Wenn Haltungsjournalismus und Vorverurteilung triumphieren

Der “Tagesspiegel” erbittet von Prof. Dr. Jörg Baberowski eine Stellungnahme zu einer “Pressemitteilung” zweier linksextremistischer Vertreterinnen im Akademischen Senat der Humboldt-Universität - bringt die Stellungnahme aber nicht.

Kaitlyn Baker

Es handelt sich um eines der Grundprinzipien des seriösen Journalismus, dem Objekt der Berichterstattung die Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben. Wird über jemanden berichtet, so ist er zu befragen, zu Vorwürfen oder Sachverhalten anzuhören. Zurück geht dies auf den bewährten Grundsatz des römischen Rechts “audiatur et altera pars”, „Gehört werde auch der andere Teil.“ So weit, so gut, dachte sich heute vormittag um 11:45 Uhr wohl Ann-Kathrin Hipp vom “Tagesspiegel”, als sie von Prof. Dr. Jörg Baberowski eine Stellungnahme zu einer “Pressemitteilung” zweier linksextremistischer Vertreterinnen im Akademischen Senat der Humboldt-Universität erbat. Prof. Dr. Baberowski ist ein weltweit renommierter Historiker, die Damen aus dem Akademischen Senat hingegen müssen einen Hochschulabschluss erst noch erbringen. Bafta Sarbo, eine der beiden, studiert Sozialwissenschaften und arbeitet zum Verhältnis von Marxismus und Antirassismus. Sie leistet also mutmaßlich wichtige Beiträge für unser Gemeinwesen, vorläufig noch auf Kosten der Steuerzahler. Zwischen umstrittenen Mitgliedern des Asta der Humboldt-Universität und Prof. Baberowski gibt es seit einigen Jahren Meinungsverschiedenheiten, Beobachter nennen es gar Kampagnen, über die umfangreich berichtet wurde. Die “Neue Zürcher Zeitung” schrieb dazu schon 2017

“Jörg Baberowski ist ein Verfechter des freien Disputs und eckt damit in Deutschland an. Eine trotzkistische Splittergruppe an der Humboldt-Universität in Berlin will den Geschichtsprofessor mundtot machen. Doch hält er dagegen und wirft linken Intellektuellen seinerseits vor, voraufklärerische Zustände zu zementieren.”

Baberowski hatte die beiden Studentinnen Bafta Sarbo und Juliane Ziegler in einem Facebook-Post vom 19. August als „unfassbar dumm“ und als „linksextreme Fanatiker“ bezeichnet, nachdem diese in einem Beitrag des „Deutschlandfunk“ mit tendenziösen und kontroversen Äußerungen aufgefallen waren. Die Damen erstatteten nun Strafanzeige gegen Baberowski. “Was trifft, trifft auch zu”, formulierte Karl Kraus, als würde er Kenntnis von der dünnhäutigen Reaktion der beiden Leistungsträger der Humboldt-Uni haben. Kommen wir nun zurück zum “Tagesspiegel”, der es als richtig erachtete, über diese Studentenposse auch noch zu berichten. Die oben erwähnte Anfrage lautete:

Sehr geehrter Herr Baberowki,
die beiden studentischen Vertreterinnen im Akademischen Senat der Humboldt-Universität, Bafta Sarbo und Juliane Ziegler erstatten Strafanzeige und reichen Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Sie ein, nachdem Sie die beiden öffentlich in seinem Facebookpost vom 19. August 2019 als „unfassbar dumm“ und „linksextreme Fanatiker“ (sic!) beleidigt haben sollen. Können Sie zu dem Vorwurf Stellung nehmen?
Besten Dank und freundliche Grüße
Ann-Kathrin Hipp

Schon um 13:31 Uhr erhielt Frau Hipp die nachstehende Antwort von Prof. Dr. Baberowski:

Frau Sarbo hat am 2.9.2019 auf Twitter einen Tweet als „sehr gut“ bezeichnet, der lautete: „Wir sagen natürlich, die Springer-Journalisten sind Schweine, wir sagen, der Typ an der Tastatur ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen….und natürlich kann geschossen werden.“ Deswegen wird nun vom Staatschutz gegen sie ermittelt. Sie ist also nicht nur keine Demokratin, sie hat auch ein gestörtes Verhältnis zur Presse- und Meinungsfreiheit. Sie scheint offenbar auch nicht zu begreifen, dass Äußerungen dieser Art als „unfassbar dumm“ und „linksextremistisch“ bewertet werden müssen. Sie selbst liefert fast jeden Tag neues Beweismaterial für diese Einschätzung. Im übrigen sind meine Äußerungen von der Meinungsfreiheit gedeckt.

