Pläne zur staatlichen Regulierung der Ernährung verderben den Geschmack

In deutschen Ministerien werden Pläne für eine staatliche Ernährungspolitik geschmiedet. Ernährung scheint ein gefundenes Fressen, um die Manipulationsfähigkeit der Bevölkerung zu testen. Es wäre wieder ein Stück weniger Freiheit. Von Detlef Brendel

IMAGO / Emmanuele Contini
Demonstration "Wir haben es Satt" in Berlin am 19. Januar 2019

Auf den ersten Blick haben die schmackhafte Grillwurst mit Ketchup, die erfrischende Limonade oder die Schokolade als leckere Belohnung nichts mit der Verfassung der Gesellschaft zu tun. Das kann sich ändern. Nicht nur die Liebe, sondern auch die demokratische Freiheit geht durch den Magen. In deutschen Ministerien werden Pläne geschmiedet, wie durch eine staatliche Ernährungspolitik dem Volk ein neues Essverhalten eingetrichtert werden soll. Die Ernährung ist ein gefundenes Fressen, um die Manipulationsfähigkeit der Bevölkerung, der das Gefühl gelebter Freiheit zunehmend verloren geht, zu testen.

Die Erosion der demokratischen Gesellschaft entwickelt sich nicht an den Rändern des parteipolitischen Spektrums, sondern durch eine zunehmend paternalistische Politik mitten in der Gesellschaft. Die latent gefühlte Einschränkung von Freiheit macht eine 2019 publizierte Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach transparent. Fast zwei Drittel der Menschen sind überzeugt, dass die von der Verfassung garantierte Meinungsfreiheit heute eingeschränkt ist. Nach ihrem Verständnis muss man darauf achten, zu welchen Themen man sich wie äußert. Sie empfinden ungeschriebene Gesetze, welche Meinungen akzeptabel und zulässig sind. Im Freundes- und Bekanntenkreis meinen 49 Prozent, ihre Meinungen frei äußern zu können. Diese freie Meinungsäußerung sinkt im öffentlichen Raum auf nur noch 18 Prozent. Die Einschränkung der gefühlten Meinungsfreiheit wird mit dem Eindruck verbunden, dass es eine wachsende soziale Kontrolle gibt und individuelle Äußerungen und Verhaltensweisen unter Beobachtung stehen. Ein zufriedenstellendes Gefühl gelebter Freiheit ist das nicht.

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Bei einem Essen in größerem Kreis ist im Gespräch nicht nur auf Political Correctness zu achten. Vorsicht, wenn das Thema Gluten kommt. Da sind viele inzwischen unverträglich. Sitzen Veganer mit einer die Welt rettenden Ideologie am Tisch, kann es ungemütlich werden. Aber die Ernährung ist nicht nur eine Lifestyle-Thematik und sinnvollen oder unsinnigen Trends unterworfen. Bislang galt, dass gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Jetzt wird der Weg zu einer staatlich verordneten Ernährung konsequent eingeschlagen. Die EU-Kommission hat die Strategie „Farm to Fork“ (Vom Hof auf den Tisch) präsentiert. Darin wird skizziert, was alles reduziert werden soll.

Bei den Landwirten: Pflanzenschutz, Dünger, effiziente Anbauflächen, Motivation und Einkommen. Bei den Herstellern von Nahrungsmitteln und dem Handel: die Freiheiten der Produktion und der Vermarktung. Bei den Verbrauchern werden in letzter Konsequenz der Variantenreichtum angebotener Produkte durch vorgegebene Nährwert- und Geschmacksprofile reduziert. 27 Maßnahmen zur Veränderung der Ernährung listet die Kommission auf – von der Landwirtschaft über die Nahrungsmittelhersteller und den Handel bis zum Verbraucher, der die Suppe am Ende auszulöffeln hat. Europa will das Muster-Ernährungssystem für die Welt schaffen. Und die Deutschen sind eifrig dabei, das System zu perfektionieren.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat von dem Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) unter dem zunächst positiv erscheinenden Titel „Politik für nachhaltigere Ernährung“ ein Gutachten erstellen lassen. Es geht um die Aspekte Gesundheit, Soziales, Umwelt und Tierwohl sowie eine so genannte faire Ernährungsumgebung. Das mutet alles positiv an. Allerdings ist das Gutachten ein ideologischer Report, der auf eine staatlich gelenkte Ernährung abzielt. Die Intention des Beirats besteht darin, für dirigistische Eingriffe in die Marktwirtschaft akademisch verbrämte Grundlagen zu liefern.

