Der Islam gehört nicht zu Deutschland?

Zuwanderer bringen ihre eigenen Werte mit und halten sie mit großer Selbstverständlichkeit für allgemein gültig. Sie müssen erfahren, dass im Gastland andere Werte gelten, und wenn sie sich hier niederlassen, diese Werte auch akzeptieren müssen. Abtprimas Notker Wolf kommentiert.

Abtprimas Notker Wolf (4. v.l.) mit schiitischen Geistlichen in Iran

Wir Benediktiner sind seit etlichen Jahren mit den Schiiten in Kontakt und pflegen einen gegenseitigen Austausch im Rahmen des unterreligiösen Dialogs.  (dimmid.org) So fährt in diesen Tagen eine Gruppe von 10 Benediktiner-Mönchen nach Qom an das Islamische Institut für Auslandsbeziehungen. Diesmal bearbeiten wir das Thema: Introducing the dignity of being human.

Interreligiöse Freundschaft

Das letzte Mal haben wir beschlossen, nicht mehr von Interreligiösem Dialog zu reden sondern von Interreligiöser Freundschaft. Ich war diesen März auf Einladung von Prinz Hassan El Talal in Jordanien zu einem Vortrag an dem Institut for Arabic Thought: From Interreligious Dialogue to Interreligious Friendship und einem Vortrag über Führung an der deutsch-jordanischen Universität. In Rom werde ich Prinz Hassan wieder bei einem Abendessen treffen.
Vergangenen Sonntag waren hier in S. Anselmo muslimische Studenten aus Cambridge und Tübingen, nahmen an unserem Gottesdienst teil und erhielten anschließend eine Konferenz von unserem Prior über den Benediktinerorden.
Die Arbeit an einem gemeinsamen Verständnis ist unsere Antwort auf die Betonung von Konflikten, wie sie manche derzeit betreiben.

Deutschland ist angeblich ein Volk der Denker, und doch nehmen die Deutschen es anscheinend mit dem Denken nicht immer so genau. Was soll der Slogan heißen „Der Islam gehört zu Deutschland“ oder sein Gegenteil: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland?“ Solange sich ein Staatsbürger oder Zuwanderer an das Grundgesetz hält, gehört er zu Deutschland. Was sollen dann die Buddhisten sagen? Sollen sie auch unser Land verlassen?

Wer eine Nation mit einer bestimmten Religion verbindet oder sie ausschließt, betreibt nationale Ideologie. Wer wie in diesem Fall den Islam ausschließt, lässt sich vor den Karren der ISIS spannen, gerade was die Simplifizierung des Islams angeht. Im Islam gibt es so viele unterschiedliche Richtungen wie im Christentum. Sunniten und Schiiten sind einander alles andere als freundlich gesinnt, spätestens wenn es um die Politik und die Hegemonie geht. Die Protestanten würden sich bedanken, wenn man sie mit den Katholiken in einen Topf werfen würde, und umgekehrt.

Deutsche wieder bei der Müllabfuhr?

Es sei ein Fehler gewesen, heißt es, muslimische Arbeiter in den 60er Jahren nach Deutschland zu holen. Anscheinend hätten die Deutschen gern selber die Müllabfuhr vorgenommen und die Zimmer in den Krankenhäusern gesäubert. Wollen deutsche Christen auf einmal demütig sein und so einfache Arbeiten verrichten?

Neben dem Mangel an Unterscheidungsgabe zeigt sich bei diesem Slogan auch der Mangel an Kenntnissen der Geschichte. Wo haben wir denn die Algebra und die Algorithmen her, die Grundlagen unserer Digitalisierung? Der Zugang eines der größten Theologen des Mittelalters, Thomas von Aquin, zu den Quellen des griechischen Philosophen Aristoteles führte über Texte, die in Toledo aus dem Arabischen übersetzt wurden, wie auch Petrus Venerabilis, der bedeutende Benediktinerabt von Cluny, als erster den Koran ins Lateinische sich dort übersetzen ließ, um sich genau mit den Lehren des Koran auseinandersetzen zu können.