Mir gefällt die Antwort, die die gesamte Story und deren Protagonisten in ein etwas vollständigeres Licht rückt, sehr gut. Dem “Tagesspiegel” offenbar nicht, denn er verschwieg die Erwiderung trotz Anfrage in seinem erst 14:54 Uhr online gegangenen Text komplett. Dafür prangt über dem Artikel von Inga Barthels, ohne Gegenrede, die vorverurteilende Überschrift “HU-Studentinnen zeigen Jörg Baberowski an“. Es muss halt jeder selbst entscheiden, wie sehr er journalistsche Standards opfert, wenn es darum geht, Haltung zu bewahren.


Update: Etwa zeitgleich gab es eine Presseanfrage der sozialistischen Tageszeitung “Neues Deutschland”. Dort ist die Stellungnahme von Prof. Dr. Baberowski in vollem Umfang veröffentlicht worden.

Update 2: Um 22:48 erscheint eine lediglich mit dem Hinweis “Update” veränderte Version des Artikels. Auf Facebook, wo ich einen Link zu diesem Text auf der Seite des “Tagesspiegel” postete liest man jetzt: “+++ Update: Jörg Baberowski hat zu den Vorwürfen Stellung bezogen. Der Artikel wurde entsprechend aktualisiert. +++”. Auf der Online-Seite des “Tagesspiegel” fehlt der übliche Hinweis wie zB “In einer früheren Version dieses Artikels fehlte die Stellungnahme von Prof. Dr. Baberowski.” Niemand weiss, worin das Update besteht. Warum wurde die Stellungnahme von Baberowski, die der Redaktion Stunden vor Erstveröffentlichung vorlag erst sieben Stunden nach dem Erscheinen des Artikels eingefügt? Zwei Gründe: 1. Dieser Text, der die journalistische Praxis kritisiert und 2. Es sollten noch erneute Stellungnahmen der linksextremen Studenten zu der Erwiderung von Baberowski eingeholt werden. Ein erneuter Verstoß gegen die Waffengleichheit.

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Kommentare ( 32 )

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Es war in den 70er-/80er-Jahren modern und gehörte zum guten Ton, links zu sein, und da es erst die Anfänge waren, war es noch zahm und vielfach absolut berechtigt. Heute haben diese Leute, die in jener Zeit auf das Lehramt studierten, eine Generation herangezogen, die linker wurde als sie waren, und diese sind heute die Lehrer, die den Sozialismus und die vollkommene Beliebigkeit im Sinne ihrer Ideologie verbreiten. Diese Studentinnen sind schon wieder die Jüngeren, noch linkeren und v. a. verbiesterte Frauen, wie man sie zu allen Zeiten beobachten konnte, nur längst nicht in so großer Zahl, und die als… Mehr

der Tagesspiegel war mal eine gute Zeitung. Harald Martenstein ist da der letzte nichtlinke Mohikaner, einmal in der Woche schreibt er eine kleine Kolumne.
Ansonsten ein antifaschistisches Überzeugungsblatt, wie die anderen auch.
Die Kulturbeilage berichtet gern über Genderforscher, Vegane smoothies, Pandabären und Parktaschen, also alles was Linke lieben und schätzen.

„Die oben erwähnte Anfrage lautete:
Sehr geehrter Herr Baberowki,
die beiden studentischen Vertreterinnen…“
Herr Steinhöfel, hat Frau Hipp vom Tagesspiegel noch nicht mal den Namen des Professors richtig geschrieben?