Epidemie statt Pandemie

Während der Corona-Pandemie hat man sich daran gewöhnt, dass der Staat rigoros durchgreift, um die Gesundheit der Bürger zu schützen. Aber auch das ist bereits ein Trugschluss. Der Staat hat die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems zu schützen, nicht das individuelle Infektionsrisiko seiner Bundesbürger. Manchen politischen Strategen haben die Spielräume politischer Einflussnahme während der Pandemie vielleicht Mut gemacht. Sie sollten sich das Grundprinzip der Verhältnismäßigkeit in Erinnerung rufen. Es begrenzt die Möglichkeiten des Staates, im Interesse des Gemeinwohls durch das Grundgesetz geschützte Freiheiten einzuschränken.

Farm-to-Fork-Strategie der EU
Auf dem Weg zum Einheitsbrei: Die Politik der betreuten Ernährung macht nicht gesünder
Beschäftigen wir uns statt mit der Pandemie mit der angeblichen Epidemie des Übergewichts. Die Diskussion über dicke Körper steht auf wissenschaftlich dünnen Beinen. Weltweit zweifeln Wissenschaftler am Sinn des BMI, mit dem Menschen per Definition ab einem BMI von 25 zu Übergewichtigen und ab 30 zu Fetten standardisiert werden. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen soll die Fettleibigkeit dramatisch sein. Nach dem 2019 publizierten DAK-Gesundheitsreport NRW ist das im bevölkerungsreichsten Bundesland bei 3,6 Prozent des Nachwuchses ein Problem. Sollen deshalb 96,4 Prozent der Kinder auf Erfrischungsgetränke und Zucker im Müsli verzichten, um dieser „Epidemie“ zu entkommen?

Durch Fakten ausreichend belegt ist die Erkenntnis, dass Übergewicht in bildungsfernen Schichten erheblich verbreiteter ist als in höheren sozialen Schichten. Durch Studien ausreichend belegt ist zudem die Erkenntnis, dass die Menschen sich heute in einer zunehmend sitzenden Gesellschaft deutlich weniger bewegen als vor Jahrzehnten. Der Energieverbrauch durch körperliche Aktivität sinkt. Ein Kind bewegt sich heute am Tag nur noch durchschnittlich 500 Meter und sitzt intensiv vor der Spielkonsole oder trifft virtuell Freunde. Irritierend ist auch, dass als dick identifizierte Menschen nach Meta-Analysen länger leben als die Normalgewichtigen.

Wir sind eine inaktive Gesellschaft, keine dicke Gesellschaft. Zudem ist der Zusammenhang zwischen so genanntem Übergewicht, Gesundheit und Krankheit längst noch nicht im Detail verstanden. Aber der Staat soll und will in dieser angeblich dramatischen Situation, deren Komplexität akademisch noch nicht aufgearbeitet ist, dirigistisch eingreifen.

Strafsteuern statt Diät

Für den Effekt einer solchen Politik gibt es sogar schon konkrete Berechnungen. Diabetes-Vereine und -Verbände haben 2017 eine Studie finanziert, deren fantasievolle Überlegungen unter dem Titel „Die Auswirkungen der Besteuerung von Lebensmitteln auf Ernährungsverhalten, Körpergewicht und Gesundheitskosten in Deutschland“ vorgelegt wurden. Es wird gefordert, der Staat solle mit Strafsteuern die Ernährung seiner Bürger direkt beeinflussen. Propagiert werden mehrwertsteuerfreies Obst und Gemüse, sieben Prozent Steuern für „normale“ Lebensmittel, 19 Prozent für Fertiggerichte, Chips oder Süßigkeiten. Wer eine Limo trinken will, soll mit 29 Prozent Mehrwertsteuer zur Kasse gebeten werden.

Der Fiskus soll die Bundesbürger also zu einem Volk schlanker Asketen machen. Schlichtes Denken in Kombination mit Paternalismus kann so verführerisch sein.

