Börse zwischen Corona-Angst und ordentlichen Unternehmenszahlen

Eigentlich befinden wir uns in der schönsten Zeit des Börsenjahres. Das Schlussquartal ist für den DAX historisch betrachtet das stärkste. Dieses Mal ist vieles anders.

imago images / Marcel Lorenz
Der Bulle vor dem Haupteingang der Frankfurter Börse

Die Pandemie hält die Märkte in Atem, die Zahl der Neuinfektionen ist – unbereinigt um die Zahl der Tests – deutlich gestiegen. Nach dem Spitzentreffen von Bundesregierung und Ländern zur Corona-Krise hat die Sorge vor weiteren Lockdowns in Deutschland und anderen europäischen Ländern die Aktienkurse belastet. Der DAX rutschte am Donnerstag kurz nach Börsenstart um 2,5 Prozent deutlich unter 13.000 Punkte. Aber schon am Freitag drehte die Stimmung und der Leitindex schloss 1,6 Prozent im Plus bei 12.909 Punkten. Die Lage bleibt allerdings fragil. Nach Einschätzung der Marktexperten der Hessischen Landesbank dürfte die Verunsicherung der Marktteilnehmer angesichts weiter steigender Corona-Fallzahlen und politischer Unwägbarkeiten wie der US-Präsidentschaftswahl, dem Ringen um das US-Hilfspaket und die Hängepartie beim Brexit erhöht bleiben.

Auf Unternehmensseite stand Thyssenkrupp im Fokus der Anleger. Der britische Konzern Liberty Steel legte ein Übernahmeangebot für die schwächelnde Stahlsparte vor. Details oder einen Kaufpreis nannte der Konkurrent nicht. „Aus wirtschaftlicher Sicht gibt es ein starkes industrielles Konzept. Werke, Produktportfolio, Kunden und geographische Präsenz beider Unternehmen ergänzen sich sehr gut“, hieß es von Liberty. Das nicht näher bezifferte Angebot des britischen Unternehmens ist nicht bindend, Thyssenkrupp will es nun prüfen. „Es kommt für uns darauf an, dafür die beste Lösung zu finden“, sagte ein Sprecher von Thyssenkrupp. Die Aktie schoss zeitweise um fast 25 Prozent nach oben. „Das wäre faktisch die Zerschlagung von Thyssenkrupp“, kommentierte ein Börsianer. Die anderen Geschäftsbereiche wie das Aufzugsgeschäft seien entweder schon verkauft oder stünden davor.

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Daneben begeisterten sich Aktionäre und Analysten an den Daimler-Quartalsergebnissen. Mit derart starken Zahlen hatte nämlich kaum jemand gerechnet. Bereits kurz nach Handelsstart gewannen die Papiere des deutschen Autobauers rund fünf Prozent und lagen mit deutlichem Vorsprung an der Dax-Spitze. Einige Analysten sehen die Zahlen von Daimler sogar als Indiz für eine mögliche Trendwende der ganzen Branche; denn auch das Geschäft des VW-Konzerns und Teile des europäischen Automarkts scheinen nach dem Corona-Einbruch langsam wieder Tritt zu fassen. Im September stiegen die Auslieferungen der Volkswagen-Gruppe im Vergleich zum Vorjahresmonat um 3,3 Prozent auf 933 600 Fahrzeuge, nachdem es im August noch ein Minus von 6,6 Prozent gegeben hatte. Wie der weltgrößte Autohersteller am Freitag berichtete, verliefen die ersten drei Quartale insgesamt allerdings deutlich schlechter: Von Januar bis September wurden alle VW-Marken 18,7 Prozent weniger Neuwagen los als 2019, das dritte Quartal selbst schlossen die Wolfsburger mit einem Minus von 1,1 Prozent ab.
Bei der anlaufenden Berichtssaison, in der Unternehmen ihre neuesten Geschäftsergebnisse auf den Tisch legen, werden Börsianer jetzt noch genauer hinschauen. Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise reichte es, irgendwie Hoffnung zu vermitteln. Jetzt müssen die Unternehmen klare Fortschritte präsentieren, um die deutlich gestiegenen Aktienkurse zu bestätigen. In den USA sind die ersten Signale ermutigend: Mehr als 80 Prozent der Mitglieder aus dem breiten Aktienindex S & P 500 lagen über Analystenerwartung. Das ist selbst für die notorisch unterschätzende Wall Street ein hoher Anteil.

Vor dem Wochenende verliess die Anleger an der Wall Street allerdings auf den letzten Metern etwas der Mut. Der Dow Jones Industrial gab einen Teil seiner Gewinne ab und schloss 0,4 Prozent fester bei 28.606 Punkten. Der marktbreite S&P 500 rettete einen Tagesgewinn von 0,01 Prozent auf 3.484 Punkte ins Ziel, während der technologielastige NASDAQ 100 sogar ins Minus rutschte und letztlich 0,4 Prozent auf 11.852 Zähler verlor.

