Brüssel nimmt im Ringen um CO2-Mechanismus Druck vom Kessel

Im Streit um den Pfad des CO2-Zertifikatehandels gewährt die EU-Kommission der Industrie einen kleinen Rabatt, um politisch Druck vom Kessel zu nehmen. Die Finanzminister dürfte das nicht erfreuen, da die Politik inzwischen fest mit den CO2-Einnahmen kalkuliert. Am Schema selbst rüttelt die EU freilich nicht.

picture alliance / NurPhoto | Daniel Gnap

In der EU ist ein Streit um den zukünftigen Pfad des CO2-Handels entbrannt. Die Fronten sind klar gezogen: Die Industrie, international abgehängt durch Klimaregulierung und turmhohe Energiepreise, drängt auf einen flacheren Kostenpfad beim CO2, während die EU-Kommission unter dem Deckmantel des Klimaschutzes ihre neue Einnahmequelle verteidigt. Im Spannungsfeld stehen die Finanzminister der EU-Staaten, die sich entscheiden müssen zwischen einer prosperierenden heimischen Wirtschaft und den sprudelnden CO2-Einnahmen.

Quelle surprise: Der politische Horizont reicht offenbar gerade einmal bis zur nächsten Haushaltsdebatte. Für Lars Klingbeil und den EU-Schuldenklub zählt der schnelle fiskalische Fischzug, der dem CO2-Extraktionsschema in Wahrheit zugrunde liegt. Seit 2005 kamen so bereits 270 Milliarden Euro zusammen. Deutschland wartete die geplante Ausweitung des Mechanismus gar nicht erst ab.

Der Klimamusterschüler schritt mit einem eigenen Programm voran, um sich auch an den Tankstellen und beim Heizöl seinen Klimatribut zu sichern. Allein im vergangenen Jahr spülte dieser Klimaobolus über 21 Milliarden Euro in die deutsche Staatskasse.

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Die Zeichen stehen auf Expansion. Nach der Ausweitung der CO2-Extraktion auf den Importsektor werden ab 2028 auch der Gebäudebereich sowie der Verkehr in das CO2-Schema hineingezogen. Die EU-Kommission rechnet damit, dass für Brüssel ein jährlicher Kapitalstrom von zunächst 9,6 Milliarden Euro abfiele.

Es ist Kapital, das dem produktiven Teil der Ökonomie entzogen und in eine weiter wachsende Bürokratie umgeleitet wird. Ein Armutsrezept, das sich zu einem selbstreferenziellen System entwickelt: Je größer die Einnahmen des Staates, desto schneller wachsen Bürokratie, ideologische Ansprüche und Interventionen – alles legitimiert durch den niemals endenden Klimakampf. Angesichts der dramatisch steigenden Kosten ist es verständlich, dass sich leiser Unmut in der Wirtschaft regt. Eine Revolution liegt selbstverständlich nicht in der Luft.

Aber dass Evonik-CEO Christian Kullmann zuletzt eine deutliche Reduktion der Klimakosten forderte, weist darauf hin, dass man in den konjunktursensitiven Bereichen, im Maschinenraum der Wirtschaft, die zerstörerischen Folgen dieser Politik spürt. Daran ändern auch Subventionsprogramme wie der Industriestrompreis nichts. Um eine mögliche kleine Revolte der Industrie rhetorisch einzuhegen, gewährte Brüssel der Industrie eine Art Schweigegeld.

Unterm Strich soll die europäische Wirtschaft bis 2030 um 6 Milliarden Euro beim Zertifikatehandel entlastet werden, indem die Summe der kostenlosen Zertifikate zunächst konstant gehalten wird. Hinzu kommt eine Verlängerung für kostenlose Zertifikate besonders hart getroffener Branchen: Statt 2034 soll die Gnadenfrist beispielsweise für die Chemie erst 2038 enden.

