Matteo Salvini auch vor Wahlen in der Emilia-Romagna

Der PD macht dieselben Fehler wie die europäischen Schwesterparteien, die sich von ihrer Wahlklientel entfernt haben und sich ihre Agenda von der EU, Globalisierung und Identitätspolitik bestimmen lassen.

Pier Marco Tacca/Getty Images

In Italien gibt es nur besondere Regionen. Die Emilia-Romagna ist eine davon. Schon der Doppelname verrät, dass es sich um eine der wenigen künstlichen, ahistorischen Gebiete der italienischen Republik handelt: sie besteht aus der Emilia der Po-Ebene und dem romagnolischen Terrain in Küstennähe. Mentalität, Küche und Sprache divergieren massiv zwischen dem lombardisch angehauchten Piacenza und dem adriatischen Rimini. Dennoch existieren drei Dinge, die der gemeine Italiener mit der Emilia-Romagna verbindet: die gute Küche, die Liebe zu heißen Motoren – und die tiefrote Ideologie. Die Hauptstadt Bologna ist gleichermaßen für ihre Tortellini, ihre Motorshow und ihre linke Gesinnung bekannt. Der Beiname „La Rossa“ – die Rote – steht für die roten Dächer wie für die politische Orientierung. Die Emilia, das ist das tiefgrüne, flache Land, durch das sich der große Strom gen Meer wälzt. Hier liegt die Heimat des kommunistischen Bürgermeisters Peppone und seines klerikalen Gegenspielers Don Camillo.

Die Emilia-Romagna ist – zusammen mit der Toskana – das Herzland der kommunistischen, sozialistischen und später sozialdemokratischen Linken Italiens. Mit wenigen Ausnahmen (wie Piacenza und Parma) hat die kommunistische bzw. sozialistische Partei in der Nachkriegszeit sämtliche Bürgermeister in den großen Provinzstädten gestellt. Die Deutschen sprechen hinsichtlich des Ruhrgebiets gerne von der Herzkammer der Sozialdemokratie; aber die Emilia-Romagna und die Toskana haben im Gegensatz zur deutschen Linken sehr lange ihre Bodenständigkeit und den Kontakt zum gewöhnlichen Wähler bewahrt. Das führte dazu, dass linke Kandidaten auf dem Land für Jahrzehnte als alternativlos galten. Die „Einheitsfeste“ („Festa de l‘Unità“) blieben lange Zeit Volksfeste, die über Generationen das Gefühl von solidarischer wie lokaler Gemeinschaft festigten.

Doch die Emilia kennt noch eine andere Geschichte. Nicht nur geografisch und kulturell weist sie mehr Gemeinsamkeiten mit den nördlichen als mit den mittelitalienischen Regionen auf. In der Emilia begann eine Erfolgsgeschichte, die zum Menetekel italienischer Politik werden sollte. Hier stürzte der Partito Democratico – die Verwalterin des sozialistischen und kommunistischen Erbes der italienischen Linken und heutige Herrin am Po – Ende des Jahres 2014 in eine Krise. Damals saß Ministerpräsident Matteo Renzi noch im römischen Palazzo Chigi und hatte bei den EU-Wahlen im Mai satte 40 Prozent geholt. In der Stammheimat des PD kam die Partei im November jedoch nur noch auf 45 Prozent – und blieb damit unter der psychologisch wichtigen 50-Prozent-Marke. Bei einer ebenso desolaten Wahlbeteiligung deutete dies den Niedergang der italienischen Sozialdemokratie an. Damals kündigte sich zudem an, dass in Zukunft nicht mehr die Forza Italia von Silvio Berlusconi, sondern die Lega Nord das Zugpferd des bürgerlichen Lagers werden wollte. Die bekam 20 Prozent. Verantwortlich dafür war das neue Zugpferd der Partei: Matteo Salvini.