Als Triebfeder der lange freundlicheren Marktentwicklung hatten Beobachter vor allem gute Einzelhandelsumsätze ausgemacht. Diese waren im September mehr als doppelt so stark gestiegen wie erwartet. Die Konsumausgaben sind ein wichtiger Motor der US-Wirtschaft. Zudem hellte sich das von der Universität Michigan erhobene Verbrauchervertrauen im Oktober stärker als erwartet auf. Dagegen blieben Daten zur Industrieproduktion und Auslastung im September hinter den Prognosen von Ökonomen zurück.

Boeing zählte mit einem Plus von knapp zwei Prozent zu den größten Gewinnern im Dow. Der Krisenjet 737 Max des Flugzeugbauers soll aus Sicht der europäischen Luftfahrtbehörde EASA noch in diesem Jahr wieder abheben dürfen. Damit könnte das seit März 2019 geltende Startverbot für Boeings meistgefragten Flugzeugtyp nach mehr als anderthalb Jahren aufgehoben werden. Luftfahrtbehörden aus aller Welt hatten dem Boeing-Jet nach zwei Abstürzen mit 346 Toten vergangenes Jahr die Zulassung entzogen.

Für die Aktien von Pfizer ging es um fast vier Prozent nach oben. Der Pharmakonzern kündigte an, im November eine Notfallgenehmigung für seinen Covid-19-Impfstoff beantragen zu wollen.

Besitzer der zuletzt gebeutelten Navistar-Papiere konnten sich am Ende über eine deutliche Kurserholung von knapp 23 Prozent auf 43,52 US-Dollar freuen. Die VW-Nutzfahrzeugholding TRATON gab dem Drängen auf einen etwas höheren Übernahmepreis für den US-Truckhersteller auf den letzten Metern nach. Man habe sich auf die Übernahme der restlichen Navistar-Anteile für 44,50 US-Dollar je Aktie geeinigt, teilten VW und Traton mit. Das Angebot stand zuvor bei 43 Dollar.

Dass Hertz Global Holdings von Finanzinvestoren eine Geldspritze von 1,65 Milliarden US-Dollar erhielt, um sich im laufenden Insolvenzverfahren neu aufzustellen, bescherte der Muttergesellschaft des Autovermieters Hertz ein Kursfeuerwerk. Am Ende stand ein Plus von knapp 143 Prozent auf 2,50 Dollar zu Buche. Von den mehr als 20 Dollar, die die Aktien noch im März vor dem Ausbruch der Corona-Krise gekostet hatten, sind sie jedoch noch meilenweit entfernt – ganz zu schweigen von den Rekordständen über 50 Dollar aus dem Jahr 2016.

Derweil sackten die Aktien von Schlumberger um knapp neun Prozent ab. Der Ölfelddienstleister enttäuschte die Anleger mit seiner Umsatzentwicklung im abgelaufenen Quartal. Beim Informationstechnikunternehmen Hewlett Packard Enterprise mussten die Aktionäre trotz eines angehobenen Gewinnausblicks ein Kursminus von gut vier Prozent verkraften.

Anteilsscheine von Gilead Sciences verbilligten sich um anderthalb Prozent. Mehrere in weltweiten Testreihen überprüfte, potenzielle Corona-Medikamente haben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation wenig oder keinen Nutzen gezeigt. Dazu zähle auch das Gilead-Medikament Remdesivir, das US-Präsident Donald Trump nach seiner Infektion mit dem Virus Sars-CoV-2 erhielt. Das Arzneimittel ist in Europa ebenfalls zur Therapie von Covid-19 zugelassen.

Selbst erzeugter Schrecken
Der leise Corona-Lockdown: So schlimm wie der totale Absturz
Besser als gedacht. Das ist das Ergebnis der neuen Prognose zum Weltwirtschaftswachstum des Internationalen Währungsfonds (IWF). Dieses Jahr wird demzufolge die globale Wirtschaftsleistung um 4,4 Prozent schrumpfen. Im Juni war noch ein Minus von 4,9 Prozent vorhergesagt worden. „Diese Verbesserung ist auf etwas weniger schlechte Zahlen im zweiten Quartal sowie auf Anzeichen einer stärkeren Erholung im dritten Quartal zurückzuführen“, erklärt Gita Gopinath, Chefökonomin des IWF. Doch die vergangenheitsbezogene Analyse des IWF könnte durch aktuelle Entwicklungen schon wieder etwas überholt sein. Denn die Folgen der rasanten Ausbreitung der Corona-Pandemie insbesondere in Europa drücken auf die Stimmung und trüben nun auch den wirtschaftlichen Ausblick ein. Die zuletzt stark gestiegene Zahl der Infektionen lasse die Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung ansteigen. Wie stark der Effekt schon ist, zeigt etwa der ZEW-Index. Dort schätzen die befragten Finanzmarktanalysten die wirtschaftliche Zukunft im Vergleich zum Vormonat als weniger gut ein. Aber „die ZEW-Konjunkturerwartungen liegen noch sehr deutlich im positiven Bereich. Die große Euphorie der Monate August und September scheint aber verflogen zu sein“, so ZEW-Präsident Achim Wambach.

