Peter Altmaier und andere Meister des Polit-Sprechs

Das Gewölk und Geschwurbel der Politik wird immer dreister. Vertrauen durch klare Worte? Das scheint die politische Klasse gar nicht mehr nötig zu haben. Jüngstes Beispiel: Der Bundeswirtschaftsminister "entschuldigt" sich.

IMAGO / photothek
Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie

Es gab wohl keine Zeit der jungen bundesrepublikanischen Geschichte, in der so viel gelogen und zurecht(!)gebogen wurde wie jetzt zu Corona-Zeiten. Ob man das nun Framing, Propaganda, Sprachkosmetik oder schlicht verbalen Betrug nennt – in den Disziplinen Verführung, Verschleierung, Verharmlosung sind unsere Herrschenden, wenn sie auch sonst wenig aufzuweisen haben, Weltmeister. Und da der Raum in den Medien ja durch zeit- und platzraubendes Gender-Allotria immer knapper wird, gibt es kaum Nachfragen, die das Gewölk und Geschwurbel des Polit-Sprechs entlarven. Hauptsache, die Sprach-„Gerechtigkeit“ kommt zu ihrem Recht, Aufklärung ist Nebensache.

Hier eine aktuelle Kostprobe vom gestrigen Tag. Peter Altmaier, der Altmeister für Framing und Progaganda aus Merkels Hofstaat, der seit Jahren „als Kurier der Kaiserin“ von Talkshow zu Talkshow tingelt, schafft es in einer Mini-Mini-DPA-Meldung gleich dreimal, ein Paradebeispiel seines „Könnens“ zu geben: „Altmaier entschuldigt sich für langsame Corionahilfen. Die Länder seien nicht in der Lage gewesen, die Hilfen zu administrieren.“ Zunächst: die Länder haben Schuld, nicht er, der Wirtschaftsminister der Bundesregierung. Da hat er von Ex-Kollegin Ursula und der großen Chefin also gelernt.

Und dann die Propaganda: „Ich entschuldige mich!“ Wie schön für Sie, Herr Altmaier, dass Sie sich selbst entschuldigen! Sich selbst also von Schuld freisprechen. Da freut man sich doch! Das ist jedoch etwas, was es (zumindest in der christlich geprägten Kultur des Abendlandes, die auch im Saarland bekannt sein sollte) gar nicht gibt. Ich kann mich nicht entschuldigen, das ist eine leere, nichtssagende Worthülse. Ich kann nur um Entschuldigung bitten. Das ist dann schon etwas ganz anderes, dazu gehört Demut, eine Art verbales Canossa. „Ich bitte um Verzeihung“, ist eben deutlich schwieriger als ein unverbindliches „Tschuldigung!“. Unvergessen, wie Christian Wulf am 22. Dezember 2011 im Schloss Bellevue vor die Mikrofone trat und „sich entschuldigte“. Das nützt bekanntlich nichts, wenn das Volks nicht darum gebeten wird und keine Änderung des eigenen Verhaltens damit einher geht. Also musste er am 17. Februar 2012 schlussendlich zurücktreten. Ohne jede Bitte um Entschuldigung übrigens.

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Jetzt also das „Tschuldigung!“ Altmaiers. Darauf erwartet man ja keine Vergebung, keine Nachsicht der Geschädigten, sondern nur ein leicht dahingeworfenes „Halb so schlimm!“ Doch was dieser Mann anrichtet, ist nicht nur schlimm, sondern eine Katastrophe. Insofern passt übrigens zwischen das Kabinetts-Dreigestirn aus dem Saarland kein Blatt Papier. Diese drei Koryphäen sind, was Kompetenz angeht, aus dem gleichen Holz geschnitzt. Der „Moralkolumnist“ Dr. Rainer Erlinger in der Süddeutschen Zeitung zum Thema Entschuldigung: „Es verleitet dieser Sprachgebrauch zu sehr zur Auffassung, mit dem Aussprechen wäre alles erledigt: »Was wollen Sie denn, ich habe mich doch entschuldigt!« Deshalb plädiere ich aus inhaltlichen Gründen dafür, zumindest wenn es um einen selbst geht, auch sprachlich die Bitte um Entschuldigung beizubehalten.“ Bastian Sick schreibt es mit einem Satz: „Entschuldigen Sie mich, sonst tue ich’s selbst.“ Das ist der Corona-Politik-Alltag in Kurzform!

