Die Kaufkraft steigt: Das ist die gängige Lesart neuer Zahlen. Wer die ernst nimmt, liest etwas ganz anderes: Deutschland tritt seit einem Vierteljahrhundert auf der Stelle. Die Bürger wissen das besser als jede Statistik.
picture alliance / pressefoto_korb | Micha Korb
Schrödingers Sätze: So nennen Philosophen mit Sinn für Humor Aussagen, die wahr sind – und trotzdem nicht stimmen.
„Die Menschen können sich mit ihrem Einkommen wieder mehr leisten.“ Das ist so ein Satz. Nachrichtenagenturen haben ihn in die Welt gesetzt, und von Kiel bis Konstanz haben ihn unzählige Medien brav abgeschrieben. Meist Wort für Wort, ohne Nachfrage und ohne den geringsten Anflug von Zweifel.
Gute Laune durch „Copy and paste“.
Mehr als was?
Die Wissenschaftler vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln haben ihren neuen sogenannten Einkommensrechner vorgelegt. Nach dem können wir uns angeblich wieder mehr leisten.
Aber im Vergleich wozu?
Zum Vorjahr. Da endet nämlich die Rückschau schon, und deshalb beginnt auch genau da die Irreführung. Denn das Vorjahr war ein Tiefpunkt in der Talfahrt, die uns mehrere Regierungen immer wieder als „vorübergehend“ verkauft haben. Die Verbraucherpreise lagen 2024 rund 20 Prozent über dem Niveau von 2019. Lebensmittel kosteten ein Drittel mehr als 2020, Energie fast die Hälfte mehr.
Sogenannte Ökonomen brauchen für diese Erkenntnis die Statistik. Der Bürger braucht dafür nur den Kassenzettel.
Dabei räumt das IW sogar selbst ein, dass die Inflation das nominale Wachstum der Einkommen „lange Zeit aufgezehrt“ hat. Wenn Paare mit Kindern nun real 3,7 Prozent zulegen, ist das kein Aufschwung. Es ist eher ein kurzes Luftholen nach dem Untertauchen – und kurz bevor man das nächste Mal erneut mit dem Kopf unter Wasser gerät. Wer drei Stufen die Treppe runterfällt und dann eine wieder hinaufkriecht, steht nicht oben. Er liegt nur nicht mehr ganz unten.
Eine Berichterstattung, die daraus eine Wohlstandsmeldung macht: Die verkündet nach dem Hochwasser, dass der Pegel sinkt – und verschweigt, dass der Keller noch unter Wasser steht.
Reich ab 6.050 Euro
Dann die eigentliche Schlagzeile: Wer als Single mehr als 6.050 Euro netto im Monat hat, gehört zu den einkommensreichsten vier Prozent.
Wow. Das mittlere Einkommen – der Median, der die Bevölkerung in zwei gleich große Hälften teilt – liegt bei 2.419 Euro. Die Schwelle zum „Reichtum“ liegt also exakt beim Zweieinhalbfachen der Mitte und gut 3.630 Euro darüber. So will es die Definition: Relativ reich ist heute, wer mehr als 250 Prozent des Medians hat.
Zweieinhalbmal die Mitte. Das klingt nach Villa am See. In der Wirklichkeit reicht es für eine bescheidene Mietwohnung in der Großstadt, ein Auto (nicht zwei) und einen Urlaub. Ob es für eine halbwegs auskömmliche Altersvorsorge reicht, ist schon ungewiss.
Von der Villa kann keine Rede sein, von der Yacht erst recht nicht. Selbst das kleine Eigenheim dürfte nicht drin sein – und wenn, dann nur mit dreißigjähriger Schuldknechtschaft.
Und das sollen unsere Reichen sein?
Zeitenwende im neuen Jahrtausend
So richtig lehrreich wird die Sache durch einen kurzen Blick zurück.
Im Jahr 2000 lag das mittlere bedarfsgewichtete Nettoeinkommen – abgeleitet aus den amtlichen Armutsrisikogrenzen für 1998 und 2003 – bei rund 1.500 Euro. Das Zweieinhalbfache davon: etwa 3.750 Euro. Wer damals so viel hatte, gehörte zur selben Klasse wie der 6.050-Euro-Single von heute: zur Spitze. Zu den „relativ Reichen“.