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Brüssel beschert der Wirtschaft damit ein Placebo mit Wechselgeld. Und das, während allein in Deutschland Tag für Tag etwa 1.000 Industriearbeitsplätze verschwinden. Das verhallt im öffentlichen Diskurs ebenso wie die Horrornachrichten ehemaliger Industrieflaggschiffe. Selbst Volkswagen schickt sich an, ganze Produktionsstandorte für alle Zeit zu schließen. Industrieverfall und Deindustrialisierung sind reale Entwicklungen. Dass Klimaregulierung, grüne Transformation und Energiewende Hauptursachen der dramatischen Lage der Euroökonomie sind, leugnen nur noch die Profiteure dieser Politik.

Wählen wir die Chemieindustrie als Indikator der gegenwärtigen Lage, blicken wir in einen ökonomischen Abgrund: In den letzten vier Jahren verlor die Branche in Deutschland etwa 30 Prozent ihres Produktionsvolumens. Mit einer Kapazitätsauslastung von knapp unter 70 Prozent steht sie am Rande des Kollapses. Für die gesamte deutsche Industrie errechnete der Ökonom Thorsten Polleit eine Differenz von 25 Prozent, gemessen am langfristigen Produktionspotenzial.

Die EU-Kommission legte ihren Kompromissvorschlag am 17. Juli vor. Das EU-Parlament und die Mitgliedstaaten im Rat werden im Trilogverfahren an den Details arbeiten – mit einer schnellen Einigung ist nicht zu rechnen. VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup bezeichnete die Pläne wörtlich als „gefährliche Augenwischerei, die einen brutalen Industrieabbau riskiere“. Zumal die Verlängerung der Gratiszertifikate nicht ohne Kosten einhergeht: Lediglich Unternehmen, die einen Großteil ihrer Ersparnisse nachgewiesenermaßen in Klimaschutzmaßnahmen investieren, werden in den Genuss des Minirabatts kommen.

Eine Farce.

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Doch selbst dieses Nichts von einer Reform dürfte in den Reihen der Klimalobby, deren Unternehmen und angeschlossene NGOs ausschließlich von diesem politisch initiierten Finanzstrom existieren, auf heftige Kritik stoßen. Es ist fatal: Während die amerikanische Politik bemüht ist, ihre Ökonomie zu deregulieren und Abgaben zu senken, und die Kommunistische Partei in China auf maximalen Wettbewerb in den Schlüsselsektoren der Zukunft setzt, hat sich in der EU eine politische Kaste etabliert, die ein Geschäftsmodell aus dem fiskalischen Klimaraubzug entwickelt hat.

Dieser Fiskalstrom hat Konsequenzen: In der EU wird nicht mehr investiert – Direktinvestitionen fließen ins Ausland ab, die Ökonomie fährt auf Verschleiß. In Deutschland fiel die Nettoinvestitionsquote, ein fundamentaler Indikator der Ökonomie, zum Jahreswechsel auf minus 0,23 Prozent. Investoren und Unternehmer packen die Koffer, sobald sich anderswo bessere Chancen bieten. Kapital ist mobil. Es folgt nicht ideologischen Wunschvorstellungen, sondern orientiert sich an besseren Rahmenbedingungen.

Der alte Kontinent wirkt vergreist, politisch dement und ideologisch überfüttert, wie sein saturiertes urbanes Milieu, das sich in einer kuriosen Degrowth-Welt eingerichtet hat, bis eines Tages der Subventionsstrom auch dort abreißt.

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Kommentare ( 20 )

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a.bayer
28 Tage her

Beweisen kann ich nichts, aber erzählt mir, was ihr wollt: Von der „mächtigen Klimalobby“ lässt man sich nicht mundtot machen, es sei denn, man kassiert – wo und auf welche Art und Weise auch immer- mit!

Last edited 28 Tage her by a.bayer
Contra Merkl
28 Tage her
Antworten an  a.bayer

Da machte doch VW ganz willig mit, dachte das wird ein Goldesel mit den E Autos. Jetzt hat man den Scherbenhaufen.

