Im Zuge der Hormuz-Sperrung steigen die Zinsen an den globalen Anleihemärkten rapide an. Mit den Zinsen erreicht die Furcht vor einer Schuldenkrise einen neuen Fieberstand. Allerdings könnte die Iran-Krise schon bald der Vergangenheit angehören und für Ruhe an den Energiemärkten sorgen.
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Erleben wir in diesen Wochen bereits die Vorboten des nächsten Schulden-Hurricanes? Eines können wir bereits jetzt mit Sicherheit sagen: Der durch die Sperrung der Straße von Hormuz initiierte Anstieg der Preise von Öl und Gas hat an den sonst eher gemächlich schwankenden weltweiten Anleihenmärkten eine massive Schockwelle ausgelöst, die sich noch immer entlang der Zinskurven vorartet.
Beinahe hat es den Anschein, als überlagerten sich Bonitätsängste im Hinblick auf die hohen Staatsschulden mit der nun frisch aufgeflammten Inflationssorge. In Deutschland stieg der Referenzzins der zehnjährigen Staatsanleihen seit Beginn des Iran-Kriegs von 2,64 Prozent auf etwa 3,2 Prozent in der Spitze (Stand: 19.05.). Auch in den USA, im wichtigsten Kapitalmarkt der Weltwirtschaft, erreichten die Zinsen der zehnjährigen Staatsanleihen ein Niveau von 4,63 Prozent. Sollte sich hier ein neues Plateau ergeben, steigen die Kosten für den Schuldendienst. Für Deutschland lässt sich der Zinseffekt grob wie folgt kalkulieren: Im ersten Jahr eines Zinsanstiegs von einem Prozent steigen die Zinskosten des Staates um etwa 2,5 Milliarden Euro an. Bei einem jährlich in die Zukunft gerollten Schuldenvolumen von etwa zweihundertfünfzig Milliarden Euro stiegen die Zinskosten für den gesamten deutschen Schuldenberg nach einigen Jahren um insgesamt fünfundzwanzig bis dreißig Milliarden Euro. Eine unerquickliche Situation für die Bundesregierung. Möglicherweise dämmert es ja dem einen oder anderen in Berlin, dass der Anleihenmarkt eines Tages auch der deutschen Schuldenorgie ein jähes Ende bereiten wird.
Ein untrüglicher Vorbote des neuen Regimes an den globalen Anleihenmärkten ist die seit Jahren anhaltende Akkumulation von Gold auf der Ebene der Notenbanken. In den Kreisen der Notenbanker ist man sich einig: Die Welt befindet sich in einer Schuldenspirale, und der letzte Ausweg aus diesem fiskalischen Todeskampf wird die systematische Entwertung der Währungen sein.
Exekutiert wird diese Politik durch die Notenbanken, die mit massiven Anleihekäufen die Geldmenge erhöhen und dem größten Schuldner, dem Staat, auf Kosten seiner Gläubiger, der Steuerzahler und derjenigen, die sich nicht durch entsprechende Vermögenswerte vor dieser Politik schützen können, die Last von den Schultern zu heben versuchen. Der Anstieg der Anleihezinsen am sogenannten langen Ende, also bei den langlaufenden Titeln von 20 oder 30 Jahren, ist die eigentliche tektonische Verschiebung des Systems. Das gesamte Finanzsystem, Bankbilanzen, Pensionskassen und Rentenversicherungen verankern ihre Investitionen und Portfolios genau in diesem über Jahrzehnte als sicher geltenden Segment, das neben der angenommenen absoluten Kreditwürdigkeit der Staaten (was immer schon eine Illusion war) auch einen Zins abwarf, nun aber in eine Abwärtsspirale geraten wird.