Hohes Infektionsrisiko: Der Fürsorgestaat
Die Studie geht mit viel Kreativität ins Detail, um den durch gezielte Besteuerungen zu erreichenden Effekt zu konstruieren. Eine Behauptung soll Beweiskraft vortäuschen: „Eine Veränderung der Mehrwertsteuer bei Lebensmitteln (…) erzielt deutliche Reduktionen in Adipositasprävalenz und Gesundheitskosten“. Die Auswirkungen einer Besteuerung auf Lebensmittel bei definierten Zielgruppen werden exakt bestimmt. Dabei geht es konkret um die unteren sozialen Schichten sowie Personen, die bereits von Adipositas betroffen sind. Was ist mit den höheren sozialen Schichten? Was ist mit der Mehrzahl der Normalgewichtigen in der Bevölkerung, die durch ein gewichtssenkendes Strafsteuer-System vielleicht in das Risiko des Untergewichts getrieben würden? Zu diesen Fragen bietet die Studie keine Antworten.

Der Autor der Studie, Tobias Effertz von der Universität Hamburg, ist sehr detailversessen. Er kommt zu der Erkenntnis, dass heute mit 19 Prozent besteuerte Lebensmittel wie Hummer oder Kaviar in unteren sozialen Schichten nur einen geringen Beitrag zur Adipositas-Epidemie leisten. Da ein von Kaviar gekrönter Hummer offenbar nicht zu den adipogenen Gerichten zählt, empfiehlt die Studie, diese „Luxusprodukte“ künftig einem reduzierten Steuersatz zu unterwerfen, um sie „auch für ärmere Bevölkerungsschichten zumindest etwas erschwinglicher“ zu machen. So geht Wissenschaft, die der Politik die Attraktivität der Steuer-Regulierung von Nahrungsmitteln begründen soll.

Gedanken zur Verhältnismäßigkeit
Von Corona zu Ketchup: Durchregieren gegen „falsche“ Ernährung
Für den Erfolg einer fiskalisch gesteuerten Ernährung werden von Effertz Szenarien mit großer Zahlen-Vielfalt aufgetischt, in denen Kalorienreduktion und Gewichtsreduktion berechnet werden. Bei 35 bis 50 Jahre alten Männern der Mittel- und Unterschicht werde die tägliche Kalorienaufnahme bei einer gesunden Mehrwertsteuer um 162,31 Kilokalorien gesenkt. Die 19 bis 24 Jahre alten Männer werden bei dieser Besteuerung pro Jahr 4,25 Kilogramm abnehmen. Die nationale Schlankheit hat ihren Effekt auch bei Frauen. Adipöse Frauen im Alter von 35 bis 50 Jahren nehmen jährlich 3,75 Kilogramm ab. Was eine Brigitte-Diät nicht geschafft hat, wird das Finanzamt also schon richten.

Steuerinduzierte Preisveränderungen sollen eine schlanke Gesellschaft schaffen. Der Body-Mass-Index (BMI) der Menschen wird sinken, der Anteil der Adipösen wird reduziert und die Krankheitskosten, auch das wissen die Experten, werden jährlich zwischen 4,5 und 7,1 Milliarden Euro geringer ausfallen. Das paternalistische Glaubensbekenntnis wird in einer (grammatisch etwa holprigen) Aussage zusammengefasst: „Die veränderten Preise bewirken dann ein verändertes Nachfrageverhalten und dadurch auch zum Konsum anderer, idealerweise gesünderer Lebensmittel wie Obst und Gemüse oder verarbeiteten Produkten mit niedrigem Fett-, Salz-, oder Zuckergehalt. Dies wiederum führt dann zu einer verbesserten Gesundheit und geringeren Gesundheitskosten.“

Bei dem sozialen Aspekt ist man ehrlich. Dirigistische Maßnahmen sollen vor allem die unteren sozialen Schichten treffen. Dieses soziale Segment, so wird mehrfach betont, verzehrt mehr Kalorien, hat ein falsches Ernährungsverhalten und einen höheren BMI. Bei diesen Menschen hilft offenbar nur der Griff in die Geldbörse.

In anderen Ländern sind schon Erfahrungen mit Strafsteuern gemacht worden. In Dänemark wurde eine Fettsteuer zurückgenommen, weil diese primär Menschen mit niedrigem Einkommen belastet hat und sich gleichzeitig der Effekt zeigte, dass die Verbraucher auf billigere Produkte umsteigen. Der Fettverbrauch blieb identisch und es zeigten sich keine positiven Auswirkungen auf die Gesundheit.

