAS wünsche ich mir für Berlin: die ganze Stadt voller Sch…e! Zurück zur Steinzeit…

zweisteinke
20 Tage her
Antworten an  Fieselsteinchen

Moment Mal, Sie haben ein Haus??? Genießen Sie es solange Sie noch darin wohnen dürfen. Die Pläne der grünrotgelben Neunazihorden, die Eingeborenen vollständig zu enteignen liegen schon vor und offensichtlich gefällt das dem Wahlpleps. Wenn nicht hätten diese 11% Gestalten sich niemals so an die Macht mauscheln können.
DAS ist die neue „Demokratie“.

Last edited 20 Tage her by zweisteinke
bfwied
22 Tage her

Und noch immer wird in den Medien der Strombedarf nicht berührt und auch nicht die Strombereitstellung, nicht die Infrastruktur, die v. a. auch aus ganz anderen Stromleitungen bestehen muss. „Schmutziger“ Strom! Ich hoffe, ich erlebe noch, dass diese dummen Begriffe der Klimasekte und -modellierer mit ihren schon albernen Datenlagen und Programmierungen verschwinden. Was wir brauchen, das ist freie Forschung, offenes Herangehen an neue Technologien, an die Weiterentwicklung bestehender Technologie, aber leider sind die Grünlinken wissens- und technikfeindlich. Jede Weiterentwicklung, grundsätzlich jede neue Technik, ist deren Feind, denn sie bedroht massiv deren Macht, denn die fußt auf Angstmache, auf Untergangsphantasien und… Mehr

stljo
22 Tage her

Ich denke, der Verbrenner wird bleiben, bis es genug KKW-produzierten Wasserstoff gibt für eine entsprechende Flotte. Wenn das BVerfG schon gegen ein Tempolimit stimmt, dann werden die weder die Einschränkung der Freizügigkeit über Städtebau, noch die mittelbare Einschränkung über Abschaffung des wichtigsten Werkzeugs zur Mobilität der Einzelnen zulassen, wenn keine ebenso für die breite Masse verfügbare Alternative zur Verfügung steht. Batteriegetriebene Autos sind einfach zu große Rohstofffresser, als dass sie sich flächendeckend durchsetzen könnten. Mich würde mal interessieren, wie viele Ladezyklen /km so eine Batterie aushält, bevor sie unbenutzbar wird. Viele Verbrenner haben ja Lebenszyklen bis 200.000 oder sogar 250.000… Mehr

elly
22 Tage her

Jetzt haben die Klimaterroristen auch noch beim Tempolimit verloren, mal sehen wann die sich ehrlich machen und ein Fahrverbot fürs „Fußvolk“ fordern. Ist aber auch nervig, im SUV, Van oder Wohnmobil von Papi& Mami auf der Fahrt in den Urlaub, von Kleinwägen ausgebremst zu werden.
Entscheidung in KarlsruheVerfassungsbeschwerde für allgemeines Tempolimit abgewiesenEin Versuch, das von der Ampelkoalition abgelehnte Tempolimit auf Autobahnen einzuklagen, ist gescheitert. Das Bundesverfassungsgericht sah die Notwendigkeit der Maßnahme für den Klimaschutz nicht ausreichend belegt.“
https://www.spiegel.de/auto/bundesverfassungsgericht-verfassungsbeschwerde-fuer-allgemeines-tempolimit-abgewiesen-a-b99f440e-be56-4f51-ba41-2c5fb1bdaeef?commentId=636636ec-831f-4e59-bcae-0c6edbaefc92

Juergen P. Schneider
22 Tage her

Ziel der „Verkehrswende“ ist nicht ein E-Auto in jeder Garage, sondern ein Fahrrad. Individuelle Mobilität soll so teuer werden, dass nur noch wenige sie sich leisten können. Was diese Politik für ein modernes Industrieland bedeutet, kann sich jeder vorstellen, der unbetreut bis drei zählen kann.