Euro-Einführung, Agenda 2010, Finanzkrise, Flüchtlingsschwemme, Energiewende, Corona, Inflation, Rekordsteuereinnahmen, Rekordschulden. Und am Ende sind die in 25 Jahren mühsam erarbeiteten Zuwächse seit 2019 weitgehend wieder verloren gegangen.
Die Politik hat das Land umgebaut, umerzogen, umgelenkt. Reicher geworden ist es dabei nicht.
Geschlossene Schere
Ein zweiter Befund der Studie verdient unsere Aufmerksamkeit – besonders deshalb, weil er in den selbsternannten Leitmedien umfänglich ignoriert wird.
Die Verteilung von „relativ arm“ bis „relativ reich“ ist seit dem ersten Einkommensvergleich für 2014 im Groben unverändert. In den unteren wie in den oberen Segmenten finden sich ähnlich große Bevölkerungsanteile wie damals.
Oder anders: Es gibt kaum mehr Reiche und kaum mehr Arme.
Damit ist die große Ungerechtigkeitsgeschichte der Republik erledigt. Jahr für Jahr wird die Wohlstandschere beschworen, die sich angeblich immer weiter öffnet. Sozialverbände, Gewerkschaften und linke Parteien leben von dieser Erzählung. Ganze Talkshow-Staffeln werden damit befüllt. Vermögensteuer, schärfere Erbschaftsteuer und die nächste Umverteilungsrunde werden damit begründet.
Die Daten sagen: Die Schere öffnet sich nicht. Der neue Einkommensrechner bestätigt die linke Lieblingserzählung nicht nur nicht: Er widerlegt sie.
Das Problem Deutschlands ist nicht, dass der Kuchen ungerecht verteilt wird. Das Problem ist, dass der Kuchen nicht mehr größer wird. Wer pausenlos über Verteilung redet, muss nicht über Wachstum reden. Das ist pure Absicht. Denn es lenkt von einer Politik ab, die Wachstum seit Jahren verhindert.
Der Bürger rechnet richtig
Eine Erkenntnis bezeichnen die IW-Ökonomen als besonders „bemerkenswert“: Die wenigsten Menschen in Deutschland zählen sich selbst zur oberen Schicht, selbst wenn sie – gemessen am Einkommen – dazugehören.
Die Fachwelt im Elfenbeinturm deutet das gern als Wahrnehmungsfehler: Die dummen Leute, so die stille Botschaft, wissen ja gar nicht, wie gut es ihnen geht.
Oh doch, die Leute wissen das nur allzu gut.
Es ist kein Wahrnehmungsfehler. Es ist das Gegenteil. Die Menschen haben ein untrügliches Gespür dafür, was „arm“ bedeutet und was „reich“. Sie messen das nicht am statistischen Median. Sie messen das an dem, was in diesem Land über Generationen als Wohlstand galt:
- ein eigenes Haus, das man mit einem Gehalt abbezahlen kann, ohne sich zu ruinieren;
- eine Familie, die von einem einzigen Einkommen leben kann, wenn sie es will;
- Ersparnisse, die nicht von der Inflation gefressen werden;
- ein Ruhestand ohne Rechenschieber.
Wer 6.050 Euro netto hat und sich in den Ballungsräumen trotzdem kein Haus leisten kann, ist nach diesen Maßstäben nicht reich. Er ist allenfalls gut situiert – in einem Land, in dem „gut situiert“ nicht mehr viel bedeutet. Relative Statistik hat einen eingebauten Trick: Werden alle gleichmäßig ärmer, bleiben die oberen vier Prozent die oberen vier Prozent. Reich ist dann, wer weniger abgestiegen ist als der Rest.
Die Zahl bleibt stehen, die Wirklichkeit darunter rutscht weg.
