Der Geist von Köln

Die Verbrechen der letzten Silvesternacht sagen mehr über die Werte aus, denen sich unsere Gesellschaft verschrieb, als über die Täter.

Die Verbrechen der letzten Silvesternacht sagen mehr über die Werte aus, denen sich unsere Gesellschaft verschrieben hat, als über die Täter.

Anabel Schunke fragt sich, wohl nicht ganz ohne provokante Intention, warum deutsche Männer nichts gegen die sexuelle Belästigung der Frauen in der Kölner Silvesternacht unternommen hätten. Die praktische Antwort liegt dabei relativ nahe: Die allein schon zahlenmäßige Überlegenheit und der Organisationsgrad der Straftäter ließen dies nicht zu. Noch nicht einmal die Polizei konnte dank der NRW-typischen Schlamperei ihrer Vorgesetzten wirksam eingreifen.

Es ist allerdings ein lohnenswertes Gedankenexperiment, sich einmal vorzustellen, wie die Öffentlichkeit reagiert hätte, wenn die bedrängten Männer und Frauen sich wirksam zur Wehr gesetzt und den „Antänzern“ und sonstigem Kroppzeug die Abreibung ihres Lebens verpasst hätten. Die mediale Berichterstattung hätte wohl kaum auf sich warten lassen: „Die Schande von Köln“ hätte es auf den Titelseiten geheißen, vom „braunen Pack“ wäre in den Kommentarspalten und Redaktionen geschimpft worden, am nächsten Tag hätte es einen Lichtermarsch gegen Rechts gegeben, Bundeskanzlerin und Bundespräsident wären an die Krankenbetten der misshandelten Flüchtlinge geeilt, der Dom wäre aus Scham verdunkelt worden. Polizisten, die auf die von Flüchtlingen ausgegangenen Aggressionen hingewiesen hätten, wären als „rechte Hetzer“ gebrandmarkt und ggf. versetzt worden.

Warum Opfer  sich besser nicht wehren

Dass überhaupt über Köln berichtet wurde, verdanken wir allein der Tatsache, dass das Verbrechen am Ende so groß geworden war, dass es nicht mehr vertuscht werden konnte. Wäre es dagegen verhindert oder durch den Einsatz von Fäusten und Schlagstöcken zumindest begrenzt worden, wäre die Reaktion eine ganz andere gewesen. Die Botschaft, die die Gesellschaft damit aussendet, ist eindeutig: Wer sich als Opfer eines Angriffs überhaupt etwas Mitleid erhoffen will, täte sehr gut daran, sich nicht zu wehren – zumindest wenn die Angriffe von Antifaschisten oder Migranten ausgehen. Damit stellt sich folgende Frage: Vermittelt unsere Gesellschaft gegenwärtig überhaupt noch den Eindruck, dass sie eine Würde besäße, die es zu verteidigen gälte? Denn wäre dies nicht der Fall, würde sich die Diskussion darüber, wer wen hätte schützen können, erübrigen.

Vor einigen Wochen beobachtete ich in der Münchner U-Bahn folgende Szene: Eine junge Frau begleitete ein halbes Dutzend männliche Asylbewerber, die dem Aussehen und der Sprache nach zu urteilen aus Ostafrika stammten, zu deren Unterkunft. Die Männer waren von der Begleitung durch eine Frau offenbar so angetan, dass sie ihre Freude durch ein kleines Spiel ausdrückten: Einer von ihnen stellte sich in der mäßig gefüllten U-Bahn eng neben die Begleiterin, näherte sich ihrem Gesicht immer mehr bis auf Haaresbreite und verharrte dann dort, so dass sie zweifellos in den Genuss kam, seinen Atem auf ihrer Haut zu spüren. Abstand wurde erst dann wiederhergestellt, als die Bahn eine Bremsung vollführte und die Passagiere kurzfristig aus dem Gleichgewicht gerieten. Dies wiederum wurde aber sofort genutzt, um der Begleiterin durch Körperkontakt zur Hilfe zu eilen. Die unbeteiligten Männer aus der Gruppe beobachteten die Grenzen austestende Mutprobe ihres Landsmannes mit großen Augen und breitem Grinsen.

Eigentlich erschien mir dies als eine gute Gelegenheit, die Herren freundlich, aber bestimmt über gewisse Sitten und Gebräuche unseres Landes aufzuklären. Von diesem Vorhaben ließ ich jedoch wieder ab, als ich der Reaktion der Begleiterin auf die sexuell konnotierte Belästigung ihrer Person gewahr wurde: Es gab keine. Weder stieß oder schob sie den Belästiger weg, noch entzog sie sich seiner Nähe. Sie machte ihm auch nicht durch Blicke oder Worte klar, dass sein Verhalten unangemessen war. Nun könnte man vermuten, dass ihre Reaktion aus Angst vor körperlichen Reaktionen anderer Gangart ausblieb. Allerdings bat die Begleiterin auch weder mich, noch sonst jemanden in der U-Bahn um Hilfe, weder mit Worten, noch mit Blicken. Stattdessen starrte sie stumm auf ihr Smartphone. Sie ließ die Belästigung einfach über sich ergehen. Erlöst wurde sie vorerst, als die Bahn den Bestimmungsort der Asylbewerber erreicht hatte und sie mit ihnen ausstieg.