Schreiben nach Gehöör…

Daß der Tagesspiegel die Standards einer fairen Berichterstattung in aller Regel ignoriert, ist keine sensationelle Nachricht. Immerhin habe ich diesem Artikel den Hinweis auf Bafta Sarbo entnommen. Da ich nicht müßig sein wollte, habe ich mir soeben einen akademischen Vortrag der jungen Nachwuchsexpertin angehört. Titel: Einführung in die materialistische Rassismuskritik. Vortrag und Diskussion mit Bafta Sarbo. Gehalten wurde der Vortrag an der Humboldt Universität im Saal 3038, am 17.05.2018 um 19.00 Uhr, im Rahmen einer Vortragsreihe „kritik der arbeit“. https://www.youtube.com/watch?v=mWQ8hDQvrqQ Ich fasse die Idee zusammen und komme dann auf mein Argument. Frau Sarbo geht davon aus, daß es nicht ausreiche,… Mehr
ZWEI LINKSEXTREMISTISCHE VERTRETERINNEN… Bezeichnend. Die unsachliche, an Gefühligkeiten orientierte „Berichterstattung“ der Mainstreammedien ist m.E. eine Folge der Verweiblichung der Gesellschaft. Über alles müssen sie ihren Gefühlsschmonzes drüber kippen. Als der unvergessene Hanns Joachim Friedrichs dereinst sinngemäß sagte: „Ein guter Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer vermeintlich guten“ hatte er natürlich recht. Und dann ging irgendeine Mainstream/ÖR-Tante (Hassel, Reschke, oder wer auch immer, eh egal, alles eine Soße) hin und sagte genau das Gegenteil: „Zeit, sich mit der guten Sache gemein zu machen.“ Und die gute Sache, so meinte die Tante, sei wohl Refutschi Wällkamm oder… Mehr

Mein Gott wo sind wir hingekommen: Früher waren die Universitäten Wirkstätte von Forschung und Lehre und heute sind sie zu Brutstätten von linksextremistischer Agitation verkommen.

Das Spiel ist einfach. Nach dem Prinzip der Intersektionalität gibt es Punkte jeweils für weibliches Geschlecht, linksradikale Überzeugung, geringere soziale Position, minderheitliche Ethnizität, bescheuerten Vornamen als Zeichen echter Unterschichtherkunft, muslimischen Glauben, sexuelle Deviation usw., damit kommen die beiden Damen im Schnitt auf mindestens 3½ Punkte, während Prof. Baberowski -3 bekommt, da die Berufung auf Argumente eine heteronormativ-eurozentrisch-unterdrückerische Kulturpraxis alter weißer Männer ist und daher mit einer schweren Pönale belegt wird. Ab 2 Punkten Führung hat man automatisch gesiegt, ab 5 darf man „check your privilege“ krähen.

Paul, Ihr Punktesystem macht Sinn. Auf den ersten Blick dachte ich: zu simpel! – Dann aber, als ich am Herd stand, mir ein Spiegelei zubereitete und noch einmal darüber sinnierte, sagte ich zu meiner Katze: Hey, genau so tickt das System. The Madness of Crowds.

Meine Kinder studieren auch und berichten mir regelmässig von den Aktionen der Stundentenräte. Gruselig was die von sich geben.

Zitat aus o.g. Beitrag: „>Es muss halt jeder selbst entscheiden, wie sehr er journalistische Standards opfert, wenn es darum geht, Haltung zu bewahren.<"

Ja, …richtig, … sollte man meinen!
Aber wo es keine journalistischen Standards und nur noch Haltung gibt, da gibt es auch nichts mehr zu opfern ! **

Strafanzeigen gegen Personen mit der falschen Meinung werden in den Qualitätsmedien grundsätzlich aufgeblasen, aber nie davon berichtet, wie sie allesamt höchstrichterlich abgeschmettert werden.

Das weglassen von Erwiderungen oder überhaupt das nicht Zulassen von nicht linksgrünen Meinungen gehört zum Grundinstrumentarium der Qualitätsmedien und des Staatsfunks. In den Talk-Shows werden nur sehr selten Politiker des Oppositionsführers eingeladen, die die Agitation und Propaganda der Blockparteien blosstellen könnten, siehe z.B. zuletzt die Talk-Shows zu Halle.