Hygienekonzept und Energiesparlampen stören die göttliche Botschaft

TE-Autor Mario Thurnes war nach 30 Jahren wieder in seiner Heimatkirche. Nicht nur die Hygieneauflagen stören ihn dort. Die Kirche hat den Menschen nicht mehr viel zu bieten.

IMAGO / Eibner
Kirchenbesuch in Corona-Zeiten mit Abstand

Der Glaube an Gott ist die Idee, dass es etwas Größeres gibt als das Leben. Etwas Größeres als den Menschen. Kirchen strahlen das aus. Kirchen müssen das ausstrahlen, sollen sie funktionieren. Durch die Pfarrkirche Humes verläuft ein rot-weißes Sperrband. Es ist auf den Boden geklebt. Daneben kleben Ikonen. Sie geben keine Führung. Zumindest keine spirituelle. Stattdessen mahnen sie, Abstand zu halten.

Sie gehören zum Hygienekonzept des Bistums Trier. Genau wie die Anmeldung. Am Eingang sitzt eine Frau, die prüft, ob man auf der Gästeliste steht. Wie im Club. Eine Platzanweiserin führt einen zum reservierten Platz. Wie im Kino. Vor der Messe liest der Pfarrer die Sicherheitsregeln vor. Wie im Flugzeug.

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Der Leib Christi werde am Platz gereicht. Jeder solle dort bleiben und die Maske auflassen. Es gelte, Abstand zu halten. Der Gottesdienst dauert eine Stunde. Das Bistum Trier glaubt, wenn die Menschen am Platz bleiben, tun es die Aerosole auch. Zwei Reihen bleiben zwischen besetzten Reihen frei. Dafür sitzen die Menschen in diesen Reihen Schulter an Schulter. Auch fremde. Rational ist das nicht. Aber es ist ja auch eine Kirche. Da geht es um Glauben. Und zumindest an sein Hygienekonzept scheint das Bistum Trier zu glauben.

Die Pfarrkirche kenne ich seit 43 Jahren. Allerdings war ich seit 30 Jahren nicht mehr da. Etwas ist anders als damals. Und es ist nicht (nur) der Corona-Zirkus mit all seinen Widersprüchen. Irgendwas stört – verhindert das Aufkommen jeglicher Spiritualität. Es sind die Lampen. 20 Leuchter mit jeweils einem Dutzend Lichtern. Energiesparlampen. Sie tauchen die Kirche in ein Licht – so grell wie in den Glastempeln am Frankfurter Flughafen.

Die Lichtdramaturgie ist prägend dafür, wie eine Kirche funktioniert: Die lichtdurchfluteten Döme und Kathedralen, die von kirchlicher Macht zeugen. Oder der Zauber, in den die Fenster von Marc Chagall die Mainzer Stephanskirche tauchen. Die Pfarrkirche Humes war eine Bauernkirche: gemütlich und dunkel. Das Kirchenschiff blieb in diffusem, schwachem Licht – das verlieh dem Altarraum mit seinen Kerzen umso mehr Glanz. Für eine halbe Stunde ging es um Gott. Sonntags für eine ganze.

Die 240 Energiesparlampen lassen den Altarraum optisch untergehen. Im Mittelpunkt stehen das Hygienekonzept und die Teilnehmer, die seine Regeln einhalten. Vorne liest eine Frau Bibelstellen vor. Sie klingt wie eine dieser talentlosen Streberinnen in der Schule, die sehr viel Energie darauf verwendet haben, einen Text auswendig zu lernen – und keine darauf, den Text zu fühlen. Die auch gar nicht wissen würden, was das sein soll: einen Text zu fühlen.

Der Pfarrer predigt über Kirchenreformen. Er hält sie für notwendig. Vor 40 Jahren wäre das spektakulär gewesen. Heute wirkt sein Vortrag profan. Wie ein Tweet. Ein belangloser, der nur Pflichtlikes bekommt. Ausschließlich von der Bezugsgruppe. Der Pfarrer zählt vornehmlich Fragen der Sexualität als Punkte auf, die sich ändern müssen. Die Gemeinde sieht nicht so aus, als ob Sex ihr Lebensmittelpunkt sei – eher eine Erinnerung.

