Wir Deutschen sind erpressbar geworden, weil wir keine eigene Geschichte mehr haben

Warum reduzieren wir zweitausend Jahre germanisch-deutsche Geschichte allein auf deren dunkelstes Kapitel von 12 Jahren Nazidiktatur mit ihren grausamen Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Marcel Zhu hat Uli Weber zu diesem Feiertagsgruß inspiriert.

Zu den epochalen Verbrechen der Nazis gehört auch die vollständige Umdeutung und Vereinnahmung der Deutschen Geschichte.

Wir Deutschen schämen uns ja schon mal präventiv für jeglichen Widerstand gegen irgendwelche Autoritäten oder Machthaber. Bestenfalls die Revolution von 1848/49 mit der Paulskirche und der Kieler Matrosenaufstand sind, wenn überhaupt, im demokratischen Bewusstsein der Bundesrepublik Deutschland verankert, und hoffentlich auch noch der vergebliche deutsche Widerstand gegen die Nazidiktatur.

Aber Hermann der Cherusker, Widukind der Sachse, Heinrich der Erste und Otto der Große, die Bauernkriege, der geschichtliche Zusammenhang zwischen der Turnbewegung von Friedrich Ludwig Jahn, der Ur-Burschenschafts-Bewegung, dem Lützow‘schen Freikorps und den Befreiungskriegen gegen Napoleon sind bis heute in ihrer geschichtlichen Bedeutung für unsere Demokratie stark unterentwickelt oder gleich ganz in Nazihand verblieben.

Die Väter unserer Bundesrepublik Deutschland und alle ihre politischen Erben haben also komplett darin versagt, den Nazis diese von ihnen für ihre Zwecke verbogenen Ereignissen für unsere demokratische deutsche Geschichte wieder zu entreissen. Es war bezeichnender Weise die DDR, die jene demokratischen Phasen und Bewegungen für sich reklamierte.

Für den Autor als gebürtigen Schleswig-Holsteiner waren das „Up ewig ungedeelt“ seines Heimatlandes, der dichterische Ausruf von Liliencrons Pidder Lüng, „Lewwer duad üs Slaav!“, und die Dithmarscher Bauernrepublik mit ihrem Schlachtruf „Wahr di Gaar, de Buur kumt!“ lange Zeit einfach nur Lokalkolorit – aber sind das nicht auch alles Mosaiksteine einer demokratischen deutschen Kultur und einer wehrhaften demokratischen Geschichte?

Distanz schafft Übersicht
Deutschland als Gefangener seiner Extreme
Einer demokratischen deutschen Geschichte, die in vorstaatlicher Zeit von der erfolgreichen Abwehr imperialer römischer Vereinnahmung berichtet, die vom vergeblichen Kampf gegen eine christliche Zwangsmissionierung durch Karl den Großen zeugt, die unsere Staatswerdung unter Heinrich dem Ersten und Otto dem Großen beschreibt, die das Aufbegehren der Bauernschaft gegen den Machtmissbrauch autoritärer Machtstrukturen dokumentiert und die schließlich die Herleitung der deutschen Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold aus den Uniformfarben des Lützow‘schen Freikorps in den Befreiungskriegen unseres Landes gegen die Besetzung durch Napoleon und seine Armeen erklärt.

Das sind zweitausend Jahre germanisch-deutsche Geschichte – und wir reduzieren diese unsere Geschichte allein auf deren dunkelstes Kapitel von 12 Jahren Nazidiktatur mit ihren grausamen Verbrechen gegen die Menschlichkeit?

Bis heute fehlen uns im öffentlichen Diskurs die demokratischen Wurzeln für eine historisch faire Würdigung unserer Bundesrepublik Deutschland. Dort lassen wir uns vielmehr freiwillig auf eine verkürzte Nazi- und Anti-Nazi-Geschichte reduzieren, die alle Anzeichen einer permanenten Autogehirnwäsche in sich trägt. Und wer es daher versteht, diese Anti-Nazi-Keule richtig einzusetzen, besitzt unsere Geschichte und kann damit dann alle unabhängig denkenden Demokraten als Nazis in die rechte Ecke nageln. Wir sind also heute und offenbar noch viel mehr als bereits vor fünfzig Jahren, eine vom Nationalsozialismus tief traumatisierte Gesellschaft.