Meisterlich formulierte und erfolgreich (!) einlullende Sprachkosmetik lieferte Pharma-Freund Jens Spahn: „Wir werden viel verzeihen müssen.“ Wer ist wir? Muss Spahn dem dummen Volk verzeihen, das die eingesperrten Kinder zum Rodeln vor die Tür schickt? Oder das dumme Volk Spahn, weil es bekanntlich weder wirklich Impfstoff noch wahre Informationen gibt? Eine Nebelkerze vom Feinsten. Doch Bischöfe und ähnliche intellektuelle Flachflöten waren hin und weg.

Und nun der Höhepunkt des Altmaier-Satzes, Schulbeispiel eines jeden Seminars für erfolgreiche Produkt-Werbung und Polit-Propaganda: „….. nicht in der Lage, zu administrieren.“ Quellort dieser Ergüsse ist ja sein Interview bei Bild-TV. Wer, bitteschön, sollte dieses Geschwurbel mit bewusst eingesetztem Fremdwort verstehen? Das wird an Wichtigtuerei nur noch von Denglisch übertroffen. Dasselbe vom Altmaier-Nachfolger als Kanzleramtsminister Braun: Als der ganze Greta-Spuk zu Regierungspolitik wurde und die Frage nach den Kosten kam, war dessen Antwort: Nichts würde teurer wegen Klimaschutz, es gäbe „nur ein paar Bepreisungselemente.“ Erichs Winkelemente lassen grüßen!

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Merkel und „wir“: Über die Sprache der Bundeskanzlerin
Mit verbaler Spachtelmasse wird die Wahrheit verkleistert. Das erinnert aber auch an den großen Framing-Kollegen von der CSU. Horst Seehofer hat in einem lichten Moment mal zugegeben, wie das so läuft bei den Herrschenden: „Wir formulieren schwierige Themen extra so kompliziert, damit die Leute es nicht verstehen und ohne Widerstand Folge leisten.“ Tage später – nach einigem Aufschrei – sollte das natürlich Ironie gewesen sein, klar.

Die Sprache der Politiker, auch Kauder(!)welsch genannt, ist eine Mischung aus Neusprech und Gutdenk, aus Sprachkosmertik und Fachchinesisch, aus Sprechblasen und Worthülsen, aus Versatzstücken und Polit-Phrasen, aus Allgemeinplätzen und Fremdwörtern. Jedenfalls ist es nicht die Sprache, die das Volk verdient: Klartext. Dazu sind Journalisten, wenn sie nur einen Hauch von Berufsethos haben, verpflichtet: die Nebelsprache der Politik zu durchdringen, sie zur Kenntlichkeit entstellen. Peter Struck (als die SPD noch SPD war) mahnte einst: „Die Medien verschanzen sich genauso hinter Fachchinesisch und Expertensprech.“ Und der Journalisten-Kollege Jörg Quoos beklagt: „Mancher Hauptstadtjournalist, der sich mit anbiederndem Polit-Sprech in den eigenen Fragen verheddert, darf sich nicht wundern, wenn am Ende eine vernünftige Antwort fehlt.“ Die Parallelgesellschaft des gemeinsamen Wandlitz lässt grüßen.