Die Sessel-Steuer

Chronische Leiden und Erkrankungen ausschließlich der Ernährung oder sogar einzelnen Nahrungsmitteln anlasten zu wollen, ist unverantwortlich. Die Ideologen sollten erkennen, dass Krankheiten, die sie anprangern, ganz wesentliche Konsequenzen der gesellschaftlichen Realität sind. So steigen die Krankheiten an, die wir in Folge eines körperlich weniger aktiven, stressbeladenen und auch längeren Lebens ausbilden.

Das Essen ist gerettet
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Durch eine Vielzahl von Studien ist die Tatsache belegt, dass die Menschen sich in einer zunehmend inaktiven Gesellschaft weniger bewegen. Es geht dabei keineswegs nur um das daraus resultierende Gewicht. Sogar bei Kindern werden heute zunehmend Einschränkungen der Bewegungsfähigkeit und Haltungsstörungen diagnostiziert. Eine sinnvolle politische Herausforderung wäre es deshalb, den Nachweis eines wöchentlich geforderten Bewegungskontingents zu verlangen. Sinnvoller als der Nutri-Score auf der Fertigpizza wäre ein Score, der zu einer Steuer für Inaktivität führt. Eine drohende Steuer für diejenigen, die ihr Leben auf dem Sofa oder vor der Spielkonsole verbringen, würde die Menschen tatsächlich gesünder machen und die Kosten im Gesundheitswesen senken. Aber wohl kaum ein Politiker wird bereit sein, ein solches System der Zwangsbewegung zu propagieren. Hier würde, auch wenn es der gesundheitspolitisch bessere Weg wäre, eine Vernichtung der individuellen Freiheit in einer demokratischen Gesellschaft auf massive Kritik und den Volkszorn stoßen.

Gutachten fordert Strafsteuern und Werbeverbote

In dem WBAE-Gutachten für das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geht es allerdings nicht nur um den Umbau des Ernährungssystems unter dem Aspekt der menschlichen Gesundheit. Die Ernährung soll auch nachhaltig sein. Es geht um Klimaschutz, um ökologische Nachhaltigkeit, um das Tierwohl und den Umbau des gesamten Lebensmittelangebots. Die Gutachter nennen das eine umfassende Transformation des heutigen Ernährungssystems.

Das WBAE-Gutachten ist ein ideologisches Papier, das sich durch Studien- und Literaturrecherche einen wissenschaftlichen Anstrich geben möchte. Es wird versucht, politische Forderungen akademisch zu begründen. Dabei springt man auch gern über gesellschaftspolitische Hürden. Die Familie als wesentlicher Ort der Ernährung ist offenbar out. Das Gutachten scheut sich nicht, das System von Krippen, Kindergärten und Schulen in der DDR als verantwortliche Institutionen für die Ernährung zu profilieren. Das ist skandalös: Der Grund für diese staatliche Ernährung des Nachwuchses war schließlich die politische Absicht, durch eine staatlich regulierte Erziehung von Kindern und Jugendlichen das sozialistische System zu erhalten. Ob die Staatsernährung gut geschmeckt hat und gesundheitlich oder ökologisch Vorteile zeigte, bleibt dahingestellt. Zumindest hätte man von den Gutachtern einen besseren Geschmack und mehr politische Sensibilität erwartet.

Totalitäre Kost
Die ideologischen Vorstellungen der Gutachter machen aus verantwortlich handelnden Persönlichkeiten Untertanen. Damit entfernt man sich konsequent von dem Menschenbild, das im Zentrum des Grundgesetzes steht. Die Urteilsfähigkeit der Bürger und ihre daraus resultierenden Entscheidungsfreiheiten, werden ihnen abgesprochen. Die gesetzlich garantierten Freiräume zur Selbstentfaltung und für die eigene Entscheidung werden ihnen mit der propagierten Strategie genommen.

In dem WBAE-Gutachten wird das Prinzip der Subsidiarität – eine wichtige Grundlage unserer demokratischen Gesellschaft – außer Kraft gesetzt. Der unmündige Verbraucher, so die Unterstellung, richtet seine Ernährung nach der Werbung aus, er erliegt den verführerischen Produktplatzierungen im Handel, kauft nach niederen Geschmacksmotiven und verweigert sich dem Veggieday durch archaischen Fleischverzehr. Weil das Prinzip der Subsidiarität negiert wird, erscheint es den Autoren des politischen Gutachtens auch legitim, durch die Veränderung der Rahmenbedingungen von Werbeverboten über Strafsteuern bis hin zur Schaffung eines geeignet erscheinenden Umfeldes für den Einkauf, den Verbraucher zu erziehen.