Ganz gleich, wie sich am Ende die Sperrung der Straße von Hormuz auflösen wird, vieles ist in Bewegung geraten: Ein Großteil der blockierten Energiekapazitäten wird inzwischen entweder umgeleitet oder andernorts – etwa in den USA – durch eine massive Exportausweitung zur Verfügung gestellt. Zudem beobachten wir, dass der immense Druck, der durch den gesperrten Flaschenhals entstanden ist, zu weiteren Umstrukturierungsmaßnahmen des weltweiten Energieflusses führt.
Israel könnte Profiteur sein, wenn Saudi-Arabien beispielsweise seine Pipeline-Projekte vollendet und Teile seiner Distributionsstruktur in Richtung Mittelmeer verlagert. Ist dieses Thema einmal von der Agenda verschwunden, werden an den Anleihenmärkten wieder die zuvor dominanten Kräfte wirken: etwa die anhaltende Wirtschaftskrise in der Europäischen Union, die sowohl die Investitions- als auch die Konsumgüternachfrage weiter zurückdrängt. Das wird den Druck der Inflationsbewegung abschwächen, möglicherweise flankiert von einer Zinserhöhung der EZB, und die Anleihenmärkte zunächst beruhigen.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass jedoch schon zuvor Entwarnung gegeben werden kann. Der Anstieg des Rohölpreises von etwa 60 auf zeitweise in den Bereich um 110 US-Dollar pro Barrel WTI, in Ausreißern bis etwa 115 US-Dollar, ist – bereinigt man ihn um den jährlichen Anstieg der weltweiten Geldmenge M2 von sieben bis acht Prozent – bei weitem nicht mit dem Energiepreisschock zu vergleichen, der durch die russische Invasion in die Ukraine vor vier Jahren ausgelöst wurde. Und noch zieht der Geschäftszyklus, vor allen Dingen in den Vereinigten Staaten, wieder an. Die Industrieproduktion wächst, und die Geldmenge expandiert weltweit.
Das ist ein wichtiger Punkt: Liquidität ist das Schmiermittel der Märkte und wird letztendlich auch der Haushaltspolitik helfen, die immens steigenden Schulden vorläufig weiter in die Zukunft rollen zu können.
Dies ist entscheidend, denn die Gefahr lauert genau hier im Maschinenraum des Fiat-Kreditgeldsystems: Sie müssen bedenken, dass in diesem System Deflation – also ein Rückgang des allgemeinen Preisniveaus durch eine Geldmengenkontraktion – der eigentliche Todfeind ist. Eine sich zusammenziehende Geldmenge würde eine Kaskade von Kreditausfällen auslösen, die nur noch mit massiven Interventionen der Notenbanken, wie vor anderthalb Jahrzehnten, zu bewältigen wäre. Eine solche Krise, möglicherweise in vielfacher Verstärkung der Schuldenkrise von vor anderthalb Jahrzehnten, wäre systemisch relevant und könnte das Eurosystem schwer in Mitleidenschaft ziehen, während der US-Dollar-Raum ganz sicher wieder als Safe Haven des weltweit mobilen Kapitals dienen würde.
Die Frage lautet nicht mehr ob, sondern nur noch wann ein solches Kreditereignis einen Flächenbrand auslösen wird. Mit Blick auf die Entwicklungen in Großbritannien, wo die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen inzwischen über fünf Prozent liegen, erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass ausgerechnet die City of London Ausgangspunkt einer neuen europäischen Schuldenkrise sein könnte.
Doch wie wir wissen, ist die Liste potenzieller Krisenkandidaten lang: Frankreich mit einer Staatsverschuldung von rund 120 Prozent zählt ebenso zu den Wackelkandidaten wie Belgien, Spanien oder Italien. Das europäische Schuldenkonstrukt steht und fällt mit der Kreditwürdigkeit der Bundesrepublik. Friedrich Merz und sein Katastrophenminister Lars Klingbeil arbeiten unter Hochdruck daran, diese letzte echte Brandmauer des Euro-Systems in einem regelrechten Schuldenrausch in Flammen aufgehen zu lassen.



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