Bundespräsident Joachim Gauck appellierte in seiner Antrittsrede an die Politiker: „Redet offen und klar, dann kann verloren gegangenes Vertrauen zurückgewonnen werden.“ Das war vor fast genau neun Jahren. Heute will man das Vertrauen gar nicht mehr. Man braucht es auch nicht. Man bricht einfach dreist die Verfassung, um grundgesetzlich gesicherte Freiheiten zu beenden. Und wer aufmuckt, ist ein RAF-Terrorist, Abschaum, Krebsgeschwür, Verschwörungstheoretiker….. auf die allesamt der Verfassungsschutz wartet. Das „Vertrauen“ wird erzwungen. „Ich liebe doch alle!“ wird zu „Mir bricht das Herz!“ Na, ist das etwa nichts?!


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Kommentare ( 85 )

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85 Comments
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Corrado Cattani
8 Tage her

Altmaier ist die Reinkarnation von einem ähnlich vielversprechenden Politiker namens „Obermaier“. Diesen Namen hatte sich – mit einer ähnlichen Physiognomie ausgestattete – Reichsfeldmarschall Hermann Göring mit seiner vollmundigen Ankündigung vom Volksmund verdient: „Ich will ‚Maier“ heißen, wenn nur ein feindliches Flugzeug in den deutschen Luftraum eindringt.“

Schwabenwilli
10 Tage her

Jetzt fordert sogar schon Kubicki die Auswechslung von Altmaier. Ich glaube da hatte der Merz damals mit seinem Angebot Altmeyers Posten zu übernehmen mehr Insider-Wissen als wir uns überhaupt vorstellen können

K.Behrens
14 Tage her

Abgesehen von der gesundheitlich kritischen Gewichtslage Altmeiers mangels Bewegung bewegt sich das gesamte Berliner Ensemble samt Medien auf dünnem Eis, zumal von Haus aus selbst ernannte Tänzer, Friseure wie Bankkaufmann Spahn in Berlin nicht in der Lage sind, die Masse ohne jegliche sprachliche Kenntnisse zumindest in der jeweiligen Landessprache des Herkunftslandes anzusprechen. Je freundlicher die Riege mit ihrem Bankkaufmann als Gesundheitsminister an erster Stelle in ängstlicher Propaganda dumm dreist unterwegs ist, desto mehr wird eine grippale Infektion von vielen und folgenden politisch aus Berlin verordnet. Es soll ja tatsächlich Wähler geben, die ihre Angehörigen in Altenheime verfrachten! Der Markt boomt,… Mehr

Riffelblech
14 Tage her

Was bitte nutzt klare Sprache ,so hilfreich sie auch sein würde ,wenn es nichts von Substanz zu vermitteln gibt? Merkel ,Altmaier, VdL , Braun sind wahrlich Künstler in der Handhabung unverständlicher Sprache . Warum ? Weil sie nichts von Inhalten ,die dem Volke hilfreich wären ,anzubieten haben . Diese Typen sind ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedacht . Ob das Machtanspruch, ob das monetäre Vorzüge und Vorteile oder auch nur das unbedingte Beharren auf einer noch so kaputten politischen Linie besteht ist egal . Ihr Credo heißt : Wir labern euch dermaßen zu ,das ihr ängstlich Nickend dasteht und wir… Mehr

handwerk
14 Tage her
Antworten an  Riffelblech

Was bitte nutzt klare Sprache ,wenn es nichts von Substanz zu vermitteln gibt?

  1. Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher 2. Bürgermeister von Berlin Michael Müller 3. Niedersächsischer Ministerpräsident Stephan Weil 4. Ministerpräsident Daniel Günther ……………..
Last edited 14 Tage her by handwerk
Mausi
15 Tage her

Richtig. Und „einfache Sprache“ ist auch keine Lösung, solange der Sachverhalt nicht klar und deutlich formuliert wird. Was die Regierung mit einfacher Sprache macht, ist weitere Verdummung. Und was unser Bildungssystem an „mündigem“ Bürger produziert, erkennt man am Journalismus. Ideologie statt ernsthafte rundum Beschäftigung mit einem Thema.