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Nun ist das ja gut, wenn die Kirche zum Beispiel Homosexuelle nicht mehr verdammt. Nur reicht das halt nicht. In Deutschland wurden die allermeisten Christen Christen, weil ihre Eltern sie dazu machen ließen. Es war keine bewusste Entscheidung. Wer aber zurückkehren soll, der muss sich bewusst entscheiden. Und was sollte die Verlorenen zurückholen? Zum Beispiel die Homosexuellen? „Wir wünschen Euch jetzt nicht mehr in die Hölle“, ist als Verkaufsargument ein wenig dünn.

Auf die Frage, wie er Verlorene zurückgewinnen will, geht der Pfarrer nicht ein. Ihm war es wichtig, was zur Kirchenreform zu sagen. Das hat er umgesetzt. So wie das Hygienekonzept. Und das Aufhängen der Energiesparlampen. Um die Menschen geht es nicht. Die spüren das. Bleiben weg. Rund 80 Menschen sind in der Kirche. Früher waren es in jeder Gemeinde mehr. Mittlerweile musste die Kirche mehrere Gemeinden zusammenlegen. Und doch sind es nur 80 Besucher. Dabei wird einem halben Dutzend Toten geehrt. Allein schon, um wenigstens deren Verwandte zum Besuch zu nötigen.

Wer verzweifelt ist, wer nach Mut sucht oder Trost oder wer Antworten auf die großen Fragen wünscht – kurz: Wer auf der Suche nach etwas ist, das größer als er ist, der muss sich das rausschälen: aus den runtergenölten Bibelzitaten oder aus dem Vortrag über Kirchenreformen. Es ist eine schwere Aufgabe. Die Gemeinde hilft ihm nicht. Nicht in der Kirche. Bestenfalls draußen auf dem Parkplatz, wo die Menschen die Masken ausziehen, nahe beisammen sind und Gespräche geführt werden in einer Sprache, die nicht tot ist.

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Kommentare ( 65 )

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Monostatos
7 Monate her

Ein ausgezeichneter Artikel, welcher die abgrundtiefe Trostlosigkeit- im wahrsten Sinne des Wortes – der deutschen Amtskirchen auf den Punkt bringt. Solange das Geld der Kirchensteuerzahler sprudelt, juckt es das klerikale Führungspersonal nicht die Bohne. Stattdessen wird z.B. im Wiener Stephansdom geimpft und ein Polizeiseelsorger, der sich impfunwilliger Polizisten annimmt, regelrecht exkommuniziert. Was würde Jesus sagen? Mt 17: Und er lehrte die Leute, die dabei waren,
und erklärte ihnen:
»Steht nicht in der Heiligen Schrift:
›Mein Haus soll als Gebetshaus
für alle Völker bekannt sein‹?
Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.«

Dr. Friedrich Walter
8 Monate her

Eilmeldung: Gott ist aus der Kirche ausgetreten !
https://www.youtube.com/watch?v=_ScI3Zh5iT0

Deutscher
8 Monate her

„Der Laib Gottes…“

Sorry, ich glaub, es heißt „der Leib Christi“.

Allerdings könnte die Verabreichung von Laibern bei der Kommunion – ganzen Brotlaibern nämlich – die Attraktivität eines Kirchenbesuchs deutlich steigern.

Last edited 8 Monate her by Deutscher
Seneca
8 Monate her

Wer jetzt immer noch in der Amtskirche verbleibt, der wählt auch weiter CDU. Es gibt auch kirchlich genügend Alternativen!

Markus Swiderek
8 Monate her

Es ist zu deutlich merken, daß der Autor 30 Jahre nicht mehr in der Kirche war. ‚der Laib Gottes‘ meint sicherlich den Leib Christi, also die Gegenwart Christi in der konsekrierten Hostie. Der Glaube an Gott ist keine Idee. Das mag Auffassung des Autors sein, aber wäre schön, wenn er das auch so deutlich machen würde.

Deutscher
8 Monate her
Antworten an  Markus Swiderek

Natürlich ist Gott eine Idee. Weil man sich die unvorstellbaren Mächte ja irgendwie vorstellbar machen muß. Mit Sicherheit aber wird Gott nicht die Gestalt haben, in der der Mensch ihn sich vorstellt.

Markus Swiderek
8 Monate her
Antworten an  Deutscher

Sie mögen die Auffassungen des Autors teilen. Das ändert nichts daran, daß es Ihre Auffassungen sind und nicht die Auffassungen derjenigen, die am Sonntag zum Zwecke der Religionsausübung eine Kirche besuchen.

Fsc
8 Monate her

Wer braucht noch DIESE Kirche?
Da ist der Mitgliedsbeitrag bei den Grünen billiger! Nur die Show ist besser, zumindest bei den Katholen…
Unter diesem Pabst geht die Kircge endgültig unter, „si cum Iesuitis itis non cum Iesu itis“…

Marcel Seiler
8 Monate her

Die Überschrift lautet: „…stören die göttliche Botschaft“. Welche göttliche Botschaft? Die normale Kirche lehrt die göttliche Botschaft seit Jahrzehnten nicht mehr.

Die Kirche lehrt Wohlverhalten, diffuses Gutmenschentum und den angeblichen Humanismus, den sie sich von der Sozialdemokratie abguckt. Den Weg zu Gott kennt dort keiner mehr. Das spürt man. Völlig richtig, dass die Leute weg bleiben.

Deutscher
8 Monate her
Antworten an  Marcel Seiler

Bin vor zwei Jahren auch ausgetreten und habe noch keine Sekunde bereut.

Alexander Schilling
8 Monate her

Sowohl der Artikel als auch viele der Leserbriefe belegen, warum in der Kirche (zumindest der katholischen K.) eine gründliche Katechese angezeigt wäre: im Fach „Wissen“ tippe ich auf einen Notenschnitt von mangelhaft bis ungenügend (nota ad auctorem: Sorry, aber ein „Laib“ ist ein „Laib“ [got. hlaifs, russ. хлеб = Brot], in manchen Gegenden ein „Kipf“; der „Leib“ aber ist und bleibt der „Leib“ [veraltet „Leichnam“, wie etwa in „Fronleichnam“], weil im Moment der Wandlung aus Brot der „Leib“ Christi wird). Dass es — neben der Bibel und dem Gesangbuch „Gotteslob“ — eine ganze Sparte Buch gibt, welche Titel führt, wie… Mehr

Physis
8 Monate her

Es sind nicht nur Energiesparlampen und Hygienekonzepte, die die Kirche in den letzten dreissig Jahren verändert haben.
In den letzten Jahrzehnten hat die Kirche nämlich seine eigenen Schäfchen weitestgehend aus den Augen verloren und ist peu à peu immer politischer geworden.

dgu
8 Monate her

Hallo Herr Thurnes, man sollte eines nicht vergessen: die Kirchen sind „nur“ Institutionen und haben eigentlich mit dem Glauben und mit Jesus Christus selbst nicht so viel zu tun – mal ganz pauschal gesagt. Im Einzelnen gibt es immer Ausnahmen. Kirche lebt von seinen Mitgliedern, wenn die alles mitmachen, was da so getan und gesagt wird, dann ist es dort nicht anders gewollt. Ich finde es allerdings etwas leicht vermessen, Kirche zu kritisieren, wenn man seit 30 Jahren sich dort nicht mehr blicken lassen hat und – so unterstelle ich ihnen jetzt mal – auch keine Handschlag mitgearbeitet hat. Eine… Mehr