Dabei trifft auch das Argument des Verbraucherschutzes nicht zu. Verbraucherrechte und Verbraucherschutz zielen auf Qualität ab und darauf, dass die Konsumenten durch Informationen ihre eigenen Entscheidungen treffen können. Es geht nicht darum, den Verbraucher vor sich selbst zu schützen. Es geht um Aufklärung, Transparenz und Information. Unter dem Deckmantel des Verbraucherschutzes dürfen nicht Produktion und Distribution der Wirtschaft gesteuert werden. Den Produkten jeweils adäquate Informationen, Transparenz über Herkunft und auch Produktionsbedingungen stärken die Souveränität der Verbraucher. Dies sind staatliche Zielvorgaben, die der Aufklärung dienen und damit die freie Entscheidung der Verbraucher unterstützen. Information ist das Gegenteil von staatlich bestimmter Verhaltenslenkung. Diese nimmt den Verbrauchern ihre Autonomie. Und nicht nur das. Sie fördert auch die Gefährdung der sozialen Marktwirtschaft.

Werbung macht nicht dick

Zu den vermeintlich gesunden Konzepten der Ideologen gehört auch die Werbekontrolle für die Zielgruppe Kind. Hohe Werbeaufwendungen für angeblich ungesunde Lebensmittel sind den Ideologen ein Dorn im Auge. Hier eine Kausalität herzustellen, ist allerdings nicht ernährungswissenschaftlich zu begründen, sondern politisch motiviert. In dem Gutachten für das Bundeslandwirtschaftsministerium steht die Behauptung: „Die Exposition gegenüber Lebensmitteln und Essensreizen durch Werbung und soziale Medien kalibriert unser Wahrnehmungsfeld heute häufig in Richtung auf Produkte mit ungünstigen Nährwertprofil, also Fast Food, Softdrinks und Produkte mit schlechter Klimabilanz.“

Das ist eine kühne Behauptung, die nicht durch wissenschaftliche Erhebungen verifiziert werden kann. Es scheint vielmehr eine subjektive Wahrnehmung zu sein, die auch durch permanente Agitation von Organisationen wie Foodwatch gefördert wird. Die Politik scheint oft in ihren Überlegungen ein Getriebener der NGOs zu sein. Diese haben als Unternehmen primär wirtschaftliche Interessen. Sie haben keine ernährungswissenschaftlichen Beweggründe, sondern das Interesse an der Akquisition von Spendengeldern, die sie durch eine konsequente Kapitalismuskritik verfolgen. Sie wollen nicht das Essen retten, sondern die Lebensmittelwirtschaft durch gezielte Kampagnen angreifen, die ihnen dann wirtschaftlichen Erfolg durch reichlich Almosen bescheren.

Totalitäre Kost
Ernährungspolitik soll jetzt hemmungslos werden. Die Deutsche Allianz für Nichtübertragbare Krankheiten (DANK), ein Aktionsbündnis unterschiedlichster Aktivisten und Ideologen, prescht aktuell im März 2021 vor. Hier ist die Erkenntnis gereift, dass Werbung dick macht. Also sollen Werbeverbote her. Für die Argumentation kauft man sich einen Studierten an der Universität Hamburg, um den ernsthaften Begriff Wissenschaftler zu vermeiden, der auftragsgemäß das macht, was er immer tut.

Der bereits zitierte Tobias Effertz rechnet so lange, bis er Forderungen nach Paternalismus und Regulation begründen zu können glaubt. In seiner Studie „Kindermarketing für ungesunde Lebensmittel im Internet und TV“ listet er Reichweiten und Frequenzen auf, die lediglich aussagen, dass Kinder Werbung rezipieren. Aus der Mediennutzung errechnet er die Konfrontation der Kinder mit Werbespots für angeblich ungesunde Lebensmittel. Werbespots führen offenbar zu einer impulsartigen Veränderung des Ernährungsverhaltens, lenken in eine ungesunde Richtung und machen damit dick. Effertz konstruiert Argumente, wie er sie für seine politisch motivierten Aussagen braucht und wie sie wohl von seinen Geldgebern erwartet werden.