Wenn also die Statistik Menschen für reich erklärt, die sich selbst nicht so fühlen, dann irren sich nicht diese Menschen. Dann ist der Maßstab verrutscht – genauer: geschrumpft. Das ist der präziseste Wohlstandsindikator, den dieser Einkommensrechner liefert. Doch ausgerechnet ihn hat kaum jemand gelesen.
Deutschland wird ärmer. Die Bürger haben es längst bemerkt. Die Medien noch nicht.


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Journalisten, die zu schreiben haben, was deren Auftraggeber ihnen sagen, verdummen Bürger, die es nicht besser wissen und können.
Guckt man sich diese üblichen Artikel zum angeblichen Einkommensreichtum an, stellt man fest, dass doch recht seltsame Gruppen [jetzt 5 Haushaltstypen] gebildet werden.
Wie man davon zu den ‚einkommensreichsten‘ 4 % kommt, wird nicht erklärt. Und die 4 % sind natürlich mit Zweck willkürlich. Denn darin werden Wohlhabende [mit mehreren hunderttausend € jährlich] wie auch mehr noch Einkommens(multi)millionäre versteckt. Von den oberen Zehntausend ganz zu schweigen.
Das genau war und ist immer wieder Zweck der Übung.
Mit den Zahlen lügt man besser.
Ich habe mal meinen Nachbarn die Preise von Brot seit 20 Jahre aufgezählt, als sie behauptet haben, dass es keine Inflation gegeben hat. Da sind sie still geworden.
Vorlesung VWL/BWL 2. Std.:
Ein steigendes BIP ist kein Zeichen von steigenen Wohlstand, sondern muss an die Bevölkerungsmenge gemessen werden, weil eine Zunahme Dieser bei steigenen BIP, ein Hinweis auf den „Wohlstand“ der Bürger hinweist.
Heisst: steigende Bevölkerung bei gleichem BIP bedeutet eine Abnahme des BIP zur Bevölkerungsmenge.
Rechnet man dann die Inflation dazu, muss der BIP steigen, um die Kaufkraft zu erhalten. Stagniert Dieser, nimmt die Kaufkraft automatisch ab…
Herr Fratscher sollte mal ein paar Nachhilfestunden nehmen.
Hmmh, sonst wird doch gerade das Gegenteil postuliert:
Anstatt froh zu sein, dass wir aus der „kleinen Eiszeit“ endlich raus sind, die 500 Jahre großes Unglück, Hungersnöte und Verteilungskriege über die Menschheit gebracht hatte, und es allmählich wieder wärmer wird, wird eine Klimakatastrophe erfunden, die man aber mit 4.000 Jahre alter Technologie (Aufstellen von Windrädern) angeblich abwenden könne.
Eine aktuelle Studie des Vereins für Logik und Realitätssinn zeigt:
nicht alle Blindgänger in Berlin stammen aus dem 2. Weltkrieg.
Verstehe ich nicht! Merkel und Merz erklären doch, wir leben „im besten Deutschland aller Zeiten!“. Komisch nur, dass ich gefühlt einen ganz anderen Eindruck habe.
Das große Problem sind doch die zu niedrigen Löhne. Deutschland hat kaum Reallohnzuwächse. Egal ob im Einzelhandel, der Gastronmie oder im Maschinenbau…die Löhne müssen mal wieder ordentlich steigen!
Wie viele von den 4% sind Beamte, Politiker, NGOler oder in Staatsunternehmen beschäftigt? 10%, 20% oder 50%?
Der Autor macht sich komplett unglaubwürdig. Denn wenn man die Wohnung auf eine Großstadt bezieht, muss man auch die Einkommen dort heranziehen, die dort deutlich höher sind. Aber das ist die typische Masche hier. Fälschen, Lügen, Verleumden, damit nur das eigene Narrativ stimmt.
Mit über 6000 Euro kommt man locker auf ein Eigenheim in Durchschnittsdeutschland.Wir reden hier von Zahlen in Deutschland, nicht München!
…“haben ihn unzählige Medien brav abgeschrieben.“…Qualitätsjournalismus sozusagen. Ökonomie und Wissenschaft ist halt auch so ein Konglomerat an das man glauben kann. Vergleichbar den Religionen oder Sekten.