Es gibt eine simplifizierte, unterschiedslose Auffassung vom Islam, und darin gleichen sich ISIS wie die anti-islamischen Strömungen bei uns, genauso wie es im Vorderen Orient die Animosität gegen „den Westen“ gibt. Letztere ist im 19. Jahrhundert aufgekommen im Kampf gegen die Kolonialmächte und setzt sich heute fort im Kampf des Islamischen Staats gegen die Kriege westlicher Mächte im Vorderen Orient. Die Terroristenakte in Europa sind eine Reaktion auf eine verkehrte Nahostpolitik, und dafür sollen nun alle Muslime in unserem Land büßen? Wer das tut, gibt wiederum dem IS recht, „der Westen“ führe einen Kampf gegen ihre Religion.

Dabei sollen nicht die wirklichen Probleme verdeckt werden, die durch die wachsende Präsenz von Muslimen aus anderen Kulturen in unserem Land entstehen. Zuwanderer bringen ihre eigenen Werte mit und halten sie mit großer Selbstverständlichkeit für allgemein gültig. Das betrifft die politische wie gesellschaftliche Ordnung. Sie müssen erfahren, dass im Gastland andere Werte gelten, und wenn sie sich hier niederlassen, diese Werte auch akzeptieren müssen. Nur sind ihnen diese oft unbekannt. Werte kann man auch nicht einfach übernehmen. So wie es bei uns an den Schulen Staats- und Bürgerkunde gibt, so muss auch diesen Menschen unsere freiheitlich-demokratische Ordnung erst beigebracht werden. Das ist angesichts mangelnder Sprachkenntnisse ein langwieriger Prozess. Sie müssen erst lernen, dass ihre eigenen Traditionen nicht allgemein gültig sind, sondern bei uns andere herrschen. Wir müssen uns unsererseits bewusst sein, dass eine solche Infragestellung der eigenen Werte diese Menschen verunsichert.

Auch unsere Werte sind nicht so selbstverständlich, wie wir meinen. Hierzu bedarf es eines offenen, fairen und geduldigen Dialogs. Hier sind die islamischen Verbände gefordert. Sie müssen als erste von unserer freiheitlich, rechtsstaatlichen Ordnung und der Gültigkeit des Grundgesetzes überzeugt sein, sie können die Sitten des Gastlandes am ehesten ihren Landsleuten verdeutlichen. Es bedarf auf beiden Seiten eines geduldigen Verständnisses, eines Dialogs auf Augenhöhe. Das entspräche übrigens der Tradition eines sogenannten „christlichen Abendlandes“, auf das sich etliche Hardliner berufen. Es ist nicht die Frage eines verkappten Neokolonialismus oder einer Missionierung im alten Stil, sondern einer echten Integration in Anerkennung der Würde und Religionsfreiheit auch der Zuwanderer.

Unser Autor Notker Wolf OSB, ist Missionsbenediktiner und fünfter Erzabt der Erzabtei St. Ottilien; als neunter Abtprimas des Benediktinerordens ist er weltweiter Sprecher des ältesten Ordens der Christenheit mit 7.500 Mönchen und 16.500 Nonnen und Schwestern. Notker Wolf trat mit dezidiert marktwirtschaftlichen Positionen in die Öffentlichkeit. Als Abtprimas fördert er insbesondere den Ausbau des Ordens in Asien und China.'Filmtonart - Tag der Filmmusik' Photo Call

Unsere Tages-Serie „Wie leben mit dem Islam“:

Sie finden dazu heute hier einen Beitrag von Andreas Backhaus zum friedlichen Zusammenleben in Ghana 

und von Thomas Spahn zur inneren Reformfähigkeit des Islam

Weitere kritische Beiträge zum Thema Islam finden Sie in unserem Dossier Islam. 

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Kommentare ( 76 )

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