Es wird unterstellt, der manipulierte Nachwuchs würde sich durch psychische Gleichschaltung nur noch mit Hamburgern, Chips und Schokolade ernähren. Was nicht zur Forderung nach einem Werbeverbot passt, wird aus der Betrachtung ausgeklammert. Es fehlt etwa Hinweis darauf, dass Werbung gegenüber Kindern bereits durch strenge gesetzliche Vorgaben sowie durch Selbstverpflichtungen detailliert geregelt ist. Die Verantwortung der Eltern für den Werbe-Konsum ihrer Kinder wird ignoriert. Und mit keiner Zeile wird darauf eingegangen, was die durch Werbespots traktierten Kinder tatsächlich essen. Es gibt weder Korrelationen noch Kausalitäten. Woher auch?

Welchen Nutzen soll ein Verbot der Werbung für Schokolade oder andere zu indizierende Produkte haben? Es gibt keinen. Das Marketing der Unternehmen konzentriert sich in der Werbung auf die Profilierung von Marken und nicht darauf, durch generische Kommunikation beispielsweise den Wunsch nach Schokolade bei den Verbrauchern zu implementieren. Werbung ist hier keine Bedarfsweckung, sondern der Versuch, markenorientiertes Einkaufsverhalten zu initiieren. Das natürliche Verlangen nach gutem Geschmack wird auch trotz Werbeverboten bleiben.

Erschwert werden durch derartige Reglementierungen dagegen die Informationen für eine gezielte Auswahl der Produkte durch den Verbraucher. Erschwert wird auch die erfolgreiche Positionierung von Produkten für Hersteller und Handel. Werbeverbote dürfen kein Instrument von paternalistischer Bevölkerungs-Pädagogik sein. Sogar für Kinderprodukte gibt es das Recht auf Werbung, um Eltern und auch Kinder zu informieren. Was dann schließlich gegessen wird, sollten vernünftige Eltern gemeinsam mit ihren Kindern entscheiden. Nicht die Werbung für einen Müsliriegel produziert Übergewicht, sondern ein unausgewogener Lebensstil.

Totalitäre Kost
Das Bild des durch Werbung beliebig zu manipulierenden Verbrauchers ist realitätsfern. Seine bestimmende Rolle im Markt baut nicht zuletzt auch auf Werbe- und Medienkompetenz auf. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass Verbraucher heute mit Werbung realistisch umgehen können und sie richtig einordnen und für sich nutzen. Werbung ist ein Element des Wettbewerbs in der Marktwirtschaft. Sie ist zudem ein Element unserer Alltagskultur. Die Werbung ist ebenso für den Arbeitsmarkt ein wesentlicher Faktor. In der Werbewirtschaft mit ihren Zulieferbereichen arbeiten rund 890.000 Menschen. Jährlich werden in Deutschland über 48 Milliarden Euro in die Werbung investiert. Werbeverbote sind bei konsequenter Betrachtung auch unter einem anderen Aspekt ein Angriff auf die Meinungsfreiheit. Für den größten Teil der Medien sind Werbeeinnahmen ein wichtiger Teil der Finanzierung. Werbeverbote reduzieren diese wirtschaftliche Grundlage der Medien, die für eine demokratische Gesellschaft unverzichtbar sind.

Werbeverbote basieren auf der irrigen Annahme, die Werbung führe zu unvernünftigen Verbraucherentscheidungen und zu einem individuellen Fehlverhalten. Auch bei Kindern trifft das nicht zu. In umfangreichen Studien ist dargelegt worden, dass Kinder von beworbenen Produkten nicht mehr essen als Kinder, die keine entsprechende Werbung rezipiert haben. Werbung macht nicht dick. Prägende Faktoren für das Ernährungsverhalten von Kindern sind der Lebensstil der Familie und des weiteren Umfelds. Werbung spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Die Erfahrungen, die im Ausland mit Werbeverboten gemacht wurden, liefern überzeugende Fakten. Dänemark hat ein bis vor einigen Jahren geltendes Werbeverbot bei Kindern unter zwölf Jahren wieder abgeschafft. Es haben sich weder gesundheits- noch verbraucherpolitische Effekte gezeigt. Seit 25 Jahren ist in der kanadischen Region Quebec Lebensmittelwerbung für Kinder verboten. Ist der Nachwuchs in dieser Region schlanker? Das Verbot hat keinen Effekt. Der Anteil übergewichtiger Kinder ist dort ebenso hoch wie in anderen Teilen Kanadas, in denen die Kinder mit Werbung konfrontiert werden.