Thilo Braun
28 Tage her

Was wird denn anderes erwartet? Die herrschende politische Strömung ist auf den Rückbau der Industrie ausgerichtet. Die Politik weiß, dass keine neue Industrie nachkommt und immer mehr Menschen ihr Auskommen verlieren. Das ist jedoch vollkommen egal, denn Klimaneutralität wird durch Abbau von Produktion in der EU am ehesten erreicht. Läuft also alles nach Plan.

Nibelung
28 Tage her

Herr Kolbe, es soll ja immer noch Idioten geben, die für frische Luft und deren Erhalt Geld einnehmen wollen, was sie mit der Sarnierung irdischer Erwärmung begründen und dabei vergessen, daß im Erdendasein der CO²-Gehalt schon bei 5% und darüber lag und es herrlich warm war und alles ergrünte und die Lebenwesen immer größer wurden, weil sie sich sauwohl fühlten, bis die erbärmliche Kälte in immer wieder folgenden Abständen kam. Würden sie denken können, dann hätten sie zumindest diesen neu erklärten Mißstand bei der Vernichtung der Sauropoden vor angeblich 60 Millionen Jahren über einen Asteorideneinschlag nicht herbei zitiert, damit wenigsten… Mehr

Tomas Kuttich
28 Tage her
Antworten an  Nibelung

Sarnierung, Mißstand, daß…Bildungswüste Deutschland.

P.Schoeffel
28 Tage her
Antworten an  Tomas Kuttich

Das ist sicher keine Bildungswüste. Mißstand, daß, ec. schreibe ich auch, bewuß, dennt:
Ich lehne die staatlich verordnete, sogenannte „Rechtschreibreform“ ab. Auch die Sprache geht den Staat nichts an.

Und inhaltlich kann ich Nibelung auch nur zustimmen.

Nibelung
28 Tage her
Antworten an  P.Schoeffel

So ganz unrecht haben sie nicht Herr Kuttig, denn die Sprache und der Schriftstil war noch nie statisch und hat man sich bei den Westgermanen noch in unterschiedlichen Dialekten artikuliert, folgte darauf das Althochdeutsche, anschließend das Mittelhochdeutsche, gefolgt vom Frühneuhochdeutschen, was vom Neuhochdeutsch abgelöst wurde und die Dialekte zu einem großen Teil geblieben sind. Neuerdings meinen unsere Sprachidioten, daß mit dem Kiezdeutsch eine stärkere soziale Prägung und Bindung erfolgt und damit in völliger Verkennung der Sachlage und Rückblick auf unsere edle Sprachentwicklung, die seinesgleichen sucht, ein Fortschritt zu erkennen ist und eine Beleidung für jeden Deutschen darstellt auch in Anbetracht… Mehr

Michael M.
28 Tage her
Antworten an  Tomas Kuttich

Und zum Thema haben Sie wie immer nichts beizutragen.
Genau solche ahnungslosen Klugscheißer haben den Karren in Deutschland an die Wand gefahren.

Contra Merkl
28 Tage her

Sehr geehrter Autor Thomas Kolbe, die EU Kommission gibt der Industrie hier keinen Rabatt, sondern es wird nur etwas weniger gierig abgezockt. Sie betreiben hier ein Framing wie man es von Dunja Hayali kennt. Diese ganze Co2 Steuer und Klimaschwachsinn gehört mit ihren ganzen Protagonisten auf den Müllhaufen, da dieser Mist einfach nur wirtschaftsschädigend für eine Industrienation und Exportland ist. Deswegen gibt es hier kein Wirtschaftswachstum mehr und die Industrie wandert einfach ab wo es diesen Unsinn nicht gibt. Ebenso verhält es sich mit dem Benzinrabatt. Da wird so getan als ob der Staat hier dem Bürger etwas unter Marktpreis… Mehr

P.Schoeffel
28 Tage her
Antworten an  Contra Merkl

Und außerdem steht im Kleingedruckten, daß nur solche Firmen die „Verbillibung“ erhalten sollen, die die Eisparungen in „Klimafreundliche Investitionen“ stecken. Also wieder sinnlos zum Fenster rauswerfen.