Aber haben wir dann wenigstens aus dieser Nazigeschichte gelernt? Heute erfreut sich unsere Bundesrepublik Deutschland noch immer einer stabilen „gottgegebenen“ Demokratie. Aber eine weitgehend apolitische Generation von emotional hoch empörten Erben (1) in diesem unserem Land scheint sich inzwischen, mit aufopferungsvoller Unterstützung von Politik und Medien, in einer christlich-moralischen Reconquista über unsere Verfassung und die geltenden Gesetze zu erheben.

Es mag sich daher lohnen, einmal etwas schärfer hinzusehen: Diese Demokratie wurde der Urgroßelterngeneration (4) dieser apolitischen Moralisten (1) von den Siegern des 2. Weltkrieges zurückgegeben, nachdem deren Elterngeneration (5) nicht gut genug auf ihre nach dem 1. Weltkrieg aus eigener Kraft erworbenen demokratischen Rechte aufgepasst hatte, die übrigens das spätere Ergebnis des bereits erwähnten Kieler Matrosenaufstandes gewesen waren. Den kleinen Gefreiten aus Österreich hatte eine Mehrheit von politisch Desinteressierten (5) am Anfang nämlich nicht so ganz ernst genommen, obwohl er seine Pläne ja rechtzeitig genug öffentlich gemacht hatte; und dabei waren diese Menschen damals nicht wirklich dümmer als wir heute. Das änderte sich dann allerdings sehr nachhaltig mit dem Ermächtigungsgesetz, über das nicht einmal mehr alle gewählten Abgeordneten des Reichstages Kraft ihres Mandates abstimmen durften. Danach wurde die politische Opposition abgeschafft, und die Medien mutierten unter staatlicher Zensur zum Sprachrohr der solcherart Ermächtigten.

Mit gleichgeschalteten Medien und ohne parlamentarische Opposition entwickelte sich dann in kurzer Zeit eine staatstragende Einheitsideologie, die das Volk der Dichter und Denker in einen moralischen Abgrund geführt hat, in dem der Tod ein Meister aus Deutschland war.

Selbstermächtigte Herrschaftseliten mit einem öffentlichen Meinungsmonopol haben also in einer Bürgerdemokratie grundgesetzlich nichts verloren, schon einmal gar nicht, wenn sie auch noch alternativlose Ziele verfolgen. Ein guter Freund hatte es einmal so ausgedrückt, unser Grundgesetz sei von alten weisen Männern im Angesicht der Nazidiktatur formuliert worden, um einen erneuten Übergriff unseres Staates auf die bürgerlichen Grundrechte zu verhindern …

Es bleibt heute aber leider festzustellen, dass wir offensichtlich noch nicht einmal aus unserer freiwillig verkürzten Nazigeschichte gelernt haben. Denn gerade jetzt haben es sich selbsternannte moralische Führungseliten in unserem Lande mit alternativlosen politischen Zielen jenseits von Recht und Gesetz zur Aufgabe gemacht, eine vorgeblich naziverseuchte deutsche Bevölkerung umerziehen zu wollen; die Informations- und Deutungshoheit in der Öffentlichkeit wird bereits von freiwillig selbstgleichgeschalteten oder politisch abhängigen Medien ausgeübt und von unserer gewählten Regierung ermächtigte Stasi-Blogwarte ohne parlamentarische oder gesetzliche Legitimation haben inzwischen schon angefangen, die pauschale Abschaltung Andersdenkender zu betreiben.

Alle alternativlosen Machtpolitiker geben vor, immer nur das Beste für ihre gute Sache anzustreben, aber Diktatur erkennt man üblicherweise erst daran, dass es inzwischen zu spät geworden ist, um sich dagegen noch wehren zu können. Deshalb sollten alle wirklichen Demokraten in unserer Bundesrepublik Deutschland jetzt ganz fest zu unserer Verfassung stehen und sich nicht von einer moralisch ferngesteuerten öffentlichen Meinung in irgendeine rechte Ecke abdrängen lassen.

Ein traditionelles Weihnachtsfest und ein freiheitliches neues Jahr wünscht allen Demokraten

Uli Weber

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