Der Staat soll die Freiheit der Menschen garantieren und die Voraussetzungen schaffen, sich auch beim Konsum frei entscheiden zu können. Es ist nicht Aufgabe eines Rechtsstaats, die Bürger zu manipulieren. Die Behauptung, die Gesundheit seiner Bürger zu schützen, darf nicht Türöffner für Beschneidungen der Freiheit durch Verordnungen sein. Aufgabe des Staats ist es nicht, das individuelle Gewichtsrisiko einzelner durch Reglementierung des individuellen Lebensstils vieler zu eliminieren.


Detlef Brendel ist Wirtschaftspublizist.

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Kommentare ( 72 )

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72 Comments
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3 Finnen
23 Tage her

Warum sind Menschen aus sozial schwächeren Schichten stärker übergewichtig?
Genau der gleiche Grund weshalb sie sozial schwach sind- geringere Intelligenz. Da wird sich nichts ändern lassen.

Gudrun Wolfrath
21 Tage her
Antworten an  3 Finnen

Übergewicht und/oder geringe Intelligenz finden sich auch in „besten Kreisen“. Warum kommen mir dabei (auch) Politikerinnen in den Sinn?

Gisela Fimiani
23 Tage her

Der „wohlwollende“ Paternalismus entlarvt sich als Despotie. Sich selbst zur allwissenden, prophetischen „Elite“ erhebende Ideologen, zeigen immer unverhohlener ihre menschenverachtende Fratze. Ihrer eitlen Selbstvergötzung fällt jede Achtung vor dem Individuum zum Opfer. Die „Würde des Menschen“ wird der totalitären Gesinnung angepasst und herabgewürdigt. Erblindet durch den eigenen „Heiligenschein“ sehen unsere neuen Zuchtwarte nicht, dass sie der schlimmsten Todsünde anheim gefallen sind: dem Hochmut, der seine Untertanen erbarmungslos, mitleidlos, rücksichtslos und grausam lenkt und verwaltet. Diese „neue herrschende Klasse“ billigt sich selbstverständlich das höhere Recht zu, unsere Grundgesetz-Säule Stück für Stück weiter zu demontieren. Die Macht richtet längst das Gewissen, nicht… Mehr

Karl Schmidt
23 Tage her

Die Freiheit bleibt – für Reiche. Die Politik mischt sich in unser Privatleben ein und das immer ungenierter. Das entspricht dem linksradikalen Anspruch auf totale Kontrolle, denn alles ist politisch. Natürlich hat kein Politiker das Recht die Preise zu diktieren, z. B. danach, was er verkauft haben möchte. Das ist eine Planwirtschaft über den Weg der Verknappung der Geldmittel bei den Bürgern. Es ist infam und ein hoch aggressiver Angriff auf die Würde und das Selbstbestimmungsrecht der Bürger. Es schließt z. B. von vornherein aus, dass ein Bürger den Genuss einem langen Leben vorzieht. Auch das geht den Politiker oder… Mehr

ShaundasSchaf
23 Tage her

Die Deutschen hatten es 2017 in der Hand, Dinge, die aus dem Ruder gelaufen sind, durch ihr Wahlverhalten zu verändern. Nun sind seitdem immer mehr Dinge aus dem Ruder gelaufen und es ist abzusehen, daß dies auch in immer schnellerer Abfolge weiterhin geschieht. Außerdem darf man unterstellen, daß auch dem treuesten Michel langsam klar sein müßte, daß hier so einiges schiefläuft und auch weiterhin schieflaufen wird. Wird das deutsche Wahlvieh bei der nächsten Bundestagswahl seine Interessen diesmal in den Vordergrund stellen? Die Antwort darauf ist einfach nur erschütternd. Insofern haben die meisten es verdient, was noch kommen wird. Und möge… Mehr

Beobachterin
24 Tage her

Ginge es nach dem BMI wäre Arnold Schwarzenegger – mit sieben Mr.-Olympia- und fünf Mr. -Universum-Titeln – schwer übergewichtig gewesen. Hingegen Eliud Kipchoge, aus dem Volk der Nandi und bester Langstreckenläufer aller Zeiten, wäre extrem untergewichtig. Zwei Spitzensportler wie sie unterschiedlicher nicht sein können und beide fielen durchs Raster? An die Politik gerichtet: Hört auf mit der Gleichmacherei und eurer ständigen Bevormundung. Hört auf euch in Privatangelegenheiten einzumischen. Was ein Mensch isst und wie er aussieht hängt mit seiner Genetik, der ethnischen Herkunft, seiner Kultur und dem was das Land (Meer) hervorbringt zusammen. Wenn ihr schon so etwas wie Diversität predigt,… Mehr

Last edited 24 Tage her by Beobachterin
Politkaetzchen
24 Tage her

Tja, was sagt es dann über die Menschen aus, die ohne staatliche Regulierung nicht auf die Idee kommen von selbst davon abzulassen 5 Liter Cola, 6 Pizzen, 3 Burger und 20 Chickenwings in sich reinzustopfen?

Schöne neue Welt eben.

Selbstverantwortung ist zu anstrengend und Steuern und Verbote sind zu dem billiger und lukrativer als wirklich realistische Programme zu entwickeln, die den Menschen eine gesunde Lebensweise näherbringt, die womöglich dazu führen könnte, dass die Menschen nicht nur von ganz alleine über ihr Essverhalten nachdenken und handeln würden, sondern auch an den ungewünschten Stellen es tun würden…

Last edited 24 Tage her by Politkaetzchen
Der Prophet
24 Tage her

Sollen die doch die Steuern erhöhen, wie sie wollen. Die Mehrheit in Deutschland scheint es ja nicht zu interessieren, wenn man sich die Wahlergebnisse anschaut. Mir soll es egal sein, dann lohnt sich der Ausflug nach Polen erst richtig, wenn man neben dem Tanken auch noch bei den Lebensmitteln kräftig sparen kann.

alter weisser Mann
24 Tage her

Manche Leute tun sich hochverarbeitete und mit Zuschlagstoffen aufgepumpte Ersatzlebensmittel aus Soja, Seitan usw, rein und mokieren sich über ungesundes Essen anderer Leute. Kann man sich nicht ausdenken. Mittlerweile ist das „V“ für vegan doch ein Warnsignal für solches Gepfusche am Essen.

mmn
24 Tage her

Stichwort vorauseilender Gehorsam (anscheinend die Lieblingsreaktion deutscher Einwohner und Organisationen): Nicht nur mir dürfte aufgefallen sein, in welchem absurden Umfang mittlerweile in Supermärkten vegetarische/vegane Produkte in den Regalen stehen (und damit natürlich bisherige Produkte verdrängen). Gleiches gilt übrigens auch für das Verhältnis zwischen ausländischen Lebensmitteln und traditionellen deutschen Lebensmitteln. Von Restaurants reden wir lieber erst gar nicht.

Don Didi
22 Tage her
Antworten an  mmn

Nicht nur da. In einem örtlichen, katholischen Kindergarten (und das ist beileibe kein Einzelfall, sondern hat Methode) gibt es regelmäßig Bulgur, Couscous, Hummus, gewürzt wird mit Minze statt Petersilie oder Schnittlauch, Schweinefleisch gibt es in keinster Form, anderes Fleisch (bevorzugt billigstes Geflügel“fleisch“) im Vergleich zu normalem deutschen Familienessen eher selten. Gemüse besteht ausschließlich aus den billigsten Sorten, bevorzugt Möhren, Kohlrabi oder Blumenkohl ist zu teuer, Spargel ohnehin. Braten in jedweder Form gibt es gar nicht. Die Kinder dort kennen (panierte) Kotelettes, Schweinebraten, Jägerschnitzel oder Rouladen nur von Oma, oder gar nicht. Aber sie kennen veganes Essen, vegetarische Bolognese, Chicken- oder… Mehr

Juergen P. Schneider
24 Tage her

Unsere Politiker halten sich für die Erziehungsberechtigten ihrer Bürger. Daran sieht man, wie sie die Bürgern unseres Landes wirklich einschätzen. Die glauben, wir seien alle etwas lernbehindert und geistig eingeschränkt. Das Wahlverhalten der Mehrheit der Deutschen gibt ihnen da durchaus Recht. Viele Leute bei uns wollen das offensichtlich so. Nennenswerten Widerstand scheint es nicht zu geben.