Privat
28 Tage her

Es sind Wahnsinnige, die unser Land vernichten werden, wenn sich keine Gegenwehr bildet.

P.Schoeffel
28 Tage her
Antworten an  Privat

Gegenwehr? Bei immer noch 70% Kartellparteien? Mehr als zwei Drittel Dumpfmichels haben nichts kapiert.

Soistes
28 Tage her
Antworten an  Privat

Der Michel und Gegenwehr ?

GWR
28 Tage her

So weit mir bekannt finanziert Deutschland zu ca. 24 % den EU-Haushalt. Wenn die in Brüssel so weiter machen, dann dauert es nicht mehr lange, bis Deutschland pleite ist. Wer finanziert dann den Brüsseler Irrsinn? Aber so weit können die EU-Granden vermutlich nicht denken. Da reicht es ganz offensichtlich nur von der Tapete bis zur Wand.

P.Schoeffel
28 Tage her
Antworten an  GWR

Deutschland ist erst pleite, wenn uns der sensible Lars und seine Spießgesellen auch noch das letzte Hemd abgenommen haben. Ergo: zu erst sind Sie und ich pleite.
Und was danach mit der EUdssR passiert, interessiert mich eigentlich nicht mehr besonders.

Last edited 28 Tage her by P.Schoeffel
VK
28 Tage her
Antworten an  GWR

Die EU steuert mit der Vergemeinschaftung der Schulden ins Nirwana. Die BRD hat seit 6 Jahren keinen regulären Haushalt mehr (Stichwort Sondervermögen, alle Arten von „Notlagen“). Mein Bundesland ist bei Oberkante Unterlippe und meine Stadt hängt praktisch am Ländert(r)opf. Aber wir machen so weiter, koste es was es wolle.

hoho
28 Tage her

Wie lange bis das ganze im Schlam am Boden des Meeres endet?

Haba Orwell
28 Tage her

> Im Streit um den Pfad des CO2-Zertifikatehandels gewährt die EU-Kommission der Industrie einen kleinen Rabatt, um politisch Druck vom Kessel zu nehmen.

Und etwas später wird wieder die Schraube zugedreht. Dazu die Wasser-Tokens, welche WEF beschlossen hat. Es wird abgezockt, solange die Genialen Bewohner Westeuropas es zulassen. (Derer Sinne hinterfragen, darf man ja hier nicht.)

Paul Brusselmans
28 Tage her

Die EU-Kommission kann da gar nicht viel machen. Alles folgt dem Green Deal. Parlament und Mitgliedstaaten müssten den Green Deal abschaffen. Das wiederum geht nicht. Bei schrumpfender Industrie brechen die Steuern weg. Auserdem kurz zu erklären, man habe sich etwa bei Green Deal und Migration geirrt, würde das Karriereende der meisten Politiker bedeuten und Öl in das Feuer der „Populisten“ giessen. Also weiter so. Kleine Frontbegradigung. Das Ergebnis von 12 Jahren deutscher Herrschaft (ab 2014 deutscher Kabinettchef des Luxemburgers Juncker, danach vdL). Ja ich höre schon wieder, Zahlmeister, die Franzosen… Die Rettung wird von Frankreich unter einer neuen Präsidentin ausgehen.… Mehr

P.Schoeffel
28 Tage her
Antworten an  Paul Brusselmans

Ganz falsch.
Die EU-Kommission könnte sehr wohl etwas machen, nämlich den Blödsinn beenden und ersatzlos streichen. WILL sie aber nicht. Sie müßte denn GEZWUNGEN werden. Macht aber keiner.