Fünf Jahre später wird wieder in der Emilia-Romagna gewählt. Und wieder könnte diese Regionalwahl richtungsweisend werden. Die Erosion der linken Macht in ihrer Heimat hat sich fortgesetzt: im tiefroten Ferrara sitzt seit Mai 2019 ein Lega-Bürgermeister im Amt. Er ist der erste nicht-linke Bürgermeister Ferraras seit 1945 und der erste Lega-Bürgermeister in einer Großstadt der Region. Dieselben Wählerschichten, die nördlich des Po seit einer Generation vornehmlich Lega wählen, drohen dem PD seit 2014 ebenfalls Richtung Salvini abzubrechen. Die migrationsfreundliche Politik des PD hat in vielen Städten der Po-Ebene deutliche Spuren hinterlassen – und Widerstand provoziert, wie etwa im ferraresischen Gorino, wo die Einwohner 2018 eine Straßenblockade errichteten, um Neuankömmlinge auszusperren.

Salvini, der auf Nationalebene sein Ministeramt verzockt hat, könnte ausgerechnet in der Heimat der Roten dem PD einen empfindlichen Schlag versetzen. Dazu muss die Lega nicht einmal die Regionalwahl gewinnen: ein Achtungserfolg reichte aus, damit die Genossen in der Hauptstadt kalte Füße bekommen. Die Regionalwahl in der Emilia-Romagna würde auch als Referendum über die neue gelb-rote Regierungskoalition mit den Fünf Sternen bewertet werden. Noch beruhigt man sich mit den selbst in Auftrag gegebenen Prognosen vom September, demnach der eigene Kandidat, Stefano Bonaccini, fast uneinholbar weit vor seiner Herausforderin Lucia Borgonzoni liegt (48 Prozent gegen 31 Prozent der Befragten). Dieselbe Studie kommt allerdings zum Schluss, dass 44,5 Prozent für das linke Lager stimmen würden – und 43,6 Prozent für das rechte. Das sind hauchdünne 0,9 Prozent Unterschied. Zum Vergleich: 2005 erreichte das linke Lager noch 63 Prozent.

Es ist diese Gewissheit, die den Sozialdemokraten die Schweißperlen auf die Stirn treibt: es gibt kein Rückzugsgebiet mehr. Liest man sich die Vorhaben der neuen Regierungskoalition durch – Wiederaufnahme der Massenmigration, Aufhebung des Sicherheitsdekrets, Erhöhung der Mehrwertsteuer – so präsentiert der PD dem geschassten Vizepremier Salvini die Wahlkampfthemen auf dem Silbertablett. Die einfachen Leute, welche früher die Kommunisten erreichten, wenden sich massenweise der Lega zu. Der PD macht dieselben Fehler wie die europäischen Schwesterparteien, die sich von ihrer Wahlklientel entfernt haben und sich ihre Agenda von der EU, Globalisierung und Identitätspolitik bestimmen lassen. Die Machtgier der „Kaste“, die der neuen Regierung die Bahn geebnet hat, verdeutlicht, dass es den Linken lange nicht mehr um die Interessen der kleinen Leute, sondern um ihre Stühle geht. Die Rechnung erhalten die Genossen am 22. Januar. Da hilft dann auch kein Spanferkelgrillen beim „Fest der Einheit“ mehr.


Marco Gallina schreibt vorzugsweise auf www.marcogallina.de/

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Kommentare ( 13 )

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13 Kommentare auf "Matteo Salvini auch vor Wahlen in der Emilia-Romagna"

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Kurz hat mit der FPÖ in Rostreich die über 53% Mehrheit. Und so ähnlich wird es bei den Neuwahlen in Italien laufen.