Freiwillige Selbstentwürdigung

Der Anblick dieser Entwürdigung machte mir klar, dass es nichts gab, was ich hätte tun können – man kann jemandem seine Würde nicht zurückgeben, der sie ohne Zwang und ohne Widerstand schon aufgegeben hat. Außerdem hatten mir linke Parteien und Kommentatoren in den vergangenen Monaten oft genug erklärt, dass ich mich als Nicht-Linker sowieso nicht glaubwürdig für die Rechte der Frauen einsetzen könne, da es mir am notwendigen moralischen Unterbau fehle („Es ist Zeit, den verlogenen angeblichen Ängsten vor “Jungen Männern mit Bedürfnissen” klar entgegen zu treten.“, Zitat Frank Stauss). Denn schließlich lehne jeder Nicht-Linke die Homo-Ehe ab und sehe die Vergewaltigung in der Ehe nicht so kritisch. Von daher  habe ich mich also sogar buchstabengetreu an den mir zugedachten Moralkodex gehalten. Dieser Kodex dient zwar nicht der Würde der Frau, aber davon habe ich ja anscheinend sowieso keine Ahnung.

Was aber ging wohl im Kopf der erwähnten Begleiterin vor? Eine andere junge Frau, ebenfalls in der Flüchtlingshilfe aktiv, berichtete mir von ihren Erfahrungen in einem Entwicklungsland. Dort hatte ein Einheimischer sie, wie es eine gängige Masche ist, geschickt emotional manipuliert, um dann Geld und auch andere Gefälligkeiten von ihr zu erhalten. Sprich, sie war Opfer eines Vertrauensmissbrauchs übelster Sorte geworden. „Aber“, so sagte sie dann, „die machen das ja nur, weil sie arm sind und daran bin ich durch den Klimawandel auch mitschuldig.“ Diese Umkehrung der eigenen Opfer- in die Täterrolle erfolgte durch eine Frau, die sonst aus dem Effeff erklären konnte, warum weiße Hetero-Kapitalisten für die Übel der Welt verantwortlich waren.

Das Bemerkenswerte an diesen beiden mir in Erinnerung gebliebenen Szenen ist, dass in ihnen alles zum Ausdruck kommt, was von den moralischen Größen der Gesellschaft, von den Kirchen über Göring-Eckardt bis hin zu Merkel, momentan als einwandfrei gut und erstrebenswert ausgewiesen wird: Die Frauen helfen Flüchtlingen, weil man jedem helfen soll, der sagt, dass er Hilfe bräuchte. Sie sind demütig, denn sie sind die Nachfahrinnen der Kolonialherren, die die Ungleichheit der Welt begründet haben. Sie verabscheuen Deutschlands Wohlstand, weil dieser auf Kosten der Dritten Welt entstanden ist. Sie verachten sich selbst, weil sie geboren wurden und somit zwangsläufig Teil dieses Systems der Ausbeutung geworden sind und zudem auch noch unerhört viel CO2 erzeugen, das die Meeresspiegel ansteigen lässt. Die Würdelosigkeit ihres Lebens ist dann nur noch die logische, sogar notwendige Konsequenz.

Selbstverachtung als moraline Arroganz

Köln bedeutete für diesen nach dem gesellschaftlichen Ideal geformten Menschenschlag ein doppeltes Ärgernis: Einerseits zwang es dazu, Farbe zu bekennen – war die Wahrung des Bildes des freundlichen, hilfsbedürftigen Migranten wichtiger als das der sich allen männlichen Zwängen widersetzenden Frau, oder umgekehrt? Andererseits, und das mag der Grund dafür gewesen sein, warum etwas wie der aufrechte Feminismus nach Köln so oft den Kürzeren gezogen hat, zeigte Köln, dass das moralische Konzept der Gegenwart noch nicht zu allen Mitmenschen durchgedrungen war. Denn die belästigten, verletzten und vergewaltigten Frauen auf der Domplatte hatten sich ja schließlich nach Kräften gewehrt, die Angreifer zurückgeschlagen, so gut es ging, und die beschämenden Vorfälle sogar bei der Polizei zur Anzeige gebracht. Sie hatten offensichtlich noch nicht verinnerlicht, dass sie ebenfalls schuldig an der Armut und an den Kriegen waren, die die Migranten erst hierhin getrieben hatten, und dass sie deshalb gefälligst auch für ihren Teil der Schuld zu büßen hatten.

Vielleicht klingt das alles zu weit hergeholt. Es gab mal eine Zeit, da hätte ich es auch für einen Witz gehalten, dass sich ein zivilisiertes Land derartigen moralischen Idealen verpflichten könnte. Aber ich habe mich geirrt. Anders kann ich es mir jedenfalls nicht erklären, warum zwei Frauen in einer Zeitung darüber spekulieren, ob die Opfer von Köln, die auch ihre Opfer sind, nicht vielleicht doch Täterinnen gewesen sein könnten.

Wenn man diese lebensverachtende und entwürdigende Geisteshaltung erst einmal erkannt hat, fällt einem auf, wie jämmerlich und schwach sie doch eigentlich hinter ihrer häufig anzutreffenden narzisstischen Fassade der Arroganz und Selbstgerechtigkeit ist. Als man das Land den Vertretern dieser Moral überschrieben hat, was erwartete man damit Gutes zu bewirken? Gerade nach Köln zeigten ihre Relativierungen, ihr Verschweigen und ihre Aufrufe, das Hauptaugenmerk bloß nicht auf die Täter zu richten, im Grunde doch eines: Hinter ihren #aufschreien standen nie irgendwelche universellen und überlebensfähigen Werte, die sie verteidigen würden oder könnten. Es war ihnen niemals ernst damit. Umso schlimmer, dass sie jemals ernst genommen wurden.

Eine frühere Version dieses Beitrags erschien auf The European.

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