Die Börse in Warschau fristet international bei Investoren ein Schattendasein. Zu Recht, denn im vergangenen Jahrzehnt war in Polen wenig zu holen. So notiert der WIG 20, der Auswahlindex für die stärksten polnischen Papiere, immer noch weit unter den Höchstständen aus dem Jahr 2007. Nichtsdestoweniger wäre es ein Fehler, die wirtschaftliche Kraft von Deutschlands Nachbarn zu unterschätzen. Polens Wirtschaft wächst seit Jahren kräftig, der Haushalt ist gesund, die Arbeitslosenquote gering, die Innovationskraft dagegen hoch. Und nun sorgt auch noch der Börsengang eines polnischen Online-Retailers dafür, dass Anleger wieder von polnischen Wertpapieren träumen können. Denn der über zwei Milliarden Euro schwere IPO des Konzerns Allegro legte einen furiosen Start hin. Das Papier des nationalen Amazon-Konkurrenten legte am ersten Tag um über 50 Prozent zu und gehört damit zu den erfolgreichsten Börsengängen Europas in diesem Jahr. Und damit steht einem Einzug von Allegro in den WIG 20 auch nichts mehr im Wege. Der Index kann ein wenig Kursfantasie gut gebrauchen.

Dank der Niedrigzinspolitik der Notenbanken geht Staaten die Schuldenaufnahme angesichts der Herausforderungen durch die Corona-Krise günstig von der Hand. So müssen etwa Deutschland, die Schweiz und Österreich inzwischen selbst für Anleihen mit bis zu 50 Jahren Laufzeit keine Zinsen mehr zahlen. Global werfen rund 17 Billionen US-Dollar an Schulden für die Kreditgeber keine oder negative Zinsen ab. Berücksichtigt man die Inflationsrate, so erhöht sich die Summe von Krediten, die ein reales Minusgeschäft sind, laut JP Morgan auf über 32 Billionen US-Dollar weltweit oder knapp 76  Prozent aller Staatsschulden der Industriestaaten.

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Kommentare ( 4 )

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fatherted
10 Tage her

Börse ist derzeit Casino….das ist sie schon lange, aber nicht in solchem Ausmaß. Solange durch Hochgeschwindigkeitshandel die Vorteile der Institutionellen gegenüber dem Normalanleger um den Faktor 1000 höher ist, wird sich nichts ändern. Dazu kommt die Geldschwemme, 0 Zinsen und die scheinbar etablierte Überzeugung, dass man mit NICHTS Geld machen kann. Nun ja….derzeit sehen wir ja dass, das geht….allerdings wie lange noch?

Mirko96
11 Tage her

** erst die Märchen von Dr. Becker vom Wunder der E Mobilität und nun so ein Marktausblick ohne seriöse Fakten. Herr Tichy die die Börse hat sich schon lange von der realen Wirtschaft entkoppelt. Prof. Homburg hat bei Servus TV den Vogel abgeschossen, er meint das Schulden von ganz allein verschwinden. Die Staatsgläubigkeit unserer Wirtschaftselite ist einfach erschreckend. Schulden werden einfach der Allgemeinheit aufgebürdet und Gewinne werden privatisiert. Das ist das Denken unserer sogenannten Wirtschaftsfachleute, welche Deutschlands Wirtschaft in Zusammenarbeit mit unseren Politikern, an die Wand fahren.

Alexis de Tocqueville
11 Tage her
Antworten an  Mirko96

Wieso denn entkoppelt? Das impliziert ja, der Markt agiert quasi im Vakuum. Das Gegenteil ist aber der Fall. Der Markt bestimmt weder die Geldmenge noch die Menge irgendeines Rohstoffs in der Erdkruste. Er allokiert effizient Kapital unter den gegebenen Bedingungen, nicht mehr, nicht weniger. Die Geldmenge ist ein realwirtschaftlicher Fakt. Man druckt Geld, pumpt es in den Markt, und sieht die Vermögenspreise steigen. Die allgemeine Inflation kommt auch noch, die will man ja (angeblich) auch haben. Ich orakele mal, dass man sich im Technokratenhimmel dann mächtig wundern wird. Denn man hätte ja auch gleich den Bürgern das Geld geben können… Mehr

CIVIS
11 Tage her

Ihr Marktausblick titelt „Börse zwischen Corona-Angst und ordentlichen Unternehmenszahlen“ Wo bitte sind die ordentlichen Unternehmenszahlen? Ich sehe keine! Die meisten Unternehmensdaten sind m.E. eine Mischung aus „Glaube, Hoffnung und Liebe“ und haben mit realwirtschaftlichen Realitäten meist wenig zu tun. Aber auch die Börse kann nicht auf ewig die Augen vor der Realwirtschaft verschließen. Und was die Niedrigzinspolitik der Notenbanken und die einhergehende maßlose Schuldenaufnahme durch Staaten (und Private) angeht, so warte ich auf die ersten Hilferufe der Banken wegen a) fehlender Zinseinnahmen und b) platzender Privat-Kredite. Jedem Kredit liegt nämlich ein Zins- und Tilgungsplan bei. Und auch bei 0 %… Mehr