Im Gegensatz zu den Deutschen ist der Italiener recht schnell „erregt“, wenn es um Ungerechtigkeit und heuchlerische Anbiederei geht. Salvini repräsentiert das Volk, die restlichen Parteien das Establishment. Der Wahlausgang ist ziemlich leicht vorherzusehen. Nur ob Salvini damit wieder an die Spitze ziehen wird, ist die alles entscheidende Frage. Das Establishment wird nicht die Hände in den Schoß legen und abwarten, was bei der Wahl herauskommt. Deutschland hat es doch vorgemacht. Extremste Propaganda gegen Kritiker und Andersdenkende, Manipulation der Wahlauszählungen und wenn das nicht reicht: Genau wie in Deutschland wird es zu Zusammenschlüssen aller anderen Parteien aus dem Establishment kommen,… Mehr
Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, sagte vor dreißig Jahren ein großer Staatsmann den roten Genossen in der DDR. Er hatte recht und sie mussten gehen. Nun glaubten Sozialisten im Westen: Etwas roter Schein genügt um global als Gut zu erscheinen und merkten nicht, dass sie dadurch selber mehr und mehr aufs falsche Pferd setzten. Nicht wer Gut sein will verändert die Welt, sondern wer realistisch notwendiges umsetzt. Statt ihre Anhänger zu unterstützen, interessierten sie deren Problematiken immer weniger. Zu Lasten der eigenen Klientel, sahen sie in der Kosten aufwendigen Lösung oft irregulärer globaler Gutmenschen Probleme ihre Hauptaufgabe.… Mehr

Ich frage mich schon länger,was solche Politiker verschiedener Länder umtreibt hinsichtlich der Massenmigration aus kulturfernen und rückständigen Ländern…das ist auf keinen Fall zu begreifen! Werden sie irgendeiner Art Gehirnwäsche unterzogen?? Man höre sich nur die Reden von Merkel und Seehofer von vor ein paar Jahren an ( “ Multikulti ist gescheitert / werden bis zur letzten Patrone kämpfen,dass keine Migration in unsere Sozialsysteme erfolgt“) Und nun sagen sie das genaue Gegenteil…

Heute hü und morgen hott. ODER auch etwas anders gesagt; was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.
> Es sind polit. Heuchler u. Lügner denen es nur um das eigene Wohl u. deren Stühle geht.

Ich drücke Matteo Salvini beide Daumen, denn wenn Politik nur noch dem
eigenen Machterhalt dient ist der gerechte Lohn dafür mehr als nur
Schweißperlen auf der Stirn sondern Machtverlust.
Denn die italienischen Bürger sind seit Einführung des Euro genug gebeutelt
worden und nur weil globalistische Eliten dies so wollten.
Die Warner vor dem Euro wurden damals genauso geächtet wie heute die
Kritiker des menschengemachten Klimawandels.

Der Kommentar läßt Rückschlüsse auf den Niedergang der SPD zu. Es handelt sich nicht um ein „hausgemachtes“ Problem. Die Sache hat vor allem europäische und damit strukturelle Dimension. Ich seh es so: Die Sozialdemoktratie ist – historisch – dem Internationalismus verpflichtet. Die Arbeiter haben sich vom Sozialismus weitgehend abgewandt, sie wünschen sich nationale Lösungen, ein Teil denkt pragmatisch, ein Teil sogar patriotisch. Die Sozialdemokratie könnte diese Arbeiter vielleicht zurückholen, wenn sie ihren internationalistischen Kurs verließe. Aber das hieße: die Funktionäre in den eigenen Reihen, die sich längst nicht mehr aus Arbeitern zusammensetzen, sondern aus Studenten, Beamten, Wohlfahrtslobbyisten, Frauen im Pflegebereich… Mehr

Meine Hoffnung wäre ja, dass sich in Deutschland, besonders in Westdeutschland eine ähnliche Wählerwanderung entwickeln könnte. Von Bunt zu Blau.
Ich hoffe, ich bin nicht zu alt, um Solches und den Erkenntnisgewinn vieler Mitbürger noch erleben kann.

Salvini hat sein Ministeramt Nicht verzockt sondern er hat es genau so gewollt wie es in Zukunft kommt… Salvini will mehr als ein Minister sein…er will an die Regierungsspitze. Mit den fünf Sternen wäre das unmöglich gewesen…also geht er den Weg über, mit und durch das Volk…nach ganz oben!

Das ist wie in Deutschland: Seit 150 Jahren kümmert sich die SPD vornehmlich um das Wohlergehen ihrer Funktionäre (m/w/d).

Ich wünsche der PD eine krachende, erdrutschartigeWahlniederlage. Diese Partei macht keine Politik für die Italiener.