Last edited 15 Tage her by Mausi
Pingo
15 Tage her

Sehr gut auf den Punkt gebracht, Herr Hahne. Diese Witzfigur Altmaier ist eine Schande für unser Land, genau wie die meisten anderen in der Regierung. Bei ihm merkt man am deutlichsten, dass er keinen blassen Schimmer hat von dem was er sagt. Eine aufgeblasene Spechpuppe mit zu kurzen Hosen, einfach nur peinlich und jämmerlich..

Roeschen
15 Tage her

Man erinnere nur an die Worte des Herrn Altmaier zu Beginn der Corona Pandemie: „Es wird kein Arbeitsplatz verloren gehen“!!! Natürlich ist auch er kein Hellseher, aber solche Sätze zu einem Zeitpunkt zu äußern, als noch kein Mensch erkennen konnte wie sich die Pandemie entwickelt, ist mehr als dilettantisch und unverantwortlich.

TSt
15 Tage her
Antworten an  Roeschen

er sagte ebenfalls: „ich habe kein Gewissen“…

Sonny
15 Tage her

Altmaier ist für mich ein Paradebeispiel von Unfähigkeit. Seine unterwerfende, hündische und absolute Gefolgschaft hat ihn in seine Position „befördert“. Als Mensch gescheitert, als Politiker ein Witz. Solche Mitarbeiter wünscht sich jeder Diktator. Lieber Herr Hahne, ich bin so froh, dass Sie hier bei TE schreiben! Sie sind eine Bereicherung, was Klartext angeht und mein größter Wunsch wäre, dass Sie als oberster, verantwortlicher Chef diesen Sauhaufen „Öffentlich-Rechtlich“ in Ordnung bringen und diese ganzen Selbstoptimierer und Luschen vor die Tür setzen. Damit Journalismus wieder echter Journalismus wird. Ich weiß, der Wunsch ist völlig utopisch. Aber wenn man weiß, wo der Fehler… Mehr

Klaus Weber
15 Tage her
Antworten an  Sonny

Altmaier ist leider nur ein besonders augenfälliges Beispiel für einen unfähigen Paladin, eine dampfplaudernde Karikatur sozusagen, die inzwischen kaum noch einer ernst nimmt. Wenn man aber genau hinschaut, sind sie fast alle so. Eigenständige Charaktere sucht man vergeblich, weil sie frühzeitig aussortiert werden. Was übrig bleibt, sind abhängige, korrumpierbare und deshalb kaisertreue Figuren, die sich nicht einmal mehr verbiegen müssen, weil es nichts zu verbiegen gibt.

pbmuenchen
15 Tage her

Sein Alter und seine dafür bereits relativ ungesunde und deutlich überalterte Erscheinung weisen bereits darauf hin, dass er für einen derartigen Posten eine Fehlbestzung ist. Dass seine verbalen Fähigkeiten und Ausweichmanöver den körperlichen weitgehend entsprechen ist kein Wunder.

Physis
15 Tage her
Antworten an  pbmuenchen

Genau! Der muss unverzüglich nach Brüssel entsandt werden! Irgendeinen Posten wird man ja auch für ihn erfinden können.

Oblongfitzoblong
15 Tage her

Seit Joseph Joschka Fischer sich bei dem Polizisten, den er zu seiner aktiven studentischen Zeit fast totgeschlagen hatte, entschuldigte, ist es doch guter Brauch, „sich zu entschuldigen“. Es hat damals keinen gestört, fanden alle gut. Aber Sie haben mit Ihren Ausführungen natürlich Recht, man kann keine Schuld selbst von sich wegnehmen.

Ulrich
15 Tage her
Antworten an  Oblongfitzoblong

Meinen Sie mit „studentischer Zeit“ Fischer Frankfurter Episode als Gasthörer bei Adorno? Wenn der Student war, bin ich Arzt. Ich musste als Voraussetzung für die Führerscheinprüfung einen Erste-Hilfe